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Hamburg, Staatsoper Hamburg, Die Fledermaus – Johann Strauss, IOCO Kritik, 19.01.2022

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Wolfgang Schmitt
19. January 2022
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann
Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Die Fledermaus – Johann Strauss

– Durchs Liebesland im Höllenzug –

von Wolfgang Schmitt

Der Walzerkönig Johann Strauss in Wien © IOCO
Der Walzerkönig Johann Strauss in Wien © IOCO

Gleich der Beginn ist höchst originell und versetzt das erstaunte Publikum schon mal in fröhlich-heitere Stimmung: Während der Ouvertüre betreten ein Dutzend Brautpaare nacheinander die Vorbühne, lassen sich von Amors Gehilfen fotografieren und betreten dann die Bühne durch einen herzförmigen Bogen mit silbrigem Vorhang, darüber prangt die Aufschrift „Liebesland“, siehe auch Foto unten. Amor ist hier übrigens der Frosch, der während der Handlung schon mal über den Bühnenhimmel fliegt.

Das bunte Bühnenbild ist unschwer als der Wiener Prater zu erkennen mit Riesenrad, Achterbahn, den Umrissen eines Zirkuszeltes, einem „Venedig in Wien“ -Fahrgeschäft, aus dem Alfred heraustritt, kostümiert als Gondoliere, allerdings rudert er hier keine venezianische Gondel, stattdessen präsentiert er hier zwei schöne große fahrbare Schwäne für sich und seine angebetete Rosalinde. Gabriel von Eisenstein und Rosalinde leben in einer Art Zirkuswagen, der hier allerdings wie eine Riesenrad-Gondel aussieht, sich aufklappen läßt und den Blick ins elegante Esszimmer freigibt.

 

Die Fledermaus – an der Staatsoper Hamburg
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Für Orlofskys opulentem Ball gab es zusätzlich noch eine Freitreppe, die Rosalinde für ihren großen Auftritt herunter schreitet. Dieser Akt lebt hauptsächlich von den zahlreichen illustren Gästen Orlofskys: Tänzer, Clowns, Akrobaten, Mono-Wheel-Artisten, Harlekin, Bajazzo, ein Schlangenmensch, üppige Damen mit Bart, ein Tanzbär – eigentlich gibt es hier alles was man vom Varieté, vom Karneval in Venedig, Rio oder vom Cirque du Soleil her kennt. Geschaffen haben diese schrill-bunte, herrlich gewollt kitschige Produktion – mit Engeln, Putten, Herzen und viel rosarot, dazu bunte phantasievolle Kostümkreationen – André Barbe und Renaud Doucet, dem Hamburger Opernpublikum bereits bestens bekannt durch ihre wunderschönen Inszenierungen von Rossinis La Cenerentola und Offenbachs La belle Hélène. Regie, Bühnenbild, Kostümentwürfe und Choreographie lagen wieder in ihren bewährten Händen. Es war wohl ihre Intention, ein Eheleben – „Szenen einer Ehe“ – darzustellen, vom Anfang bis zum Ende, mit Höhen und Tiefen, Flirts, Krisen und Untreue.

Staatsoper Hamburg / Die Fledermaus © Monika und Karl Forster
Staatsoper Hamburg / Die Fledermaus © Monika und Karl Forster

Für den dritten Akt schufen sie als Bühnenbild dazu passend die Front einer Geisterbahn im Vergnügungspark, oben prangt in großen Lettern die Aufschrift „Höllenzug“, über die Bühne tanzen dann auch einige Zombies in Brautkleidern. In diesem dritten Akt brilliert zunächst der aus Fernsehkrimis bekannte Schauspieler Jürgen Tarrach als Frosch im Amor-Outfit – endlich mal ein Frosch, der nicht mit albernen Endlos-Monologen nervt und den Akt unnötig in die Länge zieht, sondern in fröhlich-charmantem Plauderton niveauvolle Humoresken zum Besten gab und hier sogar singen durfte, nämlich das „Hobellied“ von Ferdinand Raimund, und das sehr gekonnt zur Begeisterung des Publikums. Auch Oleksiy Palchykov, als Alfred von sympathischer Ausstrahlung, gefiel mit tenoraler Strahlkraft, wenn er seine angebetete Rosalinde augenzwinkernd mit ‘Dein ist mein ganzes Herz‘ oder mit köstlich persiflierten Motiven aus Bajazzo, Rigoletto, Traviata und Trovatore anschmachtete, auch die Baccarole und sogar Siegfrieds ‘Notung Notung’ zählten zu seinen inbrünstigen Darbietungen.

Bo Skovhus hat die Partie des Gabriel von Eisenstein seit vielen Jahren in seinem Repertoire, und so verstand er es auch hier als humorvoller, charmanter und gerissener Lebemann zu begeistern. Jacquelyn Wagner sah wunderschön aus in ihren eleganten Kostümen und sang einen temperamentvollen „Czardas“, wenngleich aufgrund des opulenten Bühnenbildes und der fortwährenden Aktionen durch die zahlreichen Artisten  dieser Auftritt trotz der vier Musiker, die sie dabei auf der Bühne begleiteten, szenisch eher belanglos blieb. Bernhard Hansky in seinem weißen Anzug war ein eleganter Dr. Falke, stimmstark mit noblem Kavaliersbariton. Jana Kurucova mit sattem, dunklen Mezzosopran als Orlofsky war nicht unbedingt als ein russischer Prinz anzusehen, eher als herrische Domina, eine Peitsche schwingend, in Strapsen und kniehohen roten Lackstiefeln. Der Bassist Thorsten Grümbel war ein prägnanter, eleganter Gefängnisdirektor Frank, während Peter Galliard das beste aus seinem Auftritt als Dr. Blind machte. Narea Son konnte als Adele wieder einmal mit ihrem herrlichen lyrischen Sopran,  hellem Stimmtimbre und blitzsauberen  Koloraturen und Spitzentönen überzeugen, darstellerisch war sie das perfekte kratzbürstige Kammerkätzchen. Gemeinsam mit ihrer Schwester Ida Gabriele Rossmanith in einer originellen Schmetterlings-Robe .- waren sie ein fröhliches, naiv sich gebendes Gespann mit allerdings recht kindlich und piepsig gesprochenen Dialogen.

Staatsoper Hamburg / Die Fledermaus © Monika und Karl Forster
Staatsoper Hamburg / Die Fledermaus © Monika und Karl Forster

Das Philharmonische Staatsorchester hatte einen überaus glänzenden Abend. Unter dem mitreißenden temporeichen Dirigat von Jonathan Darlington wurde das Publikum schon während der Ouvertüre, die die vielen musikalischen Höhepunkte der gesamten Operette zusammenfaßt, auf schwungvolle Wiener Walzerseligkeit und nötige Leichtigkeit eingestimmt, und dieses Niveau konnte bis zum Ende durchgehalten und sogar im Orlofsky-Akt durch abwechslungsreiche Lebendigkeit noch gesteigert werden. Auch der von Christian Günther präzise einstudierte Opernchor hatte in den Ballszenen des zweiten Aktes seine klangschönen Momente.

Am Ende gab es Ovationen nicht nur für die Sänger und das Orchester, sondern auch für die zahlreichen Artisten, Tänzer und Akrobaten für ihre grandiosen Darbietungen im zweiten Akt.  Bleibt zu hoffen, daß diese spektakuläre Inszenierung recht lange im Spielplan der Staatsoper verbleiben wird und auch das artistische und akrobatische Niveau des Orlofsky-Bildes beibehalten werden kann.

Die Fledermaus an der Staatsoper Hamburg; leider keine weiteren Vorstellungen in dieser Spielzeit

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