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Giuseppe Sinopoli : Komponist – Dirigent – Archäologe, IOCO Buch-Rezension, 09.06.2021

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Michael Stange
09. June 2021
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Giuseppe Sinopoli Komponist - Dirigent - Archäologe Verlag Königshausen u. Neumann, ISBN: 978-3826045851 © Königshausen u. Neumann
Giuseppe Sinopoli Komponist – Dirigent – Archäologe Verlag Königshausen u. Neumann, ISBN: 978-3826045851 © Königshausen u. Neumann

Giuseppe Sinopoli   –   Komponist – Dirigent – Archäologe

Sinopoli Biografie  – Autorin Ulrike Kienzle

 Verlag Königshausen u. Neumann, ISBN: 978-3826045851

von Michael Stange

Konzerte entfalten einzigartige Klänge und eine unwiederholbare Atmosphäre. Aufführenden und Besucher erleben im günstigen Fall oft magische oder gar rauschafter Momente, die sich langfristig einprägen. Traditionen, Zeitumstände, die bei den Aufführungen bestehenden Möglichkeiten der Realisierung des Werkes, der Raum, die Virtuosität und das Zusammenwirken der Musiker sind weitere entscheidende Faktoren .

Seit der Ära Beethovens wurden große unvergessliche Aufführungen zum großen Teil auf das Zusammenwirken der Musiker infolge der Koordination der Orchesterleiter zurückgeführt. So wurden Richard Wagner und Hector Berlioz mitreißende Dirigate fremder und eigener Werke zugeschrieben. Dadurch zählten sie auch zu den ersten umjubelten Komponisten am Dirigentenpult. Gustav Mahler und Richard Strauss haben diese Tradition der dirigierenden Komponisten später fortgesetzt.

Spätestens der Dirigent Hans von Bülow, 1830 – 1894, läutete Mitte des 19. Jahrhunderts die Ära und den Mythos der “Magier mit dem Taktstock” ein. Seit mehr als zweihundert Jahren haben sich ihre Bedeutung, Popularität und ihr Einfluss ausgeweitet und manifestiert. Sie wurden und sind heute entscheidende Faktoren im Konzert- und Theaterleben. Als Pultstars werden sie bejubelt und umworben.

Mit der Erfindung der elektrischen Tonaufnahmen in den zwanziger Jahren bekam die Entwicklung des Kult-Status von Dirigenten und Sängern erheblichen Schub. Nicht nur Kritiken oder Agenten trugen den Ruhm der Künstler um die Welt. Dies übernahmen nun ihre Schallplatten und die im Rundfunk gespielten Aufnahmen. Das Publikum wollte Dirigenten, die es im Rundfunk gehört hatte live erleben oder ihre Schallplatten besitzen. Dies erhöhte den Wirkungsgrad von Pultstars oder Sängern und machte sie auch zu kommerziellen Zugpferden der Tonträgerindustrie.

Giuseppe Sinopoli © Wikimedia Commons
Giuseppe Sinopoli © Wikimedia Commons

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Langspielplatte erfunden. Der englische Schallplattenproduzent Walter Legge machte sich für die EMI auf den Weg nach Wien, um die für den Konzertbetrieb noch wegen ihrer Rolle im 3. Reich verbotenen Dirigenten Wilhelm Furtwängler und Herbert von Karajan für die Einspielung hochwertiger Langspielplatten  zu gewinnen. Sein Bekenntnis war: „Was mir vorschwebte, waren Schallplatten, an deren hohem Standard öffentliche Aufführungen und zukünftige Künstler gemessen würden.” So entstanden Meilensteine der Schallplattengeschichte, wie die von Wilhelm Furtwängler dirigierte Aufnahme von Wagners Tristan und Isolde mit Kirsten Flagstad und Ludwig Suthaus.

Das gleiche Ziel verfolgte in Deutschland die Deutsche Grammophongesellschaft mit ihrer Produzentin Elsa Schiller. Deren Aufnahmen mit von Ferenc Fricsay begründeten den Ruhm des Labels. Mit Herbert von Karajan begann der weltweite Siegeszug. Infolge der durch ihn erheblich geförderten Digitaltechnik hatten die Schallplattengesellschaften zu Beginn der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts die Vision, sie könnten ihr Repertoire vollständig neu einspielen und so an die kommerziell erfolgreichen früheren Zeiten anknüpfen oder sie gar übertreffen.

Mit Herbert von Karajan war dies aber nicht möglich. Krank, alt, schwierig, autoritär und zu mächtig, das waren Faktoren, die die Ausschau nach jüngeren Zugpferden erfolgversprechender, für die Unternehmen lukrativer und zukunftsgewandter erscheinen ließen.

So schlug auch die Stunde Giuseppe Sinopolis. Gefeierter Komponist, Debütant bei der Deutschen Grammophon mit einer Schallplatte mit Werken Bruno Madernas Ende der siebziger Jahre, Nachwuchsdirigent des Jahres 1980 beim Deutschen Schallplattenpreis und sein heute noch auf DVD nacherlebbares und umjubeltes Debut an der Deutschen Oper mit Verdis Macbeth im gleichen Jahr machten ihn zum Shooting Star der internationalen Dirigentenszene.

Leerer Wahn oder reine Marketingtricks waren dies nicht. Giuseppe Sinopoli startete fulminant als Komponist und komponierender Dirigent. Künstlerisch und menschlich stieg er Zeit seines Lebens immer höher. Er war einer der aufregendsten und bedeutendsten Dirigenten seiner Generation. Durch sein Talent und die besonderen Zeitumstände begünstig hat er dies durch einen immensen Nachlass digitaler Aufnahmen dokumentiert.

Wer heute nach einer packenden Aufnahme von Verdis Macbeth sucht, kommt an ihm nicht vorbei. Mitreißend, rabenschwarz, metallisch, mit explodierenden Gefühle reißt er die Zuschauer mit. Auf dem Bildschirm packt jene Berliner Vorstellung noch heute. Zentrales Charakteristikum seiner Interpretationen ist die ungeheure innere Anteilnahme, die sich schon in seiner Mimik spiegelt. Zu Beginn des Vorspiels zum 1. Akt blickt er von geheimnisvoll bis zornig in sein Orchester als habe er selbst Macbeth und sein Gefolge aus dem Grab gehoben. Schon diese Takte verraten, dass es ihm ums Ganze ging und er sich keine Sekunde schonte. So war es, so blieb es. Mahler, Berg, Schönberg, Bruckner und auch Tschaikowsky. Immer war er mit ganzer Seele in der Komposition, arbeitete er Neues heraus, suchte und fand fesselnde Interpretationsansätze. Er war das vielseitigste Phänomen am Dirigentenpult, der als Komponist, Interpret, Autor und Archäologe in vielen Welten zu Hause war.

Giuseppe Sinopolo – Mahler Symphony No 8 in E? „Sinfonie der Tausend“
Youtube Sonorum Concentus Romantic Era
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Blutvolle Genauigkeit, das war Giuseppe Sinopolis Credo für die Aufführungsserie der Aida, die er 1980 in Hamburg dirigierte. Es war eines seiner ersten Operndirigate. In Venedig hatte er zwei Jahre zuvor mit dem Werk debütiert. Als die Produktion in Hamburg wiederholt wurde, war er mit von der Partie. Die Hamburger Philharmoniker, die sich damals, konnten Dirigenten sie begeistern, auf die Stuhlkante setzen, waren vorgewarnt. Die Musiker, überrascht über die mitgebrachten von Sinopoli eingerichteten Orchesterstimmen, stellten fest, dass es sie mit Bleistift-Eintragungen gespickt waren. Sie hatte der Dirigent selbst erstellt und im Kopf. Möglich war dies, weil er die Partituren im Archiv seines Musikverlegers Ricordi einsehen konnte.

Trotz der eingeschränkten Tonqualität offenbart die damals mittgeschnittene Aufnahme Erstaunliches:

Aida – Giuseppe Sinopoli – Hamburg 1982
Youtube Marco Benedetti
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Aida, Berlin, 20. April 2001: Beim Duett Aida – Amonasro, hörte man im Zuschauerraum plötzlich einen lauten Knall. Giuseppe Sinopoli war ohnmächtig zu Boden gestürzt, die Orchestermusiker hörten jeder für sich auf zu spielen, Schreie im Orchester, Rufe nach einem Arzt, auch die Aida schrie kurz auf, ein Arzt eilte nach vorne und das Publikum wurde gebeten, den Saal verlassen und sich ins Foyer zu begeben. Man möge dort warten, bis man wisse, wie es nun weitergehe. Dann ca. 15 Minuten später eine Lautsprecherdurchsage, die Vorstellung müsse abgebrochen werden. Gegen 23 Uhr kam die Nachricht, dass Giuseppe Sinopoli mit 54 Jahren völlig unerwartet mitten in der Vorstellung verstorben war.

Die Aufnahmen, sein geistiger Kosmos, die hinterlassenen Dokumente, Interviews, sein Buch „Parsifal in Venedig“ zeigen nur einige Facetten dieses hochbegabten Ausnahmetalents. Hinzu kommen auch die meist hymnischen Erinnerungen an den Menschen und Musiker Giuseppe Sinopoli.

Seinen Spuren geht Ulrike Kienzle in ihrer Biografie nach. Sie beschreibt den Komponisten, Dirigenten, Archäologen und Menschen Giuseppe Sinopoli und seine Welt. Auf mehr als fünfhundert Seiten erzählt sie prägnant, einfühlsam und zugleich mit liebevoller Distanz seine Biografie. Lebensweg, Geisteswelt und Zeitumständen von Giuseppe Sinopoli werden zueinander in Beziehung gesetzt. Bestechend ist, dass sie trotz der ungemeinen Fülle des fundiert recherchierten Materials durchgängig ihren straffen fesselnden Erzählstil wahrt, und so die Wege Sinopolis mit aufmerksamer Feder nachzeichnet. Die vielen Quellen werden häufig angerissen aber nicht episch ausgebreitet.

Ulrike Kienze nennt ihre Methode „Bewahren durch Erinnerung“. Dafür hat sie alle verfügbaren Dokumente in Schrift, Wort und Bild gesammelt, die Familie und wichtige Zeitzeugen befragt und daraus ein eindrucksvolles Portrait geschaffen. Allein das Literaturverzeichnis umfasst vierzig Seiten und enthält neben Kompositionen, Selbstzeugnissen biografischen Werken auch Verweise auf die von Giuseppe Sinopoli zu philosophischen und religiösen Fragen herangezogenen Literatur.

Sinopolis Leben, seine Persönlichkeit und sein Werk sind schon bei kurzer Betrachtung seiner Biografie außergewöhnlich. Woher er kam, was ihn prägte, wie erreichte was er wurde, wie er seine visionären Musizierkonzepte formte mit den Musiker umsetze sind gerade bei diesem Künstler drängende Fragen, weil er viel mehr in sich trug und der Welt offenbarte, als seine musikalische Genialität als Komponist und Dirigent.

Giuseppe Sinopoli wurde 1946 in Venedig geboren. Er war Ältester von zehn Geschwistern, verlebte die ersten Jahre der Jugend in Venedig und später in Messina auf Sizilien. Erste musikalische Versuche unternahm er ab dem sechsten Lebensjahr. Der Vater war Offizier der Guardia di Finanza, der italienischen Steuerfahndung und seine Mutter Lehrerin. In der Familie wurde Musik nicht aktiv praktiziert. Keine näheren Verwandten der Vorfahren waren bedeutende Musiker.

Wegen der neun Geschwister war das Geld knapp und an eine musikalische Ausbildung für den Ältesten nicht zu denken. Dies besorgte er selbst und später unterstützen ihn die Mönche im Internat, das er besuchte. Nach dem Schulabschluss folgte er dem Wunsch seines Vaters Medizin zu studieren, um einen „ordentlichen Beruf“ zu ergreifen. Gleichzeitig studierte er aber auch Komposition. Seine Dissertation trug den Titel “Kriminogene Momente in der phänomenologischen Vermittlung des Kunstwerks”. Darin widmet sich Sinopoli der menschlichen Psyche, der Einordnung psychisch Kranker und Gesunder und setzt dies in Beziehung zu Aspekten der Schöpfung und Wahrnehmung von Musik. Seiner Auffassung nach, gehen kreative Höchstleistungen oft mit einem Erleben einher, das als krank einzuschätzen gefährlich wäre.

Beleuchtet wird aber auch die Wahrnehmung des Kranken und Gesunden in der Psychatrie auch vor dem Hintergrund der These der so genannten Antipsychatrie. Zum einen geht es um die Wahrnehmung, was krank und gesund ist zum anderen um die These, dass die Psychatrie den Behandelnden mehr nütze als den Patienten. Zeiteinflüsse und prägende Eindrücke für Sinopoli, wie die Nuova Sinistra, die neue Linke, die in Italien eine erhebliche Rolle spielte, Herbert Marcuse mit seinen Thesen zur Gesellschaft zum sozialen Sprengstoff jener Jahre, die Einflüsse Nietzsches und vieler mehr werden im Kapitel „Prinzip Hoffnung“ aneinandergereiht.

Diese philosophischen Grundlagen und sein psychoanalytischer Blick waren Einflüsse unter deren Berücksichtigung er den inneren Bau interpretierter Werke examinierte, Sein Herangehen an die Sicht und Interpretation der Partituren erreichte er eine Tiefendimension, die oft ungewohnte Perspektiven einnahm und klanglich neue Akzente und Aspekte der Werke offenbarte. Giuseppe Sinopoli hat zum Beispiel die 2. Sinfonie Schuhmanns in einem von ihm verfassten Booklet vor der “zwanghaft paranoiden Ausdrucksweise Schuhmanns auf Grundbedingungen kreativen Ausdrucks” beleuchtet. Auch der Ansatz Sinopolis, Musik zunächst intellektuell tiefgründig zu hinterfragen und diese Erkenntnisse in Emotionen zu transformieren, machte ihn zu einer Ausnahmeerscheinung, weil er weit über die Noten oder historische Aufführungszusammenhänge hinausging. Sinopolis Ansatz war auch, dass das Wunder der Musik darin bestehe, dass sie wie ein Licht als Trost in unsere Seele eindringe und die Musik auch zu einem Reisegefährten werde, der uns in gemeinsamen Mitleiden in Krankheiten begleite. Sinopoli verfolgte derartige Ansätze in praktischen Projekten weiter. In Rom rief er ein Projekt ins Leben, in dem er Musik in die Krankenhäuser brachte und mit Hochschulstudenten dort Konzerte initiierte.

Sorgfältig zeichnet Ulrike Kienzle dies und die alle Lebensstationen nach. Sie verdeutlicht, dass Giuseppe Sinopoli schon zu Studienzeiten zur wissenschaftlichen und intellektuellen Avantgarde seiner Generation zählte.

Indem die innere Welt Sinopolis betrachtet veranschaulicht wird, erklären sich auch viele seiner Interpretationsansätze. Ulrike Kienzles Auslotungen seines analytischen Blickes mit dem er sich seine Sicht der Partituren, die er als Dirigent interpretierte, erschloss sind schon dadurch aufschlussreich, weil sie die Ursprünge der in den Aufnahmen vermittelten akustischen Tiefendimensionen und die ungewohnten Perspektiven seiner Interpretationen erhellen. So wird dieses Aspekt seiner Nachwirkung, die er bei seinen Interpretationen erreicht, erklärlich.

Ein starkes Sendungsbewusstsein als Komponist und Dirigent paarte sich mit einem unbeugsamen Charakter. Sinopoli kämpfte für die Kunst und wahrhaftige Interpretationen. Dies war ihm wichtiger als Karriere und das Schmieden von Netzwerken mit Politik, Presse oder Agenturen.

Als ihm einmal ein Musiker sagte, er solle seine Kraft sparen, antwortete er, wenn er dirigiere, wolle er alles geben. So setzte er sich aber auch für seine Musiker ein. Bei seinem Antritt in Dresden verzichtete er auf die Hälfte seines Honorars und bestand im Gegenzug auf eine Anhebung der Bezüge seiner Staatskapelle. Liebevoll beschreibt Ulrike Kienzle neben der künstlerischen Arbeit auch das menschliche Zusammenwachsen des Orchesters. Sinopoli verfügte neben seiner Güte aber auch über einen hohen Gerechtigkeitssinn. Die Erinnerung an seinen von den Nationalsozialisten vertriebenen Vorgänger Fritz Busch machte er sich zu einem besonderen Anliegen. Auch diese Episode erzählt Ulrike Kienzle mit bewegenden Worten.

Giuseppe Sinopolis Weg wird von den Stationen in Berlin, London mit dem Philharmonia Orchestra, das er bis 1994 leitete, zwei Stationen in Rom, dem Debut in Bayreuth 1985 und seiner letzten, wohl glücklichsten Station in Dresden bis zu seinem frühen Tod ausführlich nachgezeichnet.

Den Kampf um die Kultur nahm er energisch und aufrecht an. Mit den Institutionen kämpfte er in Rom zweimal bis zum äußersten. Er ging erst nach langem Kampf geschlagen von den Mühlen der Bürokratie und den Machenschaften der Gewerkschaften vom Feld.

Glücklicher war er in Dresden und Bayreuth, wo er Kunst erstehen lassen konnte. Die Staatskappelle Dresden, die sächsische Politik, die Bayreuther Festspiele unter Wolfgang Wagner und viele andere Musikinstitutionen umsorgten und umwarben den Ausnahmekünstler.

So erfährt man, dass Sinopoli kein Diktator oder Tyrann war, der beispielsweise Musiker in Proben vor dem Orchester drangsalierte oder blamierte. Schwierigkeiten löste er in persönlichen Gesprächen mit den Musikern.

Giuseppe Sinopoli sah das Dirigieren nur als eine Etappe auf seinem Lebensweg. Die Archäologie nahm für ihn zum Ende seines Lebens immer breiteren Raum ein. Das Übersetzen alter Keilschriftzeichen ersetzte ihm das Komponieren und war für ihn auch ein Korrektiv für die von ihm wahrgenommene Vernachlässigung der Kultur in jenen Jahren.

Giuseppe Sinopoli wurde durch Herkunft, theoretische und philosophische Konzepte, seine Vita als Mediziner und Komponist zu einem Dirigenten, der sich von seinen Kollegen in seiner geistigen Vielfalt abhob. Dadurch erreichten seine Interpretationen eine individuellere Dimension die oft eine stärkere Wirkung entfalteten, als die seiner Kollegen.

Ulrike Kienzles wissenschaftlicher Ansatz paar sich mit klarer Struktur, flüssiger, lebendiger Erzählweise und einem scharfen Blick für Wesentliches. Anekdotisches wird angerissen und wirft Schlaglichter auf Sinopolis Seele. Zur Finanzierung des Dirigierstudiums in Wien bewarb er sich um ein Stipendiat der Alban Berg Stiftung. Während er in der Bibliothek des damaligen Präsidenten Gottfried von Einem wartete, inspizierte er die vorhandenen Bücher. Als ihn der eintretende Gottfried von Einem dann fragte was er dort tue, antwortete Sinopoli, dass er versuche ihn kennenzulernen. Daraufhin erhielt er sofort das Stipendium. Die skurrilste Begebenheit dürfte die Auszeichnung Sinopolis als begabtester Schüler Hans Swarowskys sein. Eines Tages bestellte er Sinopoli, den er zuvor bei einer Probe recht mürrisch behandelt hatte, in ein Wiener Kaffeehaus und trug ihm auf, in schwarzem Anzug zu erscheinen. Beide gingen von dort auf eine Beerdigung. Jahre später erfuhr Sinopoli, dass dies Swarowskys Auszeichnung für seinen begabtesten Schüler war und sich schon damals die Beerdigungsgäste seinen Namen notierten.

Die Einbeziehung der Geisteswelt und der Zeitumstände des Lebenswegs von Giuseppe Sinopolis lassen seine Persönlichkeit und sein Wesen nachvollziehbar miterleben. Die ungemein fundierte Recherche paart sich in allen Kapiteln mit anschaulicher Erzählung und dem klaren prägnanten Stil auch bei der Einführung in philosophische, religiöse oder archäologischer Themen. Ulrike Kienzle gelingt durch die Verknüpfung geistiger und biografischer Pfade in das Wesen Sinopolis vorzudringen, Eigener Lebensweg, innere Entwicklung und Aspekte des kompositorischen und interpretatorischen Schaffens werden mit Zeitumständen und Geschehen des Musiklebens des Endes des zwanzigsten Jahrhunderts verwoben. Dadurch leistet das Buch neben der Würdigung Giuseppe Sinopolis einen Beitrag zur Klassikszene jener Jahre. Derzeit sind zwei Bände erhältlich. Band 1 enthält die Biografie Giuseppe Sinopolis und Band 2 ausgewählte Fotografien. Band 3 wird analytische Betrachtungen zu den Kompositionen, Einspielungen und Schriften Sinopolis enthalten. Sein Erscheinen steht noch aus und eine baldige Veröffentlichung wäre hochwillkommen.

Ulrike Kienzle hat mit ihrem Buch eine der lesenswertesten verfügbaren Dirigentenbiografien verfasst. Begünstigt wurde dies durch die vielen einzigartigen Begabungen Sinopolis und deren Verwirklichung in seiner kurzen Lebensbahn, die Fülle des vorhandenen Materials und die wechselvollen die Zeiten mit ihren politischen und technischen Revolutionen in denen Sinopoli lebte. Ohne ihre alle wesentlichen Facetten beleuchtende einfühlsame Erzählweise, die immer straff und fesselnd bleibt, wäre dies aber nicht gelungen. Lebensstationen, Zeitläufe musikalische und literarische Einflüsse werden prägnant und straff aufbereitet und anschaulich präsentiert.

Ihr ist dadurch Standardwerk gelungen, das Giuseppe Sinopoli als eine Persönlichkeit darstellt, die der Welt viel gegeben hat und die heute noch nachwirkt. Die Betrachtung seiner inneren und musikalischen Welt vermitteln über ihn selbst hinaus viele bemerkenswerte geistige und musikhistorische Eindrücke. Dadurch bietet das Buch allen musikinteressierten Lesern faszinierenden Lesestoff.

Eine fantastische Biografie des großen Ausnahmemusikers Giuseppe Sinopoli. Überaus lesenswert.

Giuseppe Sinopoli   –   Komponist – Dirigent – Archäologe  

 Verlag Königshausen u. Neumann, ISBN: 978-3826045851

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