München, Residenztheater, DIE RÜCKSEITE DES LEBENS – Yasmina Reza, IOCO
Was solls. Yasmina Reza handelt kein strafrechtliches Seminar ab. Sie sieht, was sie im Gerichtszahl erlebt, gehört, hat eher aus der – wesentlich sensibleren – literarischen Außen-Sicht.

von Hans-Günter Melchior
Betrachtungen aus dem Gerichtsalltag
Yasmina Reza ist eine bekannte, mehr noch: eine berühmte französische Schriftstellerin. Ihre Bücher und vor allem ihre Theaterstücke gehören zum modernen Standardrepertoire der Bühnen. Um nur einige Werke zu nennen: Theaterstücke: Der Gott des Gemetzels, Dreimal Leben, James Brown trug Lockenwickler (s. Repertoire Residenztheater)
Bücher/Romane: Glücklich die Glücklichen, Babylon
Jetzt stellte sie ihr Buch Die Rückseite des Lebens persönlich im Residenztheater vor. Das in deutscher Sprache vorliegende Buch erschien im Hanser Verlag. Die Übersetzung ins Deutsche besorgte Claudia Hamm. Es handelt sich bei dem Werk um Berichte aus Gerichtsverfahren in Frankreich, vornehmlich wohl aus Paris, wo Yasmina Reza lebt. Dass sie zur Vorstellung des Buches persönlich erschien, veranlasste erstaunlich viele Zuhörer zum Besuch des Theaters. Die Lesung beschränkte sich auf eine Auswahl von Reportagen (eher Erzählungen vom Geist der Literatur als dürre Berichte), die die bekannte Schauspielerin vom Residenztheater Juliane Köhler las. Klug kommentierend und die Autorin befragend, sowie das Französische ins Deutsche übersetzend schaltete sich Jürgen Ritte sehr verdienstvoll ein. Die Autorin selbst nahm offenbar bereits konzeptionell eine charakterisierende Auswahl vor. Es ging ihr bei dem Werk, wie sie betonte, nicht um die ganz großen, spektakulären Strafgerichtsprozesse, sondern vor allem um Verfahren, die auf jener Grenzlinie zwischen dem – zuweilen leisen, vorsichtigen – Verständnis für die menschlich-allzu menschlichen Konfliktsituation der Angeklagten und der Strenge des Gesetzes schwankten. Es geht um – freilich keineswegs harmlose – „Allerweltsgeschichten“. Immerhin um die alltägliche Dramatik und Tragik des Lebens. Die Frau, die ihr Kind ertränken will. Der unglückliche Alkoholiker, der seine Frau drangsaliert. Bis sie ihn tötet. Alles, was man ungefähr täglich so liest Banalitäten sind es eigentlich nicht. Hoffentlich nicht.

Gegen Rezas Sicht kann man da Einwände erheben, soweit sie verharmlost. Wer einem anderen ein Messer in den Bauch rammt, ist kein Spaßvogel. Und dass er sich in seiner Wut nicht beherrschen kann oder will, ist mehr, zumindest vor allem und zuvörderst, ein Angriff auf die körperliche Integrität und Gesundheit eines anderen. Vielleicht sogar ein Problem der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, sofern es öffentlich geschieht, als zunächst oder gar vor allem das Abreagieren einer höchstpersönlichen, psychischen Ausnahmesituation des Täters. Einwände könnte man auch gegen die Auffassung Rezas geltend machen, viele Straftäter begriffen nicht, was sie täten. Und ob sie es begreifen! Nur dass sie wahrhaben wollen, was sie taten. Mit allen Mitteln versuchen, die Tat zu verharmlosen. Eben um die Strafe niedrig zu halten. Was solls. Yasmina Reza handelt kein strafrechtliches Seminar ab. Sie sieht, was sie im Gerichtszahl erlebt, gehört, hat eher aus der – wesentlich sensibleren – literarischen Außen-Sicht. Sie erlebt die Dramen in den Gerichtssälen fast als den Tätern auferlegte, fast unausweichliche menschliche Dramen. Das ist Literatur. Aber: Ob die Taten für den Täter unausweichlich sind, geradezu Zwangshandlungen, ist regelmäßig Gegenstand umfangreicher, langer psychologischer und psychiatrischer Untersuchungen. Aber selbst dort, wo sie diese in den Vordergrund stellt, erscheint ihr manches Erschreckende als fast schon „harmlos“, interessant, eben literarisch und manchmal nahe am Ästhetischen. Gut, kann man so sehen. Die folgen können freilich verheerend sein. Freilich gibt es im Buch auch harmlose Geschichten. Die persönlichen Verletzungen. Die Protagonistin, die in Venedig Bruno Ganz auf einer Terrasse sitzen sieht und weitergeht, um ihn nicht zu stören. Und bei einem späteren Besuch in der Stadt erfährt, dass Bruno Ganz inzwischen gestorben ist. Wie oft gehen wir achtlos an fremdem Leid vorbei. Man könnte auch bei solchen Erlebnissen eine Träne verdrücken. Man könnte sogar richtig losheulen. Und man findet kaum Worte für so ein Versäumnis. Unsere Mittel sind begrenzt. Wir haben, jedenfalls im Gerichtssaal, nur die Sprache.

Die Sprache ist nicht alles, aber wir haben nicht mehr, wenn sich vor uns eben das menschliche Drama bis in die Tiefen des Erlebens und es Bewusstseins entfaltet. Ecce homo. Und manchmal schreckt man sogar vor dem – notwendigen – Unternehmen zurück, in die Tiefen eines anderen Bewusstseins zu steigen, in den zarten Sensorien eines Anderen zu wühlen und zu graben und gleichzeitig auf ein Verständnis zu stoßen, das in einem selbst seinen Ursprung hat. In dieser Hinsicht ist die Autorin Reza erstaunlich weit gekommen. Alles hat eine Ursache. Aber nicht alles ist erklärlich, oft nicht mit den Worten, die uns zur Verfügung stehen. Die Autorin Yasmina Reza hat sich auf den Weg des Verständnisses begeben. Und sie ist dabei trotz aller Einwände schon weit gekommen. Aber sie ist noch nicht am Ziel. Sie interessiert sich mehr für den, der einem anderen ein Messer in den Bauch rammt, als für den Verletzten. Vorerst. Sie ist eine große Schriftstellerin, kein Zweifel. Sie hat auch ein großes psychologisches Einfühlungsvermögen (vornehmlich, wie gesagt, zugunsten der Täter). Für die Opfer sollte sie noch mehr Verständnis aufbringen. Oder sie besitzt dieses, schreibt aber nicht darüber. Wir sind eben bei der Literatur. Verzeihlich. Es kann nicht jeder ein sturer, hartnäckiger Strafrechtler sein. Keiner, der Tag und Nacht hinter den tausend Teufeln in uns her ist.
Fazit: Es war ein interessanter Abend. „Ernst ist das Leben, heiter die Kunst.“ (Schiller, Wallenstein). Schließlich waren wir im Theater, wo sich mit Recht und zum Glück die Kunst über den Niederungen des schmutzigen Lebens erhebt. Selbst dort, wo es ums Schmutzige geht. Großer Beifall. Habe mir natürlich das Buch gekauft und fast schon gelesen. Bei aller strafrechtlicher Sichtweise.