Oldenburg, Staatstheater Oldenburg, THE TURN OF THE SCREW - Benjamin Britten, IOCO

Oldenburg, Staatstheater Oldenburg, THE TURN OF THE SCREW - Benjamin Britten, IOCO
Staatstheater Oldenburg, Foto: Stephan Walzl

Das mystische Landhaus zu Bly


Bericht zur Oldenburger Inszenierung von Benjamin Brittens „The Turn of the Screw“
von Thomas Honickel

Fazit I
Ein äußerst schwieriges Werk als kammermusikalisches Juwel, mit Alleinstellungsmerkmal im 20. Jahrhundert, bringt Georg Heckel als regieführender Intendant in seinem Oldenburger Regiedebüt äußerst gelungen auf die Bühne. Im Verein mit Bühnenbild und Lichtregie gelingt ein nachdrückliches Seelengemälde, das über die Schmerzgrenze an der Schraube zieht, die ja im Titel beschworen wird.
Verständlich, dass nach beiden Aktschlüssen zunächst ratlos-bestürzte Stille herrschte, die sich anschließend in mehr als wohlwollendem Applaus entlud. Hier die Details unserer Analyse aus der vierten Vorstellung:

Regie, Bühne, Kostüme und Beleuchtung
Anders als in der Ära Firmbach engagiert sich Georg Heckel auch als inszenierender Intendant. Aus seiner Detmolder Zeit (2022) brachte er auf diese Weise eine Erfolgsinszenierung mit in den Norden, von denen sich die Oldenburger nun mitnehmen lassen konnten.
Dominierend ist eine ausgeklügelte Lichtregie (Carsten Lenauer), die als handlungstreibendes oder retardierendes Element zentraler Bestandteil ist. Die wenigen stilisierend eingesetzten Bühnenelemente sind eher strukturierend und weniger atmosphärisch bedeutsam. Zentral sind drei große, massive rechteckige Kuben, von denen nur die äußeren Wände erhalten sind. In den so entstehenden Innenräumen können Spielorte imaginiert werden, wie sie die Geschichte vorgibt. Sie lassen sich aber auch kippen, sodass tiefe grubenähnliche Räume sich erschließen. Je nach Szene lassen sich einzelne der drei „Räume im Raum“ mit Tüchern verschließen, um den Fokus auf die jeweils geöffneten Kuben zu legen.

The Turn of the Screw, Foto: Stephan Walzl


Ein Kunstgriff, der von den beiden Ausstattern Timo Dentler und Okarina Peter mit schlichter aber funktionstüchtiger Handschrift weise kreiert und organisiert wurde. Die zu immer neuen Szenen individuell arrangierten Kuben lassen so einen kleinen Kosmos an Bühnenwirklichkeit entstehen, immer neue Arrangements, die in den vergleichsweise kurzen orchestralen Intermezzi gekonnt neu drapiert werden; geräuschlos und wie von Zauberhand.
Dentler und Peter konzipierten auch die Kostüme der sechs Akteure, die allesamt das Werk historisierend verorten. Es herrschen weiße, graue, braune und schwarze Töne vor. Bei den phantastischen Gestalten Miss Jessel und Mr. Quint gibt es Ausnahmen, welche die Vorstellungskraft im Publikum befördern und diese beiden Gestalten ziemlich klar ins Reich der Geister schieben. Gerade bei den Gaze-Röcken mit schwarzer Weste von Miss Jessel meint man, Lady Madeleine Usher sei dem Grab entstiegen.
Der mit Bowler, Weste und üppigem Bauch ausgestattete Mr. Quint wirkt wie eine Mischung aus Dorfkneipenwirt, Billardspieler und bedrohlichem Möchtegern. Beide Kinder sind mit Knickerbockern und Kappe (Miles) sowie englischer Schultracht und Zöpfen (Flora) als Kinder der Zeit ausgestattet. Die ältliche Haushälterin Mrs. Grose in hoch geschlossener Kluft wirkt ebenso wenig weiblich wie die Gouvernante in ihrem nahezu uniformen Outfit mit knielangem Rock, langärmliger Bluse, Weste und Krawatte. Bloß kein Fleisch sehen lassen!
Sie könnte, was sie ja tatsächlich partiell ist, auch als Lehrerin durchgehen. Und überall im weiten Hintergrund Nebel, der das Ganze als kaum real in einer imaginären Landschaft verortet. Bly könnte auch ein verstaubtes, heruntergekommenes Anwesen eines ehemaligen Provinzfürsten in der Wesermarsch sein.

Georg Heckel führt seine sechs Sängerakteure behutsam und unaufdringlich durch die Geschichte. Er lässt Raum für Fragen und gibt keine Antworten; so wie es James/Britten ebenfalls nicht tun. Keinesfalls inszeniert er gegen die Musik an; wie gut!
Dem oben beschriebenen Kammerspiel begegnet der Regisseur mit einer Bühne, die andeutet und viel Raum für eigene Phantasie lässt. Er lässt die Szene bisweilen in gut gesetzten Pausen verharren. Eine Arbeit, die atmet.
Schon im Prolog, den Quint leicht verstärkt aus dem Off singt, gewinnt man den Eindruck einer Moritat, durch die wir geführt werden, um uns den Kopf zu zermartern. Schon hier deutet sich im Berichteten eine kaum zu überhörende Hörigkeit der Gouvernante gegenüber dem Vormund aus London an. „Er, der Herrlichste von allen…
Das verstärkt sich in der ersten Szene im Vorfeld der Ankunft in Bly, wo uns die Protagonistin mit ihren Ahnungen, Ängsten, Sorgen, Hoffnungen und Vorfreuden vertraut macht. Was wohl hinter den Nebeln verborgen sein mag? Unwillkürlich denkt man an den (ebenfalls namenlosen) Freund von Roderick und Madeleine Usher, den bei seiner Ankunft dumpfe Ahnungen beschleichen, die mit dem Untergang des Adelshauses im See dem morbiden Treiben dort ein Ende setzen.

The Turn of the Screw, Foto: Stephan Walzl


Der anfänglichen Heiterkeit bei der Ankunft inklusive Vertrautheiten zwischen den Erwachsenen und beginnende Annäherungen zwischen Gouvernante und Kindern traut Heckel von Anfang an nicht wirklich. Es bleibt alles in allem düster und wenig einladend, auf keinen Fall kindgemäß. Ein Ball, eine Puppe, sonst nichts, was an eine liebevoll begleitete Kindheit denken ließe. Erstmals fällt noch mehr Schatten auf die Szene, als Miles wegen ungebührlichen Verhaltens von der Schule fliegt und die Trübsinnigkeiten seiner Seele sich mit einem markanten „Q“ auf der frischen Wäsche von Mrs. Grose wiederfinden.
Dazu erlebt die Gouvernante zahlreiche Wiedergänger eines Mannes mit Bowler, Weste und selbstbewusster Geste, die ihr aus Logentüren in den Rängen entgegenblicken. Ein Kunstgriff ohne großes inszenatorisches Tam-Tam, der prägend bleibt auch für das spätere Erscheinen von Miss Jessel. Diese ersten Schlaglichter auf Quint beunruhigen die Gouvernante zutiefst. Mrs. Grose klärt auf; mit großer Geste, großem Lamento, Gott anrufend und alles in allem die unsäglichen Phantasmagorien der jungen Gouvernante aufs heftigste befördernd.


In den Szenen mit den Kindern spürt man das professionelle Gefälle zwischen der arrivierten Neima Fischer (Flora) und dem eher unbeholfen agierenden Leo Bültmann (Miles). Sie trägt den wenig bühnenaffinen Jungen brav bis zu ihrem finalen Abgang kurz vor Ende der Oper gewissenhaft-kollegial durch das Werk. Im Kopf bleiben hier vor allem das trostlos-bizarre Spiel mit verunglücktem, todesähnlichen „Lullaby“ am See bei Flora und das erste innig-melancholische „Malo“ von Miles.
Es erstaunt, mit welch ruhiger Hand der Regisseur die Räume während der Intermezzi immer aufs Neue gestaltet: Das an ein Gefängnis gemahnende Kinderzimmer bei Nacht, die Unterrichtsstunden, große Wäsche bei Mrs. Grose, das gruselig daherkommende Finale des 1. Aktes, wo die bislang subkutane Verführung erstmals offensichtlich wird: „Ich bin nicht schlecht, oder?

The Turn of the Screw, Foto: Stephan Walzl


Die ohnedies dunkle Szenerie, die kein einziges Mal während der über zwei Stunden milde, lichte Töne zulässt, wird durch die von James/Britten vorgegebenen Nachtstimmungen nochmals verdüstert; dann lässt Heckel die atmosphärische Beleuchtung noch durch Kerzen zusätzlich bedrohlich unterstreichen. So bei der Schlafzimmerszene im 1. Akt-Finale oder bei der Kirchenszene, wo Jessel und Quint wahlweise als Ministranten oder Komparsen des Bösen die Prozession des Schreckens flankieren. Hier hört man das Geläut schon als Antizipation der Totenglocken. Starke Bilder, starke Momente, die sich einprägen!
Die Frage, ob die Gouvernante Tatsachen erblickt, die allen übrigen (hier Mrs. Grose) verborgen bleiben, beschäftigt diese (und das Publikum) bis zum Schluss. Sie selbst stellt sich diese Frage „…oder bin ich verrückt?“ Immer stärker wird sie zu einer modernen „Lucia di Lammermoor“, die dem Wahnsinn anheimfällt.


Heckel lässt die Spannung im zweiten Akt nicht mehr los. Die schiefe Ebene, auf der die pädagogische Hilfskraft agiert, neigt sich mehr und mehr dem grauenvollen Ende zu. Vor allem, als nun auch die beiden (realen oder eingebildeten) Geister der Vergangenheit in greifbarer Nähe sind. Interessant übrigens, dass es keinen einzigen Körperkontakt zwischen ihr und Jessel/Quint gibt (das auch hat die Oper in Corona-Zeiten so geeignet gemacht).


Zu den Höhepunkten des 2. Aktes gehört das „Duett“ zwischen Governante und Miss Jessel, zwei über die Zeiten im gleichen Schicksal scheinbar vereinte Frauen, die sich ein einziges Mal Auge in Auge gegenüberstehen und ihr Schicksal beschwörend besingen. Wer da nicht weich wird….
Die fast zombiehafte Gestalt der Jessel mit ihrem trauervoll konnotierten „Alas!“ und einem im Nebel verglühenden Seufzer, der auch aus den tiefen Grüften ihrer letzten Ruhestätte entwichen sein könnte, berührt enorm.
Während der an die Wand geschriebenen Zeilen an den Vormund erklingt kurz die liebenswürdigste Musik des Abends zu den Worten „Sir, dear Sir…“, womit Britten wohl die Unterwürfigkeit der Angestellten und ihr gleichzeitig devot-verehrender Blick auf den verantwortungslosen Vormund unterstreichen möchte. Ein Brief, der es in sich haben könnte, wird von der Gouvernante an die Bühnenwand geschrieben; ein Brief, der die Kinder in Sicherheit brächte. Befeuert von Quint, der aus der Höhe (oder im Unterbewussten?) befiehlt, dass Miles das Geschriebene vernichten soll, führt dazu, dass dieser geschriebene Hilferuf nie seinen Adressaten erreicht.
Die Kürze der einzelnen Szenen (16 an der Zahl in knapp zwei Stunden) erfordert ein optimales Zeitmanagement und ein zielgenaues, zügiges Spiel, das dem Regisseur und seinen Bühnenpartnern ein ums andere Mal gelingt.
Tempo ohne Hektik, fließendes Ineinandergreifen der szenischen Zahnräder (oder der Schraube ins Gewinde, um im Bild zu bleiben), überraschende Wendungen und Spielorte zeichnen diese Inszenierung aus. Das betrifft vor allem die Führung, Positionierung und Darstellung des Mr. Quint.
Während dieser uns zu Beginn noch als väterlicher Freund begegnete, etwa in den Rückblenden, wird er, vor allem wenn seine Dämonie, seine Bösartig- und Gewalttätigkeit zunehmend präsenter wird, zu einem der handlungsmächtigsten Elemente des Spiels. Seine (mit Hall verstärkten) „Miles“-Koloraturen bleiben ebenso im Gedächtnis wie die Briefszene aus der Höhe gesungen mit seinem fordernden „Take it!“ Sein phantomhaftes Erscheinen ist stets mit enormem Grusel unterstrichen und weckt in uns unbestimmte Gefühle des Unwohlseins. Am Ende verdichten sich die bedrohlichen Ahnungen der Pädophilie und des Missbrauchs, vor allem in der Schlussszene, wenn Quint den Jungen zu sich zieht, so wie ein Marionettenspieler seine Puppe bedient.

The Turn of the Screw, Foto: Stephan Walzl


Heckel führt alle diese Szenen zielstrebig und mit einer erkennbaren Lust am heraufdämmernden Abgrund ins Finale, wo zum „feierlichen“ Kondukt im Stile einer Ciacona (Britten hat zahlreiche Werke von Purcell ediert) das Schicksal sein hochdramatisches Ende nimmt. Aus der Grabeshöhle hört man Quint beschwörend säuseln: „Verrat uns nicht!“ Die Gouvernante redet parallel auf den völlig aufgelösten Miles ein: „Sag mir, wer dich angestiftet hat, den Brief zu vernichten!“ Aus der „Gruft“ erscheint Quint, die Gouvernante schüttelt den zarten Jungen, bis dieser endgültig in den Fängen des Geistes mit den Worten zusammenbricht: „Peter Quint! Du Teufel!
Heckel lässt auch hier offen, wer der tatsächliche Teufel ist. Und – siehe unten – das bleibt auch im Auditorium ein widersprüchlich zu diskutierendes Open End.


Nach ihrem zunächst uneinsichtigen „I saved you…“ kollabiert die Gouvernante über dem Leichnam des Jungen und die Oper endet mit ihrem tränenerstickten „Malo“, welches sie wie in Trance unablässig wiederholt. „Malo, Malo….Ich bin nicht böse, oder?

Sängerensemble & Orchester
In Oldenburg entscheidet man sich angesichts der exklusiven Partien und der speziellen Besetzungen (Kinder) hauptsächlich für Gäste. Einzige Ausnahme ist die Besetzung des Quint.
Eine solche Fokussierung auf eine illustre Gästeschar, von denen einige bestens mit der Musik des 20. Jahrhunderts vertraut sind, ist – auch angesichts der vorangegangenen „Vögel“ von Braunfels und den noch anstehenden Premieren mit Offenbach und Janaczek - verständlich. Unter den sängerisch ambitionierten Partien ist gewiss die der Gouvernante die kapriziöseste.

Melanie Boisvert lebt die Rolle der Namenlosen, die sich als Gouvernante mit Ambitionen verdingt, vollständig. Sie weiß mit ihrem klar und sicher geführten Sopran alle Facetten der Partie blendend auszufüllen: Die Heiterkeit mit plötzlichen tiefen Gräben, die Bitterkeit, den subalternen Devotismus, die von Schauer und Ahnung erfüllte Angst, die gewalttätige Bedrängung des Knaben und ihre tiefste Verzweiflung über das Angerichtete. Immer ist sie auf der Höhe des Geschehens, immer mit vollem Körper- und Stimmeinsatz. Offensichtlich konnte sie selbst im Schlussapplaus nicht von der Rolle lassen.

Ihr zur Seite eine Mrs. Grose (Monika Walerowicz), die an stimmlicher Übermacht eine resolute Haushälterin gibt, der man die liebevolle Zugewandtheit ebenso abnimmt wie den Wunsch danach, mit der Gouvernante eine Freundin gewinnen zu können. Sie agiert szenisch als Scharnier zwischen den Kindern und der pädagogischen Kraft; die Geister bleiben ihr optisch verschlossen; auch wenn sie den Klagegesang auf die Vergangenheit eindrücklich zu formulieren weiß. Bisweilen neigt ihr Sopran in der Höhe zum Metallischen, was nicht allen Passagen gleichermaßen zupasskommt.
Ein Erlebnis ist die stimmliche und darstellerische Leistung von Johannes Leander Maas als Quint. Hier ist er optimal besetzt, weiß sich mit enorm vielen Schattierungen in Spiel und stimmlicher Präsenz darzustellen. Das Dämonische, das Schreckliche, das Mysteriöse ist bei ihm in ebenso guten Händen wie das Bösartige und Gewalttätige. Dieser von ihm dargestellten Rolle möchte man auch bei Tag nicht begegnen. Stimmlich hervorragend und deutlich in der Diktion des Englischen sein Prolog, der frei gesungen und gestaltet ins Geschehen einführt. Seine „Miles“-Rufe, stets aus dem Off erklingend, lassen die Gänsehaut sprießen und seine diabolischen Dialoge mit Miles in diversen Szenen sind neben stimmlicher Noblesse von Heimtücke und Lasterhaftigkeit durchwoben. Bravo!

Die Miss Jessel von Adréana Kraschewski hat bei Britten keinen weiten Raum zur Darstellung. Aber ihre Erscheinung, auch wortlos als geisterhaftes Wesen, die wie aus dem Grab entstiegen wirkt, ist von großer Bühnenpräsenz. Stimmlich kann auch sie das Dämonisch-Fahle heraufbeschwören. Gleichzeitig bietet sie aber auch einen Ort des Mitleids für den Berufsstand der Gouvernante. Am deutlichsten wird das im Duett mit der Gouvernante bei Nacht, wo man meint, den Klagegesang einer Einzigen aus zwei Kehlen zu vernehmen. Ein Ereignis!

Die Flora von Neima Fischer ist von mädchenhaftem Charme und stimmlich großer Natürlichkeit. Sie gibt der Rolle, als einziger Figur der Oper, ein wenig von Hoffnung und Aufbruch in eine weniger belastete Zukunft. Sie weiß sich auch aus der Distanz des Bühnenraumes trefflich durchzusetzen. Als große Schwester von Miles übernimmt sie auch Führungsaufgaben, welche die Regie ihr zugesteht und die nötig sind, um den zarten Miles durchs Geschehen zu führen.

The Turn of the Screw, Foto: Stephan Walzl

Leider, leider ist die Besetzung des Miles mit einem an diesem Abend offensichtlich indisponierten Leo Bültmann nicht optimal gewählt. Zwei Mitglieder des Knabenchores Gütersloh sind disponiert für dieses riskant-anspruchsvolle Werk. Der knapp 12jährige Sopranist schlägt sich tapfer, aber leider nicht mehr. Sein stimmliches Vermögen an diesem Abend ist erkennbar eingeschränkt. Tiefe wie Höhe werden nicht genügend gestützt, was in der Folge intonatorische Defizite offenbart. Im Verbund mit Flora kann man dieses Manko noch akzeptieren, im Solistischen ist er häufig der Partie nicht gewachsen. Und auch im Spiel ist dieser Miles merklich verhalten, fast linkisch und unbeholfen. Man hat bisweilen den Eindruck, dass er der Bühne nichts abgewinnen kann. Angenehm im Gedächtnis bleibt sein „Malo“-Lied aus dem 1. Akt und die gestalterisch plötzlich zur Hochform auflaufende Schluss- und Sterbeszene. Da war allerdings schon manches musikalische Juwel perdu.
Da nach unseren Recherchen auch das Backup erkrankt war, wäre vielleicht für solche zentralen Rollen auch ein Pool an jungen Sängern vonnöten, um die Güte einer so ambitionierten Inszenierung zu sichern. Und es sei die Frage erlaubt, warum man fast 200 km ins benachbarte Bundesland gehen muss, um diese Rolle zu besetzen. Der Knabenchor Göttingen und vor allem der international agierende Knabenchor Hannover hätten möglicherweise adäquate Stimmen gehabt.

Das Oldenburgische Staatsorchester spielt unter seinem GMD Hendrik Vestmann mit 13 Solistinnen und Solisten aus den eigenen Reihen seinen Britten wie aus einem Guss: Luzide, farbig, punktgenau und mit größter Verve. Natürlich ist die Motivation bei diesem Werk in dieser Besetzung besonders hoch; hat man doch 15 eigenständige Variationen als Intermezzi beizusteuern, die den Fokus ganz in den Graben lenken.
Das nutzen alle instrumentalen Kräfte dort beseelt und mit mannigfaltigen Klangfarben, vor allem bei den Streichern. Aber auch bei den fünf Bläsern gibt es – nicht zuletzt durch doppelte Instrumentenvarianten – ein beredtes Spiel mit flammenden, teils exzellenten Einzelleistungen. Die beiden Schlagwerker grundieren das Geschehen und würzen Rezitativisches wie Kumulierendes mit reichhaltigen perkussiven Reizen (Pauken.Ostinati, Glockenspiel). Harfe und Klavier/Celesta vertreten gekonnt und mit dynamisch gut ausgehörten Passagen den Bereich der Harmonieinstrumente.
Stellvertretend für eine makellose und gleichermaßen inspirierte Ensembleleistung mit Solistischem möge die Ouverture zum 2. Akt erwähnt sein. Hier mäandern die Stimmungen und Instrumentenkombinationen aufs farbigste hin und her. Traum oder Realität?
Man möchte keine der genannten Positionen hervorheben: Das Ensemble ist der Star. Indes eine Szene lässt in Besonderheit aufhorchen: In der Klavierszene von Miles spielt Anorthe Eckert eine virtuos gestaltete „À la Turca-Mozart-Parodie“.
Hendrik Vestmanns letzte Premiere am Haus, bevor er nach einer Dekade in der Huntestadt scheidet, lässt ihn als Klangmagier für diese psychologisierende Musik im besten Licht erscheinen. Er ist ein sorgsamer und einfühlsamer Sachwalter der Partitur.

Fazit II


Georg Heckel steht ein Sängerensemble zur Seite, das sich dem Enigmatischen der Geschichte verschreibt und uns alle mit auf eine spannende Traumreise nimmt. Hier werden Bilder von großer Sogkraft präsentiert, die sich einmeißeln in eine anhaltende Erinnerung.
Aus dem Graben ertönt ein vollmundiges und punktgenau agierendes Ensemble von 13 Solisten, die uns beseelt und klangvoll entführen in Welten, die uns selbst befragen und dabei viele Fragen offenlassen.
Kein mehrheitsfähiges, leicht zu konsumierendes Vergnügen, sondern schwere Kost mit dem Anspruch, ein mitdenkendes und mitfühlendes Publikum zu bedienen. Das Gewinde der Schraube ist hin, als sich der Vorhang senkt. Wie stark wir selbst an Schrauben in uns drehen oder drehen lassen, sollte tunlichst jeder sich nach dieser Oper fragen.
Mutig von der Theaterleitung, nach der üppigen Rarität von Braunfels´Die Vögel“ nun erneut mit einem neutönenden Exoten wie BrittensTurn of the screw“ den Spielplan zu füllen. Chapeau!

Bedauerlich bleibt ein überschaubarer Besuch, welcher der Inszenierung und den Leistungen auf der Bühne und im Graben nicht ansatzweise gerecht wird. Vielleicht hätte man einen griffigeren Operntitel wählen sollen (da gibt es Alternativen). Jedenfalls bleibt unsere Empfehlung:
Dringlichst Oldenburg besuchen, um eine Rarität mit Gänsehautgewissheit zu erleben!

P.S.
Man erlaube mir ausnahmsweise ein sehr persönliches Wort am Ende:
Auf der Heimfahrt haben meine Frau und ich genau das durchexerziert, was James/Britten/Heckel uns da zugemutet haben. Wir haben äußerst kontrovers, jeder für sich mit schlagkräftigen Argumenten, die beiden divergierenden Deutungsaspekte feurig vertreten. Meine Frau war überzeugt, dass alles Geisterhafte auf der Bühne tatsächlich gewesen sei; ich übernahm den advocatus diaboli und markierte die Position, dass alles nur der kranken Phantasie der Gouvernante entsprang, dem Umfeld des mystischen Landhauses zu Bly und ihrer devoten Disposition geschuldet sei.
Die Schraube drehte sich bei uns noch einige Zeit…
Lieber Herr Heckel: Auftrag erfüllt!

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