IOCO
IOCO
image
IOCO - CD-RezensionLiederabend

Die stille Stadt – Lieder von Mahler, Schreker, Korngold, CD-Besprechung, 12.11.2021

avatar
Karin Hasenstein
12. November 2021
DIE STILLE STADT - CD - Dorothea Herbert - Peter Nilsson - 7 Mountain Records - Catalogue No 7MNTN029
DIE STILLE STADT – CD – Dorothea Herbert – Peter Nilsson – 7 Mountain Records – Catalogue No 7MNTN029

Die stille Stadt –  CD – Dorothea Herbert – Sopran, Peter Nilsson – Klavier

Lieder von Alma Mahler, Franz Schreker und Erich Wolfgang Korngold
Aufgenommen Juni 2021, erschienen September 2021 – bei – 7 Mountain Records Co., NL
– zu beziehen u.a. bei JPC – Leidenschaft für Musik –

von Karin Hasenstein

Kleinod des Liedgesangs

“Die stille Stadt” – Still, werden Sie sagen? Du meinst, “Die tote Stadt”. Ja und nein. Die stille Stadt ist der Titel der neuen CD der Sopranistin Dorothea Herbert und ihres Begleiters Peter Nilsson. Und wie sich denken lässt, ist dieser Titel nicht ohne Grund gewählt.

Die CD umfasst Lieder bzw. Liederzyklen von drei Komponist*innen: Alma Mahler, Franz Schreker und Erich Wolfgang Korngold. Der letzte der 22 Titel umfassenden CD ist tatsächlich mit “Glück, das mir verblieb” das wohl bekannteste Stück aus Korngolds Oper Die tote Stadt und die Anspielung im Titel der CD ist kein Zufall.

Die Sopranistin Dorothea Herbert begann ihre musikalische Ausbildung im Alter von 16 Jahren am Richard-Strauss-Konservatorium ihrer Heimatstadt München. Nach dem Studium in London war sie am Opernstudio der Welsh National Opera und ergänzte ihre Ausbildung durch zahlreiche Meisterklassen. Zu ihrem Repertoire zählen u.a. Rollen wie Leonore (Fidelio), Senta (Der Fliegende Holländer), Amelia (Un ballo in maschera), Donna Anna (Don Giovanni) oder Agathe (Der Freischütz).  Am Theater Krefeld und Mönchengladbach war Dorothea Herbert als Salome (IOCO Rezension hier) auf der Bühne. Aktuell steht sie als Leonore beim Glyndebourne Festival auf der Bühne. 2022 wird sie in großen Rollen des dramatischen Sopranfachs an Häusern wie der Semperoper Dresden oder der Dutch National Opera Amsterdam zu hören sein.

Ihr Begleiter Peter Nilsson stammt aus Chicago. Er studierte Korrepetition und Liedbegleitung bei John Wustman sowie Gesang bei Dodi Protero und Mark Elyn an der University of Illinois. Das Gesangsstudium ist für ihn als Klavierbegleiter natürlich sehr hilfreich. Er begann als Korrepetitor am Illinois Opera Center und der Bowen Park Opera. Später wechselte er ans Lyric Opera Center for Young American Artists nach Chicago. Seit 1992 lebt er in den Niederlanden, wo er seither als Studienleiter an der Nationalen Opernakademie tätig ist. Er arbeitete mit Dirigenten wie Yves Abel, Hartmut Haenchen, Ingo Metzmacher, Yannick Nézet-Séguin und Carlo Rizzi zusammen.

Die Gattung Lied oder auch Kunstlied ist die Königsklasse für Sängerinnen und Sänger. Lied wirklich gut zu singen und zu interpretieren ist die Hohe Schule des Gesanges. Auch wenn oder gerade weil es sich um eine kleine geschlossene Form handelt, ist es so schwer, in zwei oder drei Minuten eine ganze Geschichte, oft ein Drama, zu erzählen. Man denke nur an Liederzyklen wie Schuberts Winterreise oder Schumanns Dichterliebe. Liederzyklen haben die Besonderheit, dass sie eine Reihe von Liedern zusammenfassen, die in der Gesamtheit eine Geschichte ergeben. Einzelne Lieder wiederum erzählen als Strophenlied eine Geschichte. In diese wenigen Minuten muss der Interpret seine ganze Empathie für den Dichter und den Komponisten legen und den Hörer mitnehmen auf eine Reise. Dabei hat er nicht ein Dutzend Kollegen und ein Orchester dabei, die ihn tragen, auch keinen Dirigenten, der ihn durch den Abend führt. Die Solistin, der Solist ist hier völlig auf sich allein gestellt und hat nur seinen Begleiter, der ihn im Idealfall ergänzt und trägt.

Einen solchen Idealfall stellt die vorliegende CD Die stille Stadt von Dorothea Herbert und ihrem Pianisten Peter Nilsson dar.

Geboren aus der Not der Corona-Pandemie und des damit verbundenen Lockdowns und weggefallener Auftrittsmöglichkeiten haben einige Sänger die Zeit genutzt, um neue Aufnahmen zu schaffen. Dankenswerterweise hat die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen von NEUSTART KULTUR solche Projekte finanziell unterstützt.

Die vorliegende CD ist schon optisch ansprechend gestaltet. Als jemand, der mit MP3 und Downloads nichts anfangen kann, nehme ich die CD gerne in die Hand. Das Cover ist komplett aus Pappe bis auf ein kleines Quadrat aus Plastik im Rücken, das die CD fixiert. Es ist schlicht und ästhetisch in Weiß- und Grautönen gehalten, das Foto von Dorothea Herbert auf der Vorderseite fast eine Schwarz-Weiß-Fotografie, mit ganz leichten Farbanteilen. Es zeigt die Künstlerin sitzend in nachdenklicher Pose auf einer Steinbank. Das Bild strahlt Ruhe aus, passend zum Titel Die stille Stadt.

Im vorderen Umschlag ist das Booklet eingeklebt. Es enthält einige Ausführungen zu Alma Mahler, Franz Schreker und Erich Wolfgang Korngold und ihren Liedern von Klaus Bertisch, eine englische Übersetzung (ebenfalls K. Bertisch) und die Vorstellung der beiden Künstler (ausschließlich auf Englisch). Nachfolgend werden die Liedtexte abgedruckt, im deutschen Original und in einer englischen Übersetzung. Die Titel Korngolds “Unvergänglichkeit, op. 27” und “3 Lieder, op. 22” dürfen aus urheberrechtlichen Gründen nicht abgedruckt werden.

Jedes der 22 Lieder einzeln ausführlich zu besprechen würde den Rahmen dieser Rezension sprengen und sicher auch den interessiertesten Leser irgendwann langweilen. So wird sich die Darstellung auf die einzelnen Liederzyklen und ausgewählte Lieder konzentrieren.

Alma Mahler (1879 – 1964)    –   5 Lieder

Der Zyklus “5 Lieder” entstand im Jahr 1910. Gustav Mahler, der das kompositorische Schaffen seiner Frau weder schätzte noch förderte, gab erst nach einer massiven Ehekrise nach und gab eine erste Mappe mit 5 Liedern heraus. Bis zu seinem Tod sollten noch zwei weitere Editionen mit 4 und später 5 Liedern folgen. Diese 14 Lieder sind neben zwei ungedruckten ihre einzigen erhaltenen Werke. Man hört den Liedern Almas Nähe zu ihrem Mann nicht an, vielmehr imitierte sie den Stil Alexander von Zemlinskys, der ihr Klavierlehrer und Liebhaber war.

Die stille Stadt ist ein dreistrophiges Lied mit einer Dauer von 3:05 min. nach einem Text von Richard Dehmel.

“Liegt eine Stadt im Tale, ein blasser Tag vergeht. Es wird nicht lange dauern mehr, bis weder Mond noch Sterne nur Nacht am Himmel steht” lautet die erste Strophe.

Dorothea Herbert © Linda Rabisch
Dorothea Herbert © Linda Rabisch

Dorothea Herbert gestaltet die drei Strophen mit sehr guter Textverständlichkeit und großem Gespür für die Atmosphäre des Liedes. Ausgehend von einem wunderschönen zarten piano entwickeln sich die Töne sehr organisch und die Stimme schwingt mit einem angenehmen leichten Vibrato.
Da dieses Lied am Anfang der CD steht und namengebend war, drängt sich der Gedanke an die Corona-Pandemie auf, in der viele Städte still da lagen und das öffentliche Leben in weiten Teilen zum Erliegen kam.

“Meine Nächte” (1902) von Leo Greiner (1876 – 1928) ist ein zweistrophiges Lied, in dem ein nicht näher bekanntes Erzähler-Ich von seinen Nächten am See erzählt und von Mädchen in schimmernden Gewändern.
Dorothea Herbert erfasst diese geheimnisvolle Atmosphäre perfekt und gibt sie gekonnt wieder. Ihr Sopran erklingt klar und schlank bei “traumesmüd Mädchen zieh’n in schimmernden Gewändern” und doch gleichzeitig rund und voll.

“Ansturm” (1915) ist aus dem Zyklus 4 Lieder, Nr. 3, ebenfalls nach einem Text von Richard Dehmel.

Das sehr kurze zweistrophige Lied handelt von Begehren und innerem Aufruhr, der sich Bahn brechen muss, um sich nicht selbst zu verzehren. In nur 1:47 min. wird hier keine Geschichte erzählt, sondern nur Gefühle beschrieben. Es beginnt lebhaft und endet nachdenklich. Dorothea Herbert gibt einfühlsam die zerrissene aufgewühlte Seele des Erzähler-Ichs wieder.

“Extase” (1901) ist aus 5 Gesänge, Nr. 2. Dichter ist Otto Julius Bierbaum (1865 – 1910)

Es ist ein Lobpreis an Gott als Schöpfer der Natur, in dessen Reich der Wanderer selbst eintritt, der von dieser Schönheit berauscht ist. Frau Herbert interpretiert diese Naturbeschreibung und den damit verbundenen Rausch des Erzählers in der hohen Lage mit wunderschöner strahlender Klarheit.

Ein kurzes Klaviervorspiel leitet das nächste Lied ein, “Der Erkennende” (1901), aus 5 Gesänge, Nr. 3 von Franz Werfel (1890 – 1945).  Wiederum ein dreistrophiges Lied, etwas ruhiger gehalten, spricht von Liebe und Verlust, von Scheitern und Unverständnis.

“Licht in der Nacht” (1915) aus 4 Lieder, Nr. 1 von Otto Julius Bierbaum ist das letzte der Lieder von Alma Mahler.

Sehr gefühlvoll mit ihrem warmen Timbre gestaltet Dorothea Herbert dieses 4:44 min. lange zweistrophige Lied. Das Licht in der Nacht verlöscht. Zu den Worten “Schlafe, Herz. Schlafe, Herz. Du hörst keine Stimme mehr” im zarten piano verstummt auch das Klavier.

Franz Schreker (1878 – 1934)

Auch in den Liedern Franz Schrekers geht es um unerfüllte Liebe, Abschied und Verlust. Dabei sind sie sehr unterschiedlich vom Duktus. Dorothea Herbert versteht es sehr gut, sowohl die überbordenden Gefühle zu beschreiben als auch die Verzweiflung und die düstere Stimmung z.B. in “Wohl fühl’ ich wie das Leben rinnt” (1851), Fünf Lieder, op. 4 Nr. 3 von Theodor Storm (1817 – 1888).
Der Erzähler weiß, dass irgendwann der letzte Kuss kommt, dass die Sterne untergehen und das Leben und die Liebe ein Ende haben.

Ganz anders in “Unendliche Liebe” (1858) aus Fünf Lieder, op. 4 Nr. 1 von Leo Tolstoi (1828 – 1910)

Dorothea Herbert findet für den Kontrast zwischen unerfüllter, endender und leidenschaftlicher Liebe zahlreiche unterschiedliche Farben und Zwischentöne. Die lebhaften leidenschaftlichen Phrasen füllt sie ebenso aus wie die verzweifelten pessimistischen.
“Vernichtet ist mein Lebensglück” gestaltet sie leidenschaftlich und dennoch ruhig, mit etwas dunklerer Färbung, der Stimmung des Liedes entsprechend.

Das Lied “Spuk” (1900) aus Acht Lieder, op. 7 Nr. 4 von Dora Leen (1880 – 1842) ist rasch und bewegt, dazu lustig in der Klavierbegleitung. Es hat einen spielerischen Charakter. Am Ende bei den Worten “Ein bleich Gesicht im Mondlicht küssen die lachenden Elfen zu Tod” hört man bei Dorothea Herbert das Lachen förmlich in der Stimme.

Bei “Stimmen des Tages” (nach 1901 komponiert), Zwei Lieder, op.2 Nr. 2 von Ferdinand von Saar (1833 – 1906) kann Frau Herbert ihre wunderschöne Mittel- und tiefe Lage und ihr warmes Timbre sehr gut einsetzen. Die Stimme ist sehr rund und voll und der Text wird molto espressivo gestaltet.

Ob poetische ernste Stellen, melancholische Stimmungen, Dorothea Herbert überzeugt durch eine große Bandbreite an Emotionen und Farben. Auch bei großen Tonsprüngen gelingt der Lagenausgleich stets sicher und organisch.

Dynamische Crescendi, höchste Textverständlichkeit und eine brillante Höhe machen das Zuhören zu einem Genuss. Zart gestaltete Endtöne und ein sehr angenehmes und gekonnt dosiertes Vibrato erfreuen den Zuhörer in jedem der einspielten Lieder.

Das letzte Stück auf der CD, an das man schon beim Titel denken muss, ist “Glück, das mir verblieb” aus Erich Wolfgang Korngolds Oper Die tote Stadt. Der Text stammt von Paul Schott (1860 – 1945), die Oper ist 1920 entstanden.

Ein “Lieblingslied” auf dieser CD zu bestimmen, fällt schwer, ist die Auswahl doch so klug getroffen und jedes dieser Lieder ein Kleinod. Aber für viele Musikfreunde dürfte “Glück, das mir verblieb” doch das bekannteste sein. Für die Rezensentin stellt es einen der Höhepunkte der Aufnahme dar. Dorothea Herbert singt es ruhig und innig. Ihre traumhafte brillante Höhe erstrahlt, ihr Vibrato ist perfekt und überaus angenehm. Sie vermittelt ideal die Gedanken an vergangene Tage der Jugend und Liebe. Besonders berührend die Zeilen “Sterben trennt uns nicht” und die letzte Phrase “Mußt du einmal von mir gehn, glaub, es gibt ein Auferstehn.”

In Peter Nilsson hat Dorothea Herbert einen idealen Begleiter gefunden. Er ist ihr Partner, ihr Orchester, ihr Dirigent. Er trägt sie durch die 22 Lieder, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Sein Spiel ist ebenso einfühlsam wie ihr Gesang, er geht stets perfekt mit, Tempi und Dynamik sind ideal aufeinander abgestimmt. Hier hat ein wunderbares Team zusammengefunden.

Es bleibt zu hoffen, dass die CD “Die stille Stadt” nicht nur ein Projekt während einer für die Künstler schweren Zeit war, sondern dass weitere Aufnahmen mit Liedern oder Liederzyklen folgen werden.

Seitens der Rezensentin erfolgt eine herzliche Empfehlung dieser Aufnahme, die zum einen relativ unbekannte Lieder vorstellt, zum anderen durch ihre hohe künstlerische Professionalität überzeugt und den Hörer verzaubert.

Herzlichen Dank, Dorothea Herbert und Peters Nilsson!

—| IOCO CD-Rezension |—


Tags

7 Mountain Records
Alma Mahler
CD
Die stille Stadt
die tote stadt
Dodi Protero
Dora Leen
Dorothea Herbert
erich wolfgang korngold
Ferdinand von Saar
franz schreker
Hartmut Haenchen
ingo metzmacher
John Wustman
Mark Elyn
NL
Otto Julius Bierbaum
Peter Nilsson
Richard Dehmel
theodor storm
Yannick Nézet-Séguin
Yves Abel
vorheriger Artikel
Wien, Wiener Staatsoper, Opernball 2022 – die Staatsoper informiert, IOCO Aktuell, 13.11.2021
avatar

Karin Hasenstein

Andere Artikel des Autorsweitere Artikel
Duisburg, Deutsche Oper am Rhein, Tristan und Isolde – Richard Wagner, IOCO Kritik, 09.11.2021
avatar
09. November 2021
IOCO
© 2021, Alle Rechte vorbehalten.

Quick Links

KontaktImpressumDatenschutzerklärung

Social Media