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Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Tristan und Isolde – Richard Wagner, IOCO Kritik, 25.11.2021

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Uschi Reifenberg
26. November 2021
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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner
NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

TRISTAN  UND ISOLDE  –  Richard Wagner

– Ertrinken, versinken in der Unendlichkeit des Universums – oder – Jeder stirbt für sich allein –

von Uschi Reifenberg

Wenn Tristan und Isolde in ihrem großen Liebesduett im zweiten Akt der Oper die Unendlichkeit ihrer Liebe besingen, wenn sich Grenzen der Individualität auflösen und sich die metaphysische Sehnsucht nach absoluter Liebeserfüllung zum ekstatischen Ausdruck steigert, sind Tristan und Isolde Raum und Zeit enthoben, werden sie Teil der Unendlichkeit des Universums. Zu Wagners rauschhafter Musik löst sich die profane Tagwelt auf, die Fesseln der Realität werden abgestreift, und in einer überwältigenden Videoinstallation erscheint die Weite des Kosmos mit seinen unzähligen Gestirnen in dessen Sog die Liebenden aufzugehen scheinen.

Mit solcherart starken und hochästhetischen Bild- und Videoeffekten öffnete das Regieteam um Luise Kautz mit ihrer Neuinszenierung von Tristan und Isolde magische Räume, die das Publikum im Opernhaus des Mannheimer Nationaltheaters mit ihren suggestiven Aussagen überwältigten.

Tristan und Isolde – Nationaltheater Mannheim
youtube Trailer Nationaltheater Mannheim
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Mit Sehnsucht wurde die Premiere von Tristan und Isolde erwartet,  nachdem sie wegen der Corona Pandemie schon einmal verschoben werden musste. Das Werk wurde jetzt wieder in voller Orchesterbesetzung und kompletter Länge gespielt.

GMD Alexander Soddy gab an diesem 14. November 2021 sein Debüt mit Wagners grossem Liebesdrama. Bis auf die beiden Hauptrollen waren alle weiteren hauseigenen  Solisten ebenfalls in ihren Rollendebüts zu hören. Soddys Interpretation machte deutlich, dass hier ein Wagner Dirigent von Format herangereift ist.

Das Wagner-erfahrene Nationaltheater Orchester präsentierte sich auf gewohnt hohem Niveau, spielte viereinhalb Stunden äußerst präzise und spannungsgeladen, „auf der Stuhlkante“ und zeigte sich als ein durch sämtliche Register homogen aufspielender Klangkörper.

Soddy durchdringt das chromatisch verschlungene Klanggeflecht der Tristan Partitur, legt deren Strukturen frei und findet zu grosser Transparenz im Wagnerschen Mischklang. Er führt seine Musiker mit Sensibilität und Weitsicht durch die abgründige  Komposition und spürt den extremen Seelenregungen der Figuren einfühlsam nach. Fragend, fast tastend steigen aus dem Graben die ersten Töne des Vorspiels auf, Celli und Holzbläser vereinigen sich zum wohl vieldeutigsten und enervierendsten “Tristan-Akkord” der Musikgeschichte. Feinnervig entwickelt Soddy aus der leitmotivischen Keimzelle des Sehnsuchtsmotivs das komplexe harmonische Gewebe, schichtet die Klangmassen behutsam auf und spannt weiträumige Phrasen, die sich zum unendlichen Melodiefluss fortspinnen.

Im 2. Akt beginnt Soddy das Duett  „O sink hernieder“ zart und sehr ruhig an, lässt dann aber das Orchester in schönsten Farben aufblühen, entfesselt nach und nach ein wahres Kraftwerk der Gefühle, setzt aber nie auf Überwältigung, sondern findet immer wieder zur kultivierten und differenzierten Klangbalance.

Wagners Tristan steht an der Schwelle zur musikalischen Moderne und hat mit der Auflösung der klassisch-romantischen Harmonik wie kaum ein zweites Werk der Musikgeschichte deren Weiterentwicklung geprägt.

Wagner griff 1854 den mittelalterlichen Tristan-Stoff  von Gottfried von Straßburg auf, als er sich an  einem Tiefpunkt seines bisherigen Lebens befand. Kurz zuvor hatte er Arthur Schopenhauers Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ kennengelernt, das ihm mit seiner nihilistischen Philosophie aus der Seele sprach und seiner künstlerisch-musikalischen Entwicklung eine neue Richtung geben sollte.

Nationaltheater Mannheim / Tristan und Isolde hier Allison Oakes (Isolde), Julia Faylenbogen (Brangäne) und Frank van Aken (Tristan) ©  Christian Kleiner
Nationaltheater Mannheim / Tristan und Isolde hier Allison Oakes (Isolde), Julia Faylenbogen (Brangäne) und Frank van Aken (Tristan) © Christian Kleiner

In keinem anderen Werk Wagners ist sein Leben so eng mit dem Werk verflochten wie im Tristan. Die Liebesbeziehung zu Mathilde Wesendonck beeinflusste dessen Entstehung maßgeblich. Mathilde Wesendonck war die Frau seines Gönners Otto Wesendonck, einem reichen Fabrikanten, der Wagner nicht nur finanziell, sondern auch künstlerisch unterstützte.

Wagner schreibt 1854 in seinen berühmten Brief an Franz  Liszt: „da ich im Leben nie das eigentliche Glück der Liebe genossen habe, so will ich diesem schönsten aller Träume noch ein Denkmal setzen, in dem von Anfang bis zum Ende diese Liebe sich einmal so recht sättigen soll: ich habe im Kopfe einen Tristan und Isolde entworfen, die einfachste, aber vollblutigste musikalische Konzeption…“.

Die unerfüllbare Liebe zu Mathilde fand also ihre Sublimierung in Wagners großem „Opus metaphysicum“ (Nietzsche). Viel später gestand Wagner einer Freundin über seine Beziehung zu Mathilde:Sie ist und bleibt meine erste und einzige Liebe! Das fühl ich nun immer bestimmter. Es war der Höhepunkt meines Lebens …“

1857 war das Werk abgeschlossen, 1865 wurde es mit Unterstützung König Ludwigs II. von Bayern in München uraufgeführt nachdem es nach unzähligen gescheiterten Proben in Wien als unaufführbar galt und abgesetzt wurde.

Die junge Regisseurin Luise Kautz (Jahrgang 1987), Lani Tran-Duc (Bühnenbild), Hannah Barbara Bachmann (Kostüme) und Simon Jansen (Video) zeigen zu Beginn des Vorspiels in einer beeindruckenden Videoinstallation den Makrokosmos, das Werden und Entstehen einer Welt und allen Lebens, die Endlosigkeit des Universums aus dem alles Sein hervorgeht und wieder verlöscht. Sie erzählen von der alles umfassenden Liebe von Tristan und Isolde,ihrer Entgrenzung und ihrem Wunsch nach metaphysischer Auflösung im Kosmos. Im Liebesduett im 2. Akt und am Ende von Isoldes Liebestod spannt sich wieder die Weite des Weltalls mit seinen funkelnden Sternen über den Bühnenraum, Isolde geht endlich ein in „das Wunderreich der Nacht“. Die Nacht ist zentraler „romantischer Topos“ des unstillbaren Liebessehnens, dem Wunsch nach Verschmelzung und einzig möglicher Ort der Erlösung.

Luise Kautz und ihr Regieteam verlegen die Handlung um die Jahrhundertwende bis ca 1910 und finden drei romantisch-symbolhafte Bilder von suggestiver Kraft, die sich nahe an Wagners Bühnenanweisungen bewegen.

Im 1. Akt blickt man auf ein kleines Schiff im schwarzen Bühnenhintergrund, dessen Innenraum im fin de siècle-Stil möbliert ist, mit Schlafabteil-und Wohnbereich, zwei Stühlen und einem kleinen Tisch, alles auf engstem Raum. Eine klaustrophobische Situation, Sinnbild für die gesellschaftlichen Zwänge und die Ausweglosigkeit aus der es für Tristan und Isoldekein Entrinnen gibt. Die ausgefeilte Personenführung macht die inneren und äußeren Widerstände der komplizierten Figurenkonstellation deutlich.

Isolde im weißen Spitzenkleid ist eine emanzipierte Frau, die raucht und gerne irischen Whisky trinkt, um ihre Nerven zu beruhigen, Brangäne, ihr äußerlich ähnlich, ist ihre verständnisvolle Helferin und Vertraute. Wir haben es mit modernen Menschen zu tun. Die erzwungene Aussprache zwischen Tristan und Isolde erinnert an ein bürgerliches Kammerspiel von Ibsen, wenn die beiden am Tisch sitzen, verdrängte Konflikte behandeln, die nun nach und nach an die Oberfläche gespült werden. Isolde ist die treibende Kraft, Tristan der depressive, schweigende,  von selbstquälerischen Zweifeln Zerfressene, der ebenfalls zum Whiskyglas greift, unfähig, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Selbst der erlösende Trank, der Vorsatz, gemeinsam zu sterben, vermag die Liebenden nicht wirklich zusammenzuführen.

Dieser 2. Akt ist ein geheimnisvolles Nachtstück, in welchem Tristan und Isoldejede Bindung an die reale Welt verlieren, wo Ich und Welt eins werden, „selbst dann bin ich die Welt“ und sich die Liebessehnsucht zum Wunsch nach totaler Selbstauflösung  steigert. Die inneren Seelenvorgänge werden zum zentralen Geschehen, die Musik zu deren tönendem Sprachrohr.

Das Bühnenbild  erinnert an ein Genrebild im englischen Stil um die Jahrhundertwende, wo sich die feine Gesellschaft gelangweilt dem Müßiggang hingibt.

Nationaltheater Mannheim / Tristan und Isolde hier Thomas Berau (Kurwenal), Frank van Aken (Tristan) und Uwe Eikötter (Ein Hirt) © Christian Kleiner
Nationaltheater Mannheim / Tristan und Isolde hier Thomas Berau (Kurwenal), Frank van Aken (Tristan) und Uwe Eikötter (Ein Hirt) © Christian Kleiner

In der Mitte befindet sich ein großes Jugendstil-Tor mit Treppe, die Fackel ist an der Türe angebracht, der Garten mit hohen Bäumen wird zu einem Zauberwald, der magisch glitzert, wenn das Paar, weltentrückt, der verhassten Realität entflieht und sich in andere Sphären aufschwingt. Seitlich befindet sich eine Schaukel, auf die sich Isolde während König Markes großer Klage setzt, eine Gartengarnitur und eine Picknick-Ecke mit Sitzkissen. Exotische Pflanzen, florale Muster, all das wirkt atmosphärisch und hat viel Ausstrahlung.

Im schützenden Raum der Nacht während der zentralen Liebesszene, „O sink hernieder, Nacht der Liebe“, wenn die Zeit stehen bleibt, die Musik in stockenden Synkopen den Atem anhält, sitzen Tristan und Isolde in sicherer Distanz und „lieben aneinander vorbei“ (Luise Kautz). Wieder weitet sich der Raum, löst sich die Außenwelt auf und das Universum mit seinen Galaxien breitet sich aus, diesmal mit roten Nebelschwaden. Das ist Überwältigung pur.

Der jähe Einbruch des „öden Tages“, mit König Marke und seinem Gefolge beendet mit grellen Lichtwechseln die surreale Situation und ereignet sich auf weitgehend kahler Bühne.

König Marke erscheint als jugendlicher Freund, erinnert ein wenig an König Ludwig Il. und ist zu wahrer Empathie fähig. Ein klagendes, wunderschön gespieltes Bassklarinettensolo geht seinem Monolog voraus. Marke ist ein wahrhaft Leidender, der die Situation des augenscheinlichen Ehebruchs verstehen will, und der Tristan dennoch rückhaltlos gegen Melot verteidigt. Als sich Tristan in Melots Schwert stürzt, hält Marke den schwer Verwundeten im Arm. Ein markerschütterndes Ende des 2. Aktes.

„Kind, dieser Tristan wird was Furchtbares! Dieser letzte Akt! Ich fürchte, die Oper wird verboten, nur mittelmäßige Aufführungen können mich retten! Vollständig gute müssen die Leute verrückt machen“ schreibt Wagner 1859 an Mathilde Wesendonck.

Nationaltheater Mannheim / Tristan und Isolde hier das Ensemble © Christian Kleiner
Nationaltheater Mannheim / Tristan und Isolde hier das Ensemble © Christian Kleiner

Schon vor Beginn des Vorspiels zum 3. Akt wird Alexander Soddy mit Bravorufen empfangen, zu Recht. Im Vorspiel entfaltet er abgrundtiefe Trauer, die bohrenden tiefen Streicher dehnen die schmerzerfüllten Vorhalte mit schier unerträglicher Spannung, welche die ätherisch aufsteigenden hohen Streicherterzen kontrastieren. Das Englischhornsolo klang leider sehr im Hintergrund und wirkte zu wenig präsent.

Von Tristans Burg Kareol in der Bretagne ist nur noch eine verfallene, eng begrenzte Felseninsel übrig geblieben inmitten eines einsamen Sumpfgebietes, mit Gras und Wasserlachen, aus denen immer wieder Nebelschwaden aufsteigen. Das archaisch anmutende naturalistische Bühnenbild zeigt völlige Verlassenheit und Trostlosigkeit. Kurwenal, der altgediente Recke, wäscht Tristans Verband im Wasser und kocht Essen über einer Feuerstelle. Am Fuße der Gesteinsbrocken liegt der verwundete Tristan. Während seines großen Monologes beginnt sich die Insel zu drehen, ein uralter Hirte, der aus der Zeit gefallen scheint, taucht auf, eine skurrile Figur in einer surrealen Situation. König Markes Mannen liefern sich mit Kurwenal eine veritable Schlacht. Isolde erscheint zu spät, weiß verschleiert wie ein Todesengel, mit Lilien im Arm. Ohne nach dem toten Tristan zu sehen, singt sie ihren Liebestod, während vom Firmament Sterne zu Boden fallen. Dann bereitet sie sich ihr eigenes Grab, blumenumkränzt, und ertränkt sich selbst im Wasser.

Jeder stirbt für sich allein

Frank van Aken ist mit der Partie des Tristan quasi verwachsen, überaus glaubhaft gelingt ihm die Darstellung der seelischen Zerrissenheit dieser Figur, auf erschütternde Weise bringt er seine existenzielle Ausweglosigkeit zum Ausdruck. Auch nicht die lang geplante Liebesnacht mit Isolde im 2. Akt, wenn die gemeinsame transzendente Sehnsucht der beiden Todgeweihten ihren Höhepunkt erreicht, kann ihm Trost spenden, er bleibt befangen in seinem Ich-Gefängnis.

Klug teilt sich van Aken die mörderisch schwere Partie ein, sein schön timbrierter Heldentenor hat Format und besitzt Durchschlagskraft in der Höhe, Lediglich im 2. Akt kämpft er mit konditionellen Problemen, verliert die Stimme an Schmelz und Tragfähigkeit. Für die Fieberfantasien im 3. Akt hat er genügend Reserven. Mit fast religiöser Innbrunst gestaltet er den Ausruf: „Ach Isolde, wie schön bist du!“.

Allison Oakes Isolde ist kein junges Mädchen, sondern eine starke Frau, die Hindernisse nicht scheut und die Tristan mit allen Mitteln herausfordert. Ihre leicht neurotischen Züge versucht sie mit Zigaretten-und Alkoholkonsum zu bekämpfen, mit ihrem Liebesanspruch scheint sie schwer zurechtzukommen. Sie verfügt über einen schlanken, jugendlichen Sopran, der sich vor allem in den Spitzentönen gut durchsetzen kann. Im Liebesduett im 2. Akt klingt ihre Stimme mühelos, wie entfesselt und mischt sich ideal mit den Orchesterfarben. Den Liebestod beginnt sie klangschön und sensibel, kann die Spannung aber bis zum Ende nicht aufrecht erhalten.

Patrik Zielke liefert ein beeindruckendes Rollenporträt als König Marke. Seine Wärme und seine fast zärtliche Hinwendung zu Tristan geben seiner Figur menschliche Größe. Stimmlich besticht er mit wunderbar tragenden piani, sein ausgeglichener, heller Bass spricht in jeder Lage perfekt an. Mit großer dynamischer Bandbreite und Variabilität baut er die Klage auf, auch seine Wortdeutlichkeit lässt keine Wünsche offen.

Julia Faylenbogen ist als Brangäne eine Idealbesetzung, ihren warmen, kultivierten Mezzosopran setzt sie jederzeit facettenreich ein, Ihre „Habet-acht“ Rufe im 2.Akt gehen unter die Haut. Thomas Berau gestaltet den in die Jahre gekommenen „Treuen ohne Wanken“ mit  prachtvollen Bariton von wagnerischem Format, er singt mühelos und mit großer Ausdruckskraft. Ganz ausgezeichnet präsentieren sich Ilya Lapich (Melot), Uwe Eikötter (Hirte), Marcel Brunner (Ein Steuermann) und Joshua Whitener (Ein junger Seemann).

Viel Applaus und Jubel für alle Beteiligten sowie Dankbarkeit für einen großen Opernabend nach langen Monaten der Wagner-Abstinenz

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—


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