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Lübeck, Theater Lübeck, Viva La Mamma – Gaetano Donizetti, IOCO Kritik, 30.10.2021

Wolfgang Schmitt
04. November 2021

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Theater Lübeck

Theater Lübeck © Olaf Malzahn
Theater Lübeck © Olaf Malzahn

 VIVA LA MAMMA  –  Gaetano Donizetti

Theatralische Unsitten brillieren auch auf der Lübecker Opernbühne

von Wolfgang Schmitt

Beim Betreten des Zuschauerraums ist die Bühne bereits offen und wir blicken auf eine „Bühne auf der Bühne“, weinrote Vorhänge, weinrotes Gestühl, links eine Spiegelwand, die die Bühne doppelt so groß erscheinen läßt. Es herrscht schon emsiges Treiben, alles scheint bereit zu sein für eine erste Probe. „Le convenienze ed inconvenienze teatrali“, Sitten und Unsitten am Theater, darum dreht es sich in dieser Oper von Gaetano Donizetti, oder besser gesagt in dieser Parodie einer Oper und einer Geschichte dessen, was sich so alles hinter den Kulissen des Theaters abspielen kann.

Es geht um Intrigen, Rivalitäten, Eitelkeiten, Allüren der Sänger und ihre Eifersüchteleien untereinander. Wir erleben die eingebildete Primadonna und ihren nervigen Ehemann-Agenten, den hochsensiblen Tenor, die zweite Sopranistin, die Mezzosopranistin, den Komponisten, den Librettisten, sie alle sind nun dabei, die Oper „Romulus und Ersilia“ zu proben. Weil nun nicht alles nach den Wünschen der überspannten Primadonna verläuft, gibt es erste Verwicklungen, in deren Verlauf der eitle Tenor die Szenerie verläßt und auch die Mezzosopranistin sich davon macht. Die Mutter der zweiten Sopranistin, Mamma Agata, sieht ihre Chance, eine Rolle zu ergattern und ihrer Tochter möglichst die Rolle der Primadonna zu ermöglichen. Der stets aufs Geld schauende Impresario sieht sich in finanziellen Nöten, und so ist schließlich Mamma Agata die Retterin in der Not und ist bereit, all ihren Schmuck zu verkaufen, um das Theater zu retten und somit „Romulus und Ersilia“ doch noch auf der Bühne realisiert werden kann.

Theater Lübeck / Viva La Mamma hier Steffen Kubach als Mamma Agata mit dem Ensemble © Olaf Malzahn
Theater Lübeck / Viva La Mamma hier Steffen Kubach als Mamma Agata mit dem Ensemble © Olaf Malzahn

Regisseurin Effi Mendez ist mit ihrer Inszenierung ein herrlich kurzweiliges, fröhlich-amüsantes Spektakel in dem wunderbar anzuschauenden Bühnenbild von Stefan Heinrich gelungen. Sie setzte auf umtriebige Personenführung, ließ den Protagonisten alle Freiheiten auch mal zu chargieren, ohne daß dieses gleich in Klamauk ausartete. Die von Ilona Holdorf-Schimanke entworfenen phantasievollen, schrill-bunten Kostüme mit viel Pepita-Stoff trugen ebenfalls zum Gelingen dieser originellen, unterhaltsamen Aufführung bei. Unter der umsichtigen Leitung von Takahiro Nagasaki musiziert das Lübecker Philharmonische Orchester wunderbar leicht und kostet die italienisch-schwungvolle, verspielte Komposition Donizettis herrlich aus.

Theater Lübeck / Viva La Mamma hier Andrea Stadel als Primadonna und Yoonki Baek als Guglielmo Antolstoinolonoff, der erste Tenor © Olaf Malzahn
Theater Lübeck / Viva La Mamma hier Andrea Stadel als Primadonna und Yoonki Baek als Guglielmo Antolstoinolonoff, der erste Tenor © Olaf Malzahn

In der Partie der Mamma Agata ist Steffen Kubach zu erleben, er begeistert mit variantenreicher, nicht allzu übertrieben wirkender komödiantischer Darstellung, mit intensiven Ausdrucksnuancen, und mit seinem klangschönen, in allen Lagen ansprechendem Bass-Bariton. Von seiner Statur schon groß überragte er mit dem Kopfschmuck und den hochhackigen Stiefeln das gesamte Ensemble. Als Corilla Sartinecchi faszinierte Andrea Stadel als darstellerisch intensive, eigensinnige Primadonna mit `bombensicheren´ Höhen und atemberaubenden Koloraturläufen. Köstlich ihr Duett mit ihrem Ehemann Stefano als Romulus und Ersilia im zweiten Teil und ihre Szene mit der vergoldeten Kloschüssel und goldener Klobürste.

Stefano wurde gesungen von Erwin Belakovitsch, der sowohl stimmlich mit seinem Kavaliersbariton von markantem Timbre als auch in seinem Spiel als Corillas treu ergebener Ehemann und sie umsorgender Agent gefiel. Yoonki Baek glänzte in der Partie des Guglielmo Antolstoinolonoff und er ist wahrlich ein erster Tenor mit seiner in allen Lagen schön klingenden und absolut höhensicheren Stimme. Virginia Felicitas Ferentschik als Luigia Boschi, die zweite Sopranistin und Mamma Agatas Tochter, sowie Wioletta Hebrowska als die Mezzosoranistin wurden von der Regie ein wenig vernachlässigt und konnten ihre klangschönen Stimmen hier nur wenig entfalten. Gerard Quinn war der stimmlich präsente Impresario, Beomseok Choi sang den agilen Librettisten Orazio Prospero mit frischem lyrischen Bariton, und Johan Hyunbong Choi trumpfte mit seinem warm trimbrierten kräftigen Bariton als der smarte, ziemlich gestresste Komponist und Regisseur von „Romulus und Ersilia“ mit wallender Haarpracht auf. Auch der von Jan-Michael Krüger perfekt einstudierte Chor erfüllte engagiert seine Aufgaben, besonders die Männer als römische Krieger in ihren fleischfarbenen Bodybuilder-Shirts mit goldenen Helmen und Schwertern.

Das froh gestimmte Publikum sparte nicht mit Ovationen für alle Mitwirkenden, besonders jedoch für die Primadonna und für Mamma Agata

Viva La Mamma am Theater Lübeck; die weiteren Termine 19.11.; 12.12.2021; 3.4.2022

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