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Baden-Baden, Festspielhaus, Teodor Currentzis – musicAeterna, IOCO Kritik, 08.11.2021

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Marcel Bub
07. November 2021
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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden
Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Teodor Currentzis – musicAeterna : Neue Räume künstlerischer Erfahrung

– zwischen Trauer, Trost und der Zukunft der Kunst –

von Marcel Bub

Teodor Currentzis © Wikimedia Commons / Teodor Currentzis
Teodor Currentzis © Wikimedia Commons / Teodor Currentzis

Teodor Currentzis und musicAeterna eröffneten  in Baden-Baden neue Räume künstlerischer Erfahrung und ästhetischer Intensität. Orchester, Chor und Dirigent interpretierten Ein Schemen von Yannis Kyriakides sowie Music for Here von Andreas Moustoukis und brachten auch das Requiem op. 48 von Gabriel Fauré in der Verbindung mit einer visuellen Gestaltung von Mat Collishaw bei den Herbstfestspielen vom 30.10. bis 01.11.2021 im Festspielhaus Baden-Baden:  Eine Welturaufführung.

Nur eine Musikerin an der Harfe. Angestrahlt von einem Lichtkegel auf der ansonsten leeren Bühne. So wurde das in den Aufführungssaal eintretende Publikum des Festspielhaus Baden-Baden empfangen. Nach Momenten der erwartungsvollen Stille bewegte sich langsam eine dunkle Gestalt durch den Raum. Am Pult angekommen, gab der Dirigent Teodor Currentzis den ersten Einsatz eines Abends voller großer, komplexer und anspruchsvoller Kunst.

Bei Ein Schemen handelt es sich um eine Rekomposition und Neudeutung von Johannes Brahms‘ Ein deutsches Requiem. Auf dessen Grundlage schuf der Komponist und Sound Artist Yannis Kyriakides ein Werk für Harfe, Elektronik und Chor. Der auf Zypern geboren, nach Großbritannien ausgewandert und mittlerweile in den Niederlanden wohnende Künstler suche, so im Programmheft des Abends zu lesen, in seinen Werken nach Möglichkeiten und Formen, unterstützt von Medien, den Akt des Zuhörens zu problematisieren. Wie und was kommuniziert Musik? Dieser Frage geht Kyriakides in Bezug auf Brahms‘ Vorlage nach, in dem er einzelne Elemente im Sinne einer bestimmten Raumvorstellung vertikal und horizontal weite d.h., dass er einzelne Motive oder auch nur Motivsplitter dehne und wiederhole und aus ihnen weite Klangebenen schaffe. Den Titel habe der Komponist dem dritten Satz entnommen, in dem es heißt, „Sie gehen daher wie ein Schemen und machen ihnen viel vergebliche Unruhe; sie sammeln und wissen nicht, wer es kriegen wird.“

musicAeterna –  Baden-Baden Festspielhaus – Herbstfestspiele 2021 30.10. – 01.11.21

Zur Aufführung gebracht wurde dieses moderne Stück von dem Orchester musicAeterna unter der Leitung von Teodor Currentzis. Als einer der spannendsten, anspruchsvollsten und kontroversesten Dirigenten derzeit ist der griechisch-russische Dirigent bekannt für das Freilegen, Ausreizen und Überschreiten von Grenzen der Musiktradition und Konvention. Sein Ziel ist dabei oftmals den Kern und die eigentliche Idee eines Werk herauszuarbeiten.

Nachdem musicAeterna von Currentzis 2004 in Nowosibirsk gegründet wurde und seit 2011 dort an der Oper Perm ansässig war, verlegte es 2019 seinen Sitz nach St. Petersburg, wo es seitdem als unabhängiges Orchester künstlerisch tätig ist. Im Zuge dessen legen Currentzis und seine Musikerinnen und Musiker neben dem Schaffen und Erreichen höchster künstlerischer Qualität verstärkt Schwerpunkte auf Musikvermittlung, Diskurs und kreative Arbeit. Erlebbar wird dies insbesondere in den Gebäuden des alten Dom Radios, dem Sitz des Orchesters in St. Petersburg sowie während des neuen Formats der musicAeterna-Residenz, die mit einem umfassenden Programm an Konzerten, Proben, Workshops, Meisterklassen, Ausstellungen und Diskussionen dieses Jahr bereits in Moskau und Luzern stattfand. In Baden-Baden gestalteten Currentzis und sein Orchester im Zuge der Herbstfestspiele 2021 abermals ein vielschichtiges und kreativ zukunftsträchtiges Programm.
Fein und präzise ließ Maria Zorkina die ersten Töne der Harfe erklingen, bevor erst schrille, dann sphärisch anmutende elektronische Klänge den Saal durchfluteten. Mit Zeilen aus den Psalmen, die Brahms als Grundlage seines Requiems dienten, kam schließlich die nächste Komponente dieses sich langsam herausbildenden komplexen Klanggebildes hinzu. Mit geheimnisvollem „Selig sind […]“ erklang der musicAeterna Chor nun von außerhalb des Konzertsaals. Aufmerksam und gekonnt hielt Currentzis diesen von überall wie aus dem Nichts entstehenden Klang zusammen

musicAeterna und Teodor Currentzis im Festspielhaus Baden-Baden © Andrea Kremper
musicAeterna und Teodor Currentzis im Festspielhaus Baden-Baden © Andrea Kremper

Immer wieder gingen die Klänge der Harfe in Elektronik über, um sich verzerrt weiter zu spannen und in kristallklarem Chorgesang aufzugehen. Was an der einen Stelle noch tranceartig surreal erschien, verdeutlichte sich bald in der Klarheit gesungener Originalpassagen aus Brahms‘ Requiem, um dann wieder in technisch erzeugte Sphären überzugehen. Im Zuge dieser Klangarchitektur war es insbesondere die mit dem Dirigenten im engen Austausch stehende Zorkina an der Harfe, die akzentgebend an vielen Stellen ihr Instrument virtuos erstrahlen ließ.

Nach etwa fünfzehn Minuten öffnete sich der Vorhang und der Chor trat nun auch visuell in Erscheinung. Mit der Passage „Denn alles Fleisch ist wie Gras […]“ wurde in ein dynamisches Wechselspiel der unterschiedlichen Chorstimmen eingeleitet. An die schauerartig wabernden tieferen Stimmen reihten sich die glasklaren Höheren. Nicht Schwere und Traurigkeit, sondern Trost und Leichtigkeit löste diese Musik im Publikum aus. Einmal mehr offenbarten sich das hohe Niveau und die künstlerische Qualität des musicAeterna Chores – unter der Leitung von Vitaly Polonsky. Insbesondere im Piano und Pianissimo, ob a cappella oder im Gesamtklang, brillierte der Chor mit hoher Präzision und zerbrechlicher Klangschönheit. Doch auch in Steigerungen zum Forte überzeugte er durch starke Dynamiken und Klangfülle.

Der Komponist Yannis Kyriakides, an diesem Abend ebenfalls anwesend und am Mischpult im hinteren Teil des Saals platziert, gibt in der Partitur Vorschläge, wie sich der Chor, beziehungsweise die 24 einzelnen Sängerinnen und Sänger im Zuge der sieben Sätze des Stücks im Raum platzieren können. Diese gelte es dann, je nach Aufführungsort anzupassen. Das Ergebnis ist eine eindrucksvolle Choreografie, die Chor und Dirigent an diesem Abend auf konzentriert-spirituelle Weise darboten. Ein solch umfassender und mehrschichtiger Zugang in Aufführung und Inszenierung konnte zuvor bereits in Philippe Hersants Choroper Tristia mit musicAeterna und Currentzis auch hier in Baden-Baden erlebt werden. An diesem Abend im Festspielhaus sah das Publikum den Chor unter anderem zweireihig im Halbkreis um die Harfe stehen, als mächtige Reihe am vorderen Rand der Bühne oder aufgeteilt am Rand sitzen, forsch von rechts nach links gehen oder mit dem Rücken zum Saal – und dabei immer treffend über eine überzeugende Lichtgebung in Szene gesetzt. Für die letztgenannte Position stellte sich Currentzis an ein zweites Pult im hinteren Teil der Bühne und präsentierte dabei sein fließendes Dirigat noch deutlicher im Blickfeld des Publikums.

Elektronische Klänge, die teilweise Assoziationen herabfallender Sirenen, Sternenstaub oder Herzschläge erzeugten, wurden immer wieder um mal sanft weiterführendes, mal brutal anmutendes, diskontinuierliches Harfenspiel ergänzt. Häufig wechselte der Chor von leiser Sanftheit zu machtvollem Glanz. Einer der vielen Höhenpunkte wurde so bei der Passage „Herr, lehre doch mich […]“ erreicht, indem dunkle und harte Elektronik in Verbindung mit dissonanten Harfentönen die Grundlage eines komplexen Gebildes sich wiederholendem, teilweise verzögertem und sich kanonartig überlappendem Gesang bildete. Currentzis trieb die Stimmen und Klänge machtvoll und dynamisch zu höchster Intensität, welche schließlich wieder geheimnisvoll wabernd in Sphäre und Raum mündeten. Viel zugetraut wurde dem Publikum zudem bei der ähnlich intensiven Klangspitze der Passage „Siehe, ich sage euch ein Geheimnis […]“, im Zuge derer sich die Stimmen hoch komplex vereinten, immer wieder ergänzt und durchbrochen von Klang, Geräusch und Dissonanz.

Zum Ende hin fanden dann Komposition und Inszenierung wieder zu Motiven des Anfangs zurück. Diese trafen nun auf ein von der Aufführung bewegtes Publikum – nur ein paar wenige hatten den Saal im Zug der etwa 70 Minuten verlassen –, von dem ein Sich-Öffnen für eine solch umfassende, gehaltvolle und nahegehende Kunsterfahrung erfordert wurde. So erklang abermals der Chor von außerhalb des Konzertinnenraums. Die kommunikative Einheit zwischen Harfe und Dirigent stellte das Zentrum der Bühne dar. Mit „Selig sind die Toten […]“ erstarb schließlich der Klang auf sanfte und innige Weise. Ein Abend hoher Kunst und Intensität endete schließlich wieder in Stille. Denn die Künstlerinnen und Künstler baten im Vorfeld darum, auf Applaus zu verzichten. Die Sinnhaftigkeit dieses Hinweises dürfte sich mindestens jenem (überwiegenden) Teil des Publikums erschlossen haben, welcher Kunst als etwas Komplexes, Invasives und Veränderndes begreift. Der Saal leerte sich schließlich langsam und bedächtig, und die Besucherinnen und Besucher gingen teilweise nachdenklich in sich gekehrt, teilweise wieder den Abstand zum Erlebten suchend hinaus.

Nach der Uraufführung des Requiems von Gabriel Fauré in Verbindung mit einer visuellen Gestaltung des Künstlers Mat Collishaw am 30.11.21, wurden die Herbstfestspiele 2021 im Festspielhaus Baden-Baden am 01.11.21 mit einer weiteren Aufführung dieses innovativen und bewegenden Kunstwerks abgeschlossen.

Bereits im Foyer sowie auf mehreren Projektionen wurde dem Publikum durch Collishaws Installation The Nerve Rack die bedrohliche Besonderheit des stattfindenden Kulturereignisses angedeutet. So bewegte sich der metallene Vogel langsam taxierend hin und her und hielt dabei eine gefangene Maus unter einer der Krallen. Im Saal bot sich schließlich das eindrucksvolle Bild des musicAeterna Orchesters und Chores sowie des Cantus Juvenum Jugendchores Karlsruhe auf der Bühne und im Orchestergraben. Während sich der Saal füllte, waren im Hintergrund sirenenartige Klänge zu vernehmen, welche eine Atmosphäre gespannter Aufmerksamkeit erzeugten. Abermals in die Stille hinein – auch an diesem Abend wurde darum gebeten, nicht zu applaudieren – trat Currentzis, um mit Music for Here von Andreas Moustoukis das erste Stück des Abends zu präsentieren. Bereits mehrfach arbeitete Currentzis mit dem auf Zypern geborenen und am St. Petersburger Konservatorium ausgebildeten Komponisten zusammen. Moustoukis‘ Werk, so heißt es im Programmheft, beinhalte meist flächige Klänge, durchsetzt mit flirrenden Motiven, aus denen sich rhythmische Muster herausschälten, um dabei an elektronische Musik zwischen Experimentalstudio und Club zu erinnern.

Die Komposition für Streichorchester begann mit einer sich sanft ausbreitenden kristallklaren Melodie, die bald um elektronisch anmutende Klänge ergänzt wurde. Immer wieder schwoll der Klang dynamisch an, um dann in dissonante Klangspitzen oder tranceartige Wellen überzugehen. Die Streicher vermochten es auf eindrucksvolle Weise, unter Currentzis‘ akzentuierten und gleichzeitig weich-fließenden Dirigat, sich überlappende Klangschichten zu erzeugen, die sich schwerelos im Raum ausbreiteten, sich nach oben schraubten und wieder von Stille unterbrochen wurden. Die enorme Präsenz, Präzision und klangliche Einheit dieses Klangkörpers wurde im Zuge dessen einmal mehr deutlich.

Diese von Orchester und Dirigent erzeugte Atmosphäre wechselte immer wieder zwischen angespannter Bedrohlichkeit und sanfter Leichtigkeit. Die Streicher schnitten kalt und fein jeden einzelnen Ton, Kinderstimmen ertönten im Hintergrund, und die repetitiven Folgen gingen abermals in tranceartige Sphären über. Neben den elektronischen Elementen setzte schließlich auch der Chor ein und erzeugte dadurch ein Klangbild teils spirituellen Charakters.

Auf visueller Ebene wurden diese Klangschichten von sich langsam in der Schwerelosigkeit bewegenden, sich entwickelnden und ineinander übergebenden Kristallen ergänzt. So war die Leinwand über den Musikerinnen und Musikern teilweise mit einem einzelnen strahlend goldenen Kristall gefüllt, bevor wieder unzählige den Raum zu sprengen schienen. Exakt auf die Musik abgestimmt, visualisierten sie die auditive Komplexität von Musik und Klang. Jene fand mit der mehrfach wiederholten Phrase „today is forever“ durch den Chor ein offenes Ende. Aus der Stille heraus begann schließlich der zweite Teil der Aufführung, deren Eindrücklichkeit wohl beispiellos ist.

Fauré entwarf in seinem Requiem, welches hier in der erweiterten Fassung für großes Orchester von 1900 dargeboten wurde, ein sanftes und keineswegs leidvolles oder angsterfülltes Werk. Vielmehr stehen Abschied, Trost und hoffnungsvolle Erwartung im Zentrum der Komposition. Dieser für die Entstehungszeit unkonventionelle Zugang zu der Thematik verdeutlicht bereits, die dem Werk innewohnende Leichtigkeit, Mystik und Zukünftigkeit. Ein besonders interessantes Element stellt der letzte Satz In paradisum dar, welcher nach dem gewaltigen Libera me – allein hier kommt es zu einem kurzen dramatischen Ausblick auf das Totenreich – Schönheit und gelöste Spannung beinhaltet. So wird der Tote hier im Sinne eines persönlichen Gebets am Grab mit liebevollen Du angeredet, von Fauré mit sanfter und zugewandter Musikalität ausgestaltet.

Der Wunsch Currentzis‘ war es nun, sich dem Kern des Werks noch deutlicher zu nähern. So entstand eine Kooperation mit dem britischen Künstler Matthew Collishaw, welcher insbesondere mit Fotografie, Video sowie dem Experiment an verschiedenen medialen Ausdrucksformen arbeitet. Der im Programmheft rekonstruierte Entstehungsprozess dieses Kunstwerks beginnt mit einem Zusammentreffen von Currentzis und Collishaw im Rahmen der videobasierten Kunstaktion Dau in Paris. Currentzis hatte zuvor in dem gleichnamigen Filmprojekt des russischen Regisseurs Ilja Chrschanowski, die Titelrolle des sowjetischen Wissenschaftlers Lew Landau verkörpert. „Er schien etwas zu wollen, das die Menschen fast schon schockierte“, berichtet Collishaw, „vielleicht etwas, das auf eine gewisse Weise entsetzlich war, wohl wissend, dass man sich dann auf die wahre Stärke von Fauré würde zurückbesinnen können.“

music Aeterna und Teodor Currentzis im Festspielhaus Baden-Baden © Andrea Kremper
music Aeterna und Teodor Currentzis im Festspielhaus Baden-Baden © Andrea Kremper

Mit dem ersten Ton erschien, hart und unvermittelt, ein majestätisch durch die Lüfte kreisender Geier auf der Leinwand des Festspielhauses. Mächtiger Orchesterklang und kristallklarer Chorgesang korrespondierten mit der Szenerie. Der Jugendchor kam dazu, und Bilder eines tristen, schaurigen Betonhochhauses zogen die Blicke des Publikums an. Im Laufe der Aufführung entwickelten sich die einzelnen Komponenten von Ton und Bild eigenständig bleibend und gleichzeitig dialogisch aufeinander bezogen hin zu einem großen neuen Kunstwerk. Currentzis gelang es dabei auf beeindruckende Weise, Orchesterklang, Chorgesang und Bilder zu einer intensiven und eindringlichen Einheit zu verbinden.

Neue ästhetische Räume öffneten sich, indem die Kamera in ihrem Flug um das Haus immer wieder durch die Fenster in einzelne Zimmer eindrang. Dort fand sie Menschen in den Momenten ihres Sterbens, Menschen umgeben von denen, die ihnen am nächsten sind, Menschen und ihre ganz persönlichen Räume des Sterbens. Gesicht und Blick der Menschen unerbittlich herausarbeitend, ging die Darstellung auf der Leinwand in die Schönheit von Natur und Schöpfung über – gleichsam fließendes Sein verkörpernd –, um schließlich zurückzukehren. Das Zimmer war nun geprägt von Abschied, Trauer und Tod.

Die Eindringlichkeit der Bilder stand dabei stets neben der liebevollen Sanftheit der Musik. Aufmerksam und detailverliebt arbeitete Currentzis mit seinem Orchester jeden Ton, jede Nuance und jeden Übergang heraus. Bereits im Sanctus erreichte die Klangarchitektur dabei ungeahnte Intensität und Schönheit. Auf ähnlich hohem Niveau folgte darauf das Pie Jesu, in welchem insbesondere die Sopranistin Fanie Antonelou mit ihrem Solopart hervorzuheben ist. Diese sicher zu den anmutigsten Stellen in der Komposition gehörende ging schließlich über in das Agnus Dei. Currentzis trieb den Chor immer massiver an, um gleich darauf wieder in sanfter Leichtigkeit zu gleiten. Kaum ein Dirigent gestaltet mit seinen Musikerinnen und Musikern die Dynamiken auf solch intelligente, feine und kontrastreiche Weise. Dieser Teil ließ zudem bereits erahnen, was im darauf folgenden und wohl eindringlichsten Teil des Abends klanglich möglich sein wird.

Im Libera me deutet Fauré dann schließlich doch auf die Ebene des Leids und der Angst hin. Der Solopart wurde dabei von dem Bassbariton Mikhail Timoshenko eindrucksvoll gestaltet. Während sich auf der Leinwand heftige Szenen mit den Geiern und Leichnamen abspielten, erreichten Orchester und Chor abermals neue Ebenen musikalischer Intensität und Brillanz. Currentzis bildetet auch hier das Zentrum von Klang, Kontrolle und Kommunikation.

Jener Moment schließlich, auf den sich der gesamten Abend hin entwickelt zu haben schien, präsentierte sich sodann in all seiner strahlenden Leichtigkeit, innerlichen Melancholie und offenen Klarheit im letzten Teil des Requiems, dem In paradisum. Abschied und Abstand nehmende Bilder sowie feiner Orgelklang und sanfter Chorgesang öffneten den Blick auf das Danach. Stille erfüllte den Raum, und dieses gemeinsame Ereignis, für manche diese Form des spirituellen Ritus, rückte wieder von der großen Bühne ab und auf die individuelle Ebene jeder einzelnen Person.

Nur langsam leerten sich die Reihen. Ganz große Kunst hat hier stattgefunden. Das, was Kunst zu leisten im Stande sein kann, eine möglich Zukunft der Kunst wurde an diesem Abend, an diesem Wochenende erfahrbar

—| IOCO Kritik Festspielhaus Baden-Baden |—


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