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Bremen, Theater Bremen, DON CARLO – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 21.09.2022

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Thomas Birkhahn
20. September 2022
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Theater Bremen

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg
Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

DON CARLO – Giuseppe Verdi

– Don Carlo  – impulsiver Gefühlsmensch ohne strategisches Geschick –

von Thomas Birkhahn

Wie viel persönliche und politische Freiheit sind in einer Diktatur möglich? Wie viele Kompromisse muss man mit den Mächtigen eingehen, um in einer Gewaltherrschaft nicht unterzugehen? Das sind die spannenden Fragen, die Regisseur Frank Hilbrich in seiner Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Don Carlo am Theater Bremen verhandelt. Dabei findet er viele starke Bilder, die dem Zuschauer auch lange nach Ende der Vorstellung noch im Gedächtnis haften, wenn auch manche von ihnen rätselhaft bleiben.

Der Don Carlo (der geläufigere Titel Don Carlos ist streng genommen der französischen Fassung vorbehalten) gehört zu Verdis Spätwerk. Der damals schon weltberühmte Komponist beschäftigte sich über einen Zeitraum von 20 Jahren mit seiner viertletzten Oper. Immer wieder feilte er daran, strich die Balletteinlage, machte aus der fünfaktigen Pariser Uraufführung eine vieraktige Fassung für Mailand, um später doch wieder zu fünf Akten  zurück zu kehren. So muss sich jedes Theater für eine der insgesamt sieben Fassungen entscheiden.

Das Theater Bremen hat für die Neuproduktion des Don Carlo die heute geläufige fünfaktige Fassung in italienischer Sprache gewählt, jedoch mit Kürzungen, die die Handlung teilweise schwerer nachvollziehbar machen.

So ist die allererste Szene stark gekürzt, und wir sehen nicht Elisabeths Aufeinandertreffen mit dem unter dem Krieg leidenden  französischen Volk.  Elisabeths Mitgefühl mit den hungernden Menschen bleibt dem Zuschauer verborgen, wodurch ihr Entschluss, sich gegen die Liebesheirat mit Don Carlo und für die Vernunftehe mit dessen Vater Filipp – die ja den Krieg und damit das Leid des Volkes beendet – zu entscheiden, schwerer nachvollziehbar wird.

Theater Bremen / DON CARLO hier Patrik Zielke als Filipp II. und Taras Shtonda als Großinquisitor © Jörg Landsberg
Theater Bremen / DON CARLO hier Patrik Zielke als Filipp II. und Taras Shtonda als Großinquisitor © Jörg Landsberg

Aber vielleicht ist Hilbrich der Auffassung, dass es ohnehin mehr die familiären Erwartungen sind, die Elisabeth keine andere Wahl lassen als sich jenseits aller politischen Erwägungen dem elterlichen Wunsch zu fügen.

Er betont Elisabeths anfängliche jugendliche Unbekümmertheit (sehr überzeugend gespielt von Sarah-Jane Brandon) und macht dadurch die persönliche Katastrophe noch bestürzender. Das  verhängnisvolle „Ja“ zur Ehe mit Filipp lässt er filmen und auf den durchsichtigen Vorhang projizieren, der im ersten Akt noch zwischen Darstellern und Publikum hängt. Dadurch sehen  wir direkt in die Gesichter des Paares, das durch politische  Ränkespiele um seine gemeinsame  Zukunft gebracht wird und der Stimmungsumschwung ist noch eindringlicher.

Dass Hilbrich sich ganz auf die menschliche und politische Seite von Verdis Spätwerk konzentriert, wird schon vor Beginn der Vorstellung deutlich, indem er das Heine-Zitat „O Freiheit, du böser Traum“ auf den Vorhang projizieren lässt.

Königlichen Pomp und prunkvolle Ausstattung sucht man bei ihm vergeblich, das Geschehen spielt ab dem zweiten Akt in einer Art begehbarer Bücherwand, die sich stufenförmig in die Höhe zieht und die vermutlich das Wissen der Welt und den menschlichen Fortschritt symbolisieren soll (Bühne: Katrin Connan).

Theater Bremen / DON CARLO © Jörg Landsberg
Theater Bremen / DON CARLO © Jörg Landsberg

In dieser Kulisse sehen wir König Filipp II. von Spanien (souverän gestaltet von Patrick Zielke), in Bücher vertieft, die ihm vermitteln sollen, wie man in die Herzen der Menschen sehen kann. Er sehnt sich nach menschlicher Nähe und ist doch in der Einsamkeit seiner Macht gefangen.  Hilbrich zeigt ihn als brutalen Tyrannen, der mit einer kleinen Handbewegung Menschen in den Tod schickt. Als absolutistischer Herrscher hat er niemanden neben sich, alle seine Beziehungen sind Abhängigkeitsbeziehungen. Der  Einzige, der es wagt, ihm offen zu widersprechen, ist Rodrigo (mit großer Intensität gespielt und gesungen von Michal Partyka), und Filipps Sehnsucht nach einer menschlichen Beziehung auf Augenhöhe ist so groß, dass er Rodrigo trotz dessen freiheitlicher Ansichten, die seine Diktatur gefährden, zum persönlichen Berater macht.

Aber auch Rodrigo ist ein Rad im Getriebe der Macht, bei dem die Grenzen zwischen persönlichem und politischem Handeln verschwimmen. Hilbrich macht aus der Szene des dritten Aktes, in dem Rodrigo seinem Freund Don Carlo die Waffe abnimmt, bevor dieser sie gegen seinen Vater richten kann, einen hochdramatischen Moment. Hier wird das Private politisch, denn seine Sorge um das Schicksal des Freundes trägt zum Machterhalt der Diktatur bei.

Überhaupt liefert diese Szene, in der die rebellischen Freiheitskämpfer des von Spanien unterdrückten Flandern hingerichtet werden, die vielleicht stärksten Bilder des Abends. Das Volk wirft die Bücher des Bühnenbildes auf einen Haufen und wir sehen eine Bücherverbrennung. Doch damit nicht genug. Nach dieser Unterwerfung unter die Diktatur und Ablehnung von Wissenschaft und Fortschritt lassen sich dieselben Menschen wenig später von flandrischen Rebellen dazu verleiten, die Flagge Flanderns zu schwenken und für die Freiheit zu demonstrieren. Das ist Hilbrichs zutiefst pessimistische Sicht auf die Manipulierbarkeit der Massen.

Theater Bremen / DON CARLO hier der Großinquisitor und Sarah-Jane Brandon als Elisabeth © Jörg Landsberg
Theater Bremen / DON CARLO hier der Großinquisitor und Sarah-Jane Brandon als Elisabeth © Jörg Landsberg

Die Titelfigur des Don Carlo zeigt Hilbrich als impulsiven Gefühlsmenschen ohne jedes strategische Geschick. Er entbrennt sofort für Elisabeth und lässt sich ebenso schnell von seinem Freund Rodrigo für dessen Freiheitskampf in Flandern begeistern. Don Carlo folgt spontan seinen Gefühlen, wenn er im zweiten Akt Elisabeth erneut seine Liebe gesteht. Eine Liebe, die nicht nur aussichtslos sondern auch gefährlich ist, aber das sieht er nicht. Dass ein von Geburt an als Thronfolger ausersehener Mensch nicht über ein Übermaß an Menschenkenntnis verfügt, ist offensichtlich. Die allermeisten Menschen begegnen ihm nicht auf Augenhöhe. Außerdem ist der Druck, der auf ihm lastet, enorm. Er muss den Erwartungen der eigenen Familie und des Landes gerecht werden und hat sich dabei diese Rolle nicht mal ausgesucht.  Bei Hilbrich trägt Don Carlo schwer an dieser Last. Er ist gänzlich ungeeignet für die Härten der Politik, die im von der Inquisition dominierten Spanien des 16. Jahrhunderts über Leichen geht.

Luis Olivares Sandoval spielt Don Carlo mit einer überzeugenden Mischung aus Unsicherheit und Impulsivität. Er bemerkt nicht die Intrige, die die Fürstin Eboli gegen ihn spinnt. Und auch hier wurde wieder auf Kosten der nachvollziehbaren Handlung gekürzt, denn die erste Szene des dritten Aktes, die den  Maskentausch von Elisabeth und Eboli zeigt und somit erklärt, wie Carlo die beiden verwechseln konnte, wurde gestrichen.

Hilbrichs Darstellerinnen und Darsteller setzen seine starke Personenregie mit großer Überzeugung um. Besonders spannungsgeladen gelingt die Szene im zweiten Akt, in der sich das nun ehemalige Liebespaar zunächst wie erstarrt gegenüber steht, um sich dann in immer größerer Verzweiflung wieder näher zu kommen.

Manche Bilder, die Hilbrich wählt, sind etwas zu plakativ geraten, etwa wenn Elisabeth zur Krönung einen Kopfschmuck angelegt bekommt, der an einen Maulkorb erinnert. Das ist unnötig überdeutlich.

Und damit wären wir bei den Bildern, deren Sinn sich nicht gänzlich erschließt: Filipps Vater, Karl V., also Don Carlos Großvater, ehemals Herrscher des spanischen Weltreiches, hat abgedankt und lebt zurückgezogen im Kloster. Oder lebt Karl V. nicht mehr und es ist sein Geist? Oder ein einfacher Mönch mit ähnlicher Stimme? Das ist bei Verdi nicht eindeutig, aber Hilbrich macht aus dieser rätselhaften Figur eine Jesus-Gestalt mit Bart, langen Haaren  und Dornenkrone. Und diese Gestalt rollt nun die ganze Oper hindurch eine große, aus Büchern bestehende Kugel das Bücherregal hinauf. Doch muss er immer wieder von vorne beginnen, weil die Kugel wieder runter rollt, bevor er sie ganz nach oben geschafft hat. Dies ist natürlich eine Anspielung auf Sisyphos, dessen Schicksal es war, sein Leben lang einen Stein den Berg hinauf zu rollen. Was nun Jesus und Sisyphos mit Karl V. zu tun haben, erschloss sich mir (bisher) nicht. Auch nicht das Ende der Oper, in dem ursprünglich Karl V. seinen Enkel vor der Rache seines Vaters rettet. Bei Hilbrich gelingt es Jesus-Sysiphos schließlich doch, die Bücherkugel ganz nach oben zu rollen, woraufhin er weinend zusammenbricht, die Kugel absichtlich wieder nach unten stößt und schließlich stirbt. Daraufhin beginnt Don Carlo, die Kugel hinauf zu rollen und der Vorhang  fällt.

Stimmlich ist dies ein Abend auf sehr hohem Niveau. Das große Ensemble ist bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt, alle Sängerinnen und Sänger wie auch der Chor beherrschen ihre Partien sicher und gestalten sie überzeugend. Neben dem bereits erwähnten Michal Partyka (Rodrigo) ragen besonders Taras Shtonda als  furchteinflößender Großinquisitor und Nathalie Mittelbach als stimmgewaltige Intrigantin  Eboli heraus.

Das letzte Wort soll jedoch den Bremer Philharmonikern und ihrem Chef Marco Letonja gehören. Sie waren nicht nur präzise und einfühlsame Begleiter des Sängerensembles, sondern auch großartige Mitgestalter von Verdis Seelendrama. Es bleiben vor allem die feierlichen Blechbläserpassagen zu Beginn des zweiten Aktes, der erschütternde orchestrale Ausbruch in der Auseinandersetzung zwischen Filipp und Rodrigo am Ende desselben sowie das wunderbar einfühlsam vorgetragene Cellosolo zu Beginn des vierten Aktes in Erinnerung.

Ein großer Opernabend, der musikalisch keine Wünsche offen ließ und szenisch starke Bilder bereithielt, endete mit stehenden Ovationen für alle Beteiligten.

DON CARLO am Theater Bremen; die nächsten Vorstellungen am 24.9.; 30.9.; 16.10.; 22.10.2022 und mehr: HIER!

—| IOCO Kritik Theater Bremen |—


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