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HANS KNAPPERTSBUSCH – Dirigentenlegende – Gesamtedition, IOCO CD Rezension, 08.12.2022

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Michael Stange
08. December 2022
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HANS KNAPPERTSBUSCH - The Opera Edition - DECCA Eloquence
HANS KNAPPERTSBUSCH – The Opera Edition – DECCA Eloquence

Hans Knappertsbusch – eine Dirigentenlegende – Gesamtedition der Studioaufnahmen

Decca Eloquence Catelogue No. 4841800Decca Eloquence Cataloque No. 4841824

Besprechung von Michael Stange

Universal Music hütet auch in Australien viele historische Aufnahmen klassischer Musik. Ausgewertet werden dort Teile der Archive von Decca, Deutsche Grammophon, Westminster, Mercury und Phillips. Unter dem Label Eloquence werden wichtige Aufnahmen mit editorischer Liebe in exzellenter Qualität wiederveröffentlicht.

Nun sind in zwei Boxen sämtliche kommerziell eingespielten Opern- und Orchesteraufnahmen unter Hans Knappertsbusch erschienen. Wagner-Kennern ist der Dirigent durch den 1952 bei Decca veröffentlichten Mitschnitt der Parsifal-Vorstellungen von den ersten Bayreuther Nachkriegs-Festspielen 1951 bekannt.

Hans Knappertsbusch Gedenktafel in Wuppertal © Wikimedia Commons
Hans Knappertsbusch Gedenktafel in Wuppertal © Wikimedia Commons

Der zum Zeitpunkt dieser Aufführungen Dreiundsechzigjährige stand tief in der Musiktradition des neunzehnten Jahrhunderts und war ein Bewahrer und kein Erneuerer. Durch seine Aura, die immense musikalische Ausdrucksstärke und hohe Individualität gewann er auch außerhalb seiner Hauptwirkungsorte München und Wien seit den zwanziger Jahren eine große Anhängerschaft. Mit seinen Interpretationen setzte er die Traditionen seiner Vorgänger wie Franz Schalk oder Hans Richter fort. Knappertsbusch erlebte Schalk in seiner Jugend und assistierte Richter in Bayreuth. Diese frühen Erfahrungen haben ihn zeitlebens beeinflusst und geprägt. Sein wesentliches „Markenzeichen“ war eine hochindividuelle Qualität der Spannungserzeugung und die konzentrierte Hinführung des Musikflusses auf die Höhepunkte der Kompositionen. Schelmisches, Lebensfrohes und Humorvolles ließ er hervorblitzen. Die Abgründe des Dramas leuchtete er machtvoll aus und er konnte den Werken tiefe Ruhe einhauchen und Weihevolles zum Strömen zu bringen. Auf Fotografien macht er einen eleganten, versonnenen, wissenden, gütigen aber auch zutiefst schalkhaften Eindruck. All dies prägte sein Musizieren.

Für ihn brechen heute noch Dirigenten wie Christian Thielemann eine Lanze. Er begreift Knappertsbuschs Musizieren unter dem Aspekt, eines bestimmten, tradierten Musik- und Dirigierstil, der ihm und anderen Zeitgenossen wie Wilhelm Furtwängler oder Bruno Walter freier und freizügiger musizieren ließ. Hans Knappertsbusch war in jenem Trio der elegante Herr und schon äußerlich wegen seines hohen Wuchses und seiner athletischen Figur ein Monument. Mit seinen windmühlenartigen Armen holte er aus dem Orchester immense Steigerungen heraus. Seine Erscheinung, unterstrichen durch die elegante Kleidung, glich der eines Fabrik- oder Latifundienbesitzers der vorletzten Jahrhundertwende. Wenn man die Interpretationen Wilhelm Furtwänglers und Bruno Walters pauschal und viel zu verkürzt beschreiben will, könnte man Furtwängler als seiner Eingebung folgenden Philosophen und Feuerkopf und Bruno Walter als einen sensibel meditativen Grübler mit aufblitzendem Elan und Esprit bezeichnen. Hans Knappertsbusch war eine andere Kategorie. Er ist der liebende Vater, der die Kompositionen wie seine Kinder oder wie ein Forstbesitzer seinen Wald behandelt. Er verliert sich nie in ihnen sondern bringt sie, wie ein guter Vater seine Kinder oder ein Landwirt seine Bäume, auf den richtigen Weg. Alles soll blühen und gedeihen, aber in einer festgefügten an das Bewährte angelehnten Ordnung und zu den als richtig empfundenen und vorbestimmten Zeitpunkten.

Nachgesagt werden Knappertsbusch übermäßig langsame Tempi. Dies ist aber, abgesehen von Ausnahmen wie im Falle des 1. Akts des in der Opernbox enthaltenen Fidelio-Einspielung, nicht die Regel. Seine Bruckner– oder Wagner-Interpretationen sind bei weitem nicht von der grüblerischen Getragenheit eines Sergiu Celibidache.

HANS KNAPPERTSBUSCH - The Orchestral Edition - DECCA Eloquence
HANS KNAPPERTSBUSCH – The Orchestral Edition – DECCA Eloquence

Die Diskussion, ob seine Interpretationen heute noch gültig oder zeitgemäß sind, scheint müßig. Mindestens als Zeitdokumente sind sie unverzichtbar. Sie bieten zudem packende Interpretationen und gewähren Einblicke, mit welcher Glut, Leidenschaft und Innwendigkeit noch Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts musiziert wurde.

Selbst wer Hans Knappertsbusch als unzeitgemäß betrachtet kommt an seinen Wagner-Interpretationen nicht vorbei. Wagner war für ihn stets neben Bruckner der zentrale Komponist und ein Fixstern. Geboren wurde der Dirigent am 12. März 1888 in Elberfeld, heute ein Stadtteil von Wuppertal. Sein Dirigierstudium erfolgte bei Fritz Steinbach, einem großen Brahms-Anhänger, der ihm die Liebe zu dessen Werken vermittelte. Ab 1909 war er Kapellmeister in Mülheim an der Ruhr, Bochum, Elberfeld und Leipzig und assistierte von 1909 bis 1912 in Bayreuth bei Hans Richter, der dort noch unter der Anleitung Richard Wagners in Bayreuth dirigiert hatte. Knappertsbusch wurde 1923 Generalmusikdirektor in München. Aufgrund einer Denunziation von abschätzigen Äußerungen zum Nationalsozialismus wurde er 1936 entlassen und setzte seine Karriere in Österreich und nach dem deutschen Überfall auch wieder in Deutschland fort. Näheres ist dem bei archive.org auch online verfügbaren „Handbuch deutsche Musiker 1933-1945“ von Fred K. Prieberg zu entnehmen. Auftritte im Ausland vor und nach dem zweiten Weltkrieg waren selten. In London dirigierte er 1937 Salome und er tourte gelegentlich mit den Berliner und Wiener Philharmonikern durch das Europäische Ausland. Gastspiele mit Wagneropern führten ihn nach dem Krieg u. a. nach Paris, Neapel, Mailand und Lissabon.

Die Parsifal Aufnahme der Bayreuther Festspiele unter Hans Knappertsbusch wurde für die Decca zu einem großen Verkaufserfolg. Gleiches galt, aber in geringerem Maße, für Karajans Meistersinger aus dem gleichen Jahr, die von der EMI mitgeschnitten wurden. Beide Aufnahmen waren die ersten kommerziellen Live-Aufzeichnungen von Aufführungen, die international von Major-Labels auf Schallplatten vermarktet wurden. Ob sich die Decca scheute, das Werk im teuren Studio aufzunehmen oder darauf setzte, dass der Mythos Bayreuth den Verkaufserfolg beflügelt sei dahingestellt. Die Decca beziehungsweise die Columbia nahmen weitere Aufführungen auf, aber die Veröffentlichungen des Ringes des Nibelungen unter Josef Keilberth in Stereo oder der Bayreuther Götterdämmerung von 1951 unter Hans Knappertsbusch bei Testament ließen mehr als fünfzig Jahre auf sich warten.

Heute noch zählt diese Parsifal-Aufnahme neben der Tosca mit Maria Callas unter Victor de Sabata zu den Meilensteinen der Schallplattengeschichte. Für die Decca hatte Knappertsbusch schon zuvor einige Aufnahmen gemacht. Aufgrund seiner ausgezeichneten Beziehung zu den Wiener Philharmonikern und seiner Bayreuther Prominenz entschloss man sich wohl bei der Decca auch wegen seiner Bedeutung als Interpret Wagners und Bruckners und anderer Romantiker trotz seines fehlenden internationalen Ruhms mit ihm einen Exklusivvertrag abzuschließen.

Der Produzent John Culshaw arbeitete ausgiebig mit ihm zusammen und bezeichnete ihn liebevoll als „unseren lieben, zauberhaften, unverantwortlichen Freund Knappertsbusch“. Das „unverantwortlich” bezog sich wohl auch auf Knappertsbuschs Abneigung gegen Proben und auch gegen die Nachbearbeitung wenig gelungener Takes im Studio. Das Dirigat einer Gesamtaufnahme des Ringes des Nibelungen bei der Decca lehnte er ab und schlug dafür George Solti vor.

Hans Knappertsbusch © Rudolf Betz
Hans Knappertsbusch © Rudolf Betz

Was er von den Künstlern erwarten und ihnen zumuten konnte wusste er genau. Culshaw setzte in Wien für die Aufnahme des 1. Aktes der Walküre mit der damals dreiundsechzigjährigen Kirsten Flagstad eine Aufnahmedauer von drei Stunden an. Knappertsbusch erschien kurz vor der Aufnahmesitzung, erfrischte sich mit Kölnisch Wasser und fragte, wieviel Zeit zur Verfügung stehe. Als ihm Culshaw erklärte, ihm stünden mindestens drei Stunden zur Verfügung schaute er ihn ungläubig an und fragte: „Was machen wir sonst noch?” Culshaw entgegnete, dass vielleicht die Sänger und insbesondere Kirsten Flagstad, die damals bereits zweiundsechzig Jahre alt war, müde werden und eine Pause benötigten könnten. „Müde?“, sagte Knappertsbusch, „Nein, sie sieht aus, als könne sie müde werden, aber sie ist ausdauernd wie ein Schlachtschiff!”

Seine Bayreuther Aufführungen waren auch durch Studienleiter wie beispielsweise Maximilian Kojetinsky und später auch Heinrich Bender ausgezeichnet vorbereitet. Nach Zeitzeugenberichten erschien er auch in Bayreuth erst zu den Hauptproben und leitete dort fast ausschließlich die Generalproben. Ging es ums Ganze wie in den Wiener Fernsehaufzeichnungen mit Wilhelm Backhaus verwendete er aber die Partituren und trug eine Brille.

Grob wurde er, wenn etwas musikalisch schiefging oder ihm Inszenierungen nicht behagten. Dazu und zu vielen anderen Wesenszügen gibt es eine Vielzahl von Anekdoten, die teils auf einer ihm gewidmeten Webseite der Knappertsbusch-Gesellschaft gesammelt sind.

Was er an seinen Kollegen hatte wusste er genau und er erwartete von allen Beteiligten eine minutiöse Vorbereitung. Für Kollegen hatte er eine hohe Wertschätzung verfügte aber auch über einen bissigen Humor. Clemens Krauss, der als überzeugter Nationalsozialist und Protegé Hermann Görings galt und Knappertsbusch in München ablöste, befragte Ende der dreißiger Jahren Knappertsbusch in Wien nach den Qualitäten des jüngst von ihm engagierten Rudolf Moralt. Knappertsbusch soll darauf erwidert haben, dass Moralt besser sei als er selbst, aber an Krauss nicht heranreiche. Zu Krauss, den er für einen Intriganten hielt, hatte er, auch wegen seiner Ablösung in München, eine tiefe Abneigung. Wieland Wagner, der Knappertsbusch einerseits bewunderte, aber auch aufgrund seines Konservatismus ablehnte, hatte nach Knappertsbsuchs vorläufigem Abschied aus Bayreuth 1952 im Folgejahr Clemens Krauss engagiert. Dies Knappertsbusch immens geärgert und später hat er auch diese Episode dergestalt kommentiert, dass er erst ermessen könne, was für ein A…..loch Wagner gewesen sein müsse, nachdem er seine Enkel kennengelernt habe.

Bei einem Konzert in Hamburg dirigierte Knappertsbusch Ausschnitte aus Tristan und Isolde. Die Solistin war Christa Ludwig. Da er das Erscheinen auf dem Podium beim Applaus verabscheute und selbst in Fernsehaufzeichnungen nicht vor das Publikum trat, saß er während des Applauses auf einem Stuhl und schickte Christa Ludwig allein zum Beifall auf die Bühne. Danach holte er sie zu sich heran und sagte zu ihr: „Gnädige Frau, so gut wie heute singen sie aber auch nicht jeden Abend!”. Dies war aus seinem Munde ein Ritterschlag. Wertschätzung gegenüber seinen Künstlern war aber trotz seines teils rauhen Auftretens ein wesentlicher Charakterzug Knappertsbuschs. Dragan Debeljevic, der Mann Lisa della Casas, hat dazu folgendes berichtet: „In der Hauptprobe der Meistersinger 1952 in Bayreuth unterlief meiner Frau ein unbedeutender Fehler im Duett mit Sachs; nach dem Ausbruch „Ja anderswo“ hielt sie nicht die kurze Pause und setzte gleich mit „soll“ ein. Knappertsbusch hob drohend seinen Zeigefinger. Einige Jahre später trafen wir ihn zufällig in München. „Ich höre, Sie wollen die Ägyptische Helena singen. Ein Wahnsinn! Finger weg von dieser Scheißpartie! Sie ist zu dramatisch, Sie dürfen nur von den Zinsen, nie von Ihrem Kapital leben. Die Helena ist das schwächste Stück von Strauss. Singen Sie sie nicht. “Ich werde sie ja nicht singen, Herr Professor. Aber ich würde sehr gern wieder mal die Eva mit Ihnen singen…” Er schaute ihr einen Augenblick in die Augen, hob den Zeigefinger und sang mit seiner tiefen rauhen Stimme: „Ja anderswo, bum, soll…“ Sein Gedächtnis war phänomenal.“ Natürlich verpflichtete Knappertsbusch Lisa della Casa wieder als Eva, die sie unter seiner Leitung 1955 in München sang. Gleiches berichtet Wolfgang Sawallisch. Als er nach seinem ersten Dirigat des Fliegenden Holländers bemerkte, dass Knappertsbusch im Publikum war wählte er einen Umweg zu seiner Garderobe, um ihm aus dem Weg zu gehen. Der pfiffige Knappertsbusch wartete aber vor Sawallischs Garderobe, kommentierte die Leistung mit „Bravo“ und entschwand, bevor sich Sawallisch für das Kompliment bedanken konnte. Sah er seine Kerninteressen berührt, ging er durchaus pragmatisch vor. Um Sawallisch 1955 als Dirigent des Fliegenden Holländer in Bayreuth zu verhindern, erschien er mit Joseph Keilberth im Schlepptau bei Wolfgang Wagner und erklärt ihm, dass Keilberth das Werk proben, die letzten vier Aufführungen übernähme und er die ersten vier Vorstellungen dirigiere. So übertrug Wagner Wolfgang Sawallisch die Leitung des Fliegenden Holländers in Bayreuth erst 1959.

Hans Knappertsbusch – Interview – YouTube

In der Summe dürfte das Urteil Culshaws Bestand haben, dass Knappertsbusch auch deswegen eine Ausnahmeerscheinung war, weil er sich seinen Kollegen gegenüber stets großzügig zeigte und sich nicht am „Rattenrennen um Ruhm und Ehre“ beteiligte.

Neben den Studioaufnahmen sind auch das genannte Hamburger Konzert mit Christa Ludwig, die Münchener Meistersinger mit Lisa della Casa und viele weitere Live-Aufführungen erhalten geblieben. Sie laden neben den neuen Eloquence Boxen zur weiteren Beschäftigung mit Hans Knappertsbusch ein.

Er war zwar mindestens seit den zwanziger Jahren ein Pultstar, stammte aber aus dem neunzehnten Jahrhundert. Heute wäre er mit seinem oft rauhbeinigen und zumindest für Sängerinnen furchteinflößenden Auftreten ein Außenseiter. Zu berücksichtigen ist aber, dass sich alle Beteiligten, weil sie ihn kannten, gut vorbereiteten, um nicht zu patzen und drohende Ausfälligkeiten zu vermeiden. Ein Höchstmaß an Konzentration und Einsatz verlangte Hans Knappertsbusch, aber laut Wolfgang Wagner trug er die Sänger und Musiker auf Händen, was alle Einspielungen zu bestätigen scheinen. Culshaw zufolge war er der einzige Dirigent, den die Wiener Philharmoniker uneingeschränkt liebten.

In München dirigierte er Opern von Wagner, den Rosenkavalier von Strauss, Mozarts Zauberflöte, 1955 sogar Charpentiers Louise und die von ihm sehr geliebten Lustigen Weiber von Windsor von Nicolai.

Eben jener Parsifal aus dem Jahre 1952 begründete seinen weltweiten Ruhm. Hier war ein Dirigent, der einerseits straffe Tempi wählte aber manche Orchesterpassagen auch in grandios schwelgerischer Ruhe auskostete. Hans Knappertsbusch war ein Künstler, der an sein Konzept der Inspiration und des Entstehens der Musik in der Aufführung glaubte, Proben verabscheute er und verließ sich ganz auf seine Wirkung auf die Musiker und deren Können. Ein schöner Satz zu ihm stammt wiederum von Christian Thielemann der meinte: “Als Dirigent zu erreichen, was Knappertsbusch konnte, hochkonzentriert nichts zu machen, oder nur ganz wenig und ansonsten auf die eigene Persönlichkeit zu vertrauen, auf Suggestion, Erfahrung, Herzensbildung, Intuition – das ist für mich ein großes Ziel.”

Knappertsbuschs Interpretationen zeichnen sich durch ausdrucksstarke Ausarbeitung von Motiven und Kontrasten aus, zielen auf eine fesselnd mitreißende Darbietung ohne aufgesetzte Übertreibungen oder überzogene Tempi ab, die man bei einigen Aufführungen von Wilhelm Furtwängler erleben kann, dem dann mit rasantesten Tempi und Klangausbrüchen gleichsam „der Gaul durchgeht“ (Tristane Wien 43 und Berlin 47, Beethoven 9. Sinfonie 1942), erlebt. Knappertsbuschs Interpretationen bestechen immer durch den immensen Spannungsbogen und ihre affirmativen Finale. Das Interpretationskonzept Knappertsbuschs änderte sich in Nuancen durchaus, aber im Kern verfolgte er einen durchgehend romantisch auskostenden Interpretationsansatz, der sich bei allen Aufnahmen der Wagner-Vorspiele vom Herangehen an die Partitur und den gesetzten Proportionen über die Jahrzehnte nicht wesentlich änderte.

Hans Knappertsbusch in Wien © Wikimedia Commons
Hans Knappertsbusch in Wien © Wikimedia Commons

Knappertsbusch war auf ausgezeichnete Orchester angewiesen, die ihn und die Werke kannten. Auch dies belegt die Box. Sie zeigt gleichfalls, dass früher anders musiziert wurde. Mancher Ton geht schief, einiges klingt unpräzise oder ist insbesondere in den Aufnahmen der Mono-Ära nicht so eingefangen, dass die Orchesterbalance ausgeglichen und die Streicher und Holzbläser gut proportioniert klingen. Dies ist vermutlich nicht Knappertsbusch zurechnen, weil die späteren Stereo-Aufnahmen diese Einschränkungen nicht aufweisen.

Die Generation Herbert von Karajans hat Knappertsbusch mit „sachlicheren Interpretationen“ abgelöst. Bei der ihm folgenden/ Dirigentengeneration hat wieder eine Annäherung an Knappertsbuschs Klangvorstellungen und seinen farbenreichen Orchesterklang stattgefunden. Beispielhaft kann man dies in Giuseppe Sinopolis oder auch an Christian Thielemanns Wagner Aufführungen sehen. Das Dämonische des Fliegenden Holländers bei Giuseppe Sinopoli oder die Tragik der Götterdämmerung bei Christian Thielemann erklingen in einer Weise, die in ihrer dramatischen Intensität und ihrem Farbreichtum Erinnerungen an Knappertsbusch wachrufen. Die editorische Arbeit von Eloquence bewahrt das musikalische Erbe Hans Knappertsbusch aus den Tonstudios und macht hörbar, welch ein eminent wichtiger Musiker er war. Nun sind sämtliche Studioaufnahmen des Maestro vereint in zwei handlichen Boxen und offenbaren immens Hörenswertes auf 37 CDs.

Knappertsbusch Opera Edition © DECCA Eloquence
Knappertsbusch Opera Edition © DECCA Eloquence

Die Opern – Edition

Parsifal 1951 (CD 9-12)

Highlight der Opernbox sind die beiden Aufnahmen des Parsifal aus den Jahren 1951 und 1961 (CDs ). Die Eröffnung der Bayreuther Festspiele war einer der Höhepunkte des Beginns der jungen Bundesrepublik und auch der Versuch der Reinwaschung der Festspiele vom Schatten Adolf Hitlers. Wieland und Wolfgang Wagner hatten die Leitung der Festspiele von der überzeugten Nationalsozialistin und belasteten Winifried Wagner übernommen. Herbert von Karajan dirigierte 1951 im Wechsel mit Hans Knappertsbusch den Ring des Nibelungen, die Decca nahm jenen legendären Parsifal auf. Die Aufführung ist vom Vorspiel bis zum Finale des ersten Aktes dramatisch packend und straff dirigiert. Die Verwandlungsszene und die Gralsburg werden zwar in mythischer Ruhe aber ohne jedes aufsetzte Pathos oder Pastose genommen. Die Tempi folgen der Erzählung und spiegeln das Geschehen auf der Bühne wirkungsvoll und agogikreich. Der Beginn des 2 Aktes beginnt packend und dramatisch und steigert sich immens im Konflikt zwischen Kundry und Parsifal. Der dritte Akt ist von den Tempi aber auch den Orchesterfarben zu Beginn schwebend und geht über ins mythisch Erhabene. Phänomenal, wie wortdeutlich die Sänger sind. Dieses kontrasteiche Musizieren und die intensive Phrasierung der Sänger zieht sich durch die ganze Box. In seinen beiden Aufnahmen des Parsifal gelingt es Hans Knappertsbusch durch fein modulierte ausdrucksreiche Tempi, genaue Proportionen und immens gut vorbereitete aber zugleich miteinander ausbalancierte fein abgestufte Steigerungen und Kulminationen Grandioses darzubieten. Die Gralsszene des 1. Aktes wird zu einem spirituell durchgeistigten Erlebnis das neben der immensen musikalischen Spannung durch die ausgezeichnete Balance zwischen Chor und Orchester geprägt ist. Alle Interpreten sind von höchster Güte. Davon profitieren die packend prägnanten Gurnemanz-Erzählungen des 1. Aktes mit Ludwig Weber, die erotisch sirrende Blumenmädchenszene und die feurigen Konfrontation zwischen Parsifal und Kundry. Mit Martha Mödl stand eine ideale Kundry auf der Bühne, die mit sinnlichem Farbton die kosende Verführerin aber zum Finale auch die feurige Rächerin abdeckt. Sie war eine Gesangstragödin mit Feuer und Leidenschaft, die auch auf den Tonträgern spürbar bleibt und die interpretatorisch unerreicht bleibt. Wolfgang Windgassen ist ein junger Held, der stimmlich frisch und unverbraucht einen lyrisch betörenden Parsifal gibt. Ludwig Webers warm seelenvoller Gurnemanz und George Londons zerissener Amfortas runden die Sängerriege ab.

Parsifal 1962 (CD 13-16)

In phantastischer Tonqualität liegt der ursprünglich bei Phillips veröffentlichte Parsifal von 1962 vor. Das Dirigat klingt noch aufgefächerter und transzendentaler als in der ersten Aufnahme. Die einzelnen Orchesterstimmen sind noch behutsamer aufeinander abgestimmt, was auch der Stereo Technik geschuldet sein mag. Hier erklingt keineswegs eine “historische Aufnahme” sondern ein zeitloses Dokument eines geistig spirituellen Parsifals. Hört man heutige Mittschnitte aus dem Bayreuther Festspielhaus macht die zarte und differenzierte Orchesterbehandlung staunen. Irene Dalis ist eine sirrend verführerische Kundry und Jess Thomas lyrisch heldischer Parsifal. Ein wesentlicher Pluspunkt der Aufnahme ist der balsamische Gurnemanz Hans Hotters mit seinem sonor orgelnden Bass. Als Amfortas überzeugt erneut George London. Diese Aufnahme wird aufgrund des Dirigats stets eine der bedeutendsten Aufnahmen des Werks auf Tonträgern und eines der wichtigsten Vermächtnisse von Hans Knappertsbusch bleiben.

Die Meistersinger von Nürnberg (CD 5-8)

Diese Studio-Einspielung von Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ belegt Knappertsbuschs große Gabe, dass er ein Meister der Proportionen ist und durch flüssiges Musizieren und dramatische Steigerungen und packende Höhepunkte erreicht ohne den melodischen Flusses oder die inneren Aufbau der Werke zu opfern. Wagners Meistersinger sind bei ihm keine deutsch-thümelnde pathetische Reichsparteitags-Oper sondern eine Komödie mit tragischen Zügen und einem leuchtenden die Mehrzahl der Beiteiligten vereinendem Element. Die Aufnahme ist ein Musterbeispiel, wie die Sängern wortdeutlich und mit Glut mit dem Orchester harmonieren. Paul Schöffler ist trotz seines etwas knorrigen Timbre ein berührender weil wortdeutlich singender und eloquent gestaltender Hans Sachs und einer der wichtigsten Vertreter der Partie auf CD. Hilde Güdens leuchtender Sopran überzeugt mit innig glühenden Momenten. Anton Dermota ist ein lyrisch verschmitzter David. Für heutige Hörer mag Günther Treptow ein wenig altmodisch klingen, weil sein Tonansatzes und sein immenses Stimmvolumens ungewohnt klingen. Anders als Wolfgang Windgassen, verfügt er über eine in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts als idealtypisch angesehene voluminöse Heldentenorstimme. Gleich vielen Tenöre seiner Generation konnte er durchschlagskräftig große Orchesterfluten mühelos überstrahlen. Angekreidet wird Treptow von Kritik und Gesangskennern die nasal klingende trompetenhafte Höhe. Heute sind derart stimmgewaltige Heldentenöre rar geworden, so dass sein Interpretationsansatz auf den ersten Blick antiquiert wirkt. Bis in die sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts stand aber ein anderes Sängerkaliber auf den Bühnen und auch in Aufnahmen besetzte man auch den Stolzing noch mit echten Heldentenören (August Seider bei Karl Böhm 1944 und Ludwig Ludwig Suthaus bei Herrmann Abendroth 1939). Wer sich näher mit Günther Treptow befassen möchte, kann ihn als Tristan unter Hans Knappertsbusch und in mehreren Wagner Gesamtaufnahmen aus unter Wien unter Rudolf Moralt hören. Auch in dieses Meistersinger-Aufnahme beweist Treptow seinen Rang mit einer glutvoll lyrischen Interpretation mit heldentenoraler Kraft. Diesen Sängertyp und nicht die so genannten dünnstimmigen „Krawattl-Tenöre“ liebte Hans Knappertsbusch. So begegnen wir ihm auch in der Orchester-Box als Parsifal in der Blumenmädchen Szene wieder (CD 13).

Fidelio (CD 1-2)

Knappertsbuschs letzte Opernaufnahme im Studio war Beethovens Fidelio. Entstanden im Jahr 1961 vereint er ein profundes Ensemble. Speziell ist das Aufnahmedatum, weil die Sitzungen zwischen dem 20. Dezember 1961 und dem 1. Januar 1962 stattfanden. Den Florestan singt mit fulminanter Attacke und leuchtender Höhe Jan Peerce, der die Rolle bereits 1944 unter Arturo Toscanini sang. Sena Jurinac ist eine lyrisch dramatische Leonore, Dezsö Ernster ein profunder Rocco und Gustav Neidlinger ein dämonischer Pizarro. Knappertsbuschs Dirigat zerfällt – möglicherweise auch wegen der Aufnahmesitzungen vor den Weihnachtstagen – in einen epischen 1. Akt, der mit Schwere prunkt und in dem das singspielhafte des Beginns des 1. Aktes vollständig fehlt. Der 2. Akt ist dramatischer und die Leonore III Ouvertüre und das Finale brillant. Insgesamt ist die Aufnahme insbesondere durch den dramatisch dichten 2. Akt durchaus suggestiv und hörenswert, aber durch den zu schwer geratenen 1. Akt fehlt ihr die stimmige musikdramatische Entwicklung.

Opernausschnitte

Bei den übrigen Einspielungen handelt es sich im Wesentlichen um Ausschnitte aus Wagner-Opern mit der Gesangselite jener Jahre. Immens faszinierend und auch heute noch unverzichtbar ist das Wagner Album mit George London. Wotans Abschied und Feuerzauber daraus gelten zu Recht noch heute als Referenz, weil Knappertsbuschs Weltschmerz gemeinsam mit der berührenden und stimmlich makellosen Interpretation George Londons eine Sternstunde ist (CD 18).

Knappertsbusch hat in den Tristan-Auszügen ein durchaus drängendes Tempo und das Dirigat ist von immenser Glut und Leidenschaft. Birgit Nilsson verfügt über eine unvergleichlich voluminöse und klangvolle Stimme. Da ihr bei der Stimmentfaltung keine Grenzen gesetzt sind erleben wir eine berstend auffahrende Isolde mit fulminanter Leidenschaft. Birgit Nilsson singt zudem noch ein wenig differenzierter und introvertierter daher als in späteren Aufnahmen. Auch dies ist ein Album für die einsame Insel (CD 3).

Eine Vielzahl von Aufnahmen entstand auch mit Kirsten Flagstad, die die Wesendonck-Lieder, Szenen aus Lohengrin, Parsifal und Die Walküre interpretierte. Kirsten Flagstad, einer der größten hochdramatischen Soprane, des vergangen Jahrhunderts, die in den Jahren im Abend ihrer Karriere stand. Die Stimme prunkt durch ihren dunklen bronzehaften Klang und die warme Mittellage. Dunkel und golden schimmert die Höhe und sie strahlt eine elegische Ruhe aus. Das Volumen ist von hochdramatischer Wucht aber den leuchtenden strahlenden Ton in den Höhen erreicht Kirsten Flagstad nicht mehr. Am stärksten wirken daher die Wesendonck-Lieder in ihrer Elegie und die Kundry-Szenen. Knappertsbusch weiß, wie stets, um die Stärken ihrer Stimme und begleitet sie aufmerksam. Er lässt ihr ausreichend Zeit für das Forme des Textes und zum Atmen. Der 1. Akt der Walküre zeigt eine verletzte in sich gekehrte Frau und mit Set Svanholm einen heldischen Siegmund. Hier zeigt sich auch, wie stark Knappertsbusch darin war, seine Interpretationen den Sängern anzupassen, weil er Flagstad genug Raum lässt sich zu entwickeln, während er in anderen Walküre-Einspielungen dramatisch vorwärtsdrängt (CD 4 & 17).

Die Box wird abgerundet mit Aufnahmen der blühend strahlenden Maria Reining und Paul Schöfflers. Auch dieses Album ist eine Kostbarkeit des Strauss- und Wagnergesangs auf Tonträgern. Sopran und Bariton stehen in einer tiefen Tradition des Belcanto und bieten mit ihrer Wortdeutlichkeit und Emphase beglückende Momente für die Hörer. Die Aufnahmen sind Höhepunkte der Schallplattengeschichte und Gesangslektion für heutige und künftige Interpreten. Sie demonstrieren, welche Wucht ausdrucksstarkes, leidenschaftliches und intensives Singen selbst aus der Konserve versprüht (CD 19).

 

Knappertsbusch Orchestra Edition © DECCA Eloquence
Knappertsbusch Orchestra Edition © DECCA Eloquence

Die Orchester Edition

Die Orchesteredition besteht im Kern aus Werken Bruckners, Beethovens, Brahms, Wagners und Richard Strauss. Zwei CDs enthalten kürzere Walzer, Suiten und Ouvertüren anderer Komponisten.

Neben großen Momenten bietet die Edition ein Zeitbild des Musikalltags der Aufnahmejahre. Die Orchester spielen oft unpräzise, das Zusammenspiel ist dann und wann in Gefahr. Knappertsbusch lässt Manches laufen. Präzise Intonation, exakte Phrasierung sind nicht immer vorhanden. Dies war aber vielleicht nicht das Anliegen aller Interpreten bis in die sechziger Jahre und selbst dem als Genauigkeitsfanatiker und Zuchtmeister gefürchteten Arturo Toscanini ist dies nicht gelungen.

Brahms und Beethoven

Am prägnantesten fällt dies bei Brahms 2. Sinfonie aus dem Jahr 1947 auf. Bedingt durch seine Ausbildung bei Fritz Steinbach, einem glühenden Brahms-Enthusiasten, war bei Knappertsbusch schon früh eine tiefe Bindung zu Brahms entstanden. Die durch Schellackrauschen begleiteten Aufnahme kommt in Grundstimmung und Hauptthema des 1. Satzes sehr behaglich und behäbig daher. Die weitere Entwicklung, die Kontraste und klanglichen Nuacen bleiben eher vage. Das Orchestre de la Suisse Romande kann vom dem unterstützenden und Raum für Freiheiten lassenden Dirigat von Knappertsbusch nicht profitieren. Bis auf das furiose Finale ist es eine Wiedergabe, die das Werk eher abspult als interpretatorisch auslotet. Hier erreicht Robert Denzler, der in seien Aufnahmen mit dem Orchester auf Präzison und Schwung achtet und das Orchester intensiv kannte, weit mehr (Eloquence). Neben der brillanten Tschaikoswky-Sinfonie ist seine Benvenuto Cellini Ouvertüre auch durch präzise Ungenauigkeit und schleppenden Vortrag geprägt. Hier muss man, will man Knappertsbusch als Interpret von Brahms Sinfonien erleben, zu anderen Aufnahmen greifen (CD 2).

Anders liegt der Fall mit den Brahms-Aufnahmen mit den Wiener Philharmonikern. Die “Akademischen Festouvertüre” wird trocken aber mit teils blitzenden Läufen geboten. Die “Haydn-Variationen” kommen in strahlender Pracht daher und die “Alt-Rhapsodie” wird elegisch poetisch gestaltet, von Lucretia West fulminant gesungen und von Knappertsbusch melancholisch getragen elegisch begleitet (CD 4). Johannes Brahms Klavierkonzert Nr. 2 und die Beethovens Klavierkonzerte Nr. 4 und 5 profitieren von der Paarung mit Clifford Curzon. Er ist, im Gegensatz zu Knappertsbusch, am Klavier ein detailliert inwendiger Interpret. So bestichen die Aufnahmen durch einen kontrastreichen Dialog zwischen dem auf die Gesamtform- und Aussage bedachten Knappertsbusch und dem exakt modulierenden und jedes Detail auskostenden Pianisten. Dieser Kontrast macht den Reiz der Aufnahmen aus, weil der Zuhörer vom großen Bogen der Orchesterführung von Curzon in die Feinheiten und Verästelungen des Klavierparts geführt wird, während das Orchester den Rahmen des Gesamtwerks bildet (CD 1&3).

Bruckner

Die Sinfonien Anton Bruckner haben einen gewichtigen Anteil an der Box. An diesen Aufnahmen lässt sich die wechselvolle Aufführungsgeschichte nachvollziehen, die durch eine Vielzahl an Bearbeitungen der Partituren und mehreren Neueditionen einzelner Sinfonien gekennzeichnet ist. Beispielhaft dafür ist, dass in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts neben Bruckners eigener Fassung der 5. Symphonie auch die Fassung von Schalk häufig gespielt wurde. Letztere enthält formändernde Kürzungen unter anderem im Finale. Auch Uminstrumentierungen und Neukompositionen, z. B. am Beginn des Finales, sollten das Werk wohl dem Publikum leichter zugänglich machen. Die Fassungen der 3, 4. oder der 5. Sinfonie in den Bearbeitungen durch Schalk oder Löwe dürften ebenfalls unter diesem Aspekt erfolgt sein.

In den Interpretationen Knappertsbuschs schwingt eine gewisse “Wagner- oder Heroisierung“ der Werke mit. Seine Schwerpunkte sind das majestätisch Monumentale und die großen Ausbrüche. Die Interpretationen der 3., 4. und 5 Sinfonie sind infolgedessen durch einen raschen oft gedrängten Vortrag geprägt. Der Ansatz, lyrisch innige Momente zu Kontrasten und Ruhephasen auszubauen, wird nicht nachdrücklich verfolgt. Anders kommt die Stereo-Aufnahme von Bruckners 8. Sinfonie daher. Hier ist ein austariertes fein verästeltes Klangbild erlebbar und Knappertsbusch gelingt es, das Werk, in seiner Erhabenheit, dem Farbenreichtum und in vollendeter Poesie zu interpretieren. Eine Aufnahme, die auch heute Bestand hat.

Knappertsbusch Ansätze der Bruckner-Interpretation sind historisch begründet. Allein dies macht die Aufnahmen so wertvoll, weil sie den Klang der ersten Bruckner-Aufführungen zumindest zum Teil reproduzieren und dadurch bewahren. Knappertsbusch war der Aufführungstraditionen von Bruckners Schülern und Zeitgenossen zutiefst verpflichtet. In München folgte er dem Bruckner-Schüler Ferdinand Löwe nach, der dort mit dem Münchner Kaim-Orchester (den späteren Münchner Philharmonikern) Bruckners Werke aufführte. Die Wiener Philharmonikern standen in der Tradition des großen Wagnerdirigenten Franz Schalk, der dort die Bruckner-Tradition begründete. Trotz der Fassungen sind die Bruckner-Einspielungen als historische Überlieferungen und wegen ihrer interpretatorischen Kraft überaus hörenswert (CD 5-9).

Strauss, Wagner, Walzer & Co

Bei Richard Strauss „Don Juan” zeigt sich der kühn voranpreschende Hans Knappertsbusch, der seinen Helden viril, mächtig und draufgängerisch gestaltet. Packend kostet er das Stück aus, ohne zu Hetzen oder Proportionen außer Acht zu lassen. Das technisch meisterhafte Orchester spielt nuanciert und variationsreich. Eine grandiose Darbietung. Gleiches gilt für „Tod und Verklärung”. Hier gelingen tief anrührende Klänge, dass man meint, man stünde bereits im Jenseits. Knappertsbusch erweist sich als ein Meister der Orchesterfarben, bündelt die orchestrale Pracht in einem rauschhaften Klang und beflügelt das Orchester zu unglaublichen Ausbrüchen. Gleichzeitig lenkt und ordnet er den Klang zu durch fulminantes Zusammenspiel mit einem atemberaubenden Finale (CD 10).

Die Ausschnitte aus den Werken Richard Wagners umfassen sechs CDs (CD 11-16). Um Wagners Werk rankte sich Knappertsbuschs ganze Karriere. Die frühesten Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1927, die letzten aus dem Jahr 1962. Knappertsbusch verfolgt hier einen oft ähnlichen Ansatz. Letztlich entziehen sich die historischen Aufnahmen allein wegen der Tonqualität einer näheren Beurteilung bezüglich des Farbenreichtums des Orchesters.  In den späten Aufnahmen neigt Knappertsbusch teils zu ausgedehnteren Tempi. Die Ouvertüren zu „Die Meistersinger” und „Der fliegende Holländer” sind aber tänzerisch behende und beim Holländer packend dramatisch angelegt. Sowohl bei der sinnlichen Tannhäuser-Ouvertüre als auch beim Vorspiel zu Parsifal dominieren der musikalische Farbereichtum und die bedacht angelegte Klangkonzept, die die Dramen schon in den Vorspielen plastisch erstehen lassen.

Am Ende der Box steht die Leichte Klassik mit Werken von Johann Strauß (Vater und Sohn), Karel Komzák, Carl Michael Ziehrer, Peter I. Tschaikowski, Franz Schubert, Carl Maria von Weber und Otto Nicolai. Bei Tschaikowskis “Nussknacker-Suite” verströmt Knappertsbuschs eine immense Lebensfreude und er lässt die Figuren mit nahezu diebischer Freude tänzerisch elegant aber auch mit immensem Frohsinn durch die Räume schweben. Wie ein Feuerwerk scheint die Musik aus ihm hervorzubrechen. Bei diesem Stück scheint ein Jungen an Weihnachten ein Puppentheater auszupacken und mit unbändiger Freude die Figuren durch den Raum tanzen zu lassen. Diese Leichtigkeit und das Schweben sind so untypisch für Interpretationen der Zeit, dass auch sie die herausragende Stellung Knappertsbuschs dokumentieren. Auch bei den Walzern und Märschen paaren sich Frohsinn und Melancholie. Den „Radetzky-Marsch”, die „Tritsch-Tratsch-Polka” oder „Geschichten aus dem Wiener Wald” nimmt Knappertsbusch teils ernst und getragen. Hier scheint sich eher jemand mit der Wehmut des Alters an die Bälle seiner Jugend zu erinnern, aber grandios klingt es. Karel Komzáks „Bad’ner Mad’ln” werden oder Nicolais Ouvertüre zu Die lustigen Weiber von Windsor werden beschwingt und sprühend dargebracht. Alles blitzt vor Charme und klingt heute noch umwerfend (CD 17-18).

Knappertsbusch Stärken sind seine Gestaltung aus dem Moment heraus seine immensen Bögen und das vulkanartige Entladen der Spannung, das er mit mehreren kleineren Ausbrüchen vorbereitet. Knappertsbusch ist der Antipode der Genauigkeit oder der Präzisonssucht und des bis in das letzte Detail wohleinstudierten Orchesterspiels. So gelingt ihm eine für die Musiker spontane aber für ihn musikalische fesselnde Darbietung der Musik, auch weil das Orchester ihm spontan folgen aber technisch sattelfest und künstlerisch inspiriert sein muss.

Technisch ausgezeichnet aufbereitet und mit lesenswerten Begleitheften versehen würdigt Eloquence einen der legendärsten Dirigenten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das ist nicht nur Stoff für Liebhaber historischer Aufnahmen und Knappertsbusch-Fans, sondern für jeden, den Interpretationsgeschichte und ein anderer Blick auf Bekanntes interessiert. Die Box ist ein klingendes Abbild des großen Charismatikers und zeigt, dass Musik für Knappertsbusch ein spontanes beglückendes oder erhebendes Erlebnis bedeutete, das nicht in Proben einstudiert werden kann. Es lässt sich anhand dieser beiden Boxen nachvollziehen, und in vielen Fällen überträgt es sich auch auf den heutigen Zuhörer.

Wen es nach diesen Boxen gepackt hat, der sollte zu Wagners Ring des Nibelungen aus dem Jahr 1956 bei Orfeo greifen und in weitere dort oder bei Haenssler sowie Audite in ausgezeichneter Klangqualität vorliegende Aufnahmen hineinhören.

Gerade hat sich mit Wagners Ring in der Staatoper Berlin unter Leitung von Christian Thielemann erwiesen, dass die Tradition, in der Hans Knappertsbuschs musizierte, fortlebt, hochaktuell ist und von Kritik und Publikum stürmisch bejubelt wird. Knappertsbuschs Kernanliegen war ein romantisches fesselndes Musizieren mit einem Erblühenlassen sämtlicher Orchesterfarben, das Schwelgen in der Melodie und eine suggestiv soghaftes und sinnliches Musizieren. Die reißt auch heute noch mit. Zeitzeugen der Bayreuther Jahre betrachteten das Parsifal Dirigat von Pierre Boulez nach Knappertsbusch wie eine kalte Dusche. Christian Thielemann hat aktuell in seinem Berliner Ring Dirigat einen durch seine Verästelungen und Klangfarben eine ungemein berückende Interpretation vorgelegt. Kein Kritiker hat diesen Interpretationsansatz als Aufwärmen alter Zöpfe oder gar Plagiat als bezeichnet. Christian Thielemann hat aus einen bestehenden historischen Interpretationsansatz mit der Staatskapelle Berlin eine eigene suggestiv starke musikalische Linie entwickelt, die das Publikum von den Sitzen riss. Als Wieland Wagner nach der letzten Vorstellung der Götterdämmerung in Bayreuth 1957 zu Knappertsbusch ging um ihn zu danken, fand er vor Ergriffenheit keine Worte. Da nahm ihn Hans Knappertsbusch bei beiden Händen und sagte zu ihm: „Ich glaube, heute wäre Hans Richter mit mir zufrieden.“ Vielleicht hat Christian Thielemann bei seiner letzten Berliner Götterdämmerung an diese Begegnung und den Bayreuther Ring im Jahre 1956 (Orfeo) oder 1957 unter Knappertsbusch gedacht und ähnliches empfunden.

Die vorliegenden Boxen sind der zentrale Teil von Hans Knappertsbuschs musikalischem Vermächtnis. Sie belegen seinen musikhistorischen Rang und sind dadurch eine immense Bereicherung des Katalogs. Mit Knappertsbusch steht ein Musiker der Generation nach Richard Wagner am Pult der durch Hans Richter  Wagners Vorstellungen vom Klang seiner Werke kannte. Profunde und wirkungsvolle Interpretationen ziehen in den Bann. Bruckners 8., die Aufnahmen der leichten Klassik und die Wagner-Aufnahmen sind uneingeschränkt hörenswert und zeitlos. Geringere Genauigkeit und Präzision werden durch organische Proportionen und den Reichtum der Klangfarben und den musikalischen Fluss wettgemacht.

 

Die Boxen sind ein Denkmal für Knappertsbusch und seine Gabe, seine Klangvorstellungen in unvergleichlicher Weise wie ein impressionistischer Maler mit einer nahezu unendlichen Farbpalette zu verwirklichen.

 Fazit:  Eine uneingeschränkt empfehlenswerte Edition mit herausragenden Interpretationen

—| IOCO CD Rezension |—


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