Rügen, FESTSTSPIELFRÜHLING 2025, IOCO

Intime Kammermusik und aufregende Percussionskunst; der Festspielfrühling Rügen 2025 ist eröffnet
Zweiundzwanzig Veranstaltungen an zwölf verschiedenen Orten, das Ganze in zehn Tagen bei recht kühlen Temperaturen, aber herrlichstem Sonnenschein – das ist der Festspielfrühling auf Rügen im März dieses Jahres 2025. Es ist auch der jährlich wiederkehrende Start in den jeweiligen Festspieljahrgang. Übrigens den nunmehr 35! Attraktiv, wie immer, und von keiner meteorologischen Kühle berührt, erweisen sich die Rügener Tage als besonders anziehend, geradezu heiß! Geschuldet ist das wohl vor allem dem Ausnahme-Percussionisten Alexej Gerassimez, der diesjährig als „artist in residence“ gemeinsam mit Kollegen und Freunden den wieder musikalisch fulminant bestückten Reigen konzertanter Veranstaltungen konzipiert hat und sehr aktiv mitgestaltet. Kein Wunder also, dass sich programmatische Vielfalt auszahlt. Dies zwischen diversen klassischen kammermusikalischen Besetzungen und ungewöhnlichsten Mixturen von gefühlt Dutzenden perkussiv gehandhabten Instrumenten und „Instrumenten“, also solchen, die vom Zustand eines „Materials“ zu einem solchen erst gemacht werden; Überraschungen en gros inbegriffen!

Hier sei auf das vergangene Eröffnungswochenende verwiesen. Gleich sieben ausverkaufte (!) Konzerte sprachen für den Erfolg des Konzepts als Ganzem. Im Zentrum jene vier Percussionisten, die am Freitag den Auftakt im großen Marstall zu Putbus gestalteten: Alexej Gerassimez, Lukas Böhm, Emil Kuyumcuyan und Julius Apriadi. Bekannt und international geschätzt sind sie als Meister ihres Faches, zumeist auch in der Funktion als professorale Hochschullehrer. Zu ihnen stieß der Pianist Nicolai Gerassimez. Sie alle zauberten auf einer Riesenbühne voller (im Einzelnen kaum überschaubaren) Instrumente eine Klangwelt voll ungewöhnlicher Kombinationen. Sie verstanden es zudem, diverse Sätze zweier Kompositionen von Alexej Gerassimez („Suite of Elements“) und Simeon ten Holt („Canto ostinato“) jeweils im Wechsel anzuordnen und attacca als kontrastierendes, durchkonzeptioniertes Gesamtkunstwerk zu präsentieren.
Zwei Komponisten, zwei sehr unterschiedliche musiksprachliche Stile zwischen naturnahen, äußerst raffiniert erzeugten Geräuschen – Grundlage für Gerassimez-Sätze: Wasser, Holz, Stein, Fell, Metall – und traditioneller wirkenden Verfahren ten Holts. Diese sind stark vom durchaus tonalnahen Prinzip hartnäckigen Wiederholens von 106 kleinen Zellen, sogenannten „sections“ (minimal music), aber auch von erkennbar ariosem Melos geprägt und verdanken ihre besondere klangfarbige Wirkung vor allem dem Einsatz von Klavier, Marimba- und Vibraphon. Ein äußerst abwechslungsreicher Abend, eine Wanderung durch weitgehend unbekannte Klangräume mit der Verheißung, eben diese auch als Erlebnisräume wahrnehmen zu können. Ob das immer geklappt hat? Origineller Einstieg in den Abend war übrigens ein „Nocturno für 16 Lichtschalter und Lampen“ von Mátyás Wettl, eine gut hörbar geknipste Folge an-und ausgeschalteter Lampen, die sich zu einer schließlich voll leuchtenden Lichterkette entwickelte.
Für besonders Neugierige gab es ein Gesprächskonzert mit Julius Apriadi und Lukas Böhm (Kleinbahnhof Binz), das auf so informative wie unterhaltsame Weise in die doch spezielle und so unglaublich vielfältige Welt modernen Schlagzeugarsenals und ihres Gebrauchs einführte. Wer wollte, konnte auch die Erfahrung mitnehmen, dass es sich zum Beispiel lohnt, Küchengeräte jedweder Form und jeglichen Materials nicht nur essenstechnisch zu schätzen. In ihm stecken nämlich ungeahnte Klangeigenschaften!

Im Marstall zu Putbus gab es einen Tag später einen weiteren Höhepunkt. Diesmal hieß das Thema: Piano meets Percussion. Wollte heißen: Letztere, hier also Alexej Gerassimez und Emil Kuyumcuyan, trafen sich mit dem Schwestern-Klavier-Duo Danae und Kiveli Dörken. Und das waren dann die vier Garanten für einen ganz großen und wieder sehr abwechslungsreichen Abend. Dazu zählte das so einfallsreich wie brillant vorgeführte, tatsächlich spannungsreiche „Stonewave“ von Alexej Gerassimez – zwei Musiker, eine Steinplatte und mehr, voller Polyrhythmik und geschickter Klangdramaturgie. Dazu zählte aber auch ein Ausschnitt aus Rachmaninows SinfonischenTänzen für zwei Klaviere op. 45: die Schwestern Dörken hier in glänzender Verfassung, prägnant artikulierend, leidenschaftlich, auch romantisch versponnen, im Bedarfsfall neckisch oder wie in Stein gemeißelt.
Von denkbar größter Perfektion und fantasievoller „Instrumentation“ dann auch das Arrangement Sinfonischer Tänze aus Bernsteins „West Side Story“ für zwei Klaviere und Percussion (Fassung Peter Sadlo). Staunenswert hier jeder Takt und jeder Klang, bemerkenswert die Kunstfertigkeit im offensichtlich sehr freien Umgang mit den Vorlagen, der dann schon mal zum übertrieben Überinstrumentierten tendierte und an sehr freies Improvisieren erinnerte.
Zum künstlerischen Glanzpunkt des Abends aber geriet Bartóks „Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug“ (Sz 110). Das Werk ist ein Musterbeispiel für eine subtil austarierte und damit äußerst wirkungsvolle Balance zwischen den Tasten- und Schlaginstrumenten. Eben dies zu realisieren gelang den genannten Interpreten auf geradezu authentische und ungemein souveräne Weise. An keiner Stelle Leerlauf, dafür - einerseits - packende Eindringlichkeit, ungeheure Energie, Vehemenz und fesselnde Stringenz, Leidenschaft und Spannung. Andererseits fehlten weder begeisternde spieltechnische Brillanz noch die unbändige Lust an schon mal überbordender Rasanz und sprudelnder Spiellaune; von der traumhaft instrumentierten Verinnerlichung im langsamen Mittelsatz ganz zu schweigen. Sicher, man kann das Werk in seiner Präsenz durchaus etwas zurückgenommener erleben, aber die enorm überzeugende Unmittelbarkeit, mit der die Pianistinnen und die Schlagzeuger agierten, war schon sehr beeindruckend!
Dominierte in den auch schlagzeugbesetzten Programmen ein gern sehr direkt und „nach außen“ gerichteter Gestus, gewannen drei weitere Angebote ihre Wirkung durch die Fokussierung auf Intimes, Zurückhaltendes, Empfindsames. So etwa mit dem Programm „Begegnungen“, für das sich Hiyoli Togawa (Viola) und Andreas Borregaard (Akkordeon) auf eine „Reise“ begaben, die mit Werken von Kalevi Aho („Am Horizont“), Bent Sørensen („Sigrids Wiegenlied“), John Dowland („Flow, my tears“), Paul Hindemith („Trauermusik“), Johann Sebastian Bach (Gambensonate G-Dur BWV 1027) und Benjamin Britten („Lachrymae. Reflections...“) ganz auf verinnerlichte Verhaltenheit setzte. Dies weitestgehend mit für diese ungewöhnliche Besetzung angefertigten Bearbeitungen (Borregaard), die, sensibel musiziert und auf Sellins Seebrücke besonders atmosphärisch wahrgenommen, nicht ohne die erwünschte emotionale, klangdunkel getönte Wirkung blieben.
Vieles davon gab es auch im vierhändigen Duo-Abend der Schwestern Dörken, allerdings deutlich kontrastiert mit Gesten des kraftvoll Tänzerischen beziehungsweise orchestral Ekstatischen. Dafür stand ein Programm mit Schuberts grandioser f-Moll-Fantasie D 940, diversen Ungarischen Tänzen von Brahms (Wo01) und Liedern ohne Worte von Mendelssohn (op. 38/6, op. 67/2 in der Fassung von Carl Czerny) sowie drei Sätzen aus Ravels „Daphnis et Chloé“, Suite Nr. 2, Arrangement von Léon Roques). Da ging es, wie ersichtlich, in Baabes „Haus des Gastes“ pianistisch gewaltig zu. Die Spanne zwischen einem melancholisch-dramatischen Schubert, Brahmsschem Tanz-Feuerwerk, Mendelssohnscher Lyrik und Ravels rauschhafter Orgiastik animierte die Schwestern zur überwältigenden Herausgabe ihres bestechenden technischen Könnens, korrespondierend aber eben auch mit einer Gestaltungsfähigkeit, die selbst in den Extremen kaum Grenzen zu kennen scheint und in ihrer dynamischen Differenziertheit sehr überzeugte!
Schließlich ein drittes: In der Vaschwitzer „Kunstscheune“ drängelte man sich auf engstem Raum, um Bachs „Goldberg-Variationen“ (BWV 988) zu erleben. Allerdings nicht auf Cembalo oder Flügel, wie gemeinhin üblich, sondern in einer Fassung für Streichtrio, die der Violinvirtuose Dmitri Sitkovetsky arrangiert hat. Nicht ohne starke Wirkung! Natürlich kann man mit guten Gründen die überlieferte Fassung für Tasteninstrumente lieben oder gar vorziehen, aber wenn sich, wie hier, mit Karen Gomyo (Violine), Hiyoli Togawa (Viola) und Bryan Cheng (Violoncello) drei fantastische Musikanten des Stückes annehmen, dann bleiben auch in dieser Besetzung keine Wünsche offen. Zumal die Interpreten es verstanden, die von ihnen berücksichtigte Spezifik eines historischen Musizierstils mit starker individueller Musikalität zu verbinden und somit ein „altes“ Werk – von wegen! - geradezu zeitlos und damit ungemein lebendig werden zu lassen. Eine Begegnung, die lohnte!
Der „Festspielfrühling Rügen 2025“ hatte seine ersten großen Blüten getrieben. Er dürfte sich – die Prophezeiung sei risikolos gewagt – am Ende zu einem großen, strahlend bunten Strauß entfaltet haben.