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Hamburg, Staatsoper Hamburg, TURANDOT – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 15.03.2022

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Patrik Klein
15. March 2022
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann
Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

TURANDOT -Giacomo Puccini

Das Mädchen aus Turan –  Puccinis letztes Werk in aufregender Inszenierung von Yona Kim

von Patrik Klein

Die südkoreanische Regisseurin Yona Kim, dem Hamburger Publikum bekannt durch ihre Inszenierungen von Peter Ruzickas Oper Benjamin und Vincenzo Bellinis Norma, gibt erwartungsgemäß neue Einblicke und inszeniert die Geschichte als gruseliges Märchen mit Blicken ins düstere Innere der handelnden Personen und mit einer asiatisch-europäischen Mischung aus Faszination und Eleganz.

Es ist diese herrliche Musik im Zusammenhang mit einer märchenhaften Geschichte, die uns bei Turandot berührt und packt, der letzten Oper von Giacomo Puccini (1858-1924) mit ihren weltberühmten Arien und Chören. Es ist die Geschichte der herzlosen Prinzessin aus Turan, die den Zuschauer in ihren Bann zieht – damals und heute.

Turandot – Hamburger Staatsoper – Trailer
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Giacomo Puccinis letzte, unvollendete Oper handelt von der Prinzessin Turandot. Diese lässt alle Männer ermorden, die um ihre Hand anhalten, wenn sie ihre drei Rätsel nicht lösen können. Es ist ihre Rache an der Männerwelt, die ihrer Ahnin in jugendlichen Zeiten Leid angetan hatte. Nach einigen Umwegen findet sie aber schließlich doch zur Liebe, wirklich? Es ist ein ganz besonderer Kuss, der die eiskalt gewordene Prinzessin umstimmt und dann mit viel Glanz und Gloria doch noch heiraten lässt. Das sieht jedoch Yona Kim an diesem Abend in der Staatsoper Hamburg ganz anders.

Dieses fulminante Ende mit Hochzeit und Chor wurde allerdings nicht von Puccini, sondern von Franco Alfano komponiert. Der ganze Aufwand des Finales sollte wohl darüber hinwegtäuschen, dass es sich hierbei nicht um ein Happyend handelte, denn diese Liebe ging über viele Leichen.

Puccini selbst konnte die Oper nicht fertigstellen. Er starb kurz vor Vollendung nach einer Operation am Kehlkopf. Man geht in der Musikwissenschaft davon aus, dass Puccini wahrscheinlich einen anderen Schluss mit weniger Pomp anstrebte.

Als Puccini 1920 mit der Komposition der Oper begann, existierten bereits verschiedene Fassungen der ursprünglich persischen Erzählung. Der Venezianer Carlo Gozzi hatte bereits 100 Jahre vor Puccinis Geburt ein Theaterstück hierzu geschrieben. Puccini selbst arbeitete vier Jahre an seinem letzten Werk. Er erfand eine neue Figur, indem er der eiskalten Prinzessin die gefühlvolle Sklavin Liù gegenüber stellte. Liù ist es denn auch, die durch ihr Opfer die Verwandlung der bösen Prinzessin initiiert, lange bevor der Kuss des Prinzen das Eis um Turandots Herz endgültig zum Schmelzen bringt.

Staatsoper Hamburg / Turandot © Hans-Jörg Michel
Staatsoper Hamburg / Turandot © Hans-Jörg Michel

Den richtigen musikalischen Schluss zu finden, soll Puccini wohl als große Herausforderung erlebt haben. Es entwickelte sich zu einer endlosen Suche, die sogar einen Streit mit den Librettisten, Giuseppe Adami und Renato Simoni, zur Folge hatte. Für den Schluss suchte Puccini nach einer “ungewöhnlichen und markanten Melodie”. Er notierte: “tipica, vaga, insolita“(typisch, vage, ungewöhnlich). Der Komponist konnte aber keine Lösung finden, obwohl er wusste, dass er todkrank war. So endete Puccinis Werk mit dem Tod von Liù – und seinem eigenen. In der Uraufführung am 25. April 1926 in Mailand legte der damalige Dirigent Arturo Toscanini nach dem Tode Liùs den Taktstock nieder und sprach zum Publikum: “An dieser Stelle starb der Maestro.” Am Premierenabend in Hamburg folgt eine zweiminütige Pause an dieser Stelle und eine Einblendung von Bildern des aufgebahrten  Leichnams Puccinis auf einer Videoleinwand in bühnenfüllender Größe.

Yona Kims Regieteam (Bühnenbild: Christian Schmidt; Kostüme: Falk Bauer; Licht: Reinhard Traub; Video: Phillip Bußmann und Choreografie: Ramses Sigl) stellt die Oper Puccinis als Schauermärchen für Erwachsene dar. Es geht um die Liebe und das Verhältnis zwischen Mann und Frau, um Konzepte und Ideale der Liebe in Form und Intensität. Dazu benutzt man auch Bezüge zur Entstehungszeit der Oper in den 1920-er Jahren mit der Zeit des Chaos und des Umbruchs alter Formen. Hinter der prunkvollen Außenfassade des kaiserlichen Palasts, der sich öffnen und verschließen lässt, gerät der Fokus des Betrachters auch hinter die Palastmauern und offenbart die traumatischen Ereignisse. Mit filmischem Ein- und Ausblenden durch verschobene Bühnenelemente sowie Videoprojektionen werden die Geheimnisse hinter den Palastmauern freigelegt.

Der Kaiser wird dargestellt als greisenhafter, gebrochener und lustloser Mann. Er ist durch seine Schwäche kaum noch in der Lage, Macht auf seine Tochter auszuüben. Die sogenannte “Hamburger Bühne” schiebt Räume Turandots, des Kaisers und der Minister in die Szene und macht die Dramaturgie der Figuren, die in aufwändigen und farbenreichen Kostümen agieren, transparent. Märchenhafte Motive, wie chinesische Schriftzeichen, ein riesiger bühnenumspannender  Mond, das Schafott der getöteten Prinzenbewerber und so weiter mischen sich mit der Architektur der europäischen Umbruchzeit. Auch der Chor als das Volk von Peking spielt eine große Rolle in der Inszenierung. Sein Einfluss auf das Geschehen ist in Doppeldeutigkeit sowohl auf den Genuss der öffentlichen Hinrichtungen gescheiterter Bewerber als auch auf die Gier nach Spektakel bei erneuter Hochzeit ausgerichtet. Am Ende siegen jedoch nicht die Figuren, sondern das System und es muss und kann alles wieder von Vorne beginnen. Das Trauma der Prinzessin Turandot ist einfach zu groß, um den werbenden Prinzen zu akzeptieren. Sie tötet Kalaf unter dem Entsetzen der beteiligten Beobachter.

Staatsoper Hamburg / Turandot © Hans-Jörg Michel
Staatsoper Hamburg / Turandot © Hans-Jörg Michel

Mit “Popolo di Pekino” beginnt die Stimmung aus Exotik und Kälte. Es erklingen Forteschläge im Orchester mit einem skelettösen Xylofonmotiv und einer Tonlinie mit übermässigen Tonschritten. Der chinesische Mandarin, Ensemblemitglied Chao Deng mit profundem Bass und feiner Linie,  gibt seinem Volk den Marsch vor. Dieses Gesetz, das er verkündet, ist der Motor des gesamten Werkes. Auch der alte Kaiser Altoum, trotz seiner körperlichen Gebrechen stimmlich präsent dargestellt durch Jürgen Sacher, unterstreicht die aus der Vergangenheit notwendigen zukünftigen Schritte.

Prinzessin Turandot erklärt in der Arie “In questa reggia”, dass sie sich mit ihrer Ahnfrau, der keuschen Prinzessin Lou-Ling, identifiziert. Diese wurde vor Jahrhunderten geschändet und ermordet. Turandot will deren Schicksal rächen, was es der Männerwelt um sie herum nicht gerade einfach macht. Mit düsterem Paukenschlag untermalt Puccini das Versprechen der grausamen Prinzessin. Die Moskauer Sopranistin Anna Smirnova hat den Abend zu ihrem Triumph gemacht und in einem echten Drama der Stimme den Weg der Prinzessin in allen Höhen und Tiefen plastisch gestaltet. Sie ließ die Koloraturen glänzend strahlen, versprühte weißglühende Funken gegen den potenziellen Bittsteller und Ehekandidaten. Zudem war sie schließlich auch noch fähig zu einem großen Piano. Mit ihrer hell und brillant timbrierten Stimme wirkte sie leichtgängig in den Verzierungen, raffiniert in den frontalen Attacken, eisig kalkulierend und schließlich doch scheinbar auflösend in Wärme und Liebe.

Bei den Ministern Ping, Pang und Pong (Roberto de Candia (Bariton), Daniel Kluge (Tenor) und Seuugwoo Simon Yang (Tenor)) herrscht eine grenzenlose Hysterie. Keine der drei Figuren ist in der Lage, die Situation mit klarem Kopf zu bedenken. Sie sind manisch besessen und regelrecht getrieben von irgendeiner Idee. Jeder verfolgt nur seine eigenen Ziele. Das Trio, gekleidet in zunächst schwarze Roben mit Melone und später weißen Jacketts, agiert sehr harmonisch ohne musikalische Konkurrenz und unterstreicht gesanglich die komplexen Charaktere.

Die Sklavin Liù, verliebt in den Prinzen Kalaf, erklärt unter der Folter, dass die kühle Turandot den Prinzen eines Tages lieben wird. Kühl kann man wörtlich nehmen: “Tu che gel sei ginta” (Du, die du von Eis umgürtet bist) singt sie zu Turandot. Puccini versteht es, die Eiseskälte mit einer lyrischen Erklärung an die Liebe zum Schmelzen zu bringen. Hinreißend in ihren Ausdruckskünsten singt die junge chinesische Sopranistin Guanqun Yu, dem Hamburger Publikum bekannt u.a. aus Rossinis Guillaume Tell, die heimliche Liebe Kalafs. Scheinbar mühelos gelang es ihr, Lyrik und Pracht zu erzeugen, feinste Nuancen zu hauchen, Spitzentöne exakt zu treffen, fein zu phrasieren und das Publikum zu Tränen zu rühren. Man durfte sich gewiss fragen, warum Kalaf hier nicht einwilligte und die Prinzessin Turandot links liegen ließ und seine Gier nach Eroberung hinten anstellte.

Ihr Herr und Kalafs Vater Timur, mit profundem tiefschwarzem Bass großartig dargestellt von Liang Li, versuchte sie vergeblich von ihrem aussichtslosen Weg abzuhalten.

Staatsoper Hamburg / Turandot © Hans-Jörg Michel
Staatsoper Hamburg / Turandot © Hans-Jörg Michel

Die berühmte Arie “Nessun dorma” ist spätestens seit dem Castingshow-Gewinner Paul Potts weltweit ein Hit – und bekommt so auch an diesem Abend in Hamburg am meisten Aufmerksamkeit. “Questa notte nessun dorma in Pechino.” Diese Nacht soll niemand schlafen in Peking, ist die Devise der Turandot. Daraufhin wiederholt der Chor die Worte “Nessun dorma”. Auch Kalaf greift diese Worte zu Beginn der Arie auf und zeigt sich standhaft und gewiss, dass die Prinzessin das Geheimnis seines Namens nicht lösen wird.  Gregory Kunde, seltener Gast aus den USA an der Hamburger Staatsoper, singt den Prinzen Kalaf mit enormer Kraft und Dramatik. International gefeiert für seine Interpretation des Otellos ist der Tenor am Premierenabend in blendender Verfassung. Exakte Intonation, Phrasierung, Attacke und zurücknehmendes Piano gelingen ihm in gekonnter Weise. Am Ende bekommt er zu Recht den größten Applaus des Publikums.

Mit “So il tuo nome” ist es schließlich raus. Turandot hat das Namensrätsel gelöst. Prinz Kalaf gibt sich geschlagen: Für einen Kuss der Geliebten gibt er sein Leben in ihre Hand. Das Duett der beiden nun Liebenden gerät zu einem der vielen musikalischen Höhepunkte der Aufführung. Wenn zum Schluss das Volk zur Melodie von “Nessun dorma” erklingt, Sonne und Glück seien nun unendlich, dann ermordet die Prinzessin für alle völlig unerwartet ihren Prinzen, weil sie ihr Trauma aus der Vergangenheit nicht überwunden hat. Nicht nur die Protagonisten der Oper, sondern auch die Zuhörer sind entsetzt angesichts dieses ungewöhnlichen Endes ohne Happy End.

Der Chor der Staatsoper Hamburg(Einstudierung Eberhard Friedrich) und die Alsterspatzen (Kinder- und Jugendchor der Hamburgischen Staatsoper; Einstudierung Luiz de Godoy) werden ihrer tragenden Rolle in dieser Inszenierung über weite Strecken mehr als gerecht. Trotz der immer noch vorhandenen Unwägbarkeiten in der Pandemie mit Auswirkungen auf Proben und Aufführungen nehmen sie die gesangliche als auch bewegungsspezifische Aufgabe mit Bravour an.

Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter der Leitung des international sehr gefragten Italieners Giacomo Sagripanti spielt am Premierenabend mit viel Biss und Verve. Sein Orchester führte er mit feinster Präzision und wohltuender Balance zwischen den wuchtigen Phrasen des reinen Orchesterklangs und der überaus guten Hörbarkeit sämtlicher Sängerstimmen und des Chores.

Das Publikum bejubelt den Abend mit lang anhaltendem Applaus und Bravo Rufen für alle Beteiligten

TURANDOT an der Hamburger Staatsoper;  weitere Vorstellungen: Mi 16.03.2022, Sa 19.03.2022, Mi 23.03.2022, Sa 26.03.2022, Di 29.03.2022, Fr 01.04.2022

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—


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