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Hamburg, Operettenhaus, TINA – Rockmusical von Katori Hall, IOCO Kritik, 22.06.2022

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Wolfgang Schmitt
22. June 2022
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Operettenhaus Hamburg © Stage Entertainment
Operettenhaus Hamburg © Stage Entertainment

Stage Operettenhaus Hamburg

TINA – Rockmusical von Katori Hall

– TINA – das Leben der Rock- und  Soul-Legende Tina Turner –

von Wolfgang Schmitt

Mit „Simply the Best“ beginnt dieses Musical, und dieser Titel ist dann auch das Motto eines atemberaubenden Abends, der eine musikalische Reise durch das aufregende, turbulente Leben der Soul- und Rock-Ikone Tina Turner zum Thema hat. 1939 als Anna Mae Bullock in Nutbush, Tennessee geboren, lernte sie den Musiker Ike Turner Ende der Fünfziger Jahre in St.Louis kennen und trat in seine Band ein. Bis in die Mitt-Siebziger tourten sie als “Ike und Tina Turner“ durch die Welt, bis Tina endlich den Absprung schaffte und sich von ihrem cholerischen, psychopathischen und brutalen Ehemann trennte und ihr nach einigen Anlaufschwierigkeiten eine sensationelle, lang anhaltende Solokarriere gelang.

Bereits in den Neunziger Jahren wurde ihr dramatisches, stürmisches Leben verfilmt mit Angela Bassett und Laurence Fishburne in den Hauptrollen. Und es war naheliegend, aus solch einem spannungsreichen Stoff und solch umfangreichen Musikmaterial auch ein Musical zu erarbeiten. 2018 erlebte London die Uraufführung dieses Musicals, von Katori Hall geschrieben, in der Inszenierung der bekannten Opernregisseurin Phyllida Lloyd, die u.a. auch den ABBA-Film „Mamma Mia“ drehte. Sie übernahm die Regie von „Tina“ auch am Hamburger Operettenhaus.

TINA – das Rockmusikal Tina Turner – seit 3 Jahren im Operettenhaus
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Nach dem Intro „Simply the Best“ werden wir zurück versetzt in die Vierziger Jahre, die folgenden Szenen spielen in Nutbush, Tennessee. Wir sehen Projektionen von Baumwollfeldern, einen Gottesdienst unter freiem Himmel, geleitet von Tinas Vater Richard Bullock (Trevor Jackson) – hier erklingt erstmals der Song „Nutbush City Limits“ – und auch die Wohnung der Familie Bullock. Die kleine Tina bzw. Anna Mae singt während des Gottesdienstes besonders laut und wird von ihrer herrischen, gestrengen, stets unzufriedenen Mutter Zelma Bullock zurechtgewiesen. Ihre Eltern entfachen einen Streit über das nicht wirklich gute leben, das sie miteinander führen. Die Mutter bekennt, daß sie mit der älteren Tochter Aileen genug hatte und Anna Mae eigentlich gar nicht haben wollte.

Schließlich verläßt sie mit der älteren Tochter das Haus, zieht nach St.Louis, auch der Vater sucht das Weite und läßt die verstörte Anna Mae in der Obhut der Großmutter zurück. Rührende, liebevolle Szenen spielen sich zwischen der Enkelin und der Großmutter ab (Anastasia Bain als Gran Georgeanna singt „Schau nur nach vorn“), die schließlich dafür sorgt, daß  Anna Mae zu ihrer Mutter und Schwester nach St.Louis geht. Anna Mae und Aileen besuchen einen Musikclub, in dem Ike Turner mit seiner Band auftritt (Dinipiri Etebu als Ike singt „The Hunter“). Anna Mae singt begeistert mit („Loop di Loop“), und Ike ist beeindruckt von ihrer Stimme. Er überredet ihre egozentrische Mutter, sie für 25 Dollar pro Abend mit ihm auf Tournee gehen zu lassen, die auch allzu gern einwilligt (Kim Sanders als Mutter singt mit Ike „It’s gonna work out fine“/“Wir kriegen das schon hin“). Ike bestimmt, daß Anna Mae ab sofort ‘Tina’ heißen wird, die Band wird umbenannt in „Ike and Tina Turner Review“, und ihre erste Platte wird „A Fool in Love“ sein. Tina – Aisata Blackman – mit ihrer markanten Stimme, ihrer Ausstrahlung und ihrem Showtalent ist der Star der Band. Ike wird eifersüchtig und fühlt sich nur noch als „der Mann im Hintergrund“, und so lernt Tina ganz schnell Ikes cholerische Seite und seine Unberechenbarkeit kennen.

Operettenhaus Hamburg / Musical TINA hier Aisata Blackman als Tina © Stage Entertainment
Operettenhaus Hamburg / Musical TINA hier Aisata Blackman als Tina © Stage Entertainment

Sie sucht Trost bei dem Bandmitglied Raymond Hill (Lionel von Lawrence), von dem sie schwanger wird (ihr Duett „Let’s stay together“, auf deutsch „Lass’ uns zwei eins sein“). Doch Raymond ist nicht stark genug um gegen Ike aufzubegehren. Ike wirft Raymond aus der Band, nachdem er erfährt, daß Tina von ihm schwanger ist. Schließlich verlangt Ike von Tina, daß sie ihn heiratet, es wäre gut für das Image der Band, die ja ohnehin bereits „Ike and Tina Turner Review“ heißt (Tina singt „You better be good to me“/“Sei gut zu mir“). Gegen Tinas Willen engagiert Ike eine Managerin. Rhonda Graam (Lisa Kolada) und hofft auf größere Erfolge („I want to take you higher“). Der Produzent Phil Spector (Bagdasar Khachikyan) wird auf die Band aufmerksam, insbesondere Tina und ihre großartige Stimme interessiert ihn und mit ihr nimmt er den Klassiker „River deep, Mountain high“ auf. Die Spannungen zwischen Ike und Tina werden unerträglich, es kommt zu physischen Auseinandersetzungen, Tina will endlich heraus aus dieser Tortur, Ike fleht sie an zu bleiben („Verzeih mir noch mal Baby“/“Be tender with me Baby“). Die Karriere verläuft weiter steil nach oben, mit „Proud Mary“ verzeichnen sie einen Millionenhit. Doch die private Situation der Beiden wird immer prekärer und aussichtsloser, schließlich verläßt Tina ihn endgültig und nahezu mittellos („I don’t want to fight“/“Ich kann einfach nicht mehr streiten“).

Der zweite Teil der Show befaßt sich quasi im Zeitraffer mit Tinas Solokarriere, von dem etwas holperigen Beginn in einem drittklassigen Las-Vegas-Club bis hin zu ihren sensationellen Erfolgen, als sie die höchsten Höhen ihrer Karriereleiter erklommen hatte die größten Konzerthallen und Stadien füllte.

Operettenhaus Hamburg / Musical TINA hier der Schlussapplaus © Wolfgang Schmitt
Operettenhaus Hamburg / Musical TINA hier der Schlussapplaus © Wolfgang Schmitt

Rhonda Graam (Lisa Kolada) war nicht nur Managerin, sondern war für Tina eine gute Freundin und Vertraute geworden („Open Arms“/“Mit offenen Armen“), die sich weiterhin um ihr Wohl kümmerte, so gut es ging. Ike Turner macht Probleme, will ihr verbieten, unter dem Namen „Tina Turner“ aufzutreten. Das Geld ist knapp und ihre Söhne, die bei ihr geblieben sind, sehnen sich nach dem früheren Luxusleben und vermissen den Vater. Doch Tina ist eine Kämpferin und läßt sich nicht entmutigen („Ich werd’ weiter tanzen“/„Private Dancer“). In Las Vegas besucht der junge australische Musikmanager Roger Davies (Michael Berres) Tinas Show und ist schwer begeistert. Hier deutet sich der Wendepunkt ihrer Karriere an. Davies organisiert den Kontakt zur Plattenfirma Capitol, doch allzu angetan ist man dort noch nicht von der “abgehalfterten Soul-Oma“ (Stefan Preuth als Plattenboss John Carpenter). Davies reist mit Tina nach London, wo Tina nicht nur auf Erwin Bach (Simon Mehlich), den Mitarbeiter einer dortigen Plattenfirma, sondern auf angesagte Musiker trifft, die glauben, das richtige Konzept für ein neues Tina-Turner-Album zu haben. Tina ist schwer zu überzeugen, sie weiß selber nicht, in welche musikalische Richtung sie sich bewegen soll („I can’t stand the Rain“/“Regen fällt wie Blei“). Auch über die neuen Aufnahme-Methoden im Studio mit Computern, Synthesizern anstatt mit einer richtigen Band ist Tina nicht  glücklich. Schließlich ist es Erwin Bach, der ihr seine Liebe gesteht und sie überzeugt, daß „What’s Love got to do with it“ der richtige Song für sie ist. Der Song wird ein Welt-Hit, für den sie sogar einen Grammy bekommt. Tina ist nun ganz oben auf der Karriereleiter angekommen und ist nun bald die unbestrittene „Queen of  Rock and Soul“ der  Achtziger und Neunziger Jahre.

Zu einer letzten Begegnung mit Ike Turner kommt es am Krankenbett ihrer Mutter Zelma. Angeblich hat Ike sich jahrelang um ihre Mutter gekümmert und sie verlangt nun von Tina, sich mit Ike zu versöhnen. Tinas eigene Erfolge und Triumphe als Solistin sind ihr völlig egal. Am Ende dieser Szene singt Tina „Wir wollen keine neuen Helden“/“We don’t need another Hero“.

Das Finale der Show bildet Tinas großer Konzert-Auftritt, gemeint ist hier das sensationelle Konzert 1988 im Maracana-Stadion in Rio de Janeiro vor 180.000 Zuschauern.

Die phantastische Band, von Art Brauer geleitet, spielte den ganzen Abend über auf gleichbleibend hohem Niveau und steht jetzt auf der Bühne mit Tina. Sie singt zum Abschluß nochmals ihre großen Hits „Simply the Best“, Proud Mary“ und „Nutbush City Limits“, das Publikum hält es nicht mehr auf den Sitzen und der ganze Saal rockt. Sämtliche Protagonisten waren geradezu perfekt in Gesang und schauspielerischer Leistung und gaben ihr Bestes.

Aisata Blackman war nahezu eine Idealbesetzung der Tina, sie hat die perfekte kräftige Soul-Stimme, war darstellerisch hinreißend, ließ ihren Emotionen in jeder ihrer Szenen freien Lauf, die teils sehr brutalen Szenen mit Ike gingen förmlich unter die Haut. Die Tanz-Einlagen mit den Ikettes (Jahlisa Norton, Soraya Stehle, Rosalina Renfurm) waren in ihrer Akrobatik einfach hinreißend. Dinipiri Etebu als psychopathischer Ike Turner gab alles, um die machohafte, cholerisch brutale Seite dieser Figur herauszukehren.

Seit dreieinhalb Jahren läuft dieses Musical im Hamburger Operettenhaus, ab September wird es in Stuttgart zu sehen sein. Nicht nur für Tina-Turner-Fans dürfte ein Besuch dieses Musicals ein sehens- und hörenswertes Ereignis sein.

TINA – das Tina Turner Musical im Operettenhaus Hamburg, die weiteren Termine –  link HIER!

—| IOCO Kritik Stage Operettenhaus Hamburg |—


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