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Eduard von Winterstein Theater AnnabergKritikenOper

Annaberg, Eduard-von-Winterstein-Theater, FALSTAFF – Oper von Michael William Balfe, IOCO Kritik, 19.09.2022

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Thomas Thielemann
02. October 2022
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Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz © Dieter Knoblauch
Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz © Dieter Knoblauch

FALSTAFF – Oper Michael William Balfe – Deutsche Erstaufführung

Eduard-von-Winterstein-Theater – inspiriert mit der Entdeckung vergessener Opern 

von Thomas Thielemann

Die Erzgebirgs-Stadt Annaberg-Buchholz verfügt seit 1893 mit dem  Eduard-von-Winterstein-Theater über ein schmuckes Zwei-Sparten Haus und mit der Erzgebirgischen Philharmonie über ein leistungsfähiges Orchester. Zwischen 2010 und 2021 mischte der umtriebige Ingolf Huhn, Leiter der Erzgebirgischen Theater- und Orchester GmbH,  die Spielpläne mit seinen kreativen Ideen auf.

Seit dem vergangenen Jahr hat der aus Graz stammende Bariton Moritz Gogg die Intendanz des 320-Plätze-Hauses übernommen und mit Erich Zeisls Oper Leonce und Lena sogar den Enkel des Komponisten aus Los Angeles ins Erzgebirge gelockt. Auch dass man Michael William Balfes Vertonung der Komödie Die lustigen Weiber von Windsor von 1838 ausgegraben hat und diese den Bearbeitungen des Shakespeare-Stoffes von Otto Nikolai (1810-1849) des Jahres 1846 und Guiseppe Verdi (1813-1901) aus dem Jahre 1890 gegenüber stellte, sichert die Hoffnung, dass in Annaberg-Buchholz auch künftig Besonderheiten zu erwarten sind.

Michael William Balfe (1808-1870) wurde in Dublin geboren und früh als musikalisches Talent entdeckt. Im Alter von sechszehn Jahren ging er zunächst nach London und 1825 nach Paris. Ob Balfe bereits in London Gioachino Rossini (1792-1868) kennen lernte oder ob das erst in Paris erfolgte, bleibt unklar. Es war aber Rossinis Empfehlung, in Italien weiteren Musikunterricht zu nehmen und vor allem Gesang zu studieren.

Eduard-von-Winterstein-Theater / FALSTAFF © Dirk Rückschloß / Pixore Photography
Eduard-von-Winterstein-Theater / FALSTAFF © Dirk Rückschloß / Pixore Photography

In den folgenden Jahren war Balfe bevorzugt in London sowie Paris als Sänger und Opernkomponist mit Abstechern nach Italien, Deutschland, Österreich bzw. Russland gegebenenfalls auch als erfolgreicher Dirigent tätig. Einundzwanzig seiner Opern in italienischer, französischer und englischer Sprache sind überliefert, mit denen Balfe den Geschmack des britischen Publikums traf, aber auch internationale Erfolge feierte. Tatsächlich hat der Komponist an die achtunddreißig Bühnenwerke zum Teil den Bedingungen von Opernhäusern oder dem differenzierten Publikumsgeschmack angepasst.

Neben den Kompositionen von mindestens acht Kantaten, einer Symphonie, zahlreicher Balladen und Lieder beschäftigte sich Michael William Balfe in seinen späten Jahren auch mit Kammermusik.

Es war Elisabeth I. (1533-1603), die William Shakespeare (1564-1616) im Jahre 1597 beauftragte, zur Abwechslung von seinen dramatischen Werken ein Lustspiel zu schreiben. In der Person des Königs Heinrich IV., seines Zeitgenossen Ritter John Oldcastle sowie in italienischen Novellen des Giovanni Francesco  Straparola (um 1480-etwa 1558) und der Sammlung  des Giovanni Florentino Il Pecorone fand Shakespeare Anregungen zur Komödie Die lustigen Weiber von Windsor.

Weil zwei Opern des Michael William Balfe in London einen großen künstlerischen und gewaltigen finanziellen Erfolg erreichten, erhielt der Ire den Eilauftrag für eine Weiterung in der „Italian Opera“..

Eduard-von-Winterstein-Theater / FALSTAFF © Dirk Rückschloß  / Pixore Photography
Eduard-von-Winterstein-Theater / FALSTAFF © Dirk Rückschloß  / Pixore Photography

Nachdem bereits Antonio Saleri (1750-1825) im Jahre 1799 mit seiner Oper Falstaff ossia Le tre burle den Stoff aufgenommen hatte, schrieb der in London lebende Übersetzer und Schriftsteller Manfredo Maggioni (1810-1870) für Balfes erste „italienische Oper für London“ 1836 ein Libretto nach Motiven der Shakespeare-Komödie in italienischer Sprache. Maggioni hat auch mit Guiseppe Verdi an Lied-Bearbeitungen zusammen gearbeitet und war mit der Sängerin Giuseppina Strepponi (1815-1897), der späteren Lebensgefährtin und zweiten Ehefrau Guiseppe Verdis (1813-1901), befreundet. Zudem unterstützte  Balfe Verdi bei Proben zur Oper I Masnadieri in London .

Ebenso wird vermutet, dass der Librettist der späteren Verdi- „Falstaff-Vertonung“ von 1889, Arrigo Boito (1842-1918), die geniale Verknappung des fünf-aktigen Shakespeare-Stoffes auf die zwei Akte des Librettos der Balfe-Oper während seines Studiums im Mailänder Konservatorium vom Jahre 1853 bis 1861 kennen gelernt hatte und zu nutzen wusste. Die ähnliche Dramaturgie beider Falstaff-Opern lässt zumindest diese Vermutung zu.

Balfe  hatte für die Fertigstellung seines Falstaff nur wenig Zeit, von acht Wochen wurde berichtet, so dass er sich Segmente aus Kompositionen seiner italienischen Opern der Mailänder Zeit borgte und trotzdem ein homogenes Werk mit einer Fülle großartiger Melodien  sowie einer beeindruckenden Orchestrierung im Stile des späten Donizettis (1797-1848) zur Aufführung brachte.  Auch merkt man der Oper an, dass der Komponist ein ausgebildeter Sänger mit reicher Bühnenerfahrung war. Keine der Partien enttäuscht, jeder der Solisten bekommt seine großen Momente. Es standen doch für die Uraufführung vier strahlende Sänger-Stars der Zeit für die Bewältigung der enormen vokalen Schwierigkeiten zur Verfügung: die Koloratur-Sopranistin Giulia Grisi (1811-1869), der Tenor Giovanni Battista Rubini (1795-1854), der Bariton Antonio Tamburini (1800-1876) und vor allem der Bassist Luigi Lablache (1794-1858) als Falstaff.

Der Erfolg der Erstaufführungsserie der Oper in der „Her Majesty´s Theatre“ Londons von 1838 konnte in der Folgezeit mit weiteren Inszenierungen nicht wiederholt werden. Vor allem wurde vermutet, dass die Bassisten die Vergleiche mit den Interpretationen des Falstaff von Lablache und des Fenton von Rubini scheuten. Als bei einem Versuch der Wiederaufnahme im Jahre 1848, Balfe war inzwischen auch der Direktor der Oper geworden, die „schwedische Nachtigall Jenny Lind (1820-1887) die Partie der Frau Ford zurück gab, scheitere das Projekt endgültig.

Die Inszenierung und Ausstattung hatte Christian von Götz, unterstützt vom Choreographen Leszek Kuligowski sowie den Haus-Dramaturgen  Lür Jaenike und Annelen Hasselwander, übernommen. Götz verortete Handlung und Personen in der Welt eines Zirkus, um den Figuren eine Grundlage der Entwicklung ihrer komödiantisch-anarchischen Charaktere zu schaffen.

Um die Handlung voranzutreiben, wurden die oft als belastend empfundenen Rezitative durch ins Deutsche übersetzte Zitate aus Shakespeare-Originalen ersetzt und von der Schauspielerin des Hausensembles Nadja Schimonowsky mit tollem Stimm- und Körpereinsatz als „der schöne Will“ auf die Bühne gebracht.

Mit gekonnter Personenführung, intensiver Einbeziehung der von Jens Olaf Burow und Daniele Pilato hervorragend vorbereiteten Chor-Statisten-Gruppe des Eduard- von-Winterstein-Theaters gelang es, die Agierenden miteinander in Beziehung zu bringen. Da war vieles konzentriert, bündig und schlagkräftig. Da wurde von den großen und kleinen Unmöglichkeiten des Menschseins erzählt, wurden Normen ausgelotet und der Zuschauer mit einem Übermaß an Phantasie überschüttet.

Die darstellerisch souveräne und mit einem facettenreichen klangschönen Sopran als Mrs. Ford glänzende Bettina Grothkopf zerschlug bereits mit ihrer Auftrittsarie die Shakespeare’sche Männerphalanx, indem sie sechs Statisten einer „Freiheitsdressur“ unterzog. Mit dem genialen Einfall, Frauen in Männerkleidung und Männer in Frauengarderobe auftreten zulassen, war diese Orientierung weiter gestützt.

Eduard-von-Winterstein-Theater / FALSTAFF © Dirk Rückschloß  / Pixore Photography
Eduard-von-Winterstein-Theater / FALSTAFF © Dirk Rückschloß  / Pixore Photography

Es war immer lustig und es war immer etwas los auf der kleinen Bühne. Selbst als Wjatscheslaw Sobolev die teuflisch hochgelegte, über das hohe-C hinaus gehende Tenorarie des Fenton schmetterte, lockerte das Felsenstein-Pferd die sentimentale Stimmung auf. Auch wenn Fenton und Annetta im Liebesduett gefühlsmäßig im siebten Himmel sind, wurden Mittel der Luftakrobatik eingesetzt. Dank des häufigen Szenenbeifalls entstand stellenweise sogar der Eindruck einer Nummernrevue.

Aber wie im richtigen Leben, scheitert der Individualist Falstaff am Wiederspruch selbst der Zirkus-Gesellschaft und endet als angepasster „Normal-Bürger“, also eigentlich tragisch.

Was blieb sonst in Erinnerung:

Das wunderbare Terzett der Pferde-Domtöse Mrs. Ford – Grothkopf, der Bodenakrobatin Mrs. Page Heain Youn und der Hula-Hoop-Artistin Anetta-Maria Rüssel.  Die überraschend kupierte Waschkorbszene mit einem grandios komödiantisch agierendem Jason-Nandor Tomory, der auch sonst als Mr. Ford mit einem reifen kultivierten der jeweiligen Situation angepasster Bariton-Stimme aufwartete.

Bettina Corthy-Hildebrandt singt und spielt mit der ganzen Palette ihrer Erfahrungen, so dass sie als Mrs. Quickly mit Bravour überzeugte. Der Chor-Bassist Jinsei Park komplettierte als Mr. Page die Ensembleleistung.

Der Falstaff  Lásló Vargas ließ die komischen Momente der Handlung mal wie selbstverständlich mitlaufen und mal drastisch ausufern, stets aber mit sicherem Timing, was wann angesagt ist. Beeindruckend der Einsatz seines trotz lautstarkem Orchestergraben kultivierten Basses, der mit seiner Abschlussarie nochmals aufdrehte.

Und da wäre noch das interessante Pferd, eine Leihgabe der Komischen Oper Berlin aus der historischen Felsenstein-Inszenierung von Offenbachs Blaubart, die von den Herren Christian Harnisch, Clemens Leibelt und Lars Riedel gekonnt in Szene gesetzt wurde.

Mit der wie ein Wirbelwind daherkommenden schneidig-fetzigen Ouvertüre führte die vom Generalmusikdirektor Jens Georg Bachmann konzentriert geleitete Erzgebirgische Philharmonie Aue in den Abend ein. Präzise gab Bachmann den Musikern und den Solisten ihre Einsätze .Die Musiker der Erzgebirgischen Philharmonie sicherten neben einer ausgereiften Sängerbegleitung eine berückende sinfonische Ausmalung der Partitur zur Geltung.

Heftiger Beifall des leider nicht ausverkauften Hauses dankte für eine homogene Ensembleleistung.

Es war ein Samstag-Abend, der wieder einmal unser Verlangen nach Musik abseits des gängigen Repertoires gestillt hatte. Nicht zuletzt, weil diese Neuentdeckungen die Regie vor halsbrecherischen Verfremdungen und Aktualisierungen schützen.

—| IOCO Kritik Eduard von Winterstein Theater |—


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