Retz, Theater im Erlebniskeller, DRACULA, IOCO
Als Stationentheater konzipiert, führt die Produktion das Publikum durch die verwinkelten Gänge des historischen Kellers – ein Raum, der nicht nur Kulisse, sondern gleichsam Mitspieler wird.

von Marcus Haimerl
Mit der Horror-Komödie „Dracula“ feiert das Theaterkollektiv handikapped unicorns Niederösterreich einen weiteren großen Erfolg mit seinem Stationentheater im Erlebniskeller der Weinstadt Retz. Das Stück stammt aus der Feder des bewährten Trios Ursula Leitner, Nikolaus Stich und Valentin Werner und verwebt unterschiedliche Bearbeitungen von Bram Stokers „Dracula“, filmische Einflüsse wie „Nosferatu“ oder „Tanz der Vampire“ sowie Elemente aus F. Scott Fitzgeralds „Der große Gatsby“, um die Dekadenz der Roaring Twenties wieder aufleben zu lassen.

Das Publikum begleitet den Wiener Immobilienmakler Jonathan Hutter (Nikolaus Stich) tief in den Retzer Untergrund – zu einer jener legendären Partys, für die Graf Dracula (Anja Hrauda) inzwischen bis nach Wien bekannt ist. Hutter möchte dem mysteriösen Gastgeber den Umzug in die Hauptstadt schmackhaft machen, verliert sich jedoch zusehends in den rauschhaften Nächten und vergisst Moral wie Verstand. Als einige Wochen später auch seine Verlobte Mina Müllner (Julia Handle) nach Retz reist, um bei ihrer Freundin Lucy (Dominique Lösch) Ablenkung zu suchen, nimmt die Geschichte ihren düsteren Lauf. Lucy, unglücklich verheiratet mit dem eigenwilligen Industriellensohn Thomas Horvath (J-D Schwarzmann), zeigt sich rasch fasziniert vom charismatischen Grafen – und erkrankt nach einer Partynacht an einem seltsamen Leiden. Inmitten der aufziehenden Dunkelheit taucht mit Agatha van Helsing (Sophie Benedikte Stocker), Patentante von Tom und Expertin für das Okkulte, eine letzte Hoffnung auf. Doch was steckt hinter dem eigentümlichen Diener Remus (Samuel Schwarzmann)? Und kann Mina ihren verlorenen Verlobten rechtzeitig wiederfinden?
Ursula Leitner und Nikolaus Stich gelingt im Erlebniskeller eine ebenso atmosphärisch dichte wie logistisch beeindruckende Inszenierung. Als Stationentheater konzipiert, führt die Produktion das Publikum durch die verwinkelten Gänge des historischen Kellers – ein Raum, der nicht nur Kulisse, sondern gleichsam Mitspieler wird. Rhythmus und Raum greifen in der Regiearbeit nahtlos ineinander und erzeugen einen Erzählfluss, der stets neue Spannungsebenen eröffnet. Die punktgenaue Präsenz der Darsteller:innen an den einzelnen Spielorten, der reibungslose Übergang zwischen den Szenen und die eleganten Wegeführungen für das Publikum sind präzise aufeinander abgestimmt. Trotz der wechselnden Schauplätze bleibt die Handlung jederzeit klar strukturiert und dramaturgisch schlüssig. Besonders bemerkenswert ist die fein abgestimmte Personenführung, mit der Begegnungen, Bewegungen und Blickachsen selbst in engen Gängen sorgfältig gestaltet werden.

Musikalisch unterlegt ist das Geschehen mit Songs wie „A Little Party Never Killed Nobody“ (Fergie), „Ein Tag wie Gold“ (Meret Becker) oder „Footloose“ (Kenny Loggins), zu denen die Darsteller:innen in Choreografien von Nikolaus Stich die rauschhafte Energie der Zwanziger Jahre zum Leben erwecken.
Ein wesentliches Element der Gesamtwirkung ist die Ausstattung von Petra Teufelsbauer. Mit Gespür für Zeitkolorit und großer Liebe zum Detail entwirft sie eine Bildsprache, die den Glanz und die Exzentrik der 1920er Jahre authentisch aufgreift – von glamourösen Charlestonkleidern bis hin zu funkelnden Stirnbändern, Perlenketten und kunstvollen Pailletten. Jeder Look trägt zur Atmosphäre bei und erzählt dabei ganz eigene Geschichten einer rauschenden Epoche.
Auch Valentin Werner (Dramaturgie & Produktionsleitung), Martin Kerschbaum und Patrick Widhofner-Schmidt (Licht- und Tondesign) sowie Michelle Hofbauer, Daniela Novelli und Hannelore Uhrmacher (Maskenbild) tragen mit ihrer professionellen Arbeit entscheidend zur Qualität dieser Produktion bei.
Das Herzstück bleibt jedoch das Ensemble – geschlossen, überzeugend in der darstellerischen Umsetzung und präzise aufeinander abgestimmt. Anja Hrauda beeindruckt in der Titelrolle mit einer faszinierenden Mischung aus Eleganz, Ironie und dunkler Ausstrahlung. Ihr androgyn angelegter Dracula changiert zwischen dekadentem Charme und unterschwelliger Gefährlichkeit. Besonders eindrucksvoll sind die Momente, in denen aus dem charmanten Gastgeber plötzlich ein bedrohlich tief grollender Schatten wird: humorvoll, irritierend und zugleich beunruhigend nah. Hrauda spielt mit der Erwartung des Publikums – und überrascht mit jeder Szene aufs Neue.

Julia Handle überzeugt in der Rolle der Mina Müllner mit einer wunderbar unterhaltsamen und fein nuancierten Darstellung. Ihre Figur verbindet Schlagfertigkeit mit einer natürlichen Autorität, die gleichermaßen amüsiert wie beeindruckt. Mal energisch, mal augenzwinkernd bestimmt sie das Geschehen – stets mit klarem Blick und einer Portion trockenen Humors. Ein Besuch bei ihrer Freundin Lucy führt sie mitten ins Herz der dunklen Gesellschaft rund um Graf Dracula – und Julia Handle gestaltet diesen Weg mit spürbarer Wandlungsfähigkeit, feinem Gespür für Rhythmus und einer Ausstrahlung, die dem Publikum kaum entgeht.
Sophie Benedikte Stocker brilliert als exzentrische Okkultismus-Expertin Agatha van Helsing – eine Figur, die sie mit herrlich schrägem Humor, kraftvoller Energie und feinem Gespür für das Absurde zum Leben erweckt. Zwischen zerstreuter Gelehrtheit und entschlossener Vampirjägerin balanciert sie mit Leichtigkeit, stets bereit, dem Publikum nicht nur Knoblauch und Holzkreuze zu reichen, sondern auch ein herzliches Lachen zu entlocken. Trotz aller verschrobenen Eigenheiten verleiht Stocker ihrer Figur eine innere Klarheit und Zielstrebigkeit, die sie zur treibenden Kraft im Kampf gegen das Dunkle werden lässt. Ihre Darstellung ist kraftvoll, lebendig und bleibt nachhaltig im Gedächtnis – nicht zuletzt, weil sie das Publikum charmant in ihre Mission einbindet.
J-D Schwarzmann verleiht dem Tom Horvath eine ambivalente, zwischen Komik und Abgrund changierende Tiefe: Zwischen Erfinderfantasien, latentem Nationalismus und Ehefrust gelingt ihm eine ebenso witzige wie beunruhigende Darstellung – getragen von präziser Sprache, klarer Diktion und spürbarer Bühnenwirkung. Als leicht frustrierter Ehemann mit ausgeprägtem Erfindergeist – sein "Vampyr-Staubsauger" sorgt für Lacher – bringt er das Publikum immer wieder zum Schmunzeln. Zugleich lässt Schwarzmann mit beklemmender Klarheit auch die rechtsnationalen und ausländerfeindlichen Töne seines Charakters durchscheinen, was der Figur eine überraschend düstere Tiefe verleiht. Diese Ambivalenz meistert er mit großer Souveränität.
Dominique Lösch gestaltet Lucy als selbstverliebtes Wiener Partygirl mit bissigem Witz und feiner Wandlungskunst – von rauschender Oberflächlichkeit zur düsteren Verlorenheit. Ihre Lucy ist herrlich überdreht, pointiert und stets mit Charme gespielt. Besonders überzeugend gelingt ihr der Wandel von der lebenslustigen Partygängerin zur scheinbar Erkrankten – hinter dem sich allmählich eine düstere Transformation andeutet. Mit feiner Mimik, starker Wirkung und spürbarer Wandlungsfähigkeit macht sie Lucy zu einer Figur, die unterhält und zugleich fesselt.

Samuel Schwarzmann begeistert in der Rolle des Remus mit einer fein austarierten Darstellung zwischen Komik und innerer Wandlung. Als skurriler, Fliegen jagender Diener sorgt er für zahlreiche Lacher – seine Unterwürfigkeit und grotesken Marotten verleihen der Figur eine fast tragikomische Note. Doch Schwarzmann gelingt es meisterhaft, dieser Figur nach und nach eine berührende Tiefe zu geben: in der Auseinandersetzung mit Agatha van Helsing beginnt Remus, seine Rolle als ausgenutzter, willenloser Helfer zu hinterfragen – und sich allmählich aus dem Schatten seines Herrn zu befreien. Seine Entwicklung hin zum Verbündeten im Kampf gegen das Böse zeichnet Samuel Schwarzmann mit stiller Entschlossenheit und eindrucksvoller Tiefe. Neben seiner differenzierten Spielweise unterstreichen seine klare, präzise Sprache und exzellente Diktion die Qualität seiner Darstellung zusätzlich.
Nikolaus Stich begeistert als „nicht mehr ganz so junger“ Immobilienmakler Jonathan Hutter mit einer fein gezeichneten Wandlung vom geschäftstüchtigen Biedermann zum gebrochenen Gefolgsmann des Grafen. Zu Beginn spielt er den pflichtbewussten, leicht altmodischen Wiener Makler mit kindlicher Neugier und wachsendem Staunen – bis er sich zusehends in der dekadenten Welt Draculas verliert. Mit viel Gespür für Zwischentöne und inneren Konflikt zeigt Stich, wie Jonathan Schritt für Schritt seine moralischen Werte und schließlich beinahe sich selbst aufgibt. Die Abhängigkeit vom Grafen wirkt mal komisch, mal erschreckend – bis Mina zum Wendepunkt wird.
Auch die Komparsinnen Michelle Hofbauer und Laura Klausgraber tragen mit Ausdruckskraft und tänzerischer Eleganz zur Atmosphäre bei. Als Partygäste agieren sie mit Hingabe und einem feinen Gespür für Wirkung – niemals nur Statisterie, sondern lebendige Elemente dieser verführerischen Schattenwelt.

Ein stilles, aber nicht minder wichtiges Lob verdienen Claudia Schirrer, Robert Schirrer und Klaus Wiklicky-Leitner, die – als Kellner:innen getarnt – das Publikum umsichtig, dezent und mit großer Sorgfalt von Spielort zu Spielort begleiten. Sie sorgen für Orientierung, Sicht und Struktur in einem Spiel, das viele Richtungen kennt.
Was Ursula Leitner, Nikolaus Stich und Valentin Werner mit ihrem vielschichtigen Buch geschaffen haben, entfaltet unter der präzisen und kraftvollen Regie von Leitner und Stich seine volle Wirkung – getragen von einem Ensemble, das nicht nur harmonisch agiert, sondern als geschlossenes Kollektiv eindrucksvoll überzeugt. Dass sämtliche Vorstellungen 2025 bereits über eine Woche vor der Premiere restlos ausverkauft sind, unterstreicht nicht nur die Begeisterung des Publikums, sondern auch das Renommee, das sich die handikapped unicorns Niederösterreich als freies Theaterkollektiv in der Kulturlandschaft des Landes und weit darüber hinaus erarbeitet haben.