Mannheim, Rosengarten, 6. Akademiekonzert – Suzana Bartal, Marc Minkowski, IOCO
Marc Minkowski, der ohne Podest dirigiert, richtet sich vor jedem Satz ans Publikum, zitiert die Überschriften und führt so unmittelbar in die einzelnen Szenen des Werkes ein. Er findet hier zu einem transparent durchgehörten Klang mit innerem Leuchten, feinsinnig, freudig und erwartungsvoll.

von Uschi Reifenberg
Edvard Grieg (1843-1907)
Konzert für Klavier und Orchester a-Moll op. 16
Ludwig van Beethoven (1770–1827)
Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 „Pastorale“
Marc Minkowski, Dirigent
Suzana Bartal, Klavier
Nationaltheater Orchester
Im Einklang mit der Natur
Edvard Griegs Klavierkonzert in a-Moll und Ludwig van Beethovens 6. Sinfonie, die „Pastorale“. Zwei gewichtige Eckpfeiler des Standardrepertoires faszinieren als Publikumsmagnete immer wieder und wecken bei Konzertbesuchern nicht nur Erinnerungen, sondern auch Vorfreude auf Virtuosität, Leidenschaftlichkeit und Schönheit. Diese Versprechen wurden im 6. Akademiekonzert aufs Schönste eingelöst, Gastdirigent Marc Minkowski, das Nationaltheaterorchester und die Klaviersolistin Suzana Bartal führten in die Welt der musikalischen Romantik, ließen Bilder von vielgestaltigen Natur- und Seelenlandschaften entstehen und rückten die Naturverbundenheit beider Komponisten ins Blickfeld. Im Vorgespräch zum Konzert plauderten Solo-Klarinettist Patrick Koch und Operndramaturgin Cordula Demattio unter anderem über die inspirierende Probenarbeit mit dem weltweit gefragten französischen Dirigenten Marc Minkowski, Spezialist für historische Aufführungspraxis, dessen Gastdirigat bei der Musikalischen Akademie nun erst im dritten Anlauf zustande kam. Edvard Grieg, Pionier der norwegischen Nationalmusik im 19. Jahrhundert, schöpfte wie Beethoven Kraft und Inspiration aus Naturerfahrungen und -beobachtungen. Beide Komponisten waren leidenschaftliche Spaziergänger, schätzten das Landleben und den Rückzug aus dem - auch damals schon - hektischen und lauten städtischen Umfeld. Der Romantiker Grieg erzählt in seinen eher kleinformatigen Werken wie den „Lyrischen Stücken“, seinen „Liedern“ oder der „Peer Gynt Suite“ von den altnordischen Mythen, Volkstänzen und Bräuchen seiner Heimat, von der wilden und herben Schönheit der norwegischen Natur, den Farben, dem irisierenden Licht. Sein einziges Klavierkonzert in a-Moll schrieb Grieg im Alter von 25 Jahren. 1869 uraufgeführt, wurde es auf Anhieb ein Riesenerfolg und ist es bis heute geblieben. Es belegt im Ranking der populärsten Klavierkonzerte einen Spitzenplatz, fast gleichauf mit dem Klavierkonzert von Robert Schumann, mit dem es nicht nur Tonart und Anlage, sondern auch die überschwänglich abstürzende Anfangsgeste gemeinsam hat. Eine Aufführung der Pianistin Clara Schumann mit dem Klavierkonzert ihres Mannes Robert muss Grieg damals nachhaltig beeinflusst und zur Komposition seines Klavierkonzertes animiert haben. Auch Franz Liszt äußerte sich begeistert über das Klavierkonzert des Norwegers, ermutigte ihn, seine kompositorische Identität weiterzuentwickeln und bestärkte ihn auf seinem künstlerischen Weg. Die französisch-ungarische Pianistin Suzana Bartal besticht in ihrem Spiel mit Akkuratesse, Präzision und einer Klarheit, die an einen norwegischen Gebirgsbach, schroffe Felsen und helle Farben denken lässt. Nach dem effektvollen Paukenwirbel am Anfang meißelt sie kraftvoll die hinabstürzenden Anfangs-Oktaven in die Tastatur, rhythmisch exakt, glitzernd die Aufwärtsbewegung in den Arpeggien. Das eingängige, federnde Hauptthema des 1. Satzes, erst leise im Orchester, dann vom Klavier übernommen, wird rhapsodisch ausgestaltet, erfährt vielfache Variationen und Steigerungen. Marc Minkowski kreiert einen pastosen, spätromantischen Orchesterklang, der als Kontrapunkt zum kühl temperierten Klavier fungiert und in den Zwischenspielen allzu mächtig aufblüht. Er gestattet viel Raum für die schönen Soli in den Hörnern, Flöte und Celli. Opulenz trifft auf entschlackten, nüchternen Klavierklang; zwei scheinbar unterschiedliche Sichtweisen zwischen Dirigent und Solistin führen zu leichten Gleichgewichtsstörungen. Bartals pathosfreie Interpretation verzichtet auf übertriebene Selbstdarstellung wie auch auf mitreißende Leidenschaft, gerät nie unter Kitschverdacht. Sehr intensiv und kontraststark gestaltet sie die dynamischen Wechsel, das kleinteilige scherzando Thema funkelt frisch und vital, ebenso die chromatischen Terzenläufe, immer oberstimmenbetont. Die Solokadenz ist ein grandioses Virtuosenstück Liszt'scher Prägung, raumgreifend, klang-extensiv, überwältigend. Die versponnen traumseligen Lyrismen im Adagio erinnern an das 2. Chopin Klavierkonzert, Bartal gibt den pianistischen Figuren eine kristalline Färbung, eine Notturno Atmosphäre will sich wenig einstellen, die besonderen magischen Momente dieses Satzes werden verschenkt. Minkowski antwortet mit viel Agogik und vollem Streichersound. Mit energischem Zugriff wird der norwegische Springtanz am Schopfe gepackt, unbekümmert und geradlinig wirbelt die Pianistin durch den letzten Satz, gibt mit viel Musizierlaune den zündenden Rhythmen volkstümliche Unbekümmertheit, die Presto Coda lässt noch einmal Griegs Tanzthemen effektvoll aufleben. Viel Begeisterung und Beifall, wofür sich Suzana Bartal mit einer Zugabe aus Maurice Ravels „Sonatine“ bedankte.
Die 6. Sinfonie von Beethoven,
die „Pastorale“, „Natursinfonie“, Einbruch der Romantik, Beginn der Programm-Musik, Initial-Werk für alle nachfolgenden sinfonischen Dichtungen im 19. und 20. Jahrhundert. Beethoven verfasst für seine 5 Sätze titelgebende Beschreibungen, führt um 1808 die Zuhörerinnen und Zuhörer in die Welt der Natur, lässt sie an seiner sehr persönlichen Stimmung teilhaben und zeigt, wie er selbst, der fast Gehörlose, den Aufenthalt im Wald, das „Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande“ erlebt. Dennoch sollten Naturerscheinungen nicht einfach musikalisch abgebildet werden, Beethoven ergänzt die viel zitierte Überschreibung der Sinfonie: „Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“, und animiert zum eigenen emotionalen Erleben beim Hören der musikalischen Wegmarken. Er schreibt voll gläubiger Dankbarkeit: „Allmächtiger im Walde! Ich bin selig, glücklich im Walde … welche Herrlichkeit! In einer solchen Waldgegend …“ „Froh bin ich wieder einmal in Gebüschen, Wäldern, unter Bäumen, Kräutern, Felsen wandeln zu können … “. Ein zeitloses Bekenntnis zu den ewigen Schönheiten der Natur, zum ländlichen Leben und einer tiefen Liebe zur Schöpfung.
Marc Minkowski, der ohne Podest dirigiert, richtet sich vor jedem Satz ans Publikum, zitiert die Überschriften und führt so unmittelbar in die einzelnen Szenen des Werkes ein. Er findet hier zu einem transparent durchgehörten Klang mit innerem Leuchten, feinsinnig, freudig und erwartungsvoll. Das „Erwachen heiterer Gefühle“ mit dem schlichten ersten Thema in den Streichern, das fast fragend auf der Fermate endet, wird von zart artikulierenden und delikat spielenden Holzbläsern beantwortet. Die vielfachen um sich selbst kreisenden Wiederholungen evozieren Entschleunigung, schaffen Raum für Kommendes, Streicher und Holzbläser sind harmonisch und sensibel aufeinander abgestimmt, der Mensch kann aufatmen und sich ganz der Naturidylle hingeben. Der Weg führt zu einer „Szene am Bach“, in sanfter Heiterkeit vernimmt man das leise Dahinplätschern der Wellen, das in feinen Streicherbewegungen dahingleitet, sehr leise und gedämpft. Vögel, Wasser, Wald lassen eine arkadisch schwebende Atmosphäre entstehen, der Mensch tritt in einen Dialog mit der Natur, die Poesie vertreibt die harte Realität. Der Dirigent lässt feingeistig musizieren, die romantischen Elemente werden integriert, das klassische Ebenmaß bleibt dennoch gewahrt. In der singulären Vogelszene am Ende zieht der Frühling ein. Beethoven notiert drei Vogelrufe in der Partitur, lässt sie im Trio zwitschern:Zuerst imitiert die Flöte eine Nachtigall, die in immer schnelleren Sekundschritten singt und in einen Triller mündet, dann zwitschert die Oboe den Ruf der Wachtel in punktiertem Rhythmus, es folgt der Kuckucksruf in großen Terzen, den die Klarinette übernimmt. Das „Lustige(s) Zusammensein der Landleute“, mit seinen etwas „verschobenen“ Themen von Oboe und Fagott, atmet ungebrochene Lebensfreude, mit einem der optimistischsten Beethoven Themen überhaupt. Das Klangbild verdichtet sich, die ausgelassenen Tanzrhythmen der Streicher münden in ein schwungvolles Tempo, die sich steigernden tänzerischen Umdrehungen werden von Hörnern und Trompeten gut gelaunt unterstützt. Unvermittelt kündigen sich „Gewitter und Sturm“ an, Regentropfen in den Streichern, Paukenschläge, Piccoloflöte, Posaunen, dunkel dräuende Tremoli, große Intervallsprünge, lassen gefahrvolle dramatische Szenen entstehen, mit Chromatik und wild abstürzenden Kaskaden. Der Dirigent und das Orchester musizieren spannungsreich und lebendig, die späteren großen Gewitterszenen der Romantik scheinen auf. Als wäre nichts gewesen, lenken die Musiker den Fokus auf die Schönheit des Beethovenschen Themas, das in der Oboe und Violine erklingt und fast wie ein Bach'sches Choralthema von Frieden, Freude und Gottvertrauen kündet, eine Katharsis von bewegender Wirkung: „Hirtengesang – Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm“, der Übergang gelingt unvermittelt und kontrastreich. Jede einzelne Linie wird klar ausgestaltet, Minkowski lässt das Orchester noch einmal in einer großen Steigerung hymnisch aufblühen, bevor der Satz in dankbarer Verneigung vor dem Schöpfer schlicht und leise endet. Großer und langer Jubel, Dirigent und Orchester verbeugen sich, Minkowski küsst die Noten. Besser könnte eine Schlussgeste nicht sein.