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München, Residenztheater, Insgeheim Lohengrin – Flucht in die Kunst, IOCO Kritik, 11.10.2017

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Hans Günther Melchior
13. October 2017
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 Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn
Residenztheater München © Matthias Horn

Insgeheim Lohengrin 
Flucht in die Kunst –

Von Hans Günter Melchior

Natürlich kennen Sie Lohengrin. Das ist doch der Ritter mit dem Schwan in Richard Wagners 1850 uraufgeführter Oper. Der Edle, der in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts in Antwerpen Elsa von Brabant vom Vorwurf des Brudermordes durch ein Gottesgericht (er besiegt den Ankläger Telramund im Schwertkampf) reinigt und Elsas Ehemann wird. Der Gralsritter, der seine Herkunft verschweigt, weil er ein Schweigegelübde ablegte und weil er um seiner selbst willen geliebt werden will und eben nicht als Gralsritter und Königssohn aus dem „fernen Land, unnahbar euren Schritten“, wo die Burg Monsalvat liegt. Und der dann doch entgegen dem Schweigegebot der Gralsritter dem unnachgiebigen Wissensdrang seine Frau nachgibt/erliegt –, um den Preis, sie verlassen zu müssen.

Residenztheater München / Insgeheim Lohengrin - Paul Wolff-Plottegg als Otto © Andreas Pohlmann
Residenztheater München / Insgeheim Lohengrin – Paul Wolff-Plottegg als Otto © Andreas Pohlmann

Monsalvat: Assoziationen zu lat. salvare: heilen liegen nicht fern. Und nicht zuletzt deshalb, um der Heilung von einem nur halb gelungenen oder ganz misslungenen Leben willen nämlich, haben sich hier wohl fünf Leute zusammengetan, um Wagners Werk zu huldigen: Eskil (Wolfram Rupperti), Helga (Charlotte Schwab), Kathi (Ulrike Willenbacher), Otto (Paul Wolff-Plottegg) und Heiner (Manfred Zapatka). „Insgeheim“, als wären auch sie zum Schweigen über ihren Gott Wagner verpflichtet.

Sie treffen sich wöchentlich zwei- bis dreimal in einer eigens zum Zwecke der Wagnerhuldigung angemieteten (konspirativen?, wie es im Programmheft heißt) Wohnung, die vom eigentlichen Mieter kurzfristig verlassen wurde. Aber sie kennen sich, obwohl sie sich oft sehen, nicht einmal richtig, sie wollen sich auch gar nicht persönlich, also in einer über den Versammlungszweck hinausgehenden Weise, kennenlernen. Otto betont dies mit Nachdruck, wenn wir diese Wohnung verlassen, sagt er sinngemäß, sind wir uns vollkommen fremd, nur Wagners Werk eint uns. Das Persönliche hat draußen zu bleiben.

Bei der Wohnung handelt es sich um eine typische Kleinbürgerwohnung: eine Art Wohnküche, Kühlschrank, Herd, ein einfacher Tisch, Klappcouch, Stühle, ein Bücherregal. Man gelangt in den Raum durch einen Vorraum, in dem nur durch die Glastür ein Bücherregal zu sehen ist.

Der Kontrast zum Theaterraum, dem sich geradezu manisch in Verzierungen und Ausschmückungen gefallenden Cuvilliés-Theater, einem Rokoko-Bauwerk aus dem 18. Jahrhundert, könnte nicht größer sein.

Residenztheater München / Insgeheim Lohengrin - v.l. Manfred Zapatka als Heiner Wolfram, Rupperti als Eskil, Ulrike Willenbacher als Kathi, Paul Wolff-Plottegg als Otto, Charlotte Schwab als Helga © Andreas Pohlmann
Residenztheater München / Insgeheim Lohengrin – v.l. Manfred Zapatka als Heiner Wolfram, Rupperti als Eskil, Ulrike Willenbacher als Kathi, Paul Wolff-Plottegg als Otto, Charlotte Schwab als Helga © Andreas Pohlmann

Es geht um Wagners Oper Lohengrin, derer man sich in allen drei Aufzügen ausschnittsweise annimmt. Nicht etwa kritisch und musiktheoretisch, sondern allein im Gestus der Verehrung. Dass das Werk ein Geniestreich von einem zum Heiligen verklärten Genie ist, steht für alle Beteiligten außer Frage.

Einzeln und in geringen Zeitabständen betreten die Protagonisten, alle bereits betagte Herrschaften, die Wohnung wie einen sakralen Raum. Sie legen mit feierlicher Geste an einem Plattentisch eine mitgebrachte Schallplatte ab, setzen sich und dirigieren, ohne zunächst auch nur ein Wort aneinander zu richten, im Geiste, bevor die Musik erklingt.

Alles ist Ritual. Musikalischer Gottesdienst. Sobald alle Beteiligten anwesend sind, werden einzelne Platten aufgelegt, die Ouvertüre wird abgespielt, mit der man das Malen eines „blauen Himmels“ (Otto) assoziiert, von jedem Aufzug werden Ausschnitte gehört. Und manchmal taucht dazu die Phantasiegestalt eines Ritters in kriegerischer Wehr im Vorzimmer auf.

Es sind im Grunde einfache Leute, die sich da zusammengefunden haben. Bei aller Begeisterung keine Experten. In der Manier der „gewöhnlichen“ Opernbesucher steht für sie nicht eigentlich das Werk, seine musikalische Komplexität und musikhistorische Bedeutung im Vordergrund, sondern es sind die Stimmen der Stars, über die sie, schließlich doch ins Gespräch findend, diskutieren.

Residenztheater München / Insgeheim Lohengrin © Andreas Pohlmann
Residenztheater München / Insgeheim Lohengrin © Andreas Pohlmann

Langsam aber tauchen im voranschreitenden Text wie aus einem dunklen Bewusstseinssee heraus persönliche Offenbarungen auf und werden laut. Unabweisbar und wie gegen den Willen der Protagonisten treten sie in den Vordergrund, konnten selbst von der Musik nicht verdrängt werden. Wehmütig berichten die Anwesenden von ihren Enttäuschungen, gescheiterten Beziehungen, Verletzungen, nicht erfüllten Sehnsüchten und ein wenig abseitigen Neigungen, wie etwa der Vorliebe Helgas für Kissen, von denen ihre Wohnung übervoll ist, oder von Kathis Besessenheit von Gerüchen, die sie einst auf einen Mann übertrug. Als hätte es die „heilige Musik“ letztlich doch nicht vermocht, sie vom Persönlichen und Problematischen zu erlösen, nicht einmal für die kurze Zeit des Zusammenseins in diesem hermetischen Raum, in dem die Vorhänge und Jalousien wie zur Abwehr der Außenwelt zugezogen sind.

Das ist das Bemerkenswerte und Berührende an dieser Inszenierung von Alvis Hermanis, der das Stück zusammen mit seinen – glänzend spielenden und längst in ihrer Kunst angekommenen – Schauspielern zusammengestellt hat. Die Aufführung kommt aus dem wirklichen Leben, jenem Leben, dem die fünf Personen durch die Flucht ins Ideal, in die idealisierte und zum Heiligtum erhobene Musik entkommen wollten und es nicht schafften.

So endet die Flucht ins Absolute im Kerker des Persönlichen. Schließlich singt Eskil mit brüchiger Stimme die berühmte Gralserzählung Lohengrins selbst. Keine Musik, kein Star, nur die reale Unvollkommenheit des Laien. Still und gebeugt gehen die Fünf auseinander…

Insgeheim Lohengrin des Residenztheater, München; Spielstätte Cuvilliés-TheaterWeitere Vorstellungen 23.10.2017, 18.11.2017

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