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Festspielhaus Baden-BadenKonzertKritiken

Baden-Baden, Festspielhaus, Teodor Currentzis – musicAeterna, IOCO Kritik, 24.11.2022

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Marcel Bub
24. November 2022
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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden
Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Teodor Currentzis – musicAeterna

VERDI – WAGNER – – – Musik von Befreiung, Tod, Mythos

von Marcel Bub

Teodor Currentzis und musicAeterna beeindruckten im Festspielhaus Baden-Baden mit einer machtvoll berührenden Messa da Requiem von Giuseppe Verdi und präsentierten eine filigrane Interpretation ausgewählter Werke Richard Wagners.

Giuseppe Verdi am Teatro alla Scala © IOCO
Giuseppe Verdi am Teatro alla Scala © IOCO

La Grande Gare, so der Titel der diesjährigen Herbstfestspiele Baden-Baden, die vom 11. bis 20. November 2022 stattfanden, wurde in der ersten Hälfte bereits durch das Balthasar-Neumann-Ensemble mit Thomas Hengelbrock, Antonello Manacorda und Ermonela Jaho auf eindrucksvolle Weise geprägt. Als weiteren Höhepunkt brachten nun Teodor Currentzis und sein russisches Ensemble musicAeterna Werke von Giuseppe Verdi und Richard Wagner auf die Bühne des Festspielhauses. So kam es am 17.11. und am 20.11. zu überwältigenden und intensiven Aufführungen von Verdis Messa da Requiem. Dieses große Werk der Kirchenmusik komponierte Verdi 1874 als ‚kunstreligiöses Denkmal‘ für den 1873 verstorbenen italienischen Schriftsteller Alessandro Manzoni. Bereits 2019 führten Dirigent und Ensemble diese Komposition unter anderem in Mailand, Hamburg und New York auf. Besetzt wurden die Solopartien in Baden-Baden mit Zarina Abaeva, Eve-Maud Hubeaux, Andreas Schager und Matthias Goerne. Die ursprünglich für das Wochenende geplanten konzertanten Aufführungen von Tristan und Isolde konnten aus probentechnischen Gründen nicht stattfinden. „Wir haben daraufhin mit Teodor Currentzis und seinem Ensemble sowie einem weiteren Veranstalter nach einer gleichwertigen Alternative gesucht und sind dabei angesichts der aktuellen Situation in der Ukraine gemeinsam zu der Überzeugung gelangt, keine andere Oper, sondern ein zur Situation passenderes Stück auszuwählen“, betont Intendant Benedikt Stampa. „Das Verdi-Requiem – eine ‚Oper im liturgischen Gewand’ – ist ein herausragendes großes Werk der Musikgeschichte, das in meinen Augen angesichts der aktuellen Lage als Statement verstanden werden darf.“

Angekündigt als Carte Blanche wurde am Samstag, 19.11. ein Wagnerabend mit Auszügen unter anderem aus Tannhäuser, Lohengrin, Parsifal und Die Meistersinger von Nürnberg gestaltet. Zur Aufführung kam eine kristallklare, temporeiche und dynamische Interpretation der Werke. Gerade vor diesem Hintergrund ist die Hoffnung groß, an späterer Stelle doch noch eine große Wagnerproduktion mit diesem Ensemble und Dirigenten zu erleben.

Festspielhaus Baden-Baden / Teodor Currentzis - musicAeterna im Festspielhaus © Andrea Kremper
Festspielhaus Baden-Baden / Teodor Currentzis – musicAeterna im Festspielhaus © Andrea Kremper

“Requiem aeternam dona eis”: fast unhörbar und eindringlich erklingen die ersten Worte Verdis gewaltiger und gleichzeitig andächtiger Totenmesse in die erwartungsvolle Stille des Konzertsaals. Geheimnisvoll und sanft entsteht ein dichtes Klanggewebe, welches sich bald mit ergreifender Dynamik in die Architektur des solistisch eingeleiteten Kyrie steigert. Mit filigranen Bewegungen modellierte Currentzis von Anfang an einen präzise-eindringlichen Chor- und Orchesterklang. Höchstes Niveau und musikalisches Können wurde hier an den Tag gelegt. So ging er bei dem sich anschließenden Herzstück des Werks, dem Dies irae, volles Risiko und erzeugte eine beeindruckende Klanggewalt. Schneidende Streicher, mächtiges Schlagwerk, eindringliche Bläser und ein überwältigender Chor leiteten diesen brillanten Teil des Stücks ein. Immer wieder folgten in den einzelnen Abschnitten Momente spannungsvoller Andacht, welche im nächsten Moment wieder in den monumentalen Tag des Zorns aufgingen. Auf erstaunliche Weise gelang es dem Dirigenten, diesen komplexen und vielschichtigen Ensembleorganismus zusammenzuhalten. So waren die Bläserregister zum Teil an den Rändern der Bühne verteilt – ein kleines Beispiel der Komplexität dieser Klangarchitektur. Ergebnis war ein umfassendes und durchdachtes Klangbild, in dem jede der Stimmen und Instrumentengruppen zur Geltung kam.

Festspielhaus Baden-Baden / Teodor Currentzis - Festspielhaus © Andrea Kremper
Festspielhaus Baden-Baden / Teodor Currentzis – Festspielhaus © Andrea Kremper

Voller Energie und mit einnehmender Körpersprache stand Currentzis im Zentrum der Musik. Stetige und aufmerksame Kommunikation auf der Bühne, Musikerinnen und Musiker, die alles in dieses Streben hin zum perfekten Klang legten, zeugten abermals von der Klasse dieses Ensembles. Alles stand dabei im Dienste der Musik. Besonders hervorzuheben ist bei all den ausgezeichneten Stimmführerinnen und Stimmführern, Konzertmeisterin Olga Volkova, die seit September die Nachfolge von Afanasy Chupin an der Spitze von musicAeterna übernommen hat. Auf zugewandte und virtuose Weise prägt sie entscheident den Ensembleklang. Auch bei der ersten Tour des von Currentzis im Herbst 2022 neu gegründeten Ensembles Utopia führte sie das Orchester an. Mit Konzerten in Luxemburg, Hamburg, Wien und Berlin konnte dieser neue, international besetzte Klangkörper, mit Werken von Strawinsky und Ravel auf fulminante Weise überzeugen.

Auch die solistischen Stimmen leisteten an den beiden Abenden in Baden-Baden Höchstleistungen und passten sich aufmerksam in das Klangbild ein, ohne dabei Formen individueller Gestaltung zu vernachlässigen. Eindringlich subtil sang Goerne die Basspartie, und Schagers unverkennbarer Tenor drang energiegeladen nach vorne. Unübertroffen waren zudem Abaeva und Hubeaux, zwei Künstlerinnen, die, wie auch Goerne, bereits häufig mit Currentzis zusammenarbeiteten. Während selten ein solch mächtiger und gleichzeitig präziser Sopran zu erleben ist, traf auch Hubeaux immer wieder gesanglich virtuos genau den Kern der Musik. Im Lacrymosa kulminieren Orchesterklang, Chorgesang und Solopartien auf kongeniale Weise. In die angespannte Stille hinein modelliert Hubeaux auf ergreifende Weise diesen Höhepunkt des Abends. Bald ergänzt um die anderen Stimmen sowie Chor und Orchester steht der Klang dynamisch und strahlend im Raum.

Diese Gestaltung zieht sich durch die weiteren Teile des Requiems. Besonders im Sanctus, in dessen Finale Currentzis die Musikerinnen und Musiker unerbittlich vorantreibt, eröffnen sich immer wieder ungeahnte Ebenen klanglicher Intensität und ästhetischen Erlebens. Für den Abschluss platzierte der Dirigent Abaeva schließlich in der Mitte des Chores, von wo aus eindringlich und getragen die letzten Passagen dieser Messe erklingen: Libera me.

Richard Wagner Statue in Venedig © IOCO
Richard Wagner Statue in Venedig © IOCO

Erst mit den Tönen Wagners Tannhäuser-Ouvertüre wurde das Thema des Konzerts am Samstag in Gänze enthüllt. Kristallklar und temporeich gestaltet Currentzis mit dem in weiten Teilen stehenden Ensemble diese Zusammenstellung zentraler Werke Wagners. Goerne übernahm auch hier eine Solopartie und überzeugte mit O du, mein holder Abendstern aus Tannhäuser auf ganzer Linie. Es folgten das Vorspiele zu Parsifal, Vorspiel und Isoldes Liebestod aus Tristan und Isolde sowie das Vorspiel zu Lohengrin. Der Dirigent setzte an diesem Abend nicht auf überwältigende Schwere und dichte Klanggewalt, sondern ließ die einzelnen Instrumentengruppen filigran strahlend und dynamisch komplex in einem ganz neuen Wagnerklang aufgehen. Den grandiosen Abschluss bildete die energiegeladene und mitreisende Darbietung des Vorspiels zu Die Meistersinger von Nürnberg, bei der sich Dirigent und Orchester in einen einnehmenden Sog aus purem Klang begaben. Großer Applaus und Bravorufe setzten ein. Die Musikerinnen und Musiker auf der Bühne wirkten sichtlich gelöst und freudig berührt. Und noch einmal baute sich vor den stehenden Ovationen der Chor auf der Bühne auf. Strahlend und machtvoll erklangen die Worte Wach auf! Mit dem erhabenen Schlusschor Wagners Meistersinger endete dieser Abend großer Kunst und Musik.

Der griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis gehört zu den anspruchsvollsten und visionärsten Künstlern unserer Zeit. Immer wieder ermöglicht er auf innovative, die Partitur interpretierend ernstnehmende Weise, Zugänge in die Welt der Kunst und Musik. Gemeinsam mit musicAeterna, dem neuen projektbasierten Ensemble Utopia sowie dem SWR Symphonieorchester, dem Currentzis als Chefdirigent vorsteht, werden auf den großen Bühnen der Welt immer wieder musikalisch und performativ berührende Höhepunkte geschaffen.

Von Currentzis 2004 in Nowosibirsk gegründet, zählt musicAeterna heute zu den Spitzenorchestern der Welt. Nach Jahren in der russischen Stadt Perm, hat dieses mittlerweile aus Orchester, Chor, Kammermusikensembles und eigener Tanzcompany bestehende Ensemble seinen Sitz in St. Petersburg. In den Gebäuden des alten Dom Radios werden Räume kreativer Arbeit, künstlerischen Austauschs und musikalischen Experimentierens geschaffen. Neben dem Erarbeiten neuer Ebenen ästhetischen Arbeitens und Erfahrens, geht es dem Ensemble um Vermittlung, Diskurs und Zugänglichkeit zu diesem so essentiellen Aspekt menschlichen Lebens, der Kunst.

Mit Auftritten in Moskau, St. Petersburg, Baden-Baden, Berlin und Dortmund während der aktuellen Tour von musicAeterna verbindet Currentzis kulturelle Zentren Europas und schlägt einen Bogen zwischen Orten und Kontexten, die Russlands Aggression so weit voneinander entfernt. Musik hat das Potential, als gemeinsame Ebene des kommunikativen Austausches wirksam zu werden. Dass sie dabei zumeist impliziert bleibt, stellt gleichzeitig Stärke und Schwäche dieses Modus dar. Mit Kunst kann dort angesetzt werden, wo Sprache an Grenzen stößt. Sie kann, je nach Verständnis, erfreuen oder schockieren, bestätigen oder irritieren, reproduzieren oder transformieren.

Festspielhaus Baden-Baden / Teoder Currentzis - musicAeterna im Festspielhaus © Andrea Kremper
Festspielhaus Baden-Baden / Teoder Currentzis – musicAeterna im Festspielhaus © Andrea Kremper

Durch Programm- und Besetzungsänderungen bei Currentzis‘ letzten Auftritten mit dem SWR Symphonieorchester und musicAeterna sowie der Initiative eines ‚Benefizkonzerts für die Menschen in der Ukraine‘ im Wiener Konzerthaus wurden Räume geschaffen, die die Interpretation von Kritik und Widerstand ermöglichen und dabei, vor dem Hintergrund des autoritären Kremlregimes, wohl weite Teile eines Äußerungsspielraums ausreizten. In internationalen und explizit um ukrainische Musikerinnen und Musiker ergänzten Besetzungen wurden historisch und interpretativ vielschichtige Werke deutscher, russischer und ukrainischer Komponisten aufgeführt – so beispielsweise die fünfte Sinfonie von Schostakowitsch und Strauss‘ Metamorphosen. Gleichzeitig bleibt die, spätestens seit Russlands Überfall auf die Ukraine, verstärkt und deutlich zu problematisierende finanzielle Verstrickung des Ensembles mit kremlnahen Institutionen wie der VTB-Bank und Gazprom bestehen. Dass im Zuge dessen eine öffentlich wirksame Krisenkommunikation des Ensemblemanagements nicht möglich zu sein scheint, ist bedauerlich. Die Gründe dafür sind von außen jedoch kaum zu beurteilen. Diese Ambivalenzen müssen derzeit als solche wahrgenommen werden. Gleichzeitig gilt es, in den Konsequenzen reflektiert und verantwortungsvoll zu agieren. Immer wieder lotet Currentzis mit seinen Orchestern die Grenzen von Musik und Kunst auf intensive und berührende Weise aus. Als kritisch-emanzipative Kraft kann hier ästhetische Erfahrung zur Geltung kommen oder zumindest an sie erinnern.

In den Konzerten in Baden-Baden erreichten musicAeterna und Currentzis abermals höchste Formen musikalischer Meisterschaft. Momente und Perspektiven der Hoffnung konnten aufstrahlen und erfahrbar werden in dieser Kunst, die Kern und Substanz der Werke sowie der Menschen auf der Bühne und im Publikum direkt erreicht. Currentzis endet den Konzertabend mit langer angespannter Stille, in die die letzten Töne des Requiems übergehen. Begeisterter Applaus, des bald in Gänze stehendes Saals, brandet auf. Ein berührtes, nachdenkliches, erfülltes Publikum verlässt das Festspielhaus in die Nacht.

—| IOCO Kritik Festspielhaus Baden-Baden |—


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