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Évian-les-Bains, Eglise Notre Dame, RENCONTRES MUSICALES D’ÉVIAN – Teil I, IOCO Kritik, 07.07.2022

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Peter Michael Peters
07. July 2022
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Église Notre-Dame © Peter Michael Peters
Église Notre-Dame © Peter Michael Peters

RENCONTRES MUSICALES D’ÉVIAN

Heinrich Schütz : Kleine geistliche Konzerte, 1. und 2. Buch  – 28. JUNI 2022
SWV 282-305 / SWV 306-337 (1636 / 1639) Auszüge

Vokal- und Instrumental-Ensemble Les Arts Florissants : Maud Gnidzaz, Sopran, Virginie Thomas, Sopran, Myriam Rignol, Gambe, Etienne Galletier, Theorbe, Paul Agnew, Tenor & Musikalische Leitung

von Peter Michael Peters

  • Zwischen Himmel und Hölle der Krieg…
  • Die alte Redlichkeit vnnd Tugend ist gestorben;
  • Die Kirchen sind verheert, die Starcken vmbgehawn,
  • Die Jungfrawn sind geschänd; vnd wo wir hin nur schawn,
  • Ist Fewr, Pest, Mord vnd Todt hier zwischen Schantz und Korbe.
  • Andreas Gryphius (1616-1664):
  • Trawrklage des verwüsteten Deutschlandes  (1657/ Auszug)

———————-

Heinrich Schütz : Kleine geistliche Konzerte, 1. und 2. Buch  – 28. JUNI 2022  – Évian

 Heinrich Schütz, Gemälde von Christoph Spätner, um 1607 © Wikimedia Commons
Heinrich Schütz, Gemälde  von  Christoph Spätner, um 1607 © Wikimedia Commons

Heinrich Schütz (1585-1672), „Vater der deutschen Musik“, der erste große protestantische Musiker, lebte bis zu seinem 87. Lebensjahr. Sein bewegtes Leben war von zahlreichen Reisen durchzogen: Studienreisen nach Italien, Aufenthalte in Kopenhagen während der Schrecken und Katastrophen des nicht enden wollenden Dreissigjährigen Krieges (1618/1648). Er war Hofkapellmeister am sächsischen Hof und nicht nur Kantor einer Kirche und Schule, wie Johann Sebastian Bach (1685-1750). Sein Werk ist in der Verlängerung der Reformation und im Gefolge des Humanismus der Renaissance angesiedelt, während er bereits der barocken Zivilisation angehört. Schütz komponierte sein ganzes Leben lang mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen. Sein Werk, von dem mehr als ein Drittel verschollen scheint, ist im Wesentlichen religiös: Es basiert auf biblischen Texten und Hymnen in Latein und Deutsch sowie auf Paraphrasen u.a. von Martin Luther (1483-1546). Der erste der „drei S“ der deutschen Musik liegt neben Johann Hermann Schein (1586-1630) und Samuel Scheidt (1587-1654) auf halbem Weg zwischen Tradition und Moderne. Er ist sowohl ein Mensch des 16. Jahrhunderts als auch eine herausragende Persönlichkeit des 17. Jahrhunderts, er wurde zu Recht sui saeculi musicus excellentissimus genannt.

Les Arts Florissants, Paul Agnew : intégrale des madrigaux de Monteverdi
youtube Arts Florissants
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Schütz (Henricus Sagittarius, sein lateinischer Name) wurde am 14. Oktober 1585 in Köstritz bei Gera (zwischen Thüringen und Sachsen) geboren. 1591 zog die Familie nach Weißenfels, wo sein Vater ein Gasthaus mit dem Namen Zum Schützen besaß. Er lernt die ersten Elemente der Musik von dem Kantor Georg Weber (1551-1601) und dem Organisten Heinrich Colander (1557-1610), er wurde sehr schnell Solist im Knabenchor der Stadt. 1598 war der Fürst Moritz von Hessen-Kassel (1592-1627) von seiner schönen Stimme beeindruckt und bot ihm an, seine Ausbildung in Kassel zu gewährleisten. Er belegte Kurse in Musik, Mathematik, Theologie, Griechisch, Latein und Französisch am Collegium Mauritianum. Er war auch Sänger und Instrumentalist und nahm an Hoffesten teil. Er profitiert von einer exzellenten humanistischen Ausbildung. 1608 begann er ein Jurastudium in Marburg. Im folgenden Jahr gewährte ihm sein Beschützer ein Stipendium für einen Aufenthalt in Venedig, wo ihn Giovanni Gabrieli (1557-1612) im Jahre 1609 in vokaler und instrumentaler Kontrapunkt-Technik  unterrichtete. Er wurde von weltlicher Musik und dem Madrigal in Versuchung geführt. Sein Il Primo Libro di Madrigali, Op. 1 erschien 1611, war bereits ein Meisterwerk. 1613 kehrte er nach Weißenfels zurück und nahm wieder sein Jurastudium in Leipzig auf, wo er Schein, Kantor der Saint-Thomas Kirche kennen lernte. Er übernimmt die Stelle des zweiten Organisten in Kassel und ist auch für die Erziehung der Fürstenkinder zuständig. Er reist viel und tritt am Hof des Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen (1585-1656) auf, der ihn 1614 in Dresden als Hofkapellmeister einstellt.

Heinrich Schütz – Ein langes Leben im Dienste der Musik

Mit seinen zweiunddreißig Jahren steht Schütz an der Spitze der bedeutendsten lutherischen Kapelle Deutschlands. Bereits 1619 behauptete er sich mit seinen Die Psalmen Davids, Op. 2, SWV 22-47. 1618 brach der Dreissigjährige Krieg aus! Er heiratet, komponiert 1623 seine Historia der fröhlichen und siegreichen Auferstehung unsers einigen Erlösers und Seligmachers Jesu Christi, Op. 3, SWV 50. 1625 folgt seine Cantiones sacrae, Op. 4, SWV 53-93 und 1627 die Tragikomödie Dafne mit einem Text von Martin Opitz von Boberfeld (1597-1639) nach der Version von Ottavio Rinuccini (1562-1621), die leider in den Kriegsunruhen verloren gegangen ist (nur der Text ist erhalten geblieben). 1628/29 hält er sich zum zweiten Mal in Venedig auf, wo sich die Atmosphäre verändert hat: Die lyrische Tragödie – im Gefolge von Claudio Monteverdi (1567-1643) – steht im Rampenlicht. Dort setzte er seine Musikforschung fort, die in den Symphoniae sacrae, Buch 1, Op. 6, SWV 257-276 (1629) verwirklicht wurden.

Paul Agnew mit Saengern von Les Arts Florissante © Matthieu Joffre
Paul Agnew mit Saengern von Les Arts Florissante © Matthieu Joffre

Musikalische Kinder des Krieges

Die sehr kurzen Musikstücke der Sammlung Kleine geistliche Konzerte sind gewissermaßen Kinder des Krieges, der dreißig Jahre gedauert hat und der Deutschland etwa ein Drittel seiner Bevölkerung genommen hat. Mitten im Konflikt, 1636 waren die Kapellen und Kirchen verlassen, die Musiker fehlten, die materiellen Mittel wurden gestrichen. Dieser beklagenswerte Zustand war jedoch kein Hindernis für den Sagittarius. Geleitet von materiellen Notwendigkeiten und getrieben von einem spirituellen Bedürfnis, passt er sich den unerbittlichen Kriegszuständen an. Seine Not angesichts der Ereignisse und ihrer Implikationen sowie seine Hoffnung auf Gott besingt er deshalb mit reduzierten Mitteln: Wenige Stimmen und nur ein Generalbaß! Das Ergebnis sind zwei Bücher mit kleinen Konzerten, die neben ihren starken Ausdrucks-Qualitäten, auch einen großen lyrischen Wert besitzen. Schütz eröffnet gewissermaßen einen Weg, der uns zur deutschen Kantate führt, jedes Stück kann als isolierte Nummer dieser letzten Gattung betrachtet werden. Die Schreibweise verbindet den von den Italienern inspirierten monodischen Stil, vermischt mit dem deutschen Kontrapunkt. Die beiden 1636 bzw. 1639 veröffentlichten Bücher bilden eine Sammlung von 55 Konzerten.

Konzert am 28. Juni 2022  –  Église Notre-Dame de l‘Assomption

Paul Agnew mit seinen Sängern und Musikern von Les Arts Florissants interpretierten insgesamt 6 Kleine geistliche Konzerte aus dem 1. und 2. Buch:

  • O Herr hilf, SWV 297 (1. Buch)
  • O Misericordissime Jesu, SWV 309 (2. Buch)
  • Eile mich, Gott, zu erretten, SWV 282 (1. Buch)
  • Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, 291  SWV (1. Buch)
  • Bone Jesu, verbum Patris, SWV 313 (2. Buch)
  • Herr, wenn ich nur dich habe, SWV 321 (2. Buch)

Der Musiker stellte bewusst in diesem Konzert italienische Kompositionen gegenüber, um eine künstlerische vergleichende Konfrontation zu erstellen. Außer den genannten Werken von Schütz hörten wir Motetten von Giacomo Carissimi (1605-1674), Girolamo Frescobaldi (1583-1643), Alessandro Grandi (1586-1630), Girolamo Dalla Casa (?-1601), Claudio Monteverdi, Andrea Falconiero (1585/86-1656), Giovanni Rovetta (1596-1668).

Miriam Allen und Mathilde Ortscheidt - Les Arts Florissante © Matthieu Joffre
Miriam Allen und Mathilde Ortscheidt – Les Arts Florissante © Matthieu Joffre

Von großen leeren Räumen ohne Widerhall

Es ist, als trete man beim Hören der Musik von Schütz in ferne Räume ein, als höre man Gesänge von den Rändern her, aus Zonen, die von der Geschichte ins Abseits gedrängt wurden. Als begegne man einer Welt, die aus einsamen Weiten herübertönt, obwohl ihre Stimmen von Verwüstungen und Friedenssehnsüchten künden, die uns durch keine Vermittlungsschritte nähergebracht werden müssen. Dennoch hält diese Musik Abstand zu uns, und selbst, wenn man sich ihr zuwendet, verweigert sie ein bereitwilliges Entgegenkommen.

Jene Zwischenräume, die sie von uns Heutigen trennen, gründen zum geringsten Teil in ihrer geschichtlichen Ferne. Die Musik eines Orlando di Lasso (1532-1594), der hundert Jahre vor Schütz gelebt hat, oder diejenige Monteverdis, der sein um zwanzig Jahre älterer Zeitgenosse war, sprechen unmittelbarer unsere Gefühle an. Die Werke von Schütz entbehren, wie alle Musik, wie sehr sie einem gefallen, drängt sich bei ihnen weniger als bei anderen Komponisten auf. Die geläufigen Kategorien des Schönen, Anmutigen und Erhabenen scheinen ihr Eigenes und Eigentliches zu verfehlen. Ariose Liebkosungen, in Töne gesetzte Schmerzen und Schreie, ein sich selbst über überbietendes Triumphieren und Toben bieten diese Gesänge nicht, auch wenn ihre Texte von Gewalt und Vernichtung und dem inständigen Verlangen nach Frieden handeln.

Während die italienischen Madrigale und die eben erst aufgekommene Oper den Leidenschaften zum musikalischen Ausdruck verhelfen, wirken die geistlichen Lieder von Schütz wie in sich selbst stehende Werke, die nach keiner aufreizenden Wirkung schielen. Dabei sind sie aus Erfahrungen geboren, die mit ihren Gräueln und Hoffnungen kaum irdischer sein könnten. Ein Großteil von ihnen ist während des Dreissigjährigen Krieges entstanden, doch alles Leiden und Flehen hat sich dabei in eine beharrliche Kraft verwandelt, als gelte es, den Vernichtungsexzessen ein unbeirrbares, von keiner Wechselhaftigkeit getrübtes Geistesgefühl entgegenzuhalten. Bei aller inneren Bewegung strahlt diese Musik im Ganzen eine Ruhe aus, wie sie selten zu finden ist. Auch darin mag ihre Fremdheit und zugleich die ihr verbundene Fähigkeit bestehen, sich unserem Erregungswillen nicht anzudienen und gerade dadurch unsere Aufmerksamkeit zu bannen.

Das Programm des Konzerts feiert diesen Triumph trotz aller Widrigkeiten: Indem Werke von Schütz denen seiner italienischen Zeitgenossen gegenübergestellt werden, ist es faszinierend, die unter so unterschiedlichen Umständen komponierten Stücke solcher Maestros miteinander zu vergleichen. Ob in deutscher, lateinischer oder italienischer Sprache, diese Werke zeugen von einer Finesse und emotionalen Ausdruckskraft großer Komponisten auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft. Der italienische Einfluss, den Schütz so gut beherrscht, wird später deutsche Musiker-Generationen bis hin zum großen Bach inspirieren.

Der in Frankreich lebende englische Tenor und Dirigent Paul Agnew hat mit viel Begeisterung diese fast schon  vergessenen musikalischen Juwelen des deutschen Frühbarocks für uns wieder entdeckt. Er interpretiert sie mit Sensibilität und dramatischer Kraft, sodass jedes Musikstück ein kleines Drama, eine kleine Oper darstellt. Wohl ganz im Sinne des Schöpfers! Mit seinem kleinen Vokal- und Instrumenten-Ensemble von Les Arts Florissants sangen sie in verschiedenen Formationen diese bis in die tiefsten Tiefen unseres Unterbewusstseins eindringende Musik mit starker Anteilnahme. Diese wohldosierte schwärmerische Mischung aus überströmender sonnendurchglühter Sinnesreife und der so ausweglosen tiefen Traurigkeit eines ohne Hoffnung verwüsteten Endzeitgedankens. Man denkt unweigerlich an zwei Gegenpole: Primavera (1478/1482) für Sonne von Sandro Botticelli (1445-1510)… und Winterlandschaft (1565) für Mond von Pieter Breughel der Ältere (1525-1569)…! Das letzte interpretierte Kleine geistliche Konzert des Nachmittags wollen wir als Symbol für unseren inneren Frieden mit nach Hause nehmen: „Herr, wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde…“

Anmerkung: Siehe auch das 2. Konzert mit Werken von Heinrich Schütz am 29. Juni 2022.  (PMP/02.07.2022)

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