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Zürich, Tonhalle Maag, Tonhalle Orchester – Britten, Bruckner, IOCO Kritik, 16.01.2019

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Julian Fuehrer
17. January 2019
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 Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz
Zürich Maag / Spielstätte des Tonhalle Orchesters © Hannes Henz

Tonhalle Zürich

Tonhalle Orchester –  Benjamin Britten, Anton Bruckner

Konzert in der Tonhalle Maag  –   9. Januar 2019

Von Julian Führer

Das Tonhalle Orchester startete in Zürich mit einem anspruchsvollen Programm, mit einer guten Bekannten und mit einem Debüt ins neue Jahr. Am Pult stand zum ersten Mal überhaupt der Spanier Juanjo Mena, der bereits auf eine internationale Karriere in Europa und Amerika zurückblicken kann und nun hier seinen Einstand gab. Im ersten Teil des Konzerts gab es anspruchsvolle Kost, nämlich das Violinkonzert op. 15 von Benjamin Britten, das dieser mit nur 25 Jahren schrieb und kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vollendete.

Julia Fischer © Felix Broede
Julia Fischer © Felix Broede

Als Solistin war die glücklicherweise oft in Zürich gastierende Julia Fischer (Foto) zu erleben. Das Konzert beginnt mit einem Paukensignal – eine Reverenz an Beethovens Violinkonzert op. 61 (ebenso wie die Tonart d-Moll neben Beethovens D-Dur)? Der erste Satz (Moderato con moto) lässt das Paukensignal vom Fagott übernehmen und legt eine elegische Phrase des Soloinstruments darüber. Anders als die berühmten Konzerte von Beethoven oder auch Bruch, Mendelssohn, Sibelius oder Korngold bietet Brittens Werk neben großen technischen Schwierigkeiten zwar anspruchsvolle Möglichkeiten des musikalischen Ausdrucks, aber wenig Potential für ein sich begeistert erhebendes Publikum.

Benjamin Britten Gedenkmuschel am Strand seines Heimatortes © IOCO
Benjamin Britten Gedenkmuschel am Strand seines Heimatortes Aldebro © IOCO

Kurze fanfarenartige Einwürfe des Blechs bleiben Episode; die Solopartie besteht in einem intellektuell fordernden Dialog mit dem Orchester. Im zweiten Satz (Vivace) wird das Tempo ebenfalls alsbald zurückgenommen. Klanglich bemerkenswert ist die Koppelung von Kontrabasstuba und Piccoloflöte, als hätte Wagners Fafner (an dessen Motiv im Vorspiel zum zweiten Akt des Siegfried sich Brittens Phrase zu orientieren scheint) einen Dialog mit dem Waldvogel geführt. Die folgende Kadenz nimmt die Fäden dieses musikalischen Vorgangs auf und führt sie weiter, wobei auch das Paukensignal aus dem ersten Satz (dort mit Quarten) erneut begegnet und zu Quinten erweitert wird. Die Kadenz geht in die Passacaglia (Andante lento) des dritten Satzes über, in der zunächst die Violinen und dann die anderen Instrumentengruppen erklingen, bevor die Solovioline kantabel eingreift. Am Ende steht ein sehr leiser (ppp) D-Dur-Akkord des Orchesters (ein letzter Anklang an Beethoven?), während die Violine auf Ges-F trillert. Julia Fischers eleganter, nie dünner Ton passte perfekt zum Konzert, das von einem sehr konzentrierten Publikum mit großer Aufmerksamkeit verfolgt wurde. Der angesichts der Komposition nicht euphorische, aber sehr nachhaltige Applaus wurde von ihr mit der Zugabe des Capriccio Nr. 2 in h-Moll von Niccolò Paganini erwidert.

Tonhalle Orchester Zuerich © Paolo Dutto
Tonhalle Orchester Zuerich © Paolo Dutto

Nach der Pause erklang die 6. Symphonie in A-Dur von Anton Bruckner. In vielem ein ‘typischer’ Bruckner mit einer langsamen Introduktion, einem folgenden massiven Bläsersatz und einem Thema, das im Finale in gesteigerter Form wiederkehrt. Gleichzeitig sah der Komponist in diesem Stück, das er selbst nie vollständig hören sollte, etwas Besonderes und bezeichnete seine Symphonie als „keck“. Juanjo Mena dirigierte das eine Stunde dauernde Werk auswendig und gestaltete die Klangwelten auch gestisch sehr plastisch. Das Orchester war ausgesprochen üppig besetzt: zehn Celli und acht Kontrabässe sorgten für eine breite Grundierung. Das verfolgte Klangideal setzte dabei weniger auf eine zergliedernd-analytische als vielmehr auf eine globale (nicht pauschale!) Sichtweise. Im bei stark instrumentierten Werken nicht immer unproblematischen Ausweichquartier des Tonhalle Orchesters gelang es Mena, eine Balance zu wahren und es nie zu laut werden zu lassen. Den Nachhall des Saales machte er sich für effektvoll gesetzte Pausen zunutze – man hätte meinen können, Bruckner selbst spiele einen Orgelsatz. Das „sehr feierlich“ gehaltene, über 20 Minuten lange Adagio weist Parallelen zum Adagio der 7. Symphonie auf und wurde vom Publikum andächtig verfolgt. Das tiefe E, mit denen Celli und Bässe „nicht zu schnell“ den dritten Satz einleiten, war in der genannten Orchesterbesetzung beeindruckend, zumal nicht nur breit, sondern auch sehr präzise gespielt wurde. Im Finalsatz („bewegt, doch nicht zu schnell“) wird das Hauptmotiv aus Isoldes „Liebestod“ zitiert – Bruckners Wagnerverehrung ist bekannt. Orchester und Dirigent harmonierten hörbar gut, und so gelang eine rundum überzeugende Interpretation dieser nicht sehr häufig gespielten Symphonie.

Eine beeindruckend geschlossene Ensembleleistung, ein sehr überzeugendes Debüt und ein Wiedersehen mit einer großen Künstlerin als Solistin, dazu ein Publikum, das bis zum Ende aufmerksam bleibt: Der Konzertgänger verlässt das Haus beglückt und dankbar.

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