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Danzig, Baltic State Opera, APOKALYPSE – Gustav Mahler, A. Nowak, IOCO Kritik, 18.03.2022

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Peter Michael Peters
18. March 2022
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Baltische Staatsoper in Danzig © Wikimedia Commons
Baltische Staatsoper in Danzig © Wikimedia Commons

 Apokalipsa / Apokalypse – Gustav Mahler / Aleksander Nowak

Tomasz Konieczny – Bass-Bariton, Baltic Opera Orchestra
Adam Dudek – Video-Installation,  Michael Sturm – Projekt-Initiator, Michal Krezlewski – Direktion

von Peter Michael Peters

APOKALIPSA: ENTHÜLLUNG… OFFENBARUNG… ZEITENWENDE… WELTUNTERGANG…!

  • Nichts soll zurückkehren. Diese Zeiten
  • sind bereits vergessen; nur Dunkelheit –
  • so böse und leer –
  • setzt sich in Spiegeln auf meine eigenen Bilder

Das schrieb der junge polnische Poet Krzysztof Kamil Baczynski (1921-1944) in seinem Gedicht Spojrzenie (Der Einblick): Erstaunliche Worte für jemanden, der gerade zwanzig geworden ist. Aber in den düsteren Jahren der Nazi-Besetzung schien der Tod unvermeidlich. Die Poesie von Baczynski ist erstaunlich ausgereift, gesättigt mit Bedeutungen und Assoziationen. Es ist nicht leicht, sich darin zu bewegen, der junge polnische Komponist Aleksander Novak (*1979) hat aber bereits seine außergewöhnliche Sensibilität für das gesprochene Wort bewiesen.

Baczynski, ein Dichter der Colombes-Generation (Polnische Literatur-Bewegung im zweiten Weltkrieg), scheint mit Gustav Mahler (1860-1911) offenbar wenig gemein zu haben. Letzterer teilte jedoch mit Baczynski das gleiche Bewusstsein der Unausweichlichkeit. Möglicherweise entschloss er sich 1902 auf dem Höhepunkt seines persönlichen Glücks und seiner Erfüllung, Friedrich Rückerts (1788-1866) Kindertotenlieder (Rückert: 1871 / Mahler: 1904) zu vertonen, fünf Threnodien für die toten Kinder des Dichters. Als der Tod zwei Jahre später seine eigene fünfjährige Tochter nahm, brach Mahler zusammen. Er war überzeugt, dass er diese Tragödie vorhergesehen hatte…

Baltic State Opera / Apokalypse hier Szenenphoto © Krzysztof Mystkowski
Baltic State Opera / Apokalypse hier Szenenphoto © Krzysztof Mystkowski

Ursprünglich sollte sich Apokalipsa nur auf die Vergangenheit beziehen. Leider ist sein Thema angesichts der tragischen Ereignisse, die wir heute erleben, wieder aktuell geworden. Daher wird das Konzert in der Baltic State Opera eine Demonstration der Solidarität mit dem ukrainischen Volk und ein Protest gegen den Krieg und das Regime der Russischen Föderation.

   Apokalipsa  – Konzert am 12. März 2022  –  Baltic State Opera

Baltic State Opera / Apokalypse hier Szenenphoto © Krzysztof Mystkowski
Baltic State Opera / Apokalypse hier Szenenphoto © Krzysztof Mystkowski

Nach dem Hinweis eines Wiener Kollegen wurde das Projekt Apokalipsa schon in Wien im Jahre 2021 aufgeführt, jedoch nur mit Klavierbegleitung. Am Projektbeginn dachte man wohl nur an unsere apokalyptische Vergangenheit und später kam dann die schon fast zweijährige weltweite Pandemie dazu. Seit einigen Tagen wütet ein neuer grausamer Krieg in Europa, begonnen von einem krankhaften Tyrannen. Die Geschichte der Menschheit wird nicht erneuert, sie wiederholt sich! Wieviel Apokalypsen wird die Humanität noch verkraften können?

Jeder Musikfreund kennt die fünf Kindertotenlieder, so gehen wir nicht weiter darauf ein. Jedoch eine reiche und symbolhafte Entdeckung waren die drei Gedichte des früh verstorbenen Baczynski: 1. Spojrzenie (Der Einblick), 2. Wigilia (Weihnachtsabend) 3. Smierc (Tod). Baczynski ist eine legendäre und emblematische Figur für eine gesamte Generation, geboren in einem endgültigen befreiten und während des Zweiten Weltkriegs verbrannten Polen, verkörpert er einmal mehr die polnische Romantik in ihrer tragischen und heroischen Version. Seine poetische Bildsprache, die sich an den von Hieronymus Bosch (etwa 1450-1516), Pieter Brueghel (etwa 1525-1569), Salvador Dalí, (1904-1989) und den Surrealisten manchmal beschworenen Katastrophen anlehnt, aber durch ihre äußerliche Reinheit und Schönheit des Ausdrucks eine tiefe Metaphysik jedoch verspottet. Gerade deshalb sucht es ihresgleichen: Es lässt an die Musik von Frédéric Chopin (1810-1849) denken! Sein Werk von erstaunlicher Reife ist auch das apokalyptische Zeugnis der fürchterlichsten „Nacht der Nächte“ unserer so reichen Menschheits-Geschichte. Die dafür vertonte Musik von Aleksander Nowak ist an die Sprache von Mahler angelehnt, tonal und wohlklingend und keinerlei musikrevolutionäre Ideen beinhaltet sein Werk. Es ist schon alleine eine ideale dramatische-musikalische Aussage diese beiden Werke ohne jegliche Unterbrechung zu interpretieren.

Die halbszenische Aufführung des Liederzyklus ist im Prinzipe nichts Neues, aber die sensible und delikate Verwirklichung ist jedoch außergewöhnlich. Der polnische Videokünstler Adam Dudek hat  erstaunliche und ergreifende Momente gestaltet. Das Symbol des vergänglichen Lebens ist allgegenwärtig: Die Ausweglosigkeit! Die Vernichtung! Der Tod! Der Sänger Tomasz Konieczny sitzend faltet unentwegt Wäsche… Kinderwäsche… kleine Höschen… kleine Hemdchen… kleine Strümpfchen… verlorene Kinder… tote Kinder! Zusätzlich wird sein Ebenbild auf einer großangelegten Videolandschaft verdoppelt, indem wir nur seine Hände beim Wäschefalten sehen. Eine anspruchsvolle Vision: Es zeigt eine vergebliche Suche nach den verlorenen Kindern. Für die letzten drei Lieder von Nowak verdoppelt, verdreifacht, vervierfacht, verfünffacht sich das Bild des Sängers, es wird zum Symbol des toten Poeten Baczynski und hält Zwiesprache mit sich selbst: Hat es sich gelohnt für die Freiheit zu sterben? Hat die Freiheit gesiegt? Fragen ohne Antworten!

Der Dirigent Michal Krezlewsi führte das Baltic Opera Orchestra durch die schwierige und anspruchsvolle Partitur von Mahler mit Sicherheit und Können. Leider müssen wir feststellen, dass entweder der Orchestergraben oder der Saal selbst akustische Probleme hat und die Musik von Mahler erschien mitunter verloren und tot.

Baltic State Opera / Apokalypse hier Szenenphoto © Krzysztof Mystkowski
Baltic State Opera / Apokalypse hier Szenenphoto © Krzysztof Mystkowski

Der weltweit bekannte polnische Bass-Bariton Tomasz Konieczny, der auf allen berühmten Opernbühnen mit viel Erfolg die großen Partien seines Faches singt und besonders die von Richard Wagner (1813-1883), hat sich hier an die schwierige Interpretation des Liedes herangewagt. Mit viel Gefühl und sogar teilweise mit fast herzzerreißend tot-traurigen Stimme sang er die schmerzvollen Kindertotenlieder. Das war sehr ergreifend und rührend, jedoch von der musikalischen Seite konnten wir dem Künstler nicht folgen.  Wahrscheinlich ist seine Stimme nicht für das Lied bestimmt und er wäre nicht der einzige Opernsänger: In der musikalischen Linienführung fehlte die richtige Intonation am richtigen Platz und es klang abrupt und abgehackt. Auch die Aussprache, die besonders bei Liedern sehr wichtig ist, sollte ausgefeilter sein. Ein intimes Lied ist keine Opernarie…

Am Ende der Vorstellung wurde das Porträt von Tomasz Konieczny mit der ukrainischen Flagge, Foto oben, riesengroß auf den Bühnenhintergrund projektiert. Nochmals ein Symbol: Das Symbol eines engagierten Künstlers!

Anmerkung: In einigen Tagen folgt bei IOCO der Artikel über die Inszenierung des stark apokalyptischen Fidelio der Baltic State Opera, Danzig   (PMP/16.03.2022)


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