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Usedom, Peenemünde, USEDOMER MUSIKFESTIVAL – New York Philharmonic, IOCO Kritik, 20.06.2022

Ekkehard Ochs
19. June 2022
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Historisch Technische Museum Usedom - Usedomer Musikfestival 2022 © Geert Maciejewski / Usedomer Musikfestival
Historisch Technische Museum Usedom – Usedomer Musikfestival 2022 ©
Geert Maciejewski / Usedomer Musikfestival

Usedomer Musikfestival

USEDOMER MUSIKFESTIVAL 2022 – New York Philharmonic

– Peenemünder Konzerte – internationales Wahrzeichen, völkerverbindende Klänge – Podium für die Ostseeregion –

von Ekkehard Ochs

„Sich erinnern – und einen Ort des Schreckens in einen Ort der Kultur und des Friedens verwandeln.“
Europäische Exklusiv-Residenz des New York Philharmonic ist 2022 Peenemünde auf Usedom

Eine geographisch periphere Lage kann, muss aber für gewisse Vorhaben, etwa touristischer Art, nicht zwangsläufig von Nachteil sein. Schon gar nicht dann, wenn sie den Charme einer Insel besitzt, die über tolle See- und kaum weniger attraktive Boddenstrände verfügt, jeweils lauschiges, vielfach (noch) naturbelassenes Hinterland hat und so attraktive wie florierende Seebäder ihr eigen nennt. Die Rede ist von Usedom,  westlich über die alte pommersche Herzogstadt Wolgast erreichbar und mit Swinoujscie (Swinemünde) östlich direkt an Polen grenzend. Ein Urlaubermagnet ersten Ranges – und seit 1994 Heimstatt eines mittlerweile hochkarätigen, international geschätzten Musikfestes.

Strandflügel des Usedomer Musikfestival - in der Nähe von Seebad Ahlbeck © Usedomer Musikfestival - Geert Maciejewski
Strandflügel des Usedomer Musikfestival – in der Nähe von Seebad Ahlbeck © Usedomer Musikfestival – Geert Maciejewski

Sein Markenzeichen: Thematisch ausgerichtete „Usedomer Musikfestivals“. Sie sind in jährlich sich ändernden Programmen jeweils ausschließlich einem Anrainerland der Ostsee gewidmet und stellen es, inzwischen meist drei Herbstwochen umfassend, sowohl hinsichtlich der Ausführenden als auch der Programme so umfassend wie repräsentativ vor. Ein Alleinstellungsmerkmal von kaum zu überschätzender künstlerischer Bedeutung. Der namhafte Dirigent Kurt Masur hat das Festival einst mit aus der Taufe gehoben, war sein Ehrenschirmherr und hat es dank weitreichender künstlerischer Beziehungen – nicht zuletzt als Chef der New Yorker Philharmoniker – bis zu seinem Tode maßgeblich unterstützt. Und Thomas Hummel, langjähriger Intendant des Usedomer Musikfestivals, hat es zu einem Unternehmen entwickelt, das heute als große Erfolgsgeschichte die musikkulturelle Landschaft Mecklenburg-Vorpommerns prägt.

Dazu gehört auch eine Spielstätte, die seit nunmehr zwanzig Jahren genutzt wird und eine ganz besondere ist. Es handelt sich um den Standort Peenemünde, und damit um jene gigantische militärtechnische Heeresversuchsanstalt der Nationalsozialisten, in der sie ballistische Raketen, die sogenannten V-Waffen entwickelten, testeten und vor allem gegen England zum Einsatz brachten.  Als höchst ambivalenter Aufführungsort in der dortigen Kraftwerkshalle unterliegt damit jede Veranstaltung der sehr speziellen Verpflichtung, eine höchst belastete, verbrecherische Geschichte – die gleichzeitig technischen Fortschritt bedeutete – zur Präsentation ganz anderer, humanitärer Konzepte zu nutzen, „einen Ort des Schreckens in einen Ort der Kultur und des Friedens (zu) verwandeln“ (Thomas Hummel).

Kürzlich gelang das mit Unterstützung des Landes Mecklenburg-Vorpommern, des Landestourismusverbandes MV, der drei Kaiserbäder und der Sparkasse Vorpommern auf ganz besondere Weise. Noch auf Aktivitäten Kurt Masurs basierend und zu danken einem nahezu zehnjährigen Bemühen Thomas Hummels, konnte für die Zeit vom 20. bis 24. Mai diesen Jahres die New York Philharmonic (NYP) für drei Konzerte in Peenemünde – und nur in Peenemünde! –  gewonnen werden. Das passte gut zu 180 Jahren New York Philharmonic und 20 Jahren Peenemünder Konzerte. Alle hochkarätig! Und nun gar eine Exklusiv-Residenz von 145 amerikanischen Musikerinnen und Musikern, die wegen gigantischer Nachfrage spontan noch durch eine öffentliche Generalprobe und zwei Kammerkonzerte in Seebad Heringsdorf und Wolgast ergänzt wurden. Auf Usedom stand man Kopf! Die von vielen für unwahrscheinlich gehaltene Sensation war perfekt. Der Intendant sprach gar von einem „Jahrhundertereignis“, zumal mit diesem von Jaap van Zweden geleiteten Weltklasse-Orchester auch noch entsprechende Solisten gewonnen werden konnten – Jan Lisiecki, Klavier, Anne-Sophie Mutter, Violine, und Thomas Hampson, Bariton.

Usedomer Musikfestival / New York Philharmonic © Geert Maciejewski / Usedomer Musikfestival
Usedomer Musikfestival / New York Philharmonic © Geert Maciejewski / Usedomer Musikfestival

Und dann saßen sie alle tatsächlich auf der Bühne der riesigen Industriehalle, nur einen Steinwurf von jenem  Gelände entfernt, auf dem – siehe weiter oben – der Deutsche Wernher von Braun unter Duldung unmenschlicher Produktionsbedingungen (Häftlingsarbeit) im Dritten Reich seine V-Waffen testete und nach Kriegsende den USA -in den USA –  die weltweite Vormachtstellung bei der Entwicklung ballistischer Raketen sicherte. Geschichte zum Anfassen, zum Nachdenken und Handeln!

Etwa mit solch einem Gastspiel und Musik aus den USA sowie tschechischer, russischer, ungarischer, österreichischer und deutscher Provenienz. Jedes Werk mit dem Anspruch, Beitrag zu einer zutiefst menschlichen, ideologiefreien Kunst sein zu wollen.

Usedomer Musikfestival / New York Philharmonic hier Dirigent Jaap van Zweden © Geert Maciejewski / Usedomer Musikfestival
Usedomer Musikfestival / New York Philharmonic hier Dirigent Jaap van Zweden © Geert Maciejewski / Usedomer Musikfestival

Drei Programme hatten die Gäste mitgebracht. In summa: drei amerikanische Beiträge, drei solistische Positionen jeweils im Zentrum und drei finale sinfonische Werke. Ein Gesamtpaket, das als attraktives „Reiseprogramm“ nicht nur stilistisch eine doch recht breite Basis repräsentierte, sondern auch dem Orchester die Möglichkeit bot, sich von vielen seiner besten Seiten zu zeigen. Über Technisches muss man da gar nicht erst reden. Man präsentierte sich als jener Klangkörper, der seit seiner Gründung 1842 nicht nur amerikanische Musikgeschichte geschrieben hat. Und das hieß vor allem: ein Interpretationsstandard von allerhöchsten Graden, getragen von einem Ensemblegeist, dem sich auch die schillerndste orchestrale Leistungsfähigkeit wie selbstverständlich unterordnet. Ein Markenzeichen also die ausgeprägte Fähigkeit, ein Werk im Wortsinne zu „hinterfragen“ und Töne über das Akustische hinaus zum Reden zu bringen. Das klingt nach Binsenweisheit, ist aber letztlich jenes entscheidende Qualitätsmerkmal, das wirkliche Unterschiede auszumachen vermag. Und für das Dirigat Jaap van Zwedens stand vom ersten Ton an außer Zweifel, das hinsichtlich seines sehr fordernden Musizierstils nur das Maximum an eingesetzten Gestaltungskomponenten in Frage kam!

Und was die New Yorker da wirklich „drauf haben“, zeigte schon der erste Abend. Er begann mit Nina Shekhars (USA) „Lumina“ (Licht), der  Europäischen Erstaufführung einer 2020 in Los Angeles uraufgeführten und preisgekrönten Komposition. Sie stammt von einer Frau, für deren oft clusterähnliche, statisch wirkende und zwischen zartestem „Scheinen“ und bombastischem „Strahlen“ changierende subtile Klangwelt Dirigent van Zweden schon die ganz große Kiste differenziertester Klangfarbenfacetten auspackte. Mit dem fantastischen Jan Lisiecki und Beethovens 5. Klavierkonzert war dann Umschalten angesagt: schlanker, elastischer Ton – trotz ganz großer Besetzung – voluminöse Geschmeidigkeit, bestechende Präzision und faszinierende klangliche Differenzierungskunst; ein äußerst lebendiger, beeindruckend durchgestalteter, pulsierender Beethoven. Übrigens mit weniger Pathetik, eher selbstbewusst zu nennender Kraftentfaltung. Das alles galt auch für Schostakowitschs „Neunte“, dort aber gemischt mit der offensichtlichen Ambivalenz eines durchaus hintergründigen Werkes: Der wirkungsmächtig klanggewordene Triumph einer trotz aller Geschundenheit trotzig widerständigen Persönlichkeit! Mitreißend umgesetzt als Kabinettstück humorig-ironischen, elegisch-klagenden bis spielerisch-brillanten Musizierens. Und dies mit New Yorkern in bestechender Hochform!

Usedomer Musikfestival / New York Philharmonic hier Anne-Sophie Mutter © Geert Maciejewski / Usedomer Musikfestival
Usedomer Musikfestival / New York Philharmonic hier Anne-Sophie Mutter © Geert Maciejewski / Usedomer Musikfestival

Auch der zweite Abend begann amerikanisch – wieder fraulich und mit einer Europa-Premiere: Joan Towers „1920/2019“ – ein Auftragswerk der New York Philharmonic im Rahmen ihres 19 amerikanische Komponistinnen mit Auftragswerken betrauenden „Projects 19“. Thematische Grundlage: der 19. Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung, der 1920 den Frauen das Wahlrecht garantierte. Tower, Jahrgang 1938 – installierte ein klangüppiges, stilistisch eher traditionelles „Gemälde“, das die Gäste mit beeindruckender klanglicher Bandbreite zwischen lyrischer Expressivität und teils martialischer Dramatik sowie unerhört emphatisch präsentierten. Höchst expressiv ging es dann auch weiter, denn Anne-Sophie Mutter warb mit ihrer unverändert grandiosen Gestaltungskunst für das Violinkonzert („Anne-Sophie“) ihres Mannes André Previn. Eine „Liebeserklärung“ der besonderen Art: ausführlich, auch mal redselig, großem klassich-romantischen Gestus gemäßigt modern verpflichtet und mit deutlich „erzählerischer“ Note. Zu erzählen, sich an Gemeinsames zu erinnern, ja zu schwärmen gab es da wohl viel! Van Zweden und sein Orchester hatten sich enorm intensiv hineingehört und keine Möglichkeit eines permanent gefühlvollen, von vielfältigsten Wechseln bestimmten Musizierens ausgelassen. Ein Parforce-Ritt durch alle Gefühlslagen, bis hin zu einem Finale, das in auch rasanter, spielerischer Form virtuos – und sicher nicht ohne individuellen Hintergrund – mit Material des Liedes „Wenn ich ein Vöglein wär“ spielt. Beim abschließenden Bartok und seinem „Konzert für Orchester“ kann man es bei einem einzigen Satz belassen: Selten eine so durchdachte, inspirierte und durchweg berührende Aufführung erlebt! Langes Nachklingen garantiert! Da verlässt man dann wirklich den Saal anders, als man ihn betreten hat.

Usedomer Musikfestival / New York Philharmonic hier Thomas Hampson © Geert Maciejewski / Usedomer Musikfestival
Usedomer Musikfestival / New York Philharmonic hier Thomas Hampson © Geert Maciejewski / Usedomer Musikfestival

(Afro)Amerikanischer Einstieg dann auch beim dritten Konzert. George Walkers „Lyric for Strings“, ursprünglich ein Streichquartettsatz (1946), berührt tonal ganz traditionell die lyrischen, verinnerlichten Seiten menschlichen Lebens, hier wohl speziell im Gedenken an Walkers Großmutter, die einst noch Sklavin war! Ausgedehnte, kontemplative Züge gab es aber auch bei Gustav Mahler, für dessen Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“ sich der amerikanische Bariton  Thomas Hampson  in einer Auswahl einsetzte. Gestalterische Kompetenz war da unzweifelhaft, kamen doch die Gesänge, die sich ja zum Teil als durchkomponierte kleine Szenen erweisen, seiner Stimme, ihrem ausgeprägten charakteristischen, tonlich griffigen Klang und seiner langjährigen Erfahrung als Opern- und Liedsänger sehr entgegen. Kleinode großer, wie durchlebt präsentierter Liedkunst. Und Mahler beim Wort genommen“ (Hampson), im Kleinen das Große, im Einzelnen das Ganze gesehen, so empfunden – und auch so interpretiert!

Das Orchester – hier in aller Gestaltungsvielfalt: wie Samt und Seide, konfliktträchtig, düster, dramatisch, in und mit jedem Ton erregend – echter Mahler eben! Dann der Kontrast und ein Finale nach Maß: Dvoraks 7. Sinfonie d-Moll op. 70. Nochmals der ideale Tummelplatz für ein  Orchester, dem sowohl die mitreißende, ja geradezu explosive Musikalität des großen Böhmen als auch dessen Feinschliff im klangschwelgerischen Melos oder der charmanten Unwiderstehlichkeit eines Scherzo ganz offensichtlich wie auf den Leib  geschrieben schien.

Beschwingter, ja beglückender Ausklang eines Konzertmarathons, von dem Veranstalter wie alle Dabeigewesenen noch lange zehren dürften.


Der diesjährige, 29. Jahrgang des Usedomer Musikfestivals findet vom 17.September bis 8. Oktober 2022, auf Usedom statt. Thema ist die Musikkultur der baltischen Republik Estland, die mit vielen ihrer einzigartigen musikkulturellen Schätze – heimische Interpreten inbegriffen – repräsentativ vorgestellt wird.

Alle Informationen: Usedomer Musikfestival, Maxim Gorki-Straße 13, 17424 Seebad Heringsdorf; Fax: 038378/34648, Telefon 038378/34647 – link HIER!

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