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Bremen, Die Glocke, Musikfest Bremen 2021 – Teodor Currentzis, IOCO Kritik, 23.09.2021

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Marcel Bub
23. September 2021
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Bremer Rathaus Marktplatz Glocke © Nikolai Wolff
Bremer Rathaus Marktplatz Glocke © Nikolai Wolff

Musikfest Bremen

SWR SymphonieorchesterTeodor CurrentzisYulianna Avdeeva

Das SWR Symphonieorchester feiert zum Abschluss des Musikfest Bremen 2021 unter der Leitung von Teodor Currentzis und mit der Solistin Yulianna Avdeeva ein umjubeltes Debüt in der Glocke

von Marcel Bub

Teodor Currentzis und sein Orchester musicAeterna schrieben diesen Sommer in Salzburg im Zuge ihrer Maßstäbe setzenden Mozartinterpretationen abermals Musikgeschichte und loteten dabei nicht nur musikalisch die Extreme aus, sondern animierten auch das Feuilleton zu sprachlichen Höchstleistungen zwischen frenetischem Jubel und entrüsteter Kritik.

Bremer Musikfest 2021 / Teodor_Currentzi Foto Nadia_Romanova
Bremer Musikfest 2021 / Teodor Currentzis © Nadia_Romanova
Nun präsentiert dieser hoch spannende und anspruchsvolle Künstler mit seinem zweiten Orchester, dem SWR Symphonieorchester, welches er auch die nächsten Jahre als Chefdirigent leiten wird, wie kurz zuvor im Rahmen des Konzerts in der Hamburger Elbphilharmonie bekannt wurde, zwei künstlerisch und musikgeschichtlich wirkmächtige Werke des Komponisten Sergei Prokofjew. Für die Interpretation des Klavierkonzerts Nr. 3 C-Dur op. 26, welches zwischen Avantgarde und Neoklassizismus angesiedelt ist, wurde mit Yulianna Avdeeva – Gewinnerin des Internationalen Chopin-Wettbewerbs 2010 – am Klavier der Abend um einen weiteren Weltstar ergänzt.

Entstanden zwischen 1917 und 1921 stammt das Konzert aus einer Zeit politischen, ökonomischen und kulturellen Umbruchs, im Zuge dessen sich Prokofjew als einer der Protagonisten des musikalischen Aufbruchs verorten lässt. So gilt das Stück als eines seiner phantasievollsten und zugleich konzentriertesten Werke, in welches zahlreiche früher notierte Themen und Entwürfe eingeflossen sind. Currentzis und Avdeeva gelang es an diesem Abend, eine prägnante und intensive Lesart darzubieten.

Der erste Satz (Andante Einleitung mit nachfolgendem Sonaten-Allegro) begann herantastend sanft, um dann in höchste Intensität überzugehen. Avdeeva gestaltete ihr Spiel gleichzeitig verspielt und akzentuiert bis hart aus. Das Orchester wurde dabei von dem sich von links nach rechts kunstvoll bewegenden Currentzis zu massiven Klangspitzen getrieben. Wellen aus hereinbrechendem Klang schienen über das Publikum zu schwappen und wurden jäh unterbrochen von sanften Klavierpassagen. Jede Bewegung, jede Nuance des Dirigats schlug sich dabei ohne Verzögerung im Spiel der Musikerinnen und Musiker nieder und trieb alle Beteiligten zu einem eindrucksvollen Finale des ersten Satzes, welches bereits ein erfreutes Raunen durch das Publikum ziehen ließ.

Zu Beginn des zweiten Satzes (Andantino-Thema mit fünf Variationen) dominierten die Streicher, indem sie eine Art Klangteppich schufen, auf den sich ein erst sanft-ruhiges, dann immer dynamisch-virtuoser werdendes Klavier legte. Orchester und Klavier wechselten sich im Zuge atemberaubend dynamischer Dialoge ab und ließen immer wieder Platz für Präzision im Piano bis Pianissimo.

Im dritten, scherzoartig dreiteilig gestalteten Satz (Allegro ma non troppo) konnte es abermals zur qualitativen  Steigerung kommen. Immer wieder vermochte Avdeeva gekonnt und energetisch, aus dem gewaltigen Orchesterklang herauszustrahlen. Alle Musikerinnen und Musiker legten höchste Fähigkeiten in Bezug auf Schnelligkeit, Präzision und aufmerksame Flexibilität an den Tag und schufen damit einen interessanten Klang, welcher als komplexe Einheit auftrat, dabei jedoch jeden einzelnen Teil qualitativ hervorzuheben vermochte.

SWR Symphonieorchester und Teodor Currentzis © SWR Moritz Metzger
SWR Symphonieorchester und Teodor Currentzis © SWR Moritz Metzger
Das Publikum konnte zwei Größen der Kunstwelt erleben, die sich gegenseitig zur Höchstform antrieben. So kam Avdeeva erfolgreich gehen das massive Orchester an, und Currentzis stand durchgehend im dirigierenden Austausch mit der Solistin. Dass auch punktuell Justierungen ihres Spiel durch sein Dirigat möglich waren, zeugt von einer für alle spürbaren Atmosphäre kreativer Leidenschaft auf der Bühne, in deren Zentrum die Schaffung und Erfahrung höchster Kunst stand. Viel Applaus und Jubel nach dem ersten Teil des Abends gab es insbesondere für Avdeeva, die zudem eine virtuose und zum Programm kontrastreiche Zugabe bot: Johann Sebastian Bach, V. Bourrée / aus: English Suite No. 2 in A-Minor BWV 807. Im zweiten Teil des Konzerts entfaltete sich schließlich auf beeindruckende Weise das Potential des SWR Symphonieorchesters, welches sich mit Currentzis in den letzten Jahren zu einem großen symphonischen Klangkörper hohen Niveaus herausgebildet hat.

Datiert auf die Jahre 1944 / 1945 war die Sinfonie Nr. 5 B-Dur op. 100 das erste große symphonische Werk, welches Prokofjew nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion komponierte. Zudem lag die Uraufführung der vierten Sinfonie in Boston 14 Jahre zurück. In der fünften verfolgte der Komponist die Herausbildung eines ihm eigenen und in Teilen neuen Stils. Diese neue Einfachheit zeigt sich in diesem, in nur etwa zwei Monaten entstandenen Werk, auf eindrucksvolle Weise. So heißt es im Programmheft des Abends, dass „es dem Komponisten in kongenialer Weise gelang, trotz avancierter musikalischer Techniken für formale Klarheit, thematische Brillanz und ausgeprägte melodische Schlichtheit zu sorgen.“ Currentzis präsentierte in diesem Konzert abermals eine hoch spannende, dynamisch komplexe und äußerst klare Interpretation Prokofjews Komposition, die ganz neue Einblicke bot, ohne sich dabei von der Partitur zu entfernen, sondern sie in Gänze ernst zu nehmen suchte.

Ein scharf umrissenes und glänzend orchestriertes Thema leitete den ersten Satz (Andante) ein, um bald in Totentänze und Trauermärsche überzugehen. Insbesondere die Celli und Bläser meisterten diese Passagen gekonnt. Ein massiv und präzise gestalteter Klangteppich bildete sich heraus und mündete in vom Dirigenten leidenschaftlich modellierten Klang und großer Symphonik. Currentzis` Dirigat ist auch an diesem Abend ein Ereignis. Zwischen dem ganzen Orchester, den Instrumentengruppen sowie einzelnen Musikerinnen und Musikern wechselnd, bewegte er sich auf der Bühne hin und her, so dass teilweise das Pult weichen musste, und sich der Dirigent ein Stückweit im Orchester befand. Dass dieses Dirigat mit ganzem Körper sowie expressiver Gestik und Mimik allein im Dienste der Kunst und des Erreichens höchsten musikalischen Niveaus steht, wurde nicht zuletzt anhand des perfekt aufeinander abgestimmten und aufmerksamen Zusammenspiels des Orchesters deutlich. Der erste Satz endete in einem bombastischen Finale, welches in Bezug auf orchestrale Intensität in der Aufführung neue Maßstäbe setzte und die gute Akustik der Glocke in Gänze ausreizte.

Als motorisches Scherzo begann der zweite Satz (Allegro marcato), um dann über einzelne Figuren im Orchester, ein Walzerthema und rasanten Galopp in einer Art unheimliche Prozession und schließlich makabren Tanz zu münden. Präzise Blechbläser, als strahlende Einheit agierende Violinen – Spannung und Aufmerksamkeit des akzentuierten Spiels zogen sich bis in die letzte Reihe der Musikerinnen und Musiker durch – und qualitativ herausragende Celli sind an dieser Stelle zu nennen. Zum brillanten Ende des Satzes hin hatte sich das Dirigat des Ausnahmekünstlers Currentzis verlangsamt, um in streichenden Bewegungen den Klang in Tempo und Strahlkraft aufgehen zu lassen.

Bedrohlichkeit und Trauer prägten den dritten Satz (Adagio), und etwas Geheimnisvolles braute sich zusammen. Von scharfen Streichern angeleitet, bildete sich eine neue Ebene interpretatorischer Stärke heraus. Massive Dramatik reihte sich an Passagen unglaublicher Sanftheit und präzisen Pianissimos. Diese träumerische und zugleich dynamische Gestaltung setzte sich im vierten Satz (Allegro giocoso) fort. Insbesondere die Klarinetten und Querflöten zeigten hier ihr ganzes Können. Das komplexe klangliche Hin und Her schraubte sich schließlich zu einem an Intensität höchst anspruchsvollen Finale hoch, welches folgerichtig nur mit einem massiven Knall enden konnte.

Der Jubel des Publikums stellte sich unmittelbar ein und ging bald in stehende Ovationen über. Als krönenden Abschluss dieses außergewöhnlichen Konzerts präsentierten Orchester und Dirigent schließlich noch den Tanz der Ritter aus Prokofjews Romeo und Julia Ballett op. 64. Was viel zu lange nicht möglich war, eine voll besetzte Bühne und die Aufführung umfangreicher Konzerte und symphonischer Werke, sorgte hier für einen fulminanten Abschluss des Bremer Musikfest 2021.

—| IOCO Kritik Musikfest Bremen |—


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