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Komische Oper BerlinKritiken

Berlin, Komische Oper Berlin, Moses und Aaron, IOCO Kritik, 20.05.2015

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Gilberto Giardini
18. May 2015
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Komische Oper Berlin

TRIUMPH DES CHORES
MOSES UND AARON von Arnold Schönberg
zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

Komische Oper Berlin / Moses und Aron © Monika Rittershaus
Komische Oper Berlin / Moses und Aron © Monika Rittershaus

Es ist bereits fast ein Monat vergangen seit der umjubelten Moses und Aaron Produktion von Barrie Kosky und dem russischen Star-Dirigenten Vladimir Jurowski.

Als einmaliges Projekt der Komischen Oper findet die Produktion nur mit sechs Aufführungen statt. Bereits bei der Premiere, am 19. April anwesend, zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, hatte ich kürzlich erneut die Gelegenheit dieser Produktion in ihrer vorletzten Aufführung am 10. Mai beizuwohnen. So war es mir möglich, einige Aspekte der Inszenierung, die sich mir in der Premierenaufführung nicht vollständig erschlossen hatten besser zu verstehen.

Arnold Schönberg, einer der einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts, stammte aus einer jüdischen Wiener Familie und hatte sich bereits seit Anfang der zwanziger Jahre mit dem biblischen Mose-Stoff beschäftigt. 1928 begann er dann an „Moses und Aaron“, welches anfänglich als Oratorium von ihm gedacht war und aus praktischen Gründen zu einer Oper ausgearbeitet wurde, zu komponieren. Er hörte jedoch 1937 endgültig auf daran zu arbeiten und lies sie, ohne den vorgesehenen dritten Akt, unvollendet. Das Opernfragment, bei dem er auch das Libretto schrieb, wurde in Teilen 1951, kurz vor seinem Tod, der Öffentlichkeit präsentiert. Die konzertante Uraufführung, 1954 in Hamburg, erlebte er selber jedoch nicht mehr.

Die Handlung, angelehnt an das zweite Buch Mose, erzählt von Moses, dem von Gott auserwählten Propheten, der mit Hilfe seines älteren Bruders Aaron dem auserwählten israelischen Volk den neuen allmächtigen und vor allem unvorstellbaren Gott verständlich machen soll.

Barrie Kosky versetzt das Geschehen in die Gegenwart um sich ohne jeglichen biblischen Kitsch auf den Kernaspekt des Stückes zu fokussieren – die Unmöglichkeit das Unvorstellbare vorstellbar zu machen.

Schauplatz ist ein mit orientalischen Teppichen ausgelegter Ort, der mit seinen Metall-Barriere-Schranken symbolisch eine Durchgangsstation oder einen Warteraum darstellt (Bühnenbild und Licht: Klaus Grünberg).

Moses, selber unfähig seine Gedanken auszudrücken, lässt seinen Bruder Aaron – hier beide als Vaudeville-Clowns oder Zauberkünstler dargestellt – die abstrakte Idee von Gott für das Volk in greifbare, konkrete Bilder umwandeln. Dabei greift Aaron tief in die Trickkiste um das Volk zu überzeugen. Schnell wird jedoch dabei die Manipulation und der damit verbundene Missbrauch sichtbar.

Meisterhaft bewegt und choreografiert Kosky den durch Vocalconsort Berlin, den Kinderchor und zahlreiche Komparsen ergänzten Chor der Komischen Oper, der eigentliche Star des Abends. Mit vollem Einsatz, stimmlich wie körperlich, gestalteten sie alle Facetten des zerrissenen jüdischen Volkes.

In über hundert musikalischen Proben hat der Chorleiter David Cavelius durch eine perfekte Einstudierung, die Chorsänger bestens vorbereitet und diese Glanzleistung ermöglicht.

Immer wieder werden beeindruckende, ergreifende oder spektakuläre Bilder geschaffen. Darunter besonders packend der Tanz um das goldene Kalb. Eine erotisch-expressionistische Tanz-Performance einer goldbemalten und mit Straußenfedern geschmückten Revue-Tänzerin aus den zwanziger Jahren, inszeniert als eine aus einem Filmapparat kommende Projektion.

Am Projektor die Kurbel drehend stehen drei kleinwüchsige Figuren mit großen Masken. Es sind der Psychoanalytiker und Religionskritiker Sigmund Freud, Theodor Herzl – der Begründer des modernen Zionismus und der Filmregisseur Fritz Lang, dessen Filme den Menschen und seine Beweggründe in den Mittelpunkt stellen.

Bewegend auch das letzte Bild: Ein Berg von (Puppen)-Leichen, aus denen Moses, mit den auf dem Körper eingeritzten und blutenden zehn Gebote hervorsteigt, um dort kurz darauf wieder in Resignation zu verschwinden, umhüllt wie zu Beginn der Oper von einem Teppich. Barrie Kosky versteht mit dem letzten Satz von Moses „O Wort, du Wort, das mir fehlt!“, nicht nur das Ende des zweiten Aktes, sondern sieht darin auch den Schluss der Oper. Und das erscheint auch völlig schlüssig, denn das Begreifen des Ungreifbaren kann nicht gelingen, so wie auch das „Gelobte Land“ unerreichbar bleibt. Somit liegt des Werkes Vollendung in dem Unvollendeten – mit all seinen offenen Fragen.

Hervorragend auch das Orchester unter der herausragenden und präzisen musikalischen Leitung von Vladimir Jurowski, der diesem großen Werk der Zwölftontechnik kraftvolle und ausdrucksstarke Schönheit verleiht.

Glänzend die Leistung der beiden englischen Sänger in den Titelrollen; ausdrucksstark und ergreifend die intensive Interpretation des stotternden Moses von Robert Hayward. Mit großer Inbrunst, gestalterisch wie stimmlich, die Darbietung des Tenors John Daszak. Er meisterte die vokal schwierige Partie mit Bravour, nur hin und wieder hatte man den Eindruck, ihn an stimmlichen Grenzen zu hören.

Wieder ist Barrie Kosky, seinem Team und dem ganzen künstlerischen Ensemble gelungen eine denkwürdige Produktion auf die Beine zu stellen, die noch lange nach dem Theaterbesuch in Gedanken nachwirkt. Ein ganz großes Lob an alle Mitwirkenden!

IOCO / G.G. / 20.05.2015

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