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Eutiner FestspieleKritikenOper

Eutin, Eutin Festspiele, La Bohème – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 04.10.2021

Wolfgang Schmitt
03. October 2021
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Eutiner Seebühne © Eutiner Festspiele / C Becker
Eutiner Seebühne © Eutiner Festspiele / C Becker

Eutiner Festspiele 2021

 LA BOHEME  –  Giacomo Puccini

– vor der Pariser Skyline mit Eiffelturm, Notre Dame, Sacre Coeur –

von Wolfgang Schmitt

Tagsüber hatte es in Ostholstein heftig geregnet, doch gegen Abend hatte der Wettergott wohl ein Einsehen, und so ging Puccinis „La Boheme“ nahezu regenfrei über die Bühne. Corona-bedingt waren die Eutiner Festpiele im Sommer 2020 ausgefallen, für 2021 war eigentlich hier in Carl Maria von Webers Geburtsstadt wieder einmal „Der Freischütz“ geplant, doch in Zeiten von Corona ist es ratsam, auf einen großen Chor zu verzichten, und so entschied man sich für die weniger aufwendig zu besetzende Boheme, auf den Kinderchor und die Blaskapelle im zweiten Bild wurde verzichtet. Die Zuschauertribüne fasst ca. 1.800 Sitze, verkauft wurden die Plätze nach dem „Schachbrettprinzip“, so daß die Vorstellung mit ca. 900 Zuschauern nahezu ausverkauft war.

Die Bühne wurde von Jörg Brombacher durchaus zweckmäßig konzipiert, den Bühnenhintergrund bildete die Pariser Skyline mit Eiffelturm, Notre Dame, Sacre Coeur und Seine-Brücken, die Requisiten auf der Bühne waren Kästen, Bistrotische und Stühle, eine Staffelei, ein Ofen, eine Tür. Im zweiten Akt wurde das „Café Momus“ bzw. wurde die Bühne quasi zur Zirkusmanege umfunktioniert. Regisseur Igor Folwill hatte den Einfall, einen Clochard als Erzähler vor jedem Akt auftreten zu lassen (Tilman Madaus), der die folgende Handlung vorab skizzierte. Es ist die einfache, tiefgründige Liebesgeschichte von Mimi und Rodolfo, wohl eine der schönsten Liebesgeschichten der gesamten Opernliteratur, die auch hier in dieser Inszenierung seine Wirkung auf den Zuschauer nicht verfehlte.

Eutiner Festspiele 2021 / La Boheme © Christopher Landerer
Eutiner Festspiele 2021 / La Boheme © Christopher Landerer

Aleksandr Nesterenko war ein schlanker, sympathischer, engagiert spielender Rodolfo, ausgestattet mit einem hellen, metallisch klingenden, höhensicheren Tenor, der sowohl in der fröhlichen Runde mit seinen drei Freunden sowie in seiner großen Arie “Che gelida manina” und dem Duett “O soave fanciulla” als auch in den Szenen der Verzweiflung und Trauer im letzten Akt überzeugen konnte. Seine Mimi war Alyona Rostovskaya, in ihrer Darstellung eher dezent und zurückhaltend, bot sie gesanglich einen zarten, weichen lyrischen Sopran, den sie in ihrer Auftrittsarie und besonders in der großen Arie im dritten Akt wunderbar aufleuchten ließ. Ines Lex war dagegen eine quirlige, freche, frivole Musetta im knallroten Kostüm, einem wahren Farbtupfer gegenüber den übrigen, von Martina Feldmann entworfenen, eher dezent wirkenden Kostümen der Hauptprotagonisten. Daß ihr bei ihrem intensiven, koketten Spiel im zweiten Bild so mancher hohe Ton etwas verrutschte sei ihr verziehen. In diesem zweiten Akt herrschte auch sonst ein fröhliches Treiben wie in einer Zirkusmanege, aufgepeppt u.a. mit einer Tänzerin, einem Clown, einem Eisverkäufer, einem Stelzenmann und einem Gewichtheber, diese Nebengestalten waren nun allerdings recht fröhlich-bunt gewandet. Miljenko Turk als Marcello meisterte seine Partie mit ansprechendem Kavaliersbariton, Sargis Bazhbeuk-Melikyan als Colline konnte mit seinem sonoren Bass in der Mantelarie auftrumpfen und wurde mit Szenenapplaus belohnt, Manos Kia holte das Bestmögliche aus seiner Partie des Schaunard heraus, schließlich Mario Klein, der in den beiden kleinen Partien des Benoit und des Alcindoro dieses höchst engagiert singende und agierende junge Ensemble komplettierte. Hilary Griffiths dirigierte durchaus kompetent und dynamisch die Kammerphilharmonie Lübeck – das Orchester war Corona-bedingt etwas verkleinert, und witterungsbedingt – mit Rücksicht auf die kostbaren Instrumente – war der Orchestergraben regensicher abgedeckt, was die Klangwirkung somit leider etwas beeinträchtigte, die Balance zwischen den Feinheiten der Partitur und den großen, aufblühenden Melodiefolgen, das „italienische Feuer“, die dramatische Leidenschaft blieben auf der Strecke, ebenso wie die Sanftheit und Zartheit einiger Passagen, die einfach untergingen.

Dennoch war es ein wunderbarer Abend mit lang anhaltendem Beifall des dankbaren Publikums für alle Protagonisten, auch die Enten vom nahen Schloßparksee gaben offenbar durch ihr Geschnatter ihre Zustimmung zu diesem gelungenen Abend

—| IOCO Kritik Eutiner Festspiele |—


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