Berlin, Staatsoper unter den Linden, V. ABONNEMENTKONZERT, IOCO
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24. Februar 2025
Bedingt durch eine Erkrankung des für das Konzert vorgesehenen Dirigenten Paavo Järvi übernimmt Christian Thielemann, seit 2024 GMD der Berliner Staatsoper Unter den Linden, dankenswerterweise die Leitung des Abends, allerdings verbunden mit einer grundlegenden Programmänderung – aus Sibelius, Korngold und Nielsen wird Mendelssohn. Wer nun enttäuscht geglaubt hatte, das sei eine routinierte Verlegenheitslösung mit allseits bekannten Stücken, wird schnell eines Besseren belehrt. Christian Thielemann und die Solistin Maria Dueñas ließen den Abend zu einem Ereignis werden, denn weder Frau Dueñas noch Herr Thielemann kennen Routine.
Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847), geboren in Hamburg als Sohn eines Bankiers und Enkel des Philosophen Moses Mendelssohn, flieht mit der Familie vor den Repressalien durch französische Besatzungstruppen nach Berlin. Felix und seine Schwester Fanny erhalten hier die bestmögliche humanistische und musikalische Ausbildung. Carl Friedrich Zelter, Leiter der Berliner Singakademie und Freund Goethes, unterrichtet die Geschwister im Fach Komposition. Zwischen 1821 und 1823 komponiert Mendelssohn zwölf Streichersinfonien – sie werden im großräumigen Gartenhaus des elterlichen Palais in der Leipziger Straße in den Sonntagsmusiken aufgeführt. Schon jetzt ist seine große und vielfältige Begabung deutlich: er komponiert nicht nur, sondern dirigiert auch und glänzt als Pianist. Mit der Ouvertüre zum Sommernachtstraum gelingt dem 17-jährigen ein wahrer Geniestreich. Mendelssohn ist es zu verdanken, dass die Matthäus-Passion, lange nach dem Tod ihres Schöpfers, Johann Sebastian Bach, mit der Singakademie unter Leitung des damals 20-jährigen, wieder aufgeführt wird. Bildungsreisen führen ihn nach England, Italien und Frankreich. 1835 wird er Kapellmeister des Gewandhausorchesters in Leipzig, fortan seiner musikalischen Heimat. Er führt das Orchester an die europäische Spitze, gründet als erstes seiner Art in Deutschland ein Konservatorium, holt zahlreiche namhafte Gäste für die Konzerte in die Stadt und setzt sich nachhaltig für die Förderung junger aufstrebender Künstler ein. Von größter historischer Bedeutung ist die von seinem Freund Robert Schumann angeregte Uraufführung der Großen C-Dur-Sinfonie von Franz Schubert 1839. Mehrere Versuche des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm IV., Mendelssohn fest an Berlin zu binden, schlägt dieser aus.
Zu Lebzeiten erfährt er auf allen Gebieten höchste Anerkennung: als Komponist und Dirigent, als Orgelvirtuose und Pianist. Doch schon im 19. Jahrhundert berichtet der einflussreiche Musikkritiker Eduard Hanslick von Wagnerianern und Antisemiten, die in „Hass“ und „Überhebung“ ihr „trauriges Geschäft“ betreiben. Im nationalsozialistischen Deutschland wird die Aufführung der Musik Mendelssohns als entartet verboten und seine Person verunglimpft! Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass es einige Jahre nach dem Ende des II. Weltkriegs dauert, bis dem Komponisten auch in Deutschland die ihm gebührende Rehabilitation von Musikern und Publikum zuteil wird.
Die Hebriden (Die Fingalshöhle) h-Moll op.26 gehört in eine Reihe von Konzert-Ouvertüren, die in Mendelssohns Schaffen einen wichtigen Platz einnehmen, sind sie doch eine Art knapp gefasster sinfonischer Dichtungen. Anlässlich seiner ersten Reise 1829 nach England - er absolviert in London eine überaus erfolgreiche Saison als Dirigent und Pianist - unternimmt er mit seinem Freund Karl Klingemann eine Wanderung durch Schottland und besucht per Dampfschiff bei stürmischer See die zur Inselgruppe der Hebriden gehörende unbewohnte Insel Staffa mit der sagenumwobenen Fingalshöhle, die umgeben ist von riesigen Basaltsäulen. „…wir wurden in Booten ausgesetzt und kletterten an zischenden Pfeilern, dem Innern einer ungeheuren Orgel zu vergleichen, schwarz, schallend und ganz, ganz zwecklos für sich daliegend – das weite graue Meer darin und davor“ schreibt Mendelssohn in einem Brief an seine Eltern, tief beeindruckt von dem Naturschauspiel, um sogleich die ersten einundzwanzig Takte, das später etwas abgewandelte Wellenmotiv seiner Ouvertüre, zu notieren. Mendelssohn vollendet die Komposition 1830 in Rom, unterzieht sie später noch einer Revision und dirigiert die Uraufführung im März 1832 in einem Konzert der London Philharmonic Society. Selbst Richard Wagner kommt nicht umhin, die Ouvertüre als „Meisterstück“ anzuerkennen. Natürlich wird ihn die seiner „Fliegenden Holländer“- Ouvertüre ähnelnden Passage sehr erfreut haben. Geschrieben in Sonatenform, vollendet instrumentiert, gelingt Mendelssohn eine einzigartige. atmosphärische Wirkung, eine grandiose Darstellung des Meeres.
Konzert für Violine und Orchester e-Moll op.64
Nach seinem Violinkonzert d-Moll, das Felix Mendelssohn dreizehnjährig komponiert, beschäftigt er sich mehr als zwanzig Jahre mit der Konzeption für das Konzert in e-Moll. Im Kreis von Familie und Freunden notiert er im sommerlichen Bad Soden 1844 eine erste Niederschrift. Das Werk widmet er Ferdinand David, einem Geigenvirtuosen von Weltgeltung, der als Konzertmeister des Leipziger Gewandhausorchesters und Leiter der Violinklasse des von Mendelssohn gegründeten Konservatoriums, ihm ein Freund und Vertrauter ist. Bei der Ausarbeitung des Soloparts arbeiten beide eng zusammen, um die Möglichkeiten des Soloinstruments voll auszuschöpfen. Im März 1845 wird das Violinkonzert op.64 mit Ferdinand David als Solisten im Gewandhaus uraufgeführt. Das Konzert zählt heute zu den beliebtesten und für die Solisten dankbarsten Kompositionen der Musikliteratur.
Schon im zweiten Takt des ersten Satzes stellt das Soloinstrument das drängende Hauptthema vor. Diesem folgt, der klassischen Sonatenform entsprechend, ein kontrastierendes, nachdenkliches zweites Thema. Eine virtuose Durchführung mit einer Solokadenz und einer Coda beschließen den Satz. Die Holzbläser leiten, ohne Pause, den zweiten Satz ein. Das Andante ist eine groß angelegte, herrliche Gesangsszene. Nur von Streichern begleitet führt die Solovioline in das ausgelassene, heitere Rondo, das die Geister der Sommernachtstraum-Musik aufleuchten lässt.
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Maria Dueñas (geb. 2002) ist heute eine der vielversprechendsten Geigerinnen der jungen Generation. Im Alter von sieben Jahren bekommt sie ihren ersten Musikunterricht am Konservatorium ihrer Heimatstadt Granada, mit elf Jahren ermöglicht ihr ein Stipendium ein Studium in Dresden, das sie dann in Wien bei Prof. Boris Kuschnir fortsetzt. Nach mehreren internationalen Auszeichnungen erringt sie 2021 den ersten Platz beim Yehudi-Menuhin-Wettbewerb und startet damit eine steile, internationale Karriere. 2022 unterschreibt Maria Dueñas einen Exklusivvertrag bei der Deutschen Grammophon. Bereits die erste Veröffentlichung, eine Live-Einspielung des Beethoven-Violinkonzerts mit von ihr geschriebenen Kadenzen, erhält einen OPUS Klassik-Preis. Mit heute zweiundzwanzig Jahren ist sie eine in aller Welt gefragte und gefeierte Künstlerin.
Maria Dueñas zieht das Berliner Publikum mit ihrer Bühnenpräsenz, mit der breiten Skala klanglicher Farbigkeit und dynamischer Schattierung ihres Spiels, mit atemberaubender, risikofreudiger Technik und der Freiheit und künstlerischen Reife ihrer Interpretation in den Bann. In aufmerksamem Dialog reagiert Maria Dueñas, reagieren Dirigent und Orchester aufeinander, auf jede feinste Nuance und sorgen beim Publikum für Begeisterung und enthusiastischen Beifall. Mit einer schlichten, volksliedhaften Zugabe – der „Veslemǿy’s Song“ von Johan Halvorsen - ohne jede virtuose Attitüde, entlässt sie uns tief berührt.
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Sinfonie Nr. 3 a-Moll op.56 („Schottische“)
Mit dieser Sinfonie schließt sich der programmatische Kreis zur Hebriden-Ouvertüre. Auch Mendelssohns „Schottische“ ist geprägt von den Erlebnissen seiner Reise nach England 1829. Mit seinem Freund Karl Klingemann durchwandert er die herbe, unwirtliche Landschaft der schottischen Highlands, besucht in Edinburgh den Holyrood Palace, die einstige Residenz Maria Stuarts, mit seiner düsteren Vergangenheit. Der Ort hinterlässt bei Felix Mendelssohn einen tiefen Eindruck und inspiriert ihn zur Sinfonie op. 56. Er habe heute den Anfang seiner Schottischen Sinfonie gefunden, schreibt er an die Familie in Berlin. Doch erst dreizehn Jahre später, im Januar 1842, vollendet er die Komposition. Obwohl in der heutigen Werkzählung als Dritte geführt, ist sie
eigentlich die letzte seiner Sinfonien. Robert Schumann lobt ihre formale Dichte als „…ein eng verschlungenes Ganzes“.
Eine melancholische, schwermütige Introduktion leitet den ersten Satz ein. Auch Haupt- und Seitenthema und die Durchführung mit ihrer stürmischen Lebhaftigkeit halten an der dunklen Tönung fest. Das folgende, durchsichtig und farbig instrumentierte Scherzo ist beeinflusst von schottischer Folklore und der gebräuchlichen Pentatonik. Das bestimmende, burschikose Klarinettenthema imitiert den volkstümlichen Dudelsack. Der dritte Satz greift in einer großen, nicht enden wollenden Kantilene die Stimmung des Anfangs wieder auf, nur unterbrochen von einem schroffen, rhythmisch akzentuierten Mittelteil. Ohne Pause geht der dritte über in den vierten Satz, ein markantes Hauptthema der Violinen mit scharfen Doppelpunktierungen charakterisiert das von Mendelssohn als kriegerisch bezeichnete, stürmisch befreiende Finale. Mendelssohn legt größten Wert auf die Einheitlichkeit des Werks. So verlangt er, „…mit den stimmungsmordenden Pausen“ aufzuräumen.
Die „Schottische Sinfonie“ wird am 3. März 1842 im Leipziger Gewandhaus unter Mendelssohns Leitung uraufgeführt. Schon im Juni 1842 steht sie unter seiner Leitung in London auf dem Programm. Königin Victoria, Königin des Vereinigten Königreichs, der die Sinfonie gewidmet ist, nimmt diese Widmung mit großem Vergnügen an.
Das Spiel der Berliner Staatskapelle unter ihrem Chef Christian Thielemann ist einfach großartig und schließt mit diesem Konzert nahtlos an die Reihe unvergesslicher Erlebnisse der Ära Barenboim an. Die Rückkehr Thielemanns in seine Heimatstadt Berlin erweist sich einmal mehr als Glücksfall für die Oper und für die Stadt. Gast aller wichtigen Orchester in Europa, Asien, Israel und den USA, ist er den Berliner und Wiener Philharmonikern und der Wiener Staatsoper eng verbunden.
Thielemann und seine Kapelle sorgen für eine faszinierend sensible, spannungsreiche und klangschöne Interpretation, er schöpft den dynamischen Bereich, der immer durchsichtig bleibt, voll aus. Die Freude am Spiel ist spürbar und erkennbar, geradezu synästhetisch. Es gelingen herrlich agogisch ausgekostete Übergänge, genannt sei als Beispiel das Adagio der Schottischen. Hervorheben sollte ich die solistischen Leistungen der Holzbläser.
Riesenbeifall und großes Bravo allen Mitwirkenden! Danke für einen wunderbaren Abend!