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Hamburg, Elbphilharmonie, AUFERSTEHUNGSSINFONIE – Gustav Mahler, IOCO Kritik, 07.09.2022

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Thomas Birkhahn
14. September 2022
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Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann
Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung der Elphi © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg

Gustav Mahler : Sinfonie Nr. 2 c-moll – Auferstehungssinfonie

NDR Elbphilharmonie Orchester – Alan Gilbert, Christina Nilsson, Sarah Connolly

von Thomas Birkhahn

Gustav Mahler Ehrung in der Hamburgischen Staatsoper © IOCO
Gustav Mahler Ehrung in der Hamburgischen Staatsoper © IOCO

Es war im Hamburger Michel – Luftlinie weniger als einen Kilometer von der Elbphilharmonie entfernt – wo Gustav Mahler im Jahr 1894 die Idee für den Finalsatz seiner Auferstehungssinfonie kam. Mahler war Gast auf der Trauerfeier für den legendären Dirigenten Hans von Bülow, der als Dirigent der Uraufführungen von Wagners Tristan und Meistersinger in die Musikgeschichte einging. Gustav Mahler hörte dort das Gedicht „Die Auferstehung“ von Friedrich Gottlieb Klopstock und wusste nun nach eigener Aussage endlich, wie er sein sechs Jahre zuvor begonnenes Riesenwerk vollenden würde – nämlich mit einem Chorfinale zu eben jenen Versen Klopstocks. Doch bis es zu diesem finalen fünften Satz kommt, ist es für Zuhörer wie für Ausführende ein weiter Weg.

Dirigent Alan Gilbert macht an diesem Abend, 3.9.2022,  deutlich, dass der erste Satz ursprünglich von Mahler als Sinfonische Dichtung mit dem Titel „Totenfeier“ konzipiert war. Er ist ein grandioser Erzähler dieser epischen Musik, in der sich die musikalischen Ereignisse geradezu überschlagen. Er lässt das Blech mit schneidender Schärfe brüllen, die Streicher in schauerlichem Tremolo erzittern und die Holzbläser in den pastoralartigen Passagen  anrührend Trost spenden.

Schon das von Celli und Bässen  einleitende Rezitativ wird mit einer Wucht herausgeschleudert, die die ganze Zerrissenheit dieses Satzes in sich trägt.

Alan Gilbert legt die harten Brüche dieser Musik schonungslos offen. Der marschartige Rhythmus lauert immer im Hintergrund, um kurz aufkommende Hoffnungsschimmer gnadenlos zunichte zu machen. Es liegt eine Schwere und Düsterkeit über dieser Musik, die gelegentlich von wunderbar zart vorgetragenen Oasen der Ruhe unterbrochen werden. Gilbert lässt hier sein Orchester sehr schlicht und ohne übertriebene Sentimentalität musizieren.

Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester © Michael Zapf
Elbphilharmonie / NDR Elbphilharmonie Orchester © Michael Zapf

Auch verwechselt er nicht Dramatik mit Lautstärke und lässt deshalb nicht bei jedem Forte die Elbphilharmonie erzittern. Stattdessen konzentriert er sich auf ganz wenige Höhepunkte, an denen er die Dynamik voll ausreizt und die dadurch ihre erschütternde Wirkung voll entfalten.

Elbphilharmonie / Dirigent Alan Gilbert © Peter Hundert / NDR
Elbphilharmonie / Dirigent Alan Gilbert © Peter Hundert / NDR

Das „Andante moderato“ ist für Gilbert ein echter Ländler. Er wählt ein beschwingtes Tempo und macht diese Musik damit „tanzbar“. Man hat diesen Satz auch schon deutlich langsamer gehört, wie eine ferne Erinnerung an schöne Zeiten. Bei Gilbert  i s t  es die schöne Zeit, wenn auch mit Wehmut durchsetzt. Besonders im Gedächtnis bleibt die mit großartiger Gesanglichkeit vorgetragene „Nebenmelodie“ der Celli, die ohne jede sentimentale Übertreibung in ihrer Schlichtheit zu Herzen geht.

Die ersten vier Sinfonien Mahlers werden gelegentlich als seine „Wunderhorn-Sinfonien“ bezeichnet, weil er in ihnen eigene Lieder aus seiner Sammlung Des Knaben Wunderhorn verarbeitet. So legt Mahler dem dritten Satz dieser  Sinfonie sein Lied „Des Antonius von Padua Fischpredigt“ zugrunde. In diesem Lied geht es um den heiligen Antonius, der die Kirche leer vorfindet und deshalb seine Predigt an die Fische hält, die zwar von seinen Worten angetan sind, ihr schlechtes Verhalten jedoch beibehalten. Das Lied endet mit den Worten „Die Predigt hat g’fallen, sie bleiben wie Allen“ und ist eine humoristische Sicht auf den Lauf der Welt, der sich doch nie ändert.

Gilbert hält diese quirlige Musik immer in Bewegung und auch Mahlers bissiger Humor kommt nicht zu kurz, wenn die Klarinetten ihre „Bemerkungen“ mit übertriebenen Betonungen einwerfen.

Gegen Ende des Satzes betreten dann die Solistinnen den Konzertsaal und hier wäre schon zu fragen, ob man diese Ablenkung von der Musik nicht hätte vermeiden können, indem die Solistinnen sich wie der Chor vor Beginn der Aufführung auf ihre Plätze begeben hätten oder zumindest zwischen dem ersten und zweiten Satz, zumal  Mahler an dieser Stelle in der Partitur eine „Pause von „mindestens 5 Minuten“ fordert.

Mahler wählt als vierten Satz sein Wunderhorn-Lied „Urlicht“, in dem ein Kind den Wunsch äußert, der Not des Lebens zu entfliehen und in den Himmel einzuziehen.

Elbphilharmonie / Sarah Connolly © Christopher Pledger
Elbphilharmonie / Sarah Connolly © Christopher Pledger

Die Wirkung, die dieses schlichte und anrührende Lied nach den Stürmen der ersten drei Sätze auf den Hörer hat, könnte nicht größer sein und Mezzosopranistin Sarah Connolly macht mit ihrer dunkel timbrierten Stimme aus diesem Lied ein inniges Flehen, das zu Herzen geht. Im Orchester fehlt hier gelegentlich die Präzision im Zusammenspiel, Sologeige und Klarinette sind deutlich hörbar auseinander.

Jäh wird der Hörer aus den friedlichen Klängen dieses Liedes herausgerissen wenn Mahler die Schrecken dieser Welt im fünften Satz hörbar macht. Das NDR Elbphilharmonie Orchester spielt mit geradezu beängstigender Intensität. Mahlers episches Erzählen ist zurück, ob Choral, Marsch, Vogelstimmen oder Schreckensklänge –   Gilbert gestaltet die verschiedenen Episoden dieser Musik mit großer Eindringlichkeit. Dies ist Musik, die zeitweise weh tun will und von einer aus den Fugen geratenen Welt erzählt. Gilbert und seine Musiker schonen die Hörer nicht, sie machen die Schmerzen Mahlers für den Hörer erlebbar.

Elbphilharmonie / Christina Nilsson © Peter Knutsson
Elbphilharmonie / Christina Nilsson © Peter Knutsson

Ein denkwürdiger Moment ist der Einsatz des Chores, der ohne aufzustehen in absoluter Regungslosigkeit verharrt um mit unendlicher Ruhe die Worte Klopstocks „Aufersteh’n, ja Aufersteh’n wirst du mein Staub, nach kurzer Ruh!“ vorzutragen.

Sopranistin Christina Nilsson und Sarah Conolly lassen dann noch einmal mit Mahlers eigenen Worten das Leid der Welt eindringlich zurückkehren („O Schmerz, Du Alldurchdringer!…O Tod! Du Allbezwinger!“) bis der Komponist die Sinfonie in optimistischem Triumph mit dem Glauben an die Auferstehung beendet.

Einem Ende, das an diesem Abend die Krönung einer sehr eindringlichen Wiedergabe ist, die mit lang anhaltenden stehenden Ovationen belohnt wird.

 

 

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