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Giuseppe Sinopoli in Dresden – Haenssler Classics, IOCO CD Rezension, 01.10.2021
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Michael Stange
01. October 2021
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Giuseppe Sinopoli in Dresden - CD - Haenssler Classics
Giuseppe Sinopoli in Dresden – CD – Haenssler Classics

Giuseppe Sinopoli in Dresden – CD – Haenssler Classics

von Michael Stange

Das umtriebige CD-Label Haenssler Classics erinnert mit 5 CDs an die Konzerte des frühverstorbenen Maestro Sinopoli mit der Staatskapelle Dresden

Aus den letzten Lebensjahren Giuseppe Sinopolis hat das Label Haenssler Classics eine Sammlung von Rundfunkaufnahmen auf 5 CDs veröffentlicht. Sie enthält Mahlers Sinfonien Nr. 4 und 9, Schumanns Sinfonie Nr. 4, Richard Strauss Ein Heldenleben sowie Tod und Verklärung. Kompositionen Webers, Wagners, Liszts und Sinopolis runden die Edition ab.

Giuseppe Sinopoli – Staatskapelle Dresden – Haenssler Classics
Bestellnummer – jpc –  9572485

Giuseppe Sinopoli wurde international seit den achtziger Jahren als einer der bedeutendsten Dirigenten angesehen. Völlig überraschend verstarb Sinopoli, 1946 in Venedig geboren, 2001 beim Dirigat einer AidaAufführung in Berlin. Dies war für die Musikwelt aber insbesondere für Dresden ein immenser Verlust. Ein großer Interpret war verstummt. Zahllose Projekte – insbesondere in Dresden – konnten nicht mehr umgesetzt werden.

Sinopoli war Dirigent, Mediziner, Komponist. Ägyptologe, Philosoph und ein einzigartiger Universalgelehrter. Nach dem Medizinstudium wandten er sich der Psychiatrie zu, studierte aber parallel Komposition. Als erfolgreicher Komponist besuchte er die Dirigierklasse von Hans Swarowsky in Wien, weil er seinen Dirigierstil perfektionieren und neue Fertigkeiten erwerben wollte. Über Stationen in London und Italien kam er nach Dresden. Dort war neben der Musik und seiner Familie die Ägyptologie ein wichtiges Betätigungsfeld. Kurz vor seinem Tod beendete er dazu eine Dissertation, die er nicht mehr an der Universität vorstellen konnte.

In seiner Diskografie nimmt diese Edition einen wichtigen Platz ein. Sie gibt tiefe Einblicke in Sinopolis Interpretationsansätze und die Qualität der Staatskapelle Dresden im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts.

Für das Orchester waren die Jahre, in denen die Aufnahmen entstanden, überaus herausfordernd. Nach dem Fall der Berliner Mauer endete eine der großen Zäsuren in der fast fünfhundertjährigen Orchestergeschichte. Durch die seit 1961 geschlossenen Grenzen der DDR war Dresden vom internationalen Konzertbetrieb abgenabelt. Dreißig Jahre später musste unmittelbar im internationalen Wettbewerb angetreten und um Gastspiel und Tonträgerverträge gekämpft werden, um Finanzen und Zukunft zu sichern. Hier half, dass die Staatskapelle bei Dirigenten und Schallplattenfirmen auch zu DDR-Zeiten begehrt war. Karl Böhm nahm mit ihr in den fünfziger Jahren Elektra, Rosenkavalier und die Alpensinfonie auf. Mit Herbert Blomstedt und Hans Vonk besetzten internationale Dirigenten seit 1975 die Chefpositionen. Herbert von Karajan, Carlos Kleiber, Colin Davis und Giuseppe Sinopoli spielten gefeierte Aufnahmen mit dem Orchester ein. So entstanden Gemeinschaftsproduktionen zwischen Ost und West.

Sinopoli lernte Dresden und das Orchester 1985 bei der Aufnahme von Anton Bruckners 5. Sinfonie für die Deutsche Grammophon kennen. Karl Böhms Aufnahmen der Elektra und der Alpensinfonie waren für ihn seit seine Wiener Studienzeit Ikonen. So wurde die erste Begegnung für Dirigent und Orchester schicksalhaft.

Sinopolis intellektueller Kosmos, seine Vielseitigkeit und sein philosophisch humanistisches Wesen machten ihn zu einer  Ausnahmeerscheinung. Seine geistige Welt war die Grundlage seiner Interpretationen. Er gestaltete er die Musik nach von ihm wahrgenommenen seelisch emotionalen Zusammenhängen, zog Parallelen zu anderen Werken und der Psyche des interpretierten Komponisten unter Einbeziehung musikhistorischer Kontexte. Die Partitur war für ihn die musikalische Grundlage, die er oft mit den Autographen abglich.

Giuseppe Sinopoli in Dresden - CD - Haenssler Classics
Giuseppe Sinopoli in Dresden – CD – Haenssler Classics

Seine Sichtweise der Musikinterpretation war: „Eine Partitur zu interpretieren bedeutet in gewissem Sinne, sie auszugraben. Hinter den Noten versuchen wir Botschaften eines menschlichen Wesens und einer menschlichen Kultur aufzuspüren – nichts anderes versucht der Archäologe in den Ruinen zu finden.“ Für Sinopoli bestand das Wunder der Musik darin, dass sie „die Zeit auflöst und wie ein Licht als Trost in unsere Seele eindringt. Die Musik wird auch zu einem Reisegefährten, der uns im gemeinsamen Mitleiden oder in Krankheiten begleitet.“

Diese Ansätze führten zur Beleuchtung von Seitenmotiven, Veränderungen tradierte Dynamiken aber auch zu machtvollem Ausleuchtungen mit einer Vielfalt variierender Orchesterfarben. Viele seiner Aufführungen offenbarten infolge der individuellen Partiturdeutungen neue Aspekte und Klangdimensionen. Hörern, die eine geschlossene musikalische Dramaturgie des Werkes anhand eines folgerichtigen oder logischen dramatischen inneren Aufbaus im Sinne einer mathematischen Gleichung oder einer „Wenn dann Regel“ erwarten, bereitete er manche Überraschung. Wer sich auf seine Sicht einlässt und ihn auf seinem Pfad begleitet wird durch neue Perspektiven, berückende Klangausbreitungen und meditative Auslotungen belohnt. Wer seine Opernaufnahmen kennt wird sich an die Dämonie des Matrosenchores im Fliegenden Holländer oder des Macbeth erinnern.

Auch in den sinfonischen Konzerten wird diese Wirkung auf subtilere Weise erreicht. Bekanntes entfaltet dadurch völlig neue Wirkungen und vermittelt höchst individuelle Hörerleb-nisse. Sein Mahler ist licht und inwendig, Schumann feurig, besessen romantisch. In Wagners RienziOuvertüre wird allein durch Dynamiken, Tempi und Modulation die Palette vom depressiven Revolutionär zum heroischen Anführer ausgebreitet und das ganze Werk musikdramatisch zusammengefasst.

Zentrale Aufnahmen der Box sind Mahlers 4. und 9. Sinfonie. Diese Werke hat Mahler selbst zueinander in Beziehung gesetzt, indem er meinte in der 9. Sinfonie habe er etwas gesagt, was er seit längerer Zeit auf den Lippen habe und das vielleicht am ehesten neben die 4. Sinfonie zu stellen wäre aber ganz anders. Beide Sinfonien berühren Tod und Abschied. Parallelen liegen in der „Abschiedswehmut” und der „Ahnung des himmlischen Lichts“ der Vierten und der Anpreisung des „himmlischen Lebens“ der Neunten.

Gustav Mahler Gedenkstätte in Wien © IOCO
Gustav Mahler Gedenkstätte in Wien © IOCO

Bei Mahler war Sinopoli in seinem philosophischen und spirituellen Element. Noten, Philosophie und ägyptische Hieroglyphen waren für ihn Elemente des Musizierens, der Erschaffung eines eigenen Kosmos und der Aufhebung der Zeit. Gerade bei Mahler spürt man in seinen Aufführungen die von den Ägypter verkündeten Begriffe der Ewigkeit und des Todes, der die Zeit überwinde. Das Eingehen des Menschen und des Lebens in die Ewigkeit sollte ihn der Sphäre der eigentlichen Gottesnähe nahe bringen. “Tod ist die Bestätigung der Gottesliebe – Gott braucht die Menschheit.” sagte Sinopoli.

Sinopolis Annäherung an diese philosophischen Thesen erfolgt in beiden Sinfonien durch ein weiches, sinnierendes Spektrum an Klangfarben der Düsternis des Todes, der Erlösung und der Verheißung. Gegensätze vermischt er zum Teil wie ein Maler Farben auf seine Palette, so dass Kontraste oft ineinander zerfließen.

Der warm sonore Klang der Staatskapelle, der auch dem Aufnahmeort Semperoper geschuldet ist, lässt Sinopolis die Mahler Interpretation gegenüber der Londoner Aufnahme aus dem Jahr 1984 noch einmal in einem wärmeren und goldeneren Licht erscheinen. Sinopoli geht in Dresden noch tastender, sinnender und bedächtiger vor. Kindheitserinnerungen, Momente der Furcht nähern sich an und zerfließen gleichsam ineinander.

Zart, leuchtend und konzentriert tauchen die Musiker in den ihnen nicht eben geläufigen Mahler ein. Dessen Werke wurden vereinzelt in Berlin und Leipzig eingespielt, aber die Renaissance seiner Sinfonien nach dem zweiten Weltkrieg fand in Ost-Deutschland nicht statt. Umso erstaunlicher ist es, wie technisch ausgefeilt, sinnierend, ätherischer und erdenferner der Mahler aus Dresden klingt. Die Spielfreude und die Balance sind fulminant. Gegenüber den früheren Studioaufnahmen wird intensiver und virtuoser musiziert. Schon diese beiden Aufnahmen sind dadurch eine wichtige Ergänzung der Mahler-Diskografie.

Bei Richard Strauss Heldenleben (Kai Vogler, Solo-Violine) und Tod und Verklärung scheint Sinopoli die Werke mehr aus der Rückschau zu begreifen. Er verzichtet im Helden-leben auf heroische Akzente und lässt das Werk den Helden sein Leben in der Rückschau mit verhaltenen Tempi und durchgeistigtem Streicherklang betrachteten. Manche Orchester-farben erinnern an seine Mahler-Interpretationen, so dass innwendiger Klang und sinnliche Streicher dominieren.

Robert Schumanns 4. Sinfonie nimmt er hingegen mit immensem Feuer und leuchtender Vitalität. Fein verspinnt die klanglichen Wechselbeziehungen und reißt das Orchester mit furiosen Tempi mit. Jubelnd, optimistisch feurig und rauschhaft ertönt das Finale. Da erklingt Schumanns Poesie mit leuchtendem Feuer und lachender Seele.

Bei der Oberon-Ouvertüre von Weber überzeugen insbesondere der romantische Tiefgang und die jauchzenden Klänge. Wagners Rienzi-Ouvertüre zeichnet sich durch heroische Passagen sehnsuchtsvolle Piani, feurige Tempi und melancholischen Tiefgang aus. Verblüffend, wie Sinopoli hier vieles offenlegt, was die Opern bergen.

Sinopoli hatte das Komponieren Anfang der achtziger Jahre weitgehend aufgegeben. Seine Kompositionen hat er in Dresden kaum vorgestellt. Mit zwölftöniger, elektronischer sowie serieller Musik begann er in den siebziger Jahren und wurde als große Hoffnung bei den einschlägigen Festivals gefeiert. Bald wandte er sich davon ab und verfolgte sein Konzept einer sinnlichen Musik, der man folgen und die man verstehen kann. Die hier vorgestellten Werke sind zur letzten Schaffensperiode zu zählen. Aus Pour un livre à Venise für Kammerorchester ist ein Stück in der Box enthalten. Die Komposition fußt auf seiner Erzählung Parsifal in Venedig, in der ein Dirigent durch die Nacht streift und wird von Sinopoli geleitet. Enthalten ist ferner Peter Ruzickas Dirigat der der Symphonischen Fragmente aus der Oper Lou Salomé. Sylvain Cambreling leitet Tombeau d’Armor III für Violoncello und Orchester. Diese Dresdner Konzerte fanden nach dem Tod Sinopolis statt.

Die beiden letzten Kompositionen wurden nach dem Tod Sinopolis aufgeführt. Die Kompositionen sind rein orchestral angelegt. Sie bieten innwendige meditative und teils melancholische Klänge. Sinopolis Kompositionen erinnern mit ihrer reichen Erfindungskraft und der tiefen inneren Erlebniswelt ein wenig an die von Wilhelm Furtwängler ergänzt um Komponenten der Kompositionen der Wiener Schule.

Die Aufnahmen bestechen durch durchgeistigten innigen Streicherklang und die immense Wärme der Holzbläser. Sie sind durchweg in der Semperoper entstanden, was den dunklen warmen Klang erklärt. Technisch sind sie ausgezeichnet und der Aufnahmeort kommt dem interpretativen Ansatz überaus zu Gute. Dies geht aber ein wenig auf Kosten der Präsenz und Dynamik, so dass die Ausgabe nicht die technische Brillanz von Super Audio CDs sondern das Konzerterlebnis im Saal abbildet.

Giuseppe Sinopolis Interpretationen sind ungeheuer intensiv und fesselnd. In einigen Werken fächert er das motivische Geflecht der Kompositionen durch breite Tempi auf, schafft eine große klangliche Transparenz und erzielt einen vielfältigen Strauß an Klangfarben. Es wird ungemein packend und innig musiziert, bekanntes Repertoire tiefgründig ausgelotet und aus neuer Sicht beleuchtet. Dadurch haben die Aufnahmen heute noch eine suggestive und mitreißende Wirkung.

Mit Vitalität, Leidenschaft, übermenschlichem Einsatzwillen und der Seele eines großen Philosophen musizierte Giuseppe Sinopoli in seinem kurzen Leben. Dies und die Qualität der Staatskapelle belegt diese wichtige Veröffentlichung.

Zu hoffen ist, dass die Veröffentlichung von Aufnahmen Giuseppe Sinopolis weiter fortgesetzt wird.

—| IOCO CD-Rezension |—


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