Rügen, FESTSTSPIELFRÜHLING 2025 Teil 2, IOCO

Rügen, FESTSTSPIELFRÜHLING 2025 Teil 2, IOCO
Putbus copyright Oliver Borchert

Tragisch bis unterhaltsam entspannt – der Festspielfrühling Rügen 2025 ist mit drei weiteren Konzerten beendet

 

von Ekkehard Ochs

 

Er gehört zu den Jubilaren dieses Jahres: Dmitri Schostakowitsch. Anlässlich seines 50. Todestages (9. August 1975) gedenkt die musikalische Welt eines Komponisten, der zu den herausragenden, prägenden Gestalten der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts zählt. Und das nicht nur, weil die Einschätzung seines von den Verhältnissen in der Sowjetunion bestimmten Lebens und Schaffens lange Zeit von heftigen, in Ost und West konträr geführten Diskussionen bestimmt war. Viel Nebel hat sich inzwischen gelichtet, manche Beurteilung entideologisiert und versachlicht. Ein unverstellterer Blick auf das Werk selbst sowie dessen außermusikalische Sachverhalte objektiver einbeziehende Analysen werden seinem musikalischen Schaffen inzwischen deutlich gerechter. Aber Diskussionsstoff  zwischen philologischer, die Musik selbst betreffender Analyse-Akribie und den merkwürdigsten Spekulationen darüber, ob es sich bei Schostakowitsch um einen  “Staatskomponisten“ oder heimlichen „Dissidenten“handelt, gibt es noch immer zuhauf. Was die Beschäftigung mit dem tatsächlich ungewöhnlich komplexen, teils wirklich „rätselhaften“, weil möglicherweise „chiffriert“ überlieferten Lebenswerk Schostakowitschs stets spannend bleiben lässt.

Putbus copyright Oliver Borchert

A propos Spannung. Der Festspielfrühling auf Rügen hatte am vergangenen Freitag genanntem Komponisten ein ganzes Konzert gewidmet. Aber nicht irgend eines! Im rappelvollen Theater Putbus, einem klassizistischen Kleinod der 1810 gegründeten fürstlichen Residenz derer zu Putbus, präsentierte man das frühe (1.) Klaviertrio op. 8 (1923) und die 15. Sinfonie A-Dur op. 141 (1971). Letztere allerdings – ein „Hinhörer“ der besonderen Art – für die ungewöhnliche Besetzung von Violine, Violoncello, Klavier und drei Schlagzeuger. Sie stammt von Viktor Derevianko, einem russischen Pianisten (Schule Heinrich Neuhaus!), der nach seinem Weggang aus der damaligen UdSSR (1974) nach Israel ging (Netz-Info 2014). Er schrieb seine Fassung schon bald nach der Uraufführung des Originals (8. 1. 1972), übrigens mit vollem Einverständnis Schostakowitschs. Die erste Aufführung fand bereits am 23. September 1972 in Moskau statt. Nur Insider haben wohl – merkwürdig genug - von der Existenz dieser Bearbeitung überhaupt gewusst. Hinweise in der Literatur? Fehlanzeige. Umso sinn- und verdienstvoller diese Präsentation, für die mit Karen Gomyo (Violine), Bryan Cheng (Violoncello), Kiveli Dörken (Klavier), Lukas Böhm, Emil Kuyumcuyan und Agostinho Sequeira (alle Schlagzeug) wahrlich hervorragende Interpreten gewonnen werden konnten.  

Rezensent gesteht, Dereviankos Fassung nicht gekannt, aber in Kenntnis so mancher ihm misslungen erscheinenden Schostakowitsch-Bearbeitungen die Putbuser Aufführung mit einiger Skepsis erwartet zu haben. Jedoch: Nach einer in jeder Hinsicht fabelhaften, weil ungemein kontrastreich und lebendig präsentierten Aufführung des Jugend-Trios op. 8 – der heißen Jugendliebe (Tatjana Glivenko) des Siebzehnjährigen gewidmet – begannen diese Vorbehalte schon zu bröckeln: Mit oben genannten Gestaltungs-Koryphäen konnte wohl jedes Experiment gelingen!  Auch wenn es immer noch waghalsig erschien, eine komplett instrumentierte Sinfonie auf ein Drei-Mann-Ensemble zuzüglich Schlagwerk zu reduzieren, ohne die künstlerische Substanz des Originals zu beschädigen. Aber Derevianko hat es tatsächlich geschafft, die ohnehin sparsam instrumentierte, kammermusikalisch durchsichtig angelegte Partitur der „Fünfzehnten“ so geschickt und einfühlsam auf eine Klaviertrio-Besetzung zu verdichten, dass sich beim Hören der Vergleich mit dem Original  kaum anbot und der „Verlust“ eines Orchesters gar nicht als solcher ins Gewicht fiel. Natürlich ist der Gesamtklang (mit Schlagwerk nach Schostakowitschs originaler Besetzung) ein gänzlich anderer, aber er ist ein ungemein intensiverer, einer, der mit denkbar größter Eindringlichkeit und mit berührender Intimität zu faszinierender, stärkster Wirkung findet. Und so geriet diese fulminant musizierte, von den Protagonisten sichtlich auch ganz persönlich „durchlebte“ Aufführung zu einem unter die Haut gehenden Ereignis. Ein „memento mori“? Eine Geschichte von Anfang und Ende, ein (verdeckter) „Lebenslauf, ablesbar an zahlreichen, oft auch nur angedeuteten Eigen- und Fremdzitaten? Wie auch immer! Ein Schostakowitsch, wie er im Kammermusikbereich eindrucksvoller wohl selten geriet. Im Saal betroffene Stille nach den letzten, im Nirgendwo verklingenden Tönen...

Sellin Quatuor Hermes copyright Oliver Borchert

Für den Kontrast war am nächsten Tag im Saal der Seebrücke Sellin gesorgt. Ein Samstag Vormittag mit steifer Brise, blauem Himmel und strahlender Sonne, mit greifbarer Entspannung und innerer Gelassenheit. Wie auch nicht! Angesagt war das französische Quatour Hermès, das sich zunächst mit Fanny Hensels Es-Dur-Streichquartett (1834) in die Herzen und in das entspannte Gemüt der Hörer spielte. Schnell wurde auch hier klar: Die Schwester Felix Mendelssohns, musikalisch hochbegabt, aber vom Vater, dem Bruder und einem fatalen Zeitgeist an jeder Entwicklung gehindert, verdient jede Aufmerksamkeit und alle Sorgfalt in der Präsentation. Beides war hier zu haben. Ein jederzeit aufmerksames, ja neugieriges Publikum und ein Ensemble, das sich mit entsprechend sensiblem, den melodischen Schmelz, die erstaunliche Satzdichte und die lyrische, auch Kraftentfaltungen nicht meidende Grundhaltung für dieses Werk sehr empfahl. Es lohnte, genau hinzuhören, den vier strukturell relativ frei gehandhabten Sätzen jenen Reichtum an motivisch-thematischen Einfällen, dynamischen Feinheiten, metrisch-rhythmischer Stringenz und musikantischer Individualität abzugewinnen, der gern mal über dem dominanten „schönen“ Klang verloren zu gehen droht. Fanny Hensels generell kritische Selbsteinschätzung, es fehle ihr die Kraft, die Gedanken gehörig festzuhalten und deshalb sei sie für das Komponieren größerer Formen nicht geschaffen, darf im Kern zwar gelten, sollte heute aber Gegenteiliges motivieren: sich ihrem umfangreichen Gesamtwerk interessierter zuzuwenden.

Für Edvard Griegs g-Moll-Quartett op. 27 (1877/78) gelten andere Standards. Schon mal als „Bekenntniswerk“ apostrophiert, gewinnt es sein künstlerisches und für die Gattungsgeschichte prägendes Gewicht durch die bewusste Loslösung von romantischen deutschen Traditionen (Leipzig) und die Hinwendung zu werkbestimmendem nationalen Melos. Das mit „Herzblut“ (Grieg) geschriebene Produkt erwies sich auch auf Sellins Seebrücke als die gut vierzigminütige Präsentation geradezu trotzig artikulierten nationalen Selbstbewusstseins. Auch da war man mit dem hier notwendigerweise oft recht furios musizierenden Hermès-Quartett auf der gestalterisch ganz sicheren Seite. Prägend das nicht nur strukturell bedeutsame Profil eines herausgehobenen, alle Sätze bestimmenden Motivs (volksliedhaftes „Spielmannsmotiv“), sondern vor allem das Betonen einer auch  Extreme nicht scheuenden Schreibweise. Grieg – und seine Interpreten – waren da im profilierten Gestalten einer kontrastgeschärften, gestisch unerhört bedeutsamen, weil „redenden“, ja geradezu als „agitatorisch“ einzuordnenden musikalischen Stilistik nicht kleinlich: inbegriffen natürlich auch das, was der Komponist an Lyrik, Scherzosem und Tänzerischem (Saltarello im Finale) zu bieten hat.  Das Ergebnis war beeindruckend, als Werk und als Interpretation! Einfach wegstecken geht aber dennoch eher nicht. Denn Griegs Werk besitzt ihn: den Stachel eines Nachhaltigkeitsfaktors!

Karen_Gomyo, Hiyoli_Tagawa copyright Oliver Borchert

Letztgenannter galt auch für das Abschlusskonzert des Festspielfrühlings auf Rügen. Aber auf sehr andere, nun geradezu ausgelassen unterhaltsame Art. Dazu der geeignete Raum: die riesige Nordperdhalle in Seebad Göhren, mit den Neubrandenburger Philharmonikern ein Klangkörper erster Klasse und eine stolze Phalanx  herausragender Solisten. Der Erfolg  - wir dürfen ihn etwas pauschalisieren - war vorprogrammiert. Thema des Abends: „Around the world“. Wollte hier heißen: Mal vorbeischauen, was ein Rossini („Barbier von Sevilla“-Ouvertüre“), Mozart (Presto aus der Sinfonia concertante Es-Dur KV 364), Max Bruch (F-Dur Violinromanze op. 85) oder Rachmaninow (Moderato 2. Klavierkonzert c-Moll op. 18) so zu bieten haben. Ohrwürmer, natürlich, mit dem entsprechend glücklich machenden Orchestersound, der dann die Solisten fast abheben lässt und im Publikum Begeisterungsstürme entfesselt: Sie hatten sich in den Tagen der Festwoche gewaltig in die Herzen der Hörer gespielt: Karen Gomyo (Violine), Hiyoli Togawa (Viola) und Kiveli Dörken (Klavier). Im zweiten Programmteil ging es dezidiert perkussiver zu. An zahlreichen klingenden, geradezu artistisch gehandhabten „Gerätschaften“ tobten sich die vier Percussionisten Lukas Böhm, Emil Kuyumcuyan, Agostino Sequeira und – als Chef des Ganzen – Alexej Gerassimez aus, höchst kultiviert natürlich und faszinierend musikantisch. Dies mit Gerassimez`“ stilistisch dem Vorbild verbundenem und klangattraktiven „Piazonore“ für Vibraphon und Orchester (eigentlich Klavierfassung) sowie Auszügen aus „The Shaman“. Konzert für Percussion und Orchester des Kanadiers Vincent Ho. Dies eine kultige, so raffinierte wie geräuschkräftige Demonstration  dessen, was mit auf ganzer (großer!) Bühnenbreite verteilten  Schlaginstrumenten und vier Spielern so alles machbar ist...Vor diesen beiden Stücken gab es noch (ohne Schlagwerk) Piazollas Fassung von eigenen „Jahreszeiten“ - hier der „Frühling“ - für Violine und Streicher sowie als Finale des Abends Gershwins „An American in Paris“.

Göhren, Neubrandenburger Philharmonie, copyright Oliver Borchert

Was wollte man mehr! Ein unter GMD Daniel Geiss blendend aufgelegtes Orchester, hochkarätige Solisten und ein Programm, das durchgängig und höchst abwechslungsreich mit anspruchsvoller Unterhaltsamkeit punkten konnte. Da blieben keine Wünsche offen.

Stichwort Finale. Da zieht man gern Bilanz, vor allem dann, wenn sie positiv ausfällt. Für die Rügener Festspielwoche gilt: 17 von 22 Konzerten waren ausverkauft, man registrierte insgesamt 5400 Besucher. Der NDR Kultur nahm zwei Konzerte auf. Sie werden am 20. April gesendet.

Und für den privaten Kalender noch der Hinweis: Der Festspielfrühling 2026 findet vom 13. bis 22. März statt.