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Hamburg, Staatsoper Hamburg, Die Entführung aus dem Serail – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 29.10.2021

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Wolfgang Schmitt
29. October 2021
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann
Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Die Entführung aus dem Serail Wolfgang A. Mozart

Einhellig, lang anhaltender Beifall  zur Premiere – trotz vieler Nöte im Vorfeld

 

von Wolfgang Schmitt

Nur zwei Wochen vor der Premiere der Entführung aus dem Serail am 17.10.2021  trennte sich die Hamburger Staatsoper von dem für diese Neuinszenierung engagierten Regisseur Paul-Georg Dittrich, einvernehmlich, aufgrund künstlerischer Unvereinbarkeiten und “in gegenseitigem Respekt“, wie es hieß.

Die Entführung aus dem Serail an der Staatsoper Hamburg
youtube Trailer Staatsoper Hamburg
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Dittrich ist ein durchaus gefragter junger Regisseur, Jahrgang 1983, der u.a. an den Opernhäusern Bremen, Kassel, Darmstadt, Krefeld, Aachen, Kiel, Essen, Stuttgart u.a.m. mit Regiearbeiten betraut wurde. An der Opera Stabile der Hamburger Staatsoper inszenierte er „I.th.A.kA“, wofür er sogar den Rolf-Mares-Theaterpreis 2018 erhielt. Was nun während der Probenarbeiten vorgefallen war, das diesen „Rauswurf“ notwendig machte, bleibt unklar. Die Gerüchteküche brodelt zwar, aber genaueres weiß man derzeit noch immer nicht. Wochen zuvor gab es einen Aufruf vonseiten der Staatsoper, daß man Statisten suche, die mit „Nacktheit kein Problem“ hätten, aber zu nackten Tatsachen konnte es nun nicht mehr kommen. David Bösch war verfügbar und konnte kurzfristig die Regiearbeit zur Entführung übernehmen und sein eigenes Konzept entwickeln. In der vergangenen Saison hatte er bereits die hinreißende Neuinszenierung von Massenets Manon auf die Staatsopernbühne gebracht, auch das Projekt Die weiße Rose lag in seinen Händen, und zum Ende dieser Spielzeit wird er die Regie der Neuproduktion Don Pasquale übernehmen.

In nur zwei Wochen eine Mozart-Oper zu inszenieren kommt einem „Ritt über den Bodensee“ gleich. Herausgekommen ist dennoch ein recht vergnügliches Ganzes, ein komödiantisches Singspiel, was in erster Linie an den humorvoll in Szene gesetzten Figuren Osmin, Blondchen und besonders Pedrillo lag, deren Szenen, Arien und Duette das Publikum amüsierten und zu spontanem Beifall hinrissen.

Der Bühnenraum ist schwarz und eigentlich leer, es liegen einige Matratzen herum, Brautkleider, Rosen, schließlich ein Stuhl und ein zweisitziges Sofa. Auf die Bühnenrückwand werden Videos projiziert, witzige Comics, Cartoons, Strichmännchen, die die Handlung begleiten und kommentieren sollen (Ausstattung und Videos – Patrick Bannwart und  Falko Herold)

Staatsoper Hamburg / Die Entführung aus dem Serail hier vl Ante Jerkunica, Narea Son © Joerg Landsberg
Staatsoper Hamburg / Die Entführung aus dem Serail hier vl Ante Jerkunica, Narea Son © Joerg Landsberg

In dieser bescheidenen Ausstattung tummeln sich die Protagonisten, allen voran Ante Jerkunica, Foto oben, unten, der als viriler, Beil schwingender Osmin seinen prachtvollen sonoren Bass zu Gehör brachte und in seinen liebestollen Szenen mit Blondchen, sowie in der „Vivat Bacchus“-Arie mit Pedrillo seine komödiantische Seite herrlich ausleben konnte. Narea Son, Foto oben, war das selbstbewußte, witzig-charmante Blondchen, etwas unglücklich kostümiert in ihrem Punker-Outfit. Sie sang mit hellem, schlankem Koloratursopran, wunderbar klangschön in allen Lagen. Michael Laurenz als hellstimmiger Pedrillo mit Gärtnerschürze und Heckenschere legte seine Partie sehr buffonesk an, spielfreudig und wendig, was seine Wirkung nicht verfehlte, er erntete die meisten Lacher vonseiten des amüsierten Publikums. Tuuli Takala war eine anrührende Konstanze, die in ihren drei großen Arien durchaus überzeugen konnte, wenngleich ein leichtes Vibrato und eine gewisse Schärfe in der oberen Lage nicht zu überhören waren. Während der Martern-Arie richtete Bassa Selim eine Pistole auf sie, während sie andeutungsweise ein Messer an die Pulsadern setzte. Zur Rolle des Bassa Selim (Burghart Klaußner) ist dem Regisseur nur wenig eingefallen. Er war hier ein kahlköpfiger älterer Herr in langem weißem Mantel und einem Rosenstrauß in der Hand, der seinen Text mit heiserer Fistelstimme deklamierte und  sich wie ein Derwisch um die eigene Achse drehen mußte.

Staatsoper Hamburg / Die Entführung aus dem Serail hier Dovlet Nurgeldiyev (Belmonte) und Ante Jerkunica (Osmin) ©  Joerg Landsberg
Staatsoper Hamburg / Die Entführung aus dem Serail hier Dovlet Nurgeldiyev (Belmonte) und Ante Jerkunica (Osmin) © Joerg Landsberg

Die Krone des Abends gebührt jedoch dem Belmonte von Dovlet Nurgeldiyev. Nach etwas vorsichtigem Beginn konnte er seinen edlen lyrischen Tenor in allen Lagen funkeln und glänzen lassen. Darstellerisch war er der dezent agierende Edelmann. Die Natürlichkeit und Unangestrengtheit seines Singens und seiner geschmackvollen Stimmführung waren einfach phantastisch. Seine Baumeisterarie geriet dann auch zum Höhepunkt des gesamten Abends.

Daß diese Premiere trotz der widrigen Umstände im Vorfeld dennoch zu einem großen Erfolg wurde, ist auch dem Dirigenten des Abends Adam Fischer zu verdanken. Unter seiner kompetenten Leitung klang das Philharmonische Orchester in Bestform, hochmotiviert und mit einer Beflissenheit, die das Orchester offenbar nicht jedem Dirigenten zukommen läßt. Auch begleitete er die Sänger höchst aufmerksam, allerdings klangen einige Tempoverzögerungen insbesondere während der Martern-Arie recht ungewohnt. Insgesamt gesehen zeigte sich jedoch, was sich mit viel eigenem Gestaltungsvermögen und der richtigen Vorstellung von Dynamik aus diesem Orchester jederzeit herausholen läßt. Auch der von Eberhard Friedrich einstudierte Chor trug zum Gelingen dieser Premiere bei.

Sicherlich ist diese Inszenierung kein wirklich großer Wurf, aber nach all den offensichtlichen Unstimmigkeiten während der Probenperiode kann man wohl sagen, es ist noch einmal gut gegangen. Am Ende gab es einhelligen, lang anhaltenden Beifall für alle Mitwirkenden.

Die Entführung aus dem Serail an der Staatsoper Hamburg, die weiteren Termine 30.10.; 2.11.; 5.11.; 13.11.2021

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