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Hessisches Staatstheater WiesbadenIOCO AktuellKonzert

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Internationale Maifestspiele 125 ½; IOCO Aktuell, 15.11.2021

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Ingrid Freiberg
15. November 2021

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold
Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Internationale Maifestspiele 125 ½ – Gala-Konzert

von Ingrid Freiberg

Der November wird zum Mai

„Wie viele Geburtstagspartys konnten in den letzten Monaten nicht gefeiert werden? Wie viele Jubilare mussten an ihrem 75., 80. oder 90. Geburtstag im allerengsten Kreis verbleiben? – Auch die 125. Internationalen Maifestspiele in Wiesbaden konnten nicht stattfinden. Der große Filmregisseur Federico Fellini hatte, als er seinen neunten Film drehte, zwar nicht mit einer Pandemie, wohl aber mit einer Schaffenskrise zu kämpfen, weswegen er diesen Film schlicht 8 ½ nannte. Warum also sollte das Hessische Staatstheater Wiesbaden, in Anlehnung an Fellini, sich nicht dazu entschließen, zu den 125 ½. Internationalen Maifestspielen einzuladen? Zwar kann niemand aus einem November einen Mai machen, doch sollte es zumindest ein festlicher Gala-Abend sein, mit dem dieses besondere Jubiläum mit Stargästen wie der Sopranistin Catherine Foster und dem Tenor Andreas Schager nachträglich gefeiert wird.“

Wagners Festspielhaus in Wiesbaden?

Die Gründung der Kaiserfestspiele im Jahr 1896 basiert auf einer Idee von Richard Wagner, der in (Wiesbaden-)Biebrich zeitweilig Wohnung bezogen und dort Teile seiner Meistersinger komponierte. In dieser Zeit spielte Wagner sogar mit dem Gedanken, auf der Adolfshöhe sein Festspielhaus zu errichten. Erst später entschied er sich für Bayreuth. Wilhelm II. wollte es Wagner und dem bayerischen König Ludwig II. nachtun. Von ihm angeregt finanzierten Wiesbadener Bürger einen Neubau, der am 16. Oktober 1894 als Nachfolge für das zu klein gewordene Herzoglich Nassauische Hoftheater von Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich als nunmehr Königlich Preußisches Hoftheater eröffnet wurde. Er rief die Kaiserfestspiele aus, deren Mäzen er bis 1914 war, ein Theater- und Gesellschaftsfest, dass schnell zu internationalem Ansehen gelangte und den Ruf Wiesbadens als Kulturstadt mitbegründete. Der Monarch finanzierte die Festspiele in großzügigster Weise, nahm aber auch Einfluss auf die künstlerische Gestaltung. In den ersten Festspieljahren nutzte der Kaiser das Wiesbadener Hoftheater als Huldigungsstätte zu größerem Ruhm des Hauses Hohenzollern. So beauftragte er den Kölner Josef Lauff, eine Tetralogie über die Hohenzollern-Dynastie zu schreiben. Szenischer Luxus, exotische Feerien, malerische Tableaus und kolossale Massenarrangements erregten das Entzücken des Publikums sowie der Presse und entsprachen den Vorlieben des Kaisers.

Zwischen 1867 und 1914 besuchten Wilhelm I. und Wilhelm II. 48 Mal die Stadt. Mehrfach galten die Wiesbaden-Besuche dem Zusammentreffen mit befreundeten Herrschern. Die drei Entrevues mit Zar Nikolaus II. (1896, 1897, 1903) hatten vornehmlich familiären Charakter, politische Themen waren von untergeordneter Bedeutung. Durch regelmäßige Kurbesuche des Kaisers blühte die Kurstadt um die Jahrhundertwende auf. Wilhelm II. besuchte die Stadt regelmäßig zur Sommerfrische. Im Gefolge des kaiserlichen Hofstaates kamen zahlreiche Adlige, Künstler und wohlhabende Unternehmer in die Stadt. Viele von ihnen ließen sich auch nieder. Durch die Anwesenheit des Kaisers und des Berliner Hofes erhielten die Festspiele internationale Bedeutung. Sie wurden zum wichtigsten Kultur- und Finanzfaktor der Bäderstadt. In den 1930er Jahren mündeten die Festspiele unter Hitler in die unrühmlichen Gaukulturwochen. Mit dem Untergang des Dritten Reiches wurde das Kapitel der Wiesbadener Maifestspiele zunächst geschlossen.

Neugründung der Festspiele

1950 wurden die Festspiele als Internationale Maifestspiele Wiesbaden neu gegründet: Statt national nun international, mit repräsentativen Gesamtgastspielen aus vielen Ländern: Oper, Ballett und Schauspiel, Produktionen für Kinder und Jugendliche sowie für Freunde der musikalischen Moderne. Die Internationalen Maifestspiele Wiesbaden bilden in jedem Jahr den Kulturhöhepunkt der Stadt Wiesbaden. Eines der schönsten Theater in Deutschland begrüßt seine Festspielbesucher – immer noch kaiserlich anmutend – mit Bediensteten in Livree. Eine Wagner-Oper steht immer auf dem Programm der Festspiele. 2021 dürfen sich die Festspielbesucher auf Uwe Eric Laufenbergs Neuinszenierung von Tristan und Isolde freuen.

In den 125 Jahren gab es unendlich viele Glanzpunkte: Begeistert haben Enrico Caruso, Maria Callas und Edita Gruberová, Peter Schreier und Theo Adam, Nadine Secunde und Eike Wilm Schulte, Michael Volle und René Pape, Vesselina Kasarova und Johannes Martin Kränzle, viele starteten auch ihre Weltkarriere von Wiesbaden aus – eine lückenlose Aufzählung ist unmöglich – nur so viel, die „Welt ist zu Gast in Wiesbaden“. Auch besondere hausinterne Ereignisse sind erwähnenswert: So stand der Statisterieleiter Thomas Braun 6.000 Mal auf der Bühne; als „Wiesbadener Mädchen“ könnte ich ab 1955 unzählige Theatergeschichten erzählen…

Gala-Konzert mit einzigartigen Gastgeschenken

Staatstheater Wiesbaden / Catherine Foster © Uwe Arens
Staatstheater Wiesbaden / Catherine Foster © Uwe Arens

Zu einem gelungenen Gala-Abend gehört Glanz unbedingt dazu, die Erwartungen sind entsprechend hoch, das ungeduldige Publikum erwartet ganz besondere Gastgeschenke. Ausgewählt wurden Catherine Forster und Andreas Schager. Wagners Überlegung „Bayreuth oder Wiesbaden?“ fällt mit diesen Gästen für ein paar Stunden zugunsten von Wiesbaden aus. Mit ihrer sogartigen Anwesenheit von der Bühne aus beschenken uns die Orchestermusiker. Diese ist mit wunderschönen Blumen dekoriert, ein goldener Himmel mit einem weißen Kronleuchter, goldene Wände und in satten Farben wechselnde Bühnenprospekte verwöhnen das Auge. Begrüßt mit einem herzlichen Applaus stürmt der Gastdirigent Alexander Joel zu seinem Dirigentenpult und eröffnet den festlichen Abend mit der romantischen Ouvertüre der heutzutage selten gespielten Oper Oberon von Carl Maria von Weber, die Kaiser Wilhelm II. wiederholt als von ihm abgewandelte Huldigungsoper aufführen ließ. Die Ouvertüre vereint wie in einem Miniatur-Drama die schönsten musikalischen Einfälle der Oper: Beglückend der Beginn mit dem Zauberhorn, furios das losstürmende Sechszehntel-Hauptthema, mitreißend die Herausstellung des Reiza-Motivs bis zum strahlenden Ende.

Begeisterte Pausengespräche

Staatstheater Wiesbaden / Internationale Maifestspiele 125 ½ hier Andreas Schager © David Jerusalem
Staatstheater Wiesbaden / Internationale Maifestspiele 125 ½ hier Andreas Schager © David Jerusalem

Das Raunen mit der Frage, was nun folgen wird, beantwortet Musikdramaturg Daniel C. Schindler. Gekonnt und mit Begeisterung führt er durch das außergewöhnliche Programm, begrüßt Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende, der seine Freude ausdrückt, dass Theater in einem vollbesetzten Haus wieder möglich sei. Er ruft zum Impfen als den besten Weg aus der Krise auf, damit der massiv betroffene Kunstbetrieb sich wieder erholen könne.

Es folgt die Arie der Elisabeth aus Tannhäuser „Dich, teure Halle, grüß ich wieder“. Schwungvoll, in einem eleganten grauen Abendmantel mit Pailletten und rosa Streifen, betritt Catherine Foster die Szene. Vibrierende Hörner bauen eine elektrisierte Atmosphäre auf. Jubelnde Streicher verkünden das Glücks-Leitmotiv der Elisabeth… aus ihren düsteren Gedanken bringt sie eine Oboe wieder in jubelnde Höhen. Seligmachend Fosters ausdrucksstarkes Sopran-Timbre, ihre Fähigkeit, große Bögen mit dramatischer Intensität zu überspannen, tief emotional.

Andreas Schager, weltweit einer der gefragtesten Sänger in der Rolle des Siegfried, beginnt aufrüttelnd mit „Nessun dorma“ aus Turandot von Giacomo Puccini. Alle warten auf jene spektakelnde Note, jenes hohe H, das möglichst lange und laut ausgehalten wird, und bekommen es geschenkt. Catherine Foster, Prinzessin Turandot, erscheint. Sie erzählt dem Volk von ihrer von Tataren geraubten Ahnfrau Lo-uling „In questa reggia“ und davon, dass sie jedem, der es wagt, sie zur Frau zu nehmen, aus Rache das Leben nehmen will. Diese dramatische Arie erfordert Stimmbänder aus Stahl und ist ein ungeheurer Kraftakt. Foster singt sie bravourös mit schonungsloser Emphase.

Staatssekretär Dr. Manuel Lösel hält eine launige, liebevolle Rede über seine Beziehung zum Hessischen Staatstheater Wiesbaden. Beschreibt, dass er mit seiner Mutter von Jugend an im 1. Rang links saß, nur das Orchester beobachtete, bis er nach einer Weile auch auf die Sänger achtete, was dazu führte, dass er im Extrachor sang und so dem Theater noch näherkam.

Der erste Teil des Abends schließt bestechend mit dem Orchesterzwischenspiel „Tagesgrauen“ und dem Duett “Zu neuen Taten, teurer Helde” aus Götterdämmerung. Catherine Foster und Andreas Schager weisen sich zum wiederholten Male als „Wagner Heroine und -Heroe“ aus. Dementsprechend begeistert ist das Pausengespräch.

Auch Luwig van Beethoven feiert nach

Nicht nur die Internationalen Maifestspiele Wiesbaden waren von der Pandemie betroffen, auch Ludwig van Beethoven konnte sein Jubiläumsjahr 2020 nicht feiern, Konzerte wurden abgesagt, verschoben oder konnten nur digital über die virtuelle Bühne gehen; und nun das herrliche Erlebnis, die Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 mit dem Hessischen Staatsorchester Wiesbaden mit dem langsamen Einleitungsteil im Theater hören zu können. Im Allegro führt Beethoven ein neues Thema ein, das von einer unbändigen Energie erfüllt ist, vorwärts in die Freiheit. Dann ertönt zwei Mal das Signal der Trompete aus der Ferne. Tastend und zögerlich ist die Reaktion auf das Befreiungszeichen, ehe die Flöte in einem berührenden Aufbruch das Freiheitsthema anstimmt. Ein furioser Einsatz der Geigen, dem alle anderen Streichergruppen folgen, leitet einen grenzenlosen Presto-Jubel ein. Auch, wenn es eine Wiederholung der Beschreibung der Gefühle ist, das Publikum fühlt sich nach langer Zeit im Innersten berührt. Der Hausherr, Intendant Uwe Eric Laufenberg, versucht den Spannungsbogen mit seiner Rede nicht zu unterbrechen. Sehr kurz weist er auf den Premierenabend Tristan und Isolde am darauffolgenden Abend hin und geht davon aus, dass er dann alle Festgäste wieder begrüßen kann.

Richard Wagner – für Sänger wie die Besteigung eines Achttausenders

Ludwig van Beethoven Bonn © IOCO
Ludwig van Beethoven Bonn © IOCO

Nach der schwankend unbestimmten, dunklen Einleitung des Orchesters mit den Pauken-Herzschlagmotiven ist die Gestaltung von Rezitativ und Arie „Gott, welch Dunkel hier“ aus Fidelio eine Interpretationssache. Andreas Schager wählt einen Anfang mit einem letztmalig aufbäumenden, verzweifelten und dramatischen Effekt im Forte. Sein außerordentlich stimmliches Potenzial ist ein Kompromiss, der den Schmerz des Florestan etwas vermissen lässt.

„Die Opern von Richard Wagner sind für Sänger so etwas wie die Besteigung eines Achttausenders. Sie erfordern eine gute Kondition, eine innere Ausgeglichenheit, eine Erdung, ganz gleich, welche Höhen die Stimme zu erklimmen hat.“ Der Reichtum der Stimme von Catherine Foster macht das in jedem Genre möglich: Rezitativ und Arie “Ben io t’invenni o fatal scritto/Anch’io dischiuso un giorno”, Abigaille, Nabucco, die sich schnell von extrem hoch zu tief bewegt, besticht durch ihre Besessenheit, die Verdi mit wilden Tonsprüngen dokumentiert. Foster ist fesselnd grauenhaft bis zur Gänsehaut. Die öffentliche Meinung wendet sich gegen Rienzi. Sie klagen ihn des Verrats an. Er betet zu Gott „Allmächt’ger Vater, blick herab!“ Hier gelingt Andreas Schager die Balance zwischen Innigkeit, Inbrunst und heldenhaftem Auftreten.

Eine brillante Festrede

Mit Intelligenz, Witz und spitzer Feder wie kaum eine andere hält Thea Dorn die Festrede anlässlich „125 ½ Jahre Internationale Maifestspiele“. Diese brillante Rede ist es wert, gesondert – in voller Länge – bei IOCO veröffentlicht zu werden und wird nachgereicht.

Das Fest endet mit Tanz

Bei „Vissi d’arte“, Tosca, von Giacomo Puccini denkt man zwangsläufig auch an Maria Callas in ihrer berühmten roten Bühnenrobe. Catherine Foster in einem roten Abendmantel lässt bereits nach den ersten Tönen diese Erinnerung verblassen. Innig singt sie den Monolog, in dem sie Gott fragt, warum sie so gestraft wird. Ihre Verzweiflung ist glaubwürdig und fühlbar. „In fernem Land“ in der Gralserzählung besingt Lohengrin mit feierlicher Stimme ein Wunder „Alljährlich naht vom Himmel eine Taube um neu zu stärken seine Wunderkraft. Es heisst der Gral“. Ein wunderschönes weiches Forte in A glänzt über dem schwirrenden Klang der Violinen, hier lässt die strahlende Naturstimme von Andreas Schager die Anstrengung des Abends erkennen, was sich mit „Lippen schweigen…“ von Franz Lehár schlagartig wieder ändert. Catherine Foster und Andreas Schager liegen sich tanzend in den Armen und die Besucher sind kaum zurückzuhalten, es ihnen gleichzutun…

Unter Leitung der prägnanten Taktierfigur von Alexander Joel präsentiert sich das Hessische Staatsorchester Wiesbaden in geschliffener energiegeladener Bestform.

Das Publikum verlässt das Theater mit 3G: glücklich, geimpft und genesen – von der Zeit ohne Orchester und ohne Sitznachbar*in…

 

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