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KonzertKritikenMusikalische Akademie Nationalorchester Mannheim

Mannheim, Musikalische Akademie, 3. Akademiekonzert – Rachmaninow, Tschaikowsky, IOCO Kritik, 31.12.2021

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Uschi Reifenberg
31. December 2021
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Der Rosengarten von Mannheim, Spielstaette der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk
Der Rosengarten von Mannheim, Spielstätte der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk

Musikalische Akademie Mannheim

    3. Akademiekonzert – Musikalische Akademie – Nationaltheater Orchester Mannheim

Sergej Rachmaninow (1873-1943)  Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 c-Moll op. 18  –  Piotr Ilyitsch Tschaikowsky ( 1840-1893)    Sinfonie Nr. 4 f-Moll op. 3

 – DEM SCHICKSAL GETROTZT –

von Uschi Reifenberg

Kurz vor Weihnachten versammelte die Musikalische Akademie Mannheim ihr Publikum zu einem Konzertabend ganz im Zeichen der russischen Romantik und Spätromantik. Mit Rachmaninows 2. Klavierkonzert und Tschaikowskys 4. Sinfonie standen zwei Meilensteine der Konzertliteratur auf dem Programm, die tiefe Einblicke in die russische Seele versprachen.

Die Komponisten Tschaikowsky und Rachmaninow verbindet nicht nur die gleiche Tradition der  musikalischen Ausbildung, Tschaikowsky wirkte als Lehrer am berühmten Moskauer Konservatorium, wo er den jungen Rachmaninow unterrichtete und förderte.

Beide Werke waren auch Resultate von schweren existenziellen Lebenskrisen, welche die Komponisten fast in den Ruin getrieben hätten.

Musikalische Akademie Mannheim © Christian Kleiner
Musikalische Akademie Mannheim © Christian Kleiner

Sergej Rachmaninow befand sich an der Schwelle zum 20. Jahrhundert in einer tiefen Depression. Die Uraufführung seiner 1.Sinfonie 1897 wurde zu einem Desaster und stürzte ihn in eine tiefe, vierjährige Schaffenskrise, in welcher er von Selbstzweifeln gequält wurde und unfähig war, auch nur eine Note zu Papier zu bringen. Ausgerechnet sein eigener Lehrer Alexander Glasunow hatte zu diesem Misserfolg beigetragen. Er leitete die Uraufführung, in die der junge Komponist all seine Hoffnungen gesetzt hatte. Glasunow selbst soll schlecht vorbereitet, sogar betrunken gewesen sein. Die Kritiken waren vernichtend und Rachmaninow denkt an Selbstmord. Erlösung vom Leiden bringt ihm der Psychiater Dr. Nikolaj Dahl, ein großer Musikliebhaber und -förderer.

Er kuriert den Patienten mittels Hypnose, indem er ihn bestärkt und ihm seine Schaffenskraft zurückgibt: „Ich hörte die gleichen hypnotischen Formeln Tag für Tag wiederholt, während ich schlafend in Dahls Behandlungszimmer lag. ‚Du wirst dein Konzert schreiben … Das Konzert wird von exzellenter Qualität sein …“. Auch wenn es unglaublich erscheint, diese Therapie half mir wirklich…“.

Die Uraufführung des 2. Klavierkonzertes erfolgte 1901 in Moskau mit dem Komponisten am Klavier und Alexander Siloti am Dirigentenpult und brachten Rachmaninow den lang ersehnten Erfolg. Aus Dankbarkeit widmete er das 2. Klavierkonzert seinem Arzt Nikolaj Dahl.

Neben dem berühmten cis-Moll Prélude ist das 2. Klavierkonzert Rachmaninows populärstes Werk, dessen sich auch die amerikanische Unterhaltungsindustrie zur Genüge bediente – am bekanntesten wohl in Billy Wilders 1955 entstandener Hollywood Komödie  Das verflixte siebente Jahr mit Marylin Monroe.

Rachmaninow hielt zeitlebens an der romantischen Kompositionsweise fest und verweigerte sich allen avantgardistischen Strömungen, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts herauszubilden begannen.

Mit seiner schwelgerischen Melodik und dem überbordenden Pathos attestieren Verächter diesem Werk eine Art „Breitwandklang“, oder stellen Rachmaninows Musik gar unter Kitschverdacht, ungeachtet des hochartifiziell ausgearbeiteten Klavierparts, der dem Solisten ein Höchstmaß an Virtuosität und differenzierter Klangbeherrschung abverlangt.

Musikalische Akademie Mannheim / Kirill Gerstein © Marco Borggreve
Musikalische Akademie Mannheim / Kirill Gerstein © Marco Borggreve

Der 1979 geborene russische Pianist Kirill Gerstein rückt mit seiner Interpretation weit ab vom gefühlsseligen, sentimentalen Klang-Klischee und taucht Rachmaninows Klavierpart in ein helles Licht, mit klaren Strukturen, schlackenlosem Ton und hoher Transparenz.

Die Eröffnungsakkorde des Klaviers mit der 8-taktigen Einleitung und den Glockenschlägen auf dem Basston F, bauen sich unerbittlich auf, bis sich deren Spannung im weit ausladenden, dunkel grundierten Hauptthema des Orchesters entlädt und das Klavier mit kräftigen Arpeggien das Thema begleitet. Gleich die erste solistische Stelle mit ihren virtuosen Figuren lässt Gerstein glitzern, perlen, mit stupender Leichtigkeit und Klarheit, er arbeitet die farbigen Mittelstimmen plastisch heraus, spielt immer unprätentiös und gestaltet die Musik wie aus dem Augenblick heraus. Der abrupte Übergang zu den anschließenden rhythmisch prägnanten Akkorden ist, ebenso wie die zahlreichen Tempowechsel, bestens mit dem Orchester abgestimmt. Dirigent Jordan de Souza lässt Gerstein jede mögliche Freiheit und entfaltet mit dem Nationaltheater Orchester einen pastosen abgerundeten Klang, der die typisch russische Idiomatik zur Geltung bringt. Großartige Steigerungen mit langen Spannungsverläufen und energiegeladenen Akkordballungen münden in einen Kampf zwischen  Klavier und Orchester, in welchem das Klavier dennoch Teil des Ganzen ist und mit dem Orchester verschmilzt. Wunderbar klingt das Hornsolo mit dem 2. Thema und seiner weit geschwungenen Melodie.

Der 2. Satz beginnt mit zarten Flöten- und Klarinettensoli und führt in eine innere Welt voller Poesie und Melancholie. Allerdings hält Kirill Gerstein eine Art Sicherheitsabstand zum tief empfundenen Weltschmerz Rachmaninows. Das kontemplative Verweilen in abgründigen Seelenwelten ist seine Sache nicht. Den dritten Satz geht er tänzerisch an, hat sichtlich Freude an der Virtuosität, und lässt die Register des Flügels in schillernden Farben leuchten. In einer triumphalen Schlussapotheose vereinigen sich Klavier und Orchester.

Wenn zu Beginn der 4. Sinfonie von Tschaikowsky plötzlich Hörner und Fagotte, dann Trompeten und Holzbläser mit schneidender Schärfe das fanfarenartige Hauptmotiv vorstellen, so wird man mitten ins musikalische Geschehen, dem „Kern der ganzen Sinfonie“ hineingezogen. Das sogenannte „Fatum“ (Schicksalsmotiv) mit seinem bedrohlichen Gestus ist quasi  als inneres Programm diesem musikalischen Bekenntnis des Komponisten übergeordnet und gibt tiefe Einblicke in die ausweglose seelische Situation Tschaikowskys im Jahre 1877.

Die Entstehung seiner 4. Sinfonie ist von äußerst dramatischen Umständen begleitet und markiert vielleicht die schwerste Krise im seinem Leben.

Im Russland des 19. Jahrhunderts war es für Tschaikowsky undenkbar, seine Homosexualität in bürgerlichen Verhältnissen zu leben, also heiratete er aus Verzweiflung eine Kommilitonin, um seine wahren Neigungen nach außen zu kaschieren, was sich als verheerende Entscheidung herausstellte. Ein Selbstmordversuch scheiterte. Trost versprach einzig die Musik, und so sublimierte er seine Depressionen in einem unbändigen Schaffenseifer. Er arbeitet an seiner Oper Eugen Onegin und beginnt die 4. Sinfonie, die von tragischen Seelenlagen durchdrungen ist.

Bekannt und bedeutsam in Tschaikowskys Leben ist die ungewöhnliche Beziehung zu seiner Mäzenin, der reichen Musikliebhaberin Nadeshda von Meck, die ihn viele Jahre moralisch und finanziell unterstützt.

Seltsam ist auch, dass es im Leben dieser beiden Menschen nie zu einem Zusammentreffen gekommen ist. Das vertrauensvolle, platonische Verhältnis spiegelt sich ausschließlich in zahllosen Briefen, die präzise Zeugnis geben von Tschaikowskys jeweiliger psychischer Verfassung und seinen künstlerischen Plänen. Er wird Nadeshda von Meck seine 4. Sinfonie widmen, 1877 schreibt er an sie: „Teure, liebe Nadeshda…vielleicht irre ich mich, aber mir scheint, dass diese Sinfonie …das Beste ist, was ich jemals gemacht habe“.

Auf Wunsch von Nadeshda von Meck verfasste Tschaikowsky eine Art programmatische Erläuterungen, Gedanken, Emotionen, die ihn bewegten und welche die Deutung der 4. Sinfonie maßgeblich mitbestimmt haben.

Jordan de Souza, international gefragter Gastdirigent aus Toronto, fächert die reichhaltige musikalische Seelenlandschaft von Tschaikowskys Partitur mit ihren assoziativen Bezügen akribisch auf und lässt mit dem hochmotivierten Nationaltheater Orchester die  Klangwelt dieser vielfältiger Komposition lebendig werden.

Das Schicksals Motiv der Blechbläser zu Beginn des 1.Satzes, das wie ein „Damoklesschwert über unserem Haupt hängt“, trifft mit seiner kompromisslosen Strahlkraft ins Mark, bis Holzbläser, leiser abstufend, die Spannung herausnehmen und zum walzerartigen „Moderato“ überleiten, das mit weichen Streichern in tänzerischer Leichtigkeit und Zartheit eine traumselige Stimmung imaginiert.

Jordan de Souza hat alles perfekt unter Kontrolle, setzt auf großen Klang, dirigiert absolut präzise mit bester Balance und arbeitet differenziert Binnenstrukturen heraus. Heiter und leicht kommen die Holzbläser mit ihrem unbeschwerten Floskeln daher. Das sehnsuchtsvolle Thema mit seinen punktierten, absteigenden Synkopen hätte man sich aber sehnsuchtsvoller und freier gewünscht. Spannungsvoll gerät die Schluss-Steigerung mit vorwärtsdrängendem Tempo und  wiederkehrendem Schicksalsmotiv.

Der 2. Satz schwankt zwischen „Schwermut“,„glücklichen Augenblicken“ und dem „Schwelgen in der Vergangenheit“. Die Oboe mit ihrem einfachen, liedhaften Solo zu Beginn lässt die Einsamkeit spürbar werden, de Souza gibt hier der Musik den nötigen Raum, Linien fließen weich ineinander, fein artikuliert klingt der Kontrapunkt der Streicher zur Melodie in Fagott und Flöte. Brillant und strahlend gestaltet er den Höhepunkt, bis er mit einem breiten ritardando den musikalischen Fluss ganz zurücknimmt. Zuerst erklingen die Celli, dann beschließt das Fagott mit dem dunkel-melancholischen Thema den Satz.

„Der 3. Satz … besteht aus flüchtigen Bildern, die die Phantasie durchstreifen, wenn man etwas Wein getrunken hat …, die Seele ist weder glücklich noch traurig … und aus irgendeinem Grund fängt sie an, sonderbare Bilder zu entwerfen …“ Dem Scherzo gibt der Dirigent flirrende Leichtigkeit, die durch die fast durchgehenden Streicher Pizzicati  entsteht, lebendig und absolut präzise klingt das, transparent und leicht, im langsameren Mittelteil mit virtuosen Figuren der Piccolo Flöte, eine Traumsequenz von irrealem Charakter.

Im 4. Satz entfesselt de Souza die Energien, und lässt eine Szene „volkstümlicher Stimmung“ entstehen, dreht den Klang voll auf mit Becken, Pauken und der etwas zu dominierenden Bassposaune. Nach dem elegischen Mittelteil und den fulminanten Bläserkaskaden meldet sich noch einmal das „unerbittliche“ Schicksalsmotiv, um im allgemeinen Freudentaumel dem grandiosen Schluss entgegenzujagen.

Bravorufe, stehende Ovationen, ein mitreißendes Jahres-Abschlusskonzert

—| IOCO Kritik Musikalische Akademie Mannheim |—


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