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Graz, Oper Graz, Der fliegende Holländer – Richard Wagner, IOCO Kritik, 02.06.2022

Marcus Haimerl
02. June 2022
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Oper Graz

Oper Graz © Oper Graz
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DER FLIEGENDE HOLLÄNDER  –  Richard Wagner

– Richard Wagner meets Holländer – an der Oper Graz –

von Marcus Haimerl

Am Wochenende zu Richard Wagners 109. Geburtstag ging, nach fünfzehnjähriger Pause, der Fliegende Holländer zum neunten Mal an der Oper Graz an Land. Diesmal setzte die Regisseurin  Sandra Leupold die romantische Oper Richard Wagners um den Seemann, der dazu verdammt ist, solange über die Weltmeere zu segeln, bis er durch die Treue seiner Frau seine Erlösung und sein Ende findet, in Szene.

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Trailer der Oper Graz
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Sandra Leupold lässt die Handlung in einem düsteren, leeren Bühnenraum (Bühne: Mechtild Feuerstein) spielen, aufgelockert durch zwei Hänger, deren Vorlage aus dem Bühnenbild der Münchner Erstaufführung vom 4. Dezember 1864 stammen, jener Fassung mit Verklärungsschluss, die auch in Graz zur Aufführung gebracht wird. Passend zu diesen Hängern dürfen auch die Sänger historische Kostüme von Jochen Hochfeld tragen. Auf der Rückwand der drei schwarzen Wände, die den Bühnenraum begrenzen, lässt Sandra Leupold den Leipziger Komponisten Richard Wagner selbst das Geschehen auf der Bühne steuern.

Eine Geste Wagners (Stephan Offenbacher) genügt und schon fallen die Seeleute in Schlaf oder wälzen sich in die gewünschte Richtung. Aber nicht nur der Chor, auch die Solisten stehen unter seinem Bann. Später wird Wagner auch auf die Bühne kommen, um noch intensiver ins Geschehen eingreifen und das Publikum nerven zu können. Er übt Handstand, kümmert sich um den Pausenvorhang und gibt, mit großen Gesten, Anweisungen. Manchmal wirkt es, als hätte die Regisseurin mehr Zeit in die Regie des Wagner-Doubles gelegt als in jene der Gesangssolisten, denn richtige Personenführung ist hier kaum spürbar. Zwar wird die Rückwand beschriftet oder besprüht oder Senta muss im Dauerlauf den singenden Erik umkreisen, ansonsten wird aber aneinander vorbeigesungen oder sich aus dem Weg gegangen.

Eine Erlösung findet am Ende dann aber irgendwie doch nicht statt. Wie man der von Sandra Leupold verfassten Inhaltsangabe entnehmen kann, erkennt Senta, dass es Wagner ist, für den sie sich opfern soll und nicht für den Fliegenden Holländer. Senta flieht in den Zuschauerraum und Wagner setzt sich selbst den Brautschleier aufs Haupt, um zur Erlösungsmusik jenen Hänger, der den Holländer gemeinsam mit Senta zum Himmel aufsteigend zeigt, ungeduldig zu empfangen. Weder die Idee Bühnenwände zu beschriften noch den Komponisten in seinen Werken auftreten zu lassen, sind besonders neu, Leupold wollte mit ihrer Inszenierung und dem Eingreifen Wagners vermitteln, dass dieser Figuren nimmt, die er nicht selbst erfunden hat und diese mit seiner eigenen Ideologie angefüllt hat.

Oper Graz / Der fliegende Holländer hier Helena Juntunen (Senta) Maximilian Schmitt (Erik) Kyle Albertson (Holländer) © Werner Kmetitsch
Oper Graz / Der fliegende Holländer hier Helena Juntunen (Senta) Maximilian Schmitt (Erik) Kyle Albertson (Holländer) © Werner Kmetitsch

Die stürmischen Erlebnisse Richard Wagners auf dem Schoner Thetis, auf dem er mit seiner ersten Frau Minna der Schulden wegen auf der Flucht von Riga nach London floh, hatte bekanntlich Anteil an der Entstehung seiner romantischen Oper. Zu eben diesem Thema gab es in jener Zeit zahlreiche Dichtungen von Wilhelm HauffsDie Geschichte von dem Gespensterschiff“ bis hin zu einer einfachen romantischen Gespenstergeschichte E.T.A. Hoffmanns die durchaus als Inspirationsquelle gesehen werden können.

Keine hatte aber einen solchen Einfluss wie Heinrich Heines 1843 veröffentlichtes Prosafragment „Die Memoiren des Herrn von Schanbelewopski“, thematisierte dieses doch bereits den Erlösungsgedanken: „Als ich ins Theater noch einmal zurückkehrte, kam ich eben zur letzten Szene des Stücks, wo auf einer hohen Meerklippe das Weib des Fliegenden Holländers, die Frau Fliegende Holländerin, verzweiflungsvoll die Hände ringt, während auf dem Meere, auf dem Verdeck eines unheimlichen Schiffes, ihr unglückseliger Gemahl zu schauen ist. Er liebt sie und will sie verlassen, um sie nicht ins Verderben zu ziehen, und er gesteht ihr sein grauenhaftes Schicksal, und den schrecklichen Fluch, der auf ihm lastet. Sie aber ruft mit lauter Stimme: „Ich war dir treu bis zu dieser Stunde, und ich weiß ein sicheres Mittel, wodurch ich dir meine Treue erhalte bis in den Tod!“ Bei diesen Worten stürzt sich das treue Weib ins Meer, und nun ist auch die Verwünschung des Fliegenden Holländers zu Ende, er ist erlöst, und wir sehen wie das gespenstische Schiff in den Abgrund des Meeres versinkt.“ (Heinrich Heine, “Aus den Memoiren des Herrn von Schnabelewopski”).

Oper Graz / Der fliegende Holländer hier Helena Juntunen (Senta), Damenchor der Oper Graz © Werner Kmetitsch
Oper Graz / Der fliegende Holländer hier Helena Juntunen (Senta), Damenchor der Oper Graz © Werner Kmetitsch

Die Uraufführung der romantischen Oper in drei Aufzügen fand am 2. Januar 1843 am königlichen Hoftheater in Dresden unter der Leitung des Komponisten statt. 1860 überarbeitete Wagner die Urfassung, insbesondere die Ouvertüre und den Schluss. Die Erstaufführung als „Dramatische Ballade“ in einem Akt nach Wagners ursprünglicher Absicht fand 1901 in Bayreuth statt.

Auch wenn in der Oper Graz die szenische Umsetzung nicht so stimmig war, wie man es sich vielleicht erhofft hätte, sieht es auf der musikalischen Seite anders aus. Die Grazer Philharmoniker unter der Leitung von Marcus Merkel begeistern bereits mit der Ouvertüre. Nuancenreich, intensiv und packend stürmt es hier auf höchstem Niveau aus dem Orchestergraben.

Der Amerikaner Kyle Albertson verfügt als Holländer über einen schönen, dunkel timbrierten, sehr noblen Bass-Bariton mit sicherer Höhe und bewegt den Hörer bereits bei seinem großen Monolog „Die Frist ist um“ aus dem ersten Akt. Die finnische Sopranistin Helena Juntunen ist eine sehr quirlige Senta, manchmal auch ein überzeugend störrisches Kind. Juntunen verfügt über einen schönen klaren Sopran, der manchmal jedoch etwas angestrengt, vereinzelt in der Höhe auch schärfer klingt. Dennoch kann sie mit der von Wagner als Keimzelle und dramatisches Zentrum beschriebenen Ballade durchaus überzeugen. Mit seinem höhensicheren und sehr geschmeidigen Tenor begeistert Maximilian Schmitt das Grazer Publikum in der Partie des Erik. Eine ebenso großartige Leistung erlebt man von Mario Lerchenberger, der mit seinem hellen, kräftigen Tenor als Steuermann aufhorchen ließ. Beide Tenöre, die im Schlussapplaus zu Recht vom Publikum bejubelt wurden, können in ihren jeweiligen Rollen tatsächlich als Luxusbesetzung betrachtet werden. Wilfried Zelinka, als Sentas Vater Daland, von der Regie wohl als Zeichen seiner Geldgier genötigt, ständig mit der Schatztruhe des Holländers am Arm herumzuspazieren, meistert diesen Regieeinfall mit Würde und Eleganz und beeindruckt mit seinem angenehmen dunklen Bass. Mareike Jankowsky ergänzt mit ihrem schönen, intensiven Mezzosopran als Mary das Ensemble.

Großer Jubel und langanhaltender Applaus spiegelten die Dankbarkeit des Publikums für einen gelungenen Wagner-Abend wieder

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER an der Oper Graz; die nächsten Termine 10.6.; 12.6.2022, link HIER!

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