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Hamburg, Staatsoper Hamburg, Elektra – Richard Strauss, IOCO Kritik, 1.12.2021

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Michael Stange
01. December 2021
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann
Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

  Elektra – Richard Strauss

– Kent Nagano durchleuchtet Richard Strauss Seelendrama mit fulminanter Intensität –

 von Michael Stange

Richard Strauss Oper Elektra ist eine Familiensaga im Zeitgeist des Anbruchs des zwanzigsten Jahrhunderts. Themen wie Mord, Rache, Gewalt und Vergewaltigung wurden dort in ihrer ganzen Wucht präsentiert, was künftig in der Literatur und auf der Bühne schonungslos fortgesetzt wurde. Strauss und Hofmansthal haben mit dieser Oper die Tür zum Psychodrama in der Oper weit aufgestoßen, den romantischen Schleier über dem Musiktheater endgültig fortgeblasen und eine der zentralen tragischen und psychodramatischen Opern des zwanzigsten Jahrhunderts geschaffen. So ist das Werk auch einer der Vorgänger der so genannten „Revenge-Movies“, in denen sich Frauen, die oft bereits dem Wahnsinn verfallen sind, spektakulär für erlittene Gewalt rächen.

Elektra – Richard Strauss
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Hugo von Hofmannsthals Theaterstück von 1903 steht unter dem Einfluss neuer Entwicklungen in Kunst, Literatur und Wissenschaft. Im Wien seiner Zeit bestimmten Persönlichkeiten wie Arnold Schönberg, Gustav Klimt, der Mediziner Karl Landsteiner und vor allem der Neurologe Sigmund Freud das geistige Leben. Freud begründete mit seinen Schriften die Psychoanalyse und veränderte dadurch die Psychologie aber auch das Menschenbild und seine Wahrnehmung radikal. Neben der Malerei waren es vor allem Literatur und Musik, die umgehend auf Freuds neuartige Gedanken reagiert. So nahm auch Hofmannsthal diese Thesen auf und setzt sie in seinem Stück Elektra um.

Die Königstochter Elektra lebt ausgestoßen von ihrer Familie außerhalb des Palasts wie eine Dienerin. Ihre Mutter Klytämnestra und ihr Stiefvater Aegisth ermordeten ihren Vater König Agamemmon. Sie sinnt auf Rache für diesen Mord und das ihr angetane Unrecht und wartet auf ihren Bruder Orest, den sie vor dem Paar gerettet hat und der bei Fremden aufwuchs. Als er aus der Fremde heimkehrt, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Orest erschlägt seine Mutter und Aegisth. Nach einem wahnsinnigen Tanz findet Elektra den Tod.

Elektra lebt in ihrer Innenwelt. Wesentlicher Teil ihrer Erinnerung ist das hündisch vergossene Blut des Königs Agamemnon. Die anderen Personen werden nur begrenzt von ihr wahrgenommen. Dies ist ihr Schutz, um zu überleben. Für Chysothemis ist sie von der Rolle her Vater und Mutter ohne dies seelisch auszufüllen. An Schicksal der Schwester ist sie innerlich unbeteiligt und will sie lediglich in ihre Mordpläne einspinnen.

Staatsoper Hamburg / Elektra hier Aušrine Stundyte, Violeta Urmana © Monika Rittershaus
Staatsoper Hamburg / Elektra hier Aušrine Stundyte, Violeta Urmana © Monika Rittershaus

Strauss hat dieses Darstellungsprinzip eines Psychogramms zum Ausdruck gebracht, indem er sein fein differenziertes Orchester mit subtilen, von ihm als „Nervencontrapunkt“ bezeicheten, Klangfarben ausstattete und sie in Klytämnestra Angstzuständen und in der Erkennungsscene zwischen Elektra und Orest wirksam einetzte. Nach seinem Verständnis hatte er sich in Gebiete vorwagt, die nur durch die Musik zu erschließen waren. Seine Elektra-Vertonung nannte er auch „psychische Polyphonie“. Die Fieberphantasien von Richard Wagners Tristans werden in der Elektra fortgesetzt und intensiviert. Neurotiker und psychisch Kranke wie Elektra, Salome und Herodes stellen eine völlig neue Generation von Protagonisten auf der Opernbühne dar. Hieran schloss sich dann unter anderem Alban Berg mit Lulu und Wozzeck an.

Kent Naganos Partiturdeutung offenbarte ein packendes rauschhaftes Musiktheater und war ein weiterer Glanzpunkt dieser bisher beglückenden Spielzeit. Wucht der Emotionen in der Partitur, Zwischentöne, Kontraste und kammermusikalische Elemente lotete der Maestro höchst brillant aus und bot ein differenziertes, spannendes und packendes Musikdrama. Das Philharmonische Staatsorchester und er entwickelten einen wogenden Klangteppich voller pastoser und glutvoller Farben und großer expressiver aber auch verhaltener Momente. Seinen Sängerinnen war er ein kongenialer Partner, trug sie auf Händen und entwickelt das Drama mit einer ergreifenden Farbpalette und grandioser innerer Beteiligung.

Aušriné Stundytés Elektra war von tückischer Gefahr, großer Verletzlichkeit und immenser Seelentiefe. Mit vollem vokalem Einsatz und einer breiten Palette an Stimmfarben brachte sie die Rolle auf die Bühne. In ihren Monologen und den Dialogen mit Orest und Klytämnestra entwickelt sie eine verzehrende Intensität und große bühnenfüllende Präsenz. Ihr ausladender klangschöner Sopran und ihre Spielfreude boten ein mitreißendes Portrait dieser herausfordernden Partie.

Als Chrysothemis bestach Jennifer Holloway mit hellem lyrischem Sopran. Mit jugendlichem Feuer goss sie ihre Träume und Sehnsüchte in blühende bilderfüllte Klänge. Einer der Glanzpunkte war der Dialog mit Elektra im Finale, in den sie sich mit Verve und glühender Intensität warf.

Violeta Urmana war als Klytämnestra eine Mutter, die Elektra mit ihrem dunklen volltönenden Mezzosopran ein starker Widerpart war. Wut und Verletzlichkeit stellte sie mit großer Authentizität und involviertem klangschönem Singen heraus. Ein weiterer Glanzpunkt der Aufführung.

Lauri Vasar als Orest bot mit rundem vollem Heldenbariton einen furchteinflößenden Rächer. Durch seine dramatische Attacke und seine Rollenidentifikation machte er die Wiedererkennungszene zu einem großen Momente der Vorstellung.  John Daszaks Aegisth war ein lüsterner Widerling mit kernigem Tenormaterial.

Staatsoper Hamburg / Elektra Hamburg Jennifer Holloway, Aušrine Stundyte © Monika Rittershaus
Staatsoper Hamburg / Elektra Hamburg Jennifer Holloway, Aušrine Stundyte © Monika Rittershaus

In Dmitri Tcherniakovs Bühnenbild und seiner Inszenierung ist Elektra ein familiäres Kammerspiel in einer Altbauwohnung. Die Mägde sitzen am Tisch. Alle leben, anders als in der Vorlage, miteinander, ohne Distanz und räumliche Trennung. Die unterschiedlichen Lebenswelten der Protagonistinnen der Oper existieren nicht. So wirkt die Inszenierung wie eine Wiederholung von Thomas Vinterbergs filmischem Inzest-Drama Das Fest von 1998. Dort wurde die Offenlegung des sexuellen Missbrauch eines Vaters an zweier seiner Kinder anlässlich der Feier zu seinem sechzigsten Geburtstag erzählt. Tcherniakovs Bühnenbild eines exklusiven Wohnquartieres, das er in ähnlicher Form bereits im Kölner Troubadour, in Teilen im Bayreuther Holländer, dem Münchner Freischütz und dem Berliner Tristan wählte, hat keine durch die Szene untermalten starken Aussage, sondern ist letztlich austauschbar. Es wäre auch für seine kommende Hamburger Salome oder einen ganzen Ring des Nibelungen als Kulisse verwendbar. Elektras Ablehnung der Welt, ihre zunehmende Wirklichkeitsentfremdung musste daher rein schauspielerisch bewältigt werden. Der Verzicht auf Effekte und Illusionen ging einher mit einer dramaturgische Vorhersehbarkeit. Dies war wohl auch dem Regisseur aufgegangen, der Orest zum Schluss als Serienmörder offenbart und Chrysothemes ermorden ließ. Neben diesem Ermüdungsfaktor birgt die stete Verwendung ähnlicher Bühnenbilder wie zum Beispiel einer Villa, eines Gefangenenlagers oder einer Industriebrache die Gefahr, dass die Politik künftig Gelder für neue Inszenierungen streichen wird und von den Theatern, wie im Schultheater, verlangen wird, neue Stücke mit Bordmitteln aus vorhandenen Dekorationen auszustatten.

Die Hamburgische Staatsoper bot eine grandiose und musikalisch fesselnde Aufführung. Kent Nagano beschenkte die Hamburger und auch sich selbst kurz nach seinem siebzigsten Geburtstag mit einer Festaufführung. Musikalisch ein glorioser Abend.

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