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Buchbesprechung

Anton Walbrook – A life of Masks and Mirrors, Buch-Besprechung, 05.04.2022

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Michael Stange
04. April 2022
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Anton Walbrook - Buch - Peter Lang Verlag - GTIN: 09781789977103 DUIN: 81PN74TV3H9
Anton Walbrook – Buch – Peter Lang Verlag – GTIN: 09781789977103 DUIN: 81PN74TV3H9

 Anton Walbrook – A Life of Masks and Mirrors

Buch – Peter Lang Verlag  –  GTIN:  09781789977103   DUIN:  81PN74TV3H9

Eindrucksvolle Biografie des geheimnisumwobenen Schauspielers ADOLF WOHLBRÜCK

von Michael Stange

Riesiger Applaus brandete auf, als die dreifache Oscarpreisträgerin Thelma Shoonmaker 2012 auf der Berlinale die von Martin Scorcese initiierte Rekonstruktion des Films “The Life and Death of Colonel Blimp” vorstellte.

Ihr verstorbener Ehemann Michael Powell drehte diesen Film 1942. Aus der Perspektive des Produktionsjahres erzählt er das Leben des Generals Clive Candy ab der Jahrhundertwende. Soldat seit dem Burenkrieg, erhält er im Zweiten Weltkrieg trotz seines Pensionsalters einen Kommandoposten in der britischen Heimatverteidigung. Zentrales und einzigartiges Element eines Kriegsfilms jener Epoche ist, dass neben der Biografie Clive Candys und den Herausforderungen des Krieges ein zentrales Element seine Freundschaft mit einem ehemaligen deutschen Offizier Theo Kretzschmar-Schulendorf ist, der aus dem Dritten Reich nach England geflüchtet ist.

„Das Meisterwerk, das Churchill hasste“ titelte 2011 der britische Indipendent in der Besprechung der restaurierten Fassung des Films. An Vielem nahm der Premier Anstoß. Es waren die Freundschaft Candys zum deutschen Offizier, die Wahrhaftigkeit und Humanität der Charaktere, die verklärte Erinnerung an die Jahrhundertwende, die fehlende aufbrausende Propaganda und die Melancholie der Protagonisten über die Ungewissheit des Sieges und der Zukunft nach dem Krieg. Gerade diese Kombination macht das Werk einzigartig, unsterblich und zeitlos faszinierend.

Churchill versuchte auf vielfältige Weise den Film zu ver- und behindern. Erst spät gab er ihn für Vorführungen außerhalb Englands frei. Verboten hat er ihn nicht. Einzig folgendes gab das Informationsministerium Powell zu bedenken: “Machen sie ihn nicht. Jeder wird wirklich verärgert sein. Der alte Mann wird wirklich wütend sein und sie werden nie in den Adelsstand erhoben.” Letztere Prognose bewahrheitet sich. Powell machte den Film und er wurde nie in den Adelsstand erhoben.

Einer der Höhepunkte ist die Anklage gegen den Nationalsozialismus gegenüber einem Beamten der Einwanderungsbehörde und die Intensität, mit der er sie vorträgt:

The live and death of Colonel Blimp – “The Truth” Monologue
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Mehr als die königliche Ehrung wiegt das Urteil von Martin Scorcese, der die drei Jahre dauernde Restaurierung initiierte und begleitete. „Jedes Mal, wenn ich den Film sehe, scheint er mir nachhallender, bewegender und tiefgründiger geworden zu sein. Es ist das Epos eines gewöhnlichen Lebens. Was man von diesem Epos behält, ist ein überwältigendes Gefühl von Wärme, Liebe und Freundschaft, von tiefgründigem Humor, Zärtlichkeit und der beredtesten Traurigkeit.”, so lautet sein Fazit.

Anton Walbrook _ Adolf Wohlbrück in den 1940 Jahren © Wkimedia Commons
Anton Walbrook _ Adolf Wohlbrück in den 1940 Jahren © Wkimedia Commons

Diese Wirkung erreichte der Film wegen der packenden und bildreichen Regie Powells. Maßgeblichen Anteil hat daran auch die Darstellung des deutschen Offiziers Theo Kretzschmar-Schulendorf, der vom österreichischen Schauspieler Adolf Wohlbrück dargestellt wurde. International trat er unter den Namen Anton Walbrook auf und ersetzte seinen Vornamen aus naheliegenden Gründen. Scorceses Beschreibung der Wirkung des Films fasst zugleich auch die Wirkung Wohlbrücks in verschiedenen Rollen zusammen.

Nun ist in England die erste umfangreiche und fundiert recherchierte Biografie des Schauspielers von James Downs mit dem symbolischen Titel „Ein Leben mit Masken und Spiegeln erschienen. Warum in England und warum erst jetzt?

Nach seinem Tod im Jahre 1967 war Wohlbrück in Deutschland fast vergessen. Colonel Blimp wurde in den Jahrzehnten nach dem Krieg nie im Kino gezeigt. Nur eine verstümmelte Fassung fand den Weg auf deutsche Fernsehbildschirme. Dies, die frühe Emigration Wohlbrücks und vielleicht auch der Umstand, dass er im Film des Nachkriegsdeutschlands keine prägende Rolle spielte, erklären, warum es bis zur Jahrtausendwende in Deutschland um Adolf Wohlbrück vergleichsweise still wurde. Auch in England gab es wenige Retrospektiven im Kino und die meisten Filme Wohlbrücks waren auf DVD allenfalls in obskuren Ausgaben verfügbar. So waren seine Spuren in den Ländern seines Wirkens nahezu verweht. In Berlin widmete ihm das Schwule Museum zum 100. Geburtstag 1997 eine Ausstellung, die auch im Filmmuseum Düsseldorf gezeigt wurde. Zuletzt fand in Wien 2020 eine Hommage an Adolf Wohlbrück statt, zu der auch ein Begleitband mit zahlreichen Beiträgen erschienen ist.

So war Wohlbrück, wie Powell und seine Filme, ein wenig in Vergessenheit geraten. Powells Ruhm in den USA wurde durch die Begeisterung von Filmemachern wie Scorsese, Coppola, De Palma und Spielberg neu begründet. Sie ließen sich von ihm inspirieren und bewunderten seine Beherrschung der Filmsprache und die unkonventionelle Unabhängigkeit von ihm und der Produktionsfirma „Archers“. Dies kam als Protagonist wichtiger Filme Powells auch Adolf Wohlbrück zu Gute, an dem das Interesse gleichfalls neu erwachte.

Downs intensivere Begegnung mit Wohlbrück erfolgte bei der Durchsicht eines Sammlernachlasses, der aus Fotografien von Wohlbrück, Kinoprogrammen, Filmzeitschriften und einem kleinen Büchlein bestand. Die Sammlung machte aufgrund der Vielfalt einen tiefen Eindruck, weil ihm klar wurde, was für ein großer Filmstar er in Deutschland war. Ein Aspekt für ihn war auch, was es bedeutete, eine glänzende Karriere hinter sich zu lassen und in einem andren Land in einer neuen Sprache neu zu beginnen.

Ein wesentliches Hindernis das Leben Wohlbrücks nachzuerzählen bestand darin, dass es keine veröffentlichte Biografie gab und keine Sammlung von Briefen oder Aufzeichnungen, weil die Erben wohl vieles vernichtet hatten. Downs hat diese Hindernisse bewundernswert überwunden. Als Archivar der Spezialsammlungen der University of Exeter, in der sich auch das Bill Douglas Film Museum befindet, ist er den Umgang mit Archiven und Sammlungen gewohnt. Zudem verfügt er über reiche schriftstellerische Erfahrung zur Film- und Fotografiegeschichte.

So konnte er sich kundig und beredt in seinen Protagonisten Adolf Wohlbrück hineinversetzen. Dieser war bis 1936 einer der großen deutschen Filmstars. Zahlreiche Theatererfolge und Filme, unter ihnen die deutsche Screwballkomödie  Allotria”, der Abenteuerfilm „Der Kurier des Zaren”, sein hinreißend lässiger Sandor Barinkay im Zigeunerbaron“ und die hintergründige Darstellung in der Verwechslungskomödie Viktor und Viktoria” machten ihn im Deutschland der dreißiger Jahre zum umschwärmten Star. Keiner seiner Kollegen erreichte seine Weltläufigkeit und seine Eleganz.

Ein wichtiger Aspekt für Downs waren Prägungen von Wohlbrück beispielswiese durch den Einfluss der Beziehungen zu Regisseuren wie Max Reinhard, Michael Powell, Max Ophüls oder Gustav Gründgens und die Freundschaften zu großen Kolleginnen wie Hermine Körner. Gleichzeitig beleuchtet Downs aber auch die Geheimnisse und die Faszination Wohlbrücks. Besonders charakteristisch waren die geniale aber zugleich oft sparsame Verwendung von Gesten. Hinzu trat seine einzigartige Melancholie, die Vergänglichkeit und Wehmut ausstrahlte und sein Wiener Charme, der ihn zugleich unwiderstehlich und unerreichbar machte. Ergänzt wurde dies durch Klang, Zauber und Eindringlichkeit seiner Stimme mit ihrem leichten österreichischen Akzent, der auch im Deutschen und Englischen sein unverkennbares Markenzeichen war.

Das Buch fängt minutiös und anschaulich den Lebensweg Wohlbrücks, aber auch die Atmosphäre der Film- und Theaterwelt seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bis zu seinem Tod 1967 ein.

Beginnend mit Wohlbrücks Jugend in Wien und Berlin werden die Ausbildung an der Schauspielschule von Max Reinhardt und sein Einsatz im 1. Weltkrieg sowie die Zeit der französischen Kriegsgefangenschaft nachgezeichnet und als Grundlagen seines Werdens geschildert. Zupackend gründete er im Kriegsgefangenenlage ein Theater für seine Schicksalsgenossen und sich. Nach dem 1. Weltkrieg führten ihn Engagements von Wien über München und Dresden 1930 nach Berlin. Schon in Reinhardts Schule galt das Schauspiel als einzige Lebensausrichtung. Dieses Brennen identifiziert Downs sicher zu Recht als Motor des Wirkens von Wohlbrück.

Der große Theatermann formulierte in seinen Schriften folgendes: „Das Theater gibt sich nur denen frei hin, die ihm ganz dienen und es anbeten. Der, für den das Theater nicht die ganze Welt, ihr Spiegel und ihr Mittelpunkt ist, hat nichts zu tun darin oder zu suchen oder zu gewinnen. Das Theater ist eine eifersüchtige Göttin – sie duldet keine andere Göttin, aber sie entschädigt reich den, der sich ganz ihr widmet.“ Dies hatte Wohlbrück nie vergessen, eine ähnliche Aussage macht er in dem Film „Die roten Schuhe“, ein weiterer Film Powells, der Wohlbrücks Namen unvergessen macht und in dem er die Rolle des nur für die Kunst lebenden rücksichtslosen Ballettproduzenten Boris Lermontov spielt.

Im UFA-Film „Salto Mortale” gelang Wohlbrück nach einigen Stummfilmen der Durchbruch als Löwenwärter Robby. Zahlreiche Filme folgten und so wurde er der Ufa-Star, der sich in seiner Wandlungsfähigkeit und Eleganz von seinen Kollegen abhob. Auch für düstere und zwiespältige Charaktere wie den Studenten von Prag war er prädestiniert.

Downs beschreibt dann, wie er als einer der wenigen Emigranten nahtlos an seine früheren Leinwanderfolge anknüpfen konnte, Im biografischen Film „Victoria the Great” verkörperte er fulminant den Prinz Albert und späteren Ehemann der berühmten britischen Queen Victoria. Im legendären Thriller „Gaslight” spielte er die männliche Hauptrolle des skrupellosen, mörderischen Paul Mallen, der seine junge Frau auf der Suche nach Juwelen in den Wahnsinn treiben will.

Seine eindringlichen und eindrucksvollen Darstellungen fußten, wie wohl bei jedem Künstler, auf der Mischung und wechselseitigen Beeinflussung von Charakter, Privatleben, Professionalität und Talent. Wohlbrücks Privatleben war immer ein großes Geheimnis. Downs legt es so weit offen, wie es die Quellenlage seriös hergibt. Schon in den dreißiger Jahren war Wohlbrücks Homosexualität in Theaterkreisen bekannt, aber er handhabte sie diskret. Besuche in den Szenebars am Nollendorfplatz in Berlin werden belastbar allein durch Gestapo-Akten belegt. Seit den vierziger Jahren waren zunächst eine Beziehung mit dem Norweger Ferdinand Finne und später zu dem recht unscheinbaren Eugene Edwards belegt, die bis zu Wohlbrücks Tod dauerte. Edwards überlebte Wohlbrück nur um wenige Jahre und es ist ungewiss, was die Erben aus dem Nachlass vernichteten.

Seit der Übernahme der Macht durch die Nationalsozialisten drohte ihm verschärfte Verfolgung wegen seiner sexuellen Orientierung aber auch als “Halbjude” wegen des Glaubens seiner Mutter. Trotz dieses Drucks blieb er selbständig und war bekannt für seine Hilfsbreitschaft und Großzügigkeit. Selbstverständlich waren für ihn die finanzielle Unterstützung von Kollegen und karitativen Einrichtungen, auch bei der Unterstützung der Flucht zahlreicher Schicksalsgenossen. So offenbart sich die sensible und einfühlsame Persönlichkeit Wohlbrücks.

Starke Motive neben der Ablehnung des Nationalsozialismus führten zu seiner Emigration. Downs weist aber auch nach, dass Wohlbrück zunächst zögerte und erst spät Englisch gelernt hat. Auch dass seine Emigration nicht von langer Hand vorbereitet war, ist ein interessanter Aspekt, weil es das Ruhe suchende und nicht das rastlose seiner Persönlichkeit charakterisiert.

Downs Buchtitel Ein Leben mit Masken und Spiegel“ hat einen weiteren Hintergrund. Er sieht eine komplexe dreifache Beziehung zwischen dem Seelenleben, der Persönlichkeit, dem Darsteller sowie der Reflektion in der öffentlichen Wahrnehmung infolge der Erscheinung auf der Leinwand. Daraus entwickelt er auch ein Bild der nach innen wirkenden äußeren Kräfte, denen Wohlbrück ausgesetzt war. Daraus leitet er ein Gefühl der Entfremdung und Andersartigkeit von der eigenen Umgebung ab, dass sich nach seiner Darstellung durch Wohlbrücks Leben wie ein roter Faden zieht. Allegorisch wird die kaleidoskopische Anordnung von Masken und Spiegeln, Doubles und Dichotomien in Wohlbrücks / Walbrooks Privat- und Berufsleben erläutert und dargestellt, wie er sein wahres Ich entweder offenbarte oder verbarg. Wohlbrücks Leben hatte viele Facetten. Unter Druck und Beobachtung stand er auch in England wegen seiner Homosexualität. Unbeschadet dessen lebte er seinen immensen schauspielerischen Gestaltungsdrang aus. Er begeisterte durch seine faszinierende Körpersprache, seine suggestive Stimme und sein Charisma. Mit Kraft und Energie knüpfte er in England an seine Erfolge an und half finanziell Verfolgten in Deutschland bei der Emigration.

Das Buch geht, weil dies auch für Wohlbrücks Rollenverständnis bedeutsam gewesen sein dürfte, der Frage nach, inwieweit schon die UFA-Filme politische Bekenntnisse oder zeitaktuelle Kommentare waren. Dazu bezieht sich Downs auf Siegfried Kracauer und Lotte Eisner. Sie vertraten die These, dass die Charaktere von Scapinelli/Dr. Carpis in Der Student von Prag“ zu einer beständigen Tradition des damaligen deutschen Kinos gehöre, in der ein starker männlicher Charakter mit seinen Kräften manipuliere und die Menschen um ihn herum in die Irre führe. Als andere Beispiele nannten sie Dr. Caligari, Dr. Mabuse und Nosferatu. Ihr daraus abgeleiteter Gedanke war, dass diese Filme die Sozialpsychologie des deutschen Volkes widerspiegelten und in gewissem Maße Einblicke in seine kollektiven Ängste und Wünsche böten. Downs präsentiert dann Kracauers These, dass innerhalb des deutschen Volkes eine starke Anfälligkeit oder ein Bedürfnis nach starken Persönlichkeiten und eine Bewunderung für sie bestehe. Dies habe dann in den Hitlerkult gemündet. Auch wenn diese These ihre Grenzen hat, beleuchtet sie doch einen Aspekt der Stärke Wohlbrücks in zwielichtigen Rollen, weil er zum einen etwas doppelbödiges in sich trug und er mit seinen Darstellungen in Teilen auch eine Warnung vor Verführern und ihren Abgründen präsentierte. Für einige Filme und insbesondere für „Die roten Schuhe ist dies eine interessante und plausible Betrachtungsweise, auch der darstellerischen Umsetzung jener Rollen durch Wohlbrück, die Downs hier herleitet.

Wegen seiner Emigration wurde er in Deutschland nach dem Krieg zunächst argwöhnisch beäugt. Sein Neustart in Deutschland scheiterte daran, dass man ihm beim ersten 1950 in München geplanten Film verschwieg, dass sein weiblicher Co-Star Lida Baarova sein sollte, die in den dreißiger Jahren die Geliebte des Propagandaministers Joseph Goebbels war. Seine Position zum Nationalsozialismus und zu belasteten Kollegen behielt er auch nach dem Krieg, als er nach Deutschland zurückkehrte, was ihn aber nicht daran hinderte, mit alten Freunden wie Gustav Gründgens, die politisch auch durchaus belastet waren, intensiv zusammenzuarbeiten.

Neben manchen Widersprüchen in Wohlbrücks Charakter zeichnet Downs das Portrait eines Rastlosen nach, der nach 1950 nie richtig sesshaft wurde, sondern ein Leben in Ruhelosigkeit mit ständigen Ortswechseln führte, als würde er sein Zuhause noch immer suchen. Trotz seines Wohnsitzes in London reiste er ständig auch in Deutschland umher und blieb an keinem Ort für längere Zeit.

Schauspielerisch hatte er im Nachkriegsfilm, insbesondere in den Filmen von Max Ophüls als Conferencier in „Der Reigen” und als Ludwig I. von Bayern in „Lola Montes mit Martine Carol nachhaltig beeindruckt. In der britischen, modernisierten Fledermaus-VerfilmungOh… Rosalinda!!” wirkt er als eleganter Schwarzmarkthändler Dr. Falke mit.

Downs leitet die Beschreibung der letzten Karrierephase mit einem Zitat aus dem Theaterstück Laura ein: „Das letzte Kapitel meines Lebens ist geschrieben: eine Selbstparodie, natürlich mit dem drittklassigen Ende einer Kitsch-Operette.“ Der letzte Teil von Wohlbrücks Karriere verlief nicht entsprechend diesem Zitat. Wohlbrück machte zwar keine großen Filme mehr, aber auch die Rollen im Fernsehen, wie im Stück Laura und seine Theaterauftritte waren Ereignisse, die er mit großer Hingabe und Wirkung gestaltete und die begeistert aufgenommen wurden.

Müde war Wohlbrück am Ende seines Lebens. Die Rastlosigkeit, seine Liebe zu Zigaretten, der damit einhergehende Raubbau am Körper durch den Nikotinkonsum und sein immenses Arbeitspensum forderten ihren Tribut. Zum Tode von Gustav Gründgens schrieb er 1963: „Ich habe ihn nie in meinem Leben beneidet – ich habe ihn immer bewundert und angesehen als einen außergewöhnlichen Menschen, aber als ich die Nachricht von seinem Tod erhielt, beneidete ich ihn darum.”

Der Tod kam für ihn inmitten von Auftritten in München. Er verstarb nach einem kurzem Krankenhausaufenthalt.

Was bleibt sind seine Bedeutung für den Film und seine aufrechte Haltung gegen Unterdrückung, Krieg und Nationalsozialismus. Hierauf fußt auch das in England an ihm ungebrochene Interesse. Gerade in der heutigen Zeit ist seine Anklage gegen den Nationalsozialismus deutsche Saboteure im Kanada ein zeitlos gültiges Plädoyer für die Freiheit.

Anton Walbrook in 49th Parallel (1941)
youtube Tim Zullinger
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Downs hat mit seiner Biografie einen wichtigen Beitrag zur deutschen und englischen Filmgeschichte geleistet. In eindrucksvoller emphatischer Weise ergründet er Wohlbrücks Seelen- und Schauspielerleben beleuchtet in allen Facetten seine Zeit, sein Wirken, seine Wirkung und seine Persönlichkeit. Seine fundierten Recherchen in zahlreichen Archiven und die Berücksichtigung der verfügbaren Literatur haben Downs mit dem Leben Wohlbrücks tief vertraut gemacht. Vortrefflich gelungen sind die Kombination von wissenschaftlicher Genauigkeit, großem historischem Filmwissen und die flüssige Erzählweise. Die Biografie orientiert sich maßgeblich an den von Wohlbrück verkörperten Rollen, geht auf die Inhalte der Filme und Theaterstücke ein. Sie dienen gleichsam als Gerüst der Erzählung des Lebenspfades Wohlbrücks. Die Ereignisse während der Dreharbeiten oder Theaterproben werden anhand der Quellenlage nachgezeichnet. Dafür hat Downs dann auch zahlreiche Tagebücher und sonstige Dokumente in den Archiven eingesehen.

Downs immenser Verdienst ist die Art der Darstellung des hier Portraitierten, seine unparteiische wissenschaftliche Genauigkeit und seine bildreiche Sprache. Dadurch taucht der Leser in die Theaterzeiten seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ein und erlebt das Leben Wohlbrücks dicht und packend nach.

Anton Walbrook:  Für Film- und Theater-Interessierte eine immens wichtige Neuerscheinung. Eine deutsche Übersetzung würde die verdiente Verbreitung des Werks sicher beschleunigen.

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