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Stuttgart, Stuttgarter Liederhalle, Die Geschichte von Babar dem kleinen Elefanten, IOCO Aktuell, 03.04.2022

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Peter Schlang
03. April 2022
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Stuttgarter Liederehalle © Wikimedia Commons
Stuttgarter Liederehalle © Wikimedia Commons

Stuttgarter Liederhalle

Die Geschichte von Babar dem kleinen Elefanten – Francis Poulenc

 – Holst-Sinfonietta und Dirigent Klaus Simon zieht viele Schulklassen zu Francis Poulencs Babar –

Von Peter Schlang

Ein ungewohntes Bild bot sich Passanten am vergangenen Montagvormittag an der oberen Terrasse der Stuttgarter Liederhalle: Lange Schlangen von Schulkindern, begleitet von ihren LehrerInnen und die meisten mit dem Schulranzen auf dem Rücken, stehen vor dem Westeingang. Ihr Ziel ist der Mozartsaal, in dem um diese Mittagszeit die in Freiburg beheimatete Holst-Sinfonietta mit ihrem rührigen Leiter Klaus Simon zu einem „Mitmachkonzert“ eingeladen hat. Auf dem Programm stand die von Francis Poulenc vertonte Geschichte von Babar dem kleinen Elefanten“, die,  in Deutschland weniger bekannt, bei Frankreichs Kindern äußerst populär ist, ja Kultstatus genießt.

Auf Drängen einer Nichte befasste sich der Francis Poulenc ab 1940 mit diesem von Jean de Brunhoff verfassten Kinderbuch, in dem ein Elefantenkind aus dem Urwald flieht und von einer feinen alten Dame in der Stadt quasi adoptiert und menschlich erzogen, ja verwöhnt wird, bis der erwachsene “Babar” von seinen Artgenossen in den Dschungel zurückgeholt und dort zum König gekrönt wird. 1945 vollendete Poulenc diese nicht nur an Kinder gerichtete Komposition, in der er mit raffinierten und vielfarbigen musikalischen Mitteln die verschiedenen Lebenswelten Babars gegenüberstellt und veranschaulicht. Dabei vertraut er jedoch nicht nur der Musik, sondern lässt Babars Geschichte, eingebettet in den instrumentalen Vortrag, von einer Erzählerin oder einem Erzähler vortragen.

Stuttgart Liederhalle / Die Geschichte von Babar dem kleinen Elefanten © Jean de Brunhof
Stuttgart Liederhalle / Die Geschichte von Babar dem kleinen Elefanten © Jean de Brunhof

In Stuttgart wie in den anderen vier von der Holst-Sinfonietta in Freiburg veranstalteten Konzerten übernahm Sylvia Oelkrug diese anspruchsvolle Aufgabe, bei der es ja  nicht nur darum geht, Babars Geschichte packend zu erzählen. Vielmehr übernimmt die Erzählerin eine Vermittlungsfunktion zur Musik, die, da muss man kein Pessimist sein, den meisten der heute lebenden und erst recht an diesem Vormittag im Konzertsaal versammelten Grundschulkinder ziemlich ungewohnt, ja fremd vorkommen dürfte. Dieser anspruchsvollen Aufgabe stellt sich die äußerst versierte und auch offenbar pädagogisch höchst erfahrene Sylvia Oelkrug von Anfang an mit großer Gewandtheit, tiefem Einfühlungsvermögen und Begeisterung, die sich schnell auf die Kinder überträgt. Erstaunt und neugierig folgen diese zunächst der Vorstellung der verschiedenen Instrumente, von denen vor allem die diversen Mitglieder der Klarinettenfamilie, das Fagott und das noch eindrucksvollere Kontrafagott sowie der an 15 verschiedenen Schlagzeugen wirkende Schlagzeuger Lee Ferguson die Kinder in ihren Bann ziehen. Diese Spannung geschickt ausnutzend, überträgt die Erzählerin den Kindern die akustische und gestische Illustration der zwei Lebensfelder Babars, der Urwald und die Großstadt. Ohne große Hemmungen und Probleme erwecken die Mitmach-Geräusch-Akustikerinnen und -akustiker den Urwald zum Leben und kreischen, quietschen, tscheckern, brummen und heulen wie dessen echte Bewohner. Hörbar mehr Probleme macht es dann den Kindern, die Geräusche der Stadt nachzuahmen und diese von den Geräuschen der Natur unterscheidbar zu machen. Ob dies daran liegt, dass die unberührte Natur einfach mehr Reize auf Stadtkinder ausübt als das ihnen vertraute eigene Umfeld oder dass sie die vertraute städtische Lärmkulisse ohne differenziertes Hören einfach auf sich einströmen lassen, wäre sicherlich ein interessantes Forschungsfeld für Soziologen.

Trotz dieser kleinen didaktischen Hürde erweisen sich die mehr als 350 jungen Konzertbesucher (nebst Ihren ca. 50 LehrerInnen) als dankbare Mitgestalter und Klangmaler, welche die sprachliche Schilderung der Handlung mit großer Begeisterung und Hingabe ausschmücken und bereichern.

Stuttgart Liederhalle / Die Geschichte von Babar dem kleinen Elefanten hier das Ensemble © Tobias Weis
Stuttgart Liederhalle / Die Geschichte von Babar dem kleinen Elefanten hier das Ensemble © Tobias Weis

In musikalischer Hinsicht ist dies nicht nötig, denn das schafft Poulencs Musik ganz allein, die von den 15 Mitgliedern der Holst-Sinfonietta äußerst farbenreich, dynamisch höchst differenziert, sprechend und in passend charakterisierenden Besetzungen zum Klingen gebracht wird. Obwohl nicht im strengen Sinne Programmmusik, werden etwa Babars Kinderjahre im Urwald mit packenden Klangfarben veranschaulicht, seine Erfahrungen beim Kleiderkauf und sein Heimweh nach den Spielkameraden im Dschungel melancholisch ausgedrückt oder seine Hochzeit mit Céleste und anschließende Krönung zum Elefantenkönig bläserfestlich vertont. Ja, Poulencs Musik und die sie mitreißend umsetzende Holst-Sinfonietta schaffen es im Wortsinne „spielend“ und tadellos, die verschiedenen Handlungsorte und deren Atmosphäre akustisch lebendig werden zu lassen, wozu die Instrumentierung sich einer ganzen Palette von Techniken, Kunstmitteln und Rückgriffen auf verschiedene musikalische Stile und Epochen bedient. Der Gründer und Leiter der Holst-Sinfonietta (wie der mit ihr eng verbundenen Opera Factory Freiburg) Klaus Simon, steuert sein Kammerensemble mit großer Umsicht und sichtbarer wie überspringender Begeisterung durch die fünfundvierzigminütige Aufführung. Deren Verdienste liegen nicht nur hörbar im  Musikalischen, sondern auch in der pädagogischen Wirkung: Für viele der im Saal mehr oder weniger gebannt lauschenden Kinder (Bei nicht wenigen zeigte sich die die Gewohnheiten und Wirkung des üblichen 45-Minuten-Schull-Alltags!) war es nicht nur das erste Kulturerlebnis nach zwei  verdrussreichen Corona-Jahren, nein, etliche gaben zu, dass dieses Poulenc-Konzert ihr erster Konzertbesuch überhaupt gewesen sei. Ein ganz anderes Gewicht dürfte das Stuttgarter Konzert für etwa 20 vor dem Krieg in ihrer Heimat geflüchtete ukrainische Kinder und deren Mütter gehabt haben, die der Veranstalter spontan in sein Konzert eingeladen hatte.

Vor diesem Hintergrund kann man das Engagement von Klaus  Simon und seiner Holst-Sinfonietta nicht hoch genug loben und anderen Klangkörpern als nachahmenswertes Beispiel ans Herz legen. Immerhin zeigt ein Blick auf die Programme anderer Orchester, Ensembles und Veranstalter, dass man dies verstanden hat und gerne dem Beispiel folgt.

—| IOCO Aktuell Stuttgart Liederhalle |—


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