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Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Hänsel und Gretel – Engelbert Humperdinck, IOCO Kritik, 13.02.2022

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Peter Schlang
14. February 2022
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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus
Oper Stuttgart © Matthias Baus

Hänsel und Gretel – Engelbert Humperdinck

Wenn aus Lebkuchen Bitcoins werden – oder – kann die Welt durch Veganismus gerettet werden?

von Peter Schlang

Normalerweise bleibt eine Inszenierung von Engelbert Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel viele Jahre auf dem Spielplan eines Opernhauses. An der Staatsoper Stuttgart erfuhr dieser nicht nur in der Weihnachtszeit beliebte Familienstoff nun jedoch schon nach gut vier Jahren seine Neu-Aufbereitung. Der
Grund für diesen unter normalen Umständen ungewöhnlichen Vorgang dürfte weniger der inzwischen erfolgte Intendanten-Wechsel von Jossi Wieler zu Viktor Schoner als die Tatsache gewesen sein, dass die Arbeit des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikow im Jahr 2017 als Torso auf die Bühne gekommen war. Auch glich seine Premiere damals mehr einer Demonstration für die freie Ausübung der Künste und anderer Menschenrechte als einer umfassenden und schlüssigen Regie-Arbeit. Wegen des bis vor kurzem anhaltenden Hausarrests des russischen Star-Regisseurs und Regimekritikers konnte die Inszenierung aber nie, wie ursprünglich erhofft, vor Ort ergänzt und zu Ende geführt werden.

Hänsel und Gretel an der Staatsoper Stuttgart
youtube Staatsoper Stuttgart
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So war die Entscheidung, den in Stuttgart seit seiner hiesigen Erstlingsarbeit mit Prokofjews Liebe zu (den) drei Orangen im Dezember 2018 höchst angesehenen, ja äußerst beliebten Allround-Künstler und Regisseur Axel Ranisch mit der jetzigen Neu-Inszenierung zu beauftragen, eine aus künstlerischen wie auch aus
ökonomischen Gründen kluge und richtige. Ja, mit diesem zweiten „Stuttgarter Streich“ Axel Ranischs und seines Teams wurde der Staatsoper Stuttgart, da muss man kein Prophet sein, ein neuer Publikumsmagnet und Kassenschlager beschert – und das sechs Wochen nach dem Weihnachtsfest!

Die Herkunft des Regisseurs von der Filmregie und seine bildmächtige, enorme Fantasie werden dem Zuschauer vom ersten Takt der Ouvertüre klar vor Augen geführt, während der Ranisch mittels einem, von Philipp Contag-Lada hervorragend gemachten, Animationsfilm das Publikum mit auf den Flug über eine anfangs noch halbwegs heil erscheinende, dann mehr und mehr verschmutzte, bald brennende und schließlich verkohlte Wald- und Berglandschaft nimmt. Aus diesem Wald fliehen seine tierischen Bewohner, manche schon mit brennendem Fell, und der aufmerksame Betrachter realisiert schnell, dass in diesem Wald kaum noch Leben möglich ist und von ihm und in ihm kein Mensch mehr satt wird. Ranisch spielt damit auf eine Erfahrung an, die inzwischen jedes Jahr weltweit Millionen Menschen machen müssen.

Damit sind die dramatische Situation und die trostlose Umgebung vorgegeben, in der sich das nicht nur nach Nahrung hungernde Geschwisterpaar Hänsel und Gretel Hunger, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit wegtanzen: Eine von der Bühnenbildnerin Saskia Wunsch gebaute post-industrielle, von Armut und Mangel geprägte Behausung, die der untere und hintere Teil eines allein schon märchenhaft- sehenswerten Wandel-Bühnenbilds ist und in der die Besen, welche die Familie herstellt und verkauft, aber nicht aus Reisig, sondern aus Glasfaserkabeln bzw. deren drahtigen Bestandteilen bestehen. Wo die zum Einsatz kommen, wird im zweiten Bild klar, in dem sieben Hexen-Lehrlinge, in an Science-Fiction erinnernde rote (Raum-)Anzüge gekleidet, mit genau solchen Besen hantieren und nicht nur Hänsel und Gretel bedrohen, sondern sich mit ihnen auch weitere Kinder gefügig machen und diese in den Untergrund zerren. Und spätestens beim Anblick der Hexenbehausung, auf der in moderner Schreibweise der zynisch wirkende Schriftzug “Leckermaul“ prangt (Sie wird sich im weiteren Verlauf des Abends als makabrer Ort der industriellen Produktion der Süßigkeiten entpuppen, mit denen nicht nur Kinder angelockt und verführt werden, sondern für welche diese sogar verarbeitet werden.), wird uns Zuschauern auch vor Augen geführt, dass Vater Besenbinder, in der Premiere von Shigeo Ishino mit samtig grundiertem Bass fein gesungen und überzeugend-doppelbödig gespielt, der Zulieferer und somit Geschäftspartner der bösen Hexe ist.

Staatsoper Suttgart / Hänsel und Gretel - der Kamin dampft, die Produktion läuft © Matthias Baus
Staatsoper Suttgart / Hänsel und Gretel – der Kamin dampft, die Produktion läuft © Matthias Baus

Damit erklärt sich auch, warum er im ersten Bild seiner Frau – die in ihrer Verzweiflung ins Boshaft-Derbe stolpernde Mutter wird von Catriona Smith glaubhaft-einfühlsam, wenn auch sprachlich nicht immer ganz verständlich gesungen und gespielt – Mitbringsel der gleichen Sorte auf den Tisch legt, mit denen deren Produktions-Gebäude dekoriert und verkleidet ist.

Diese Süßigkeiten sind bei Ranisch genauso wenig Lebkuchen, wie ihre Produzentin eine Hexe im Grimm’schen oder Wette’schen Sinn (Von Humperdincks Schwester Adelheid Wette stammt das Libretto dieser Oper.) ist: Vielmehr ähneln die Drops in Form und Gestaltung der Krypto-Währung Bitcoin. Und die sie verteilende Dame (Hinreißend verkörpert und mit teuflisch-anmachendem Verführungs-Charme gesungen von Rosie Aldridge.) trägt Kleidung und Accessoires einer Charity-Dame (für die Kostüme zeichnet Alfred Mayerhofer  verantwortlich), erinnert in ihrem Gehabe aber eher an die smarte Inhaberin eines hippen Szeneladens – oder eben an die Chefin eines zeitgenössischen Industrie- oder Unterhaltungs-Konzerns.
Beides soll uns wohl vor Augen führen, vor welchen Verführungen und Verlockungen der digitalen Welt und ihrer angeblich sozialen Dienste heutige Kinder und Jugendliche stehen – und daher geschützt werden sollten. Das ist nur einer der zahlreichen stimmigen Einfälle und zeitgeistigen Anspielungen dieser Produktion.

Ebenso genial und plausibel wirkt es, wenn Hänsel in einer XXL-Ausgabe der mit schwarzem Pelz besetzten roten Jacke seiner rechtzeitig verhinderten Peinigerin gefangen gehalten und gemästet wird. Dieser Hänsel wird nicht nur in dieser Szene von der zum ersten Mal in dieser Rolle zu erlebenden Ida Ränzlöv hinreißend gespielt und gesungen. Zusammen mit Josefin Feiler, die seine Schwester Gretel nicht minder tief- und hintergründig, aber auch kindlich-naiv wie raffiniert auf die Bühne bringt, macht allein schon dieses Sängerinnen- und Geschwisterpaar den Abend zu einem großen Erlebnis. Es ist kaum zu glauben, wie erwachsene Sängerinnen zwei zickig-unsichere Heranwachsende so genial und betörend zu verkörpern und ihnen so glaubhaft stimmlichen und darstellerischen Ausdruck zu verleihen vermögen. Eine wahrhaft sensationelle Darbietung.

Staatsoper Suttgart / Hänsel und Gretel - hier - die Hexe nimmt Hänsel und Gretel gefangen © Matthias Baus
Staatsoper Suttgart / Hänsel und Gretel – hier – die Hexe nimmt Hänsel und Gretel gefangen © Matthias Baus

Gretel selbst, der man über weite Strecken der Inszenierung ihre führende Rolle anmerkt und abnimmt hat, ihren insgesamt größten Moment, als sie der sich auf den fetten Braten freuenden Bonbon-Produzentin deren Besen entreißt und sie mit Hilfe von ihrem eigenen lemurenhaften Personal in die schon heftig qualmende Produktionsanlage, Foto oben, stößt, die von Saskia Wunsch mit einem realitätsnahen gläsernen Produktions- und Präsentaionsturm ausgestattet wurde. Woher und wie diese Produktionsstätte wie geschmiert am Laufen gehalten wird, machen uns Ranisch und seine Ausstatterin auf recht drastische Weise klar: Ein gelber Industrie-Roboter baggert pausenlos Kinder in die Fabrik, aus deren anderem Ende die erwähnten „süßen Endprodukte“ fallen. Dieser Vorgang wird indessen so raffiniert verpixelt bzw. ins Unscharf-Surreale verzerrt dargestellt, dass der Rezensent nach dem ersten Eindruck nicht sagen kann, ob er hinter der Szene einen Film oder eine reale dreidimensionale Darstellung wahrgenommen hat. Auch dieses Verwischen der Grenzen zwischen Realität und Imagination, zwischen hell und dunkel und Wirklichkeit und Wunsch ist eine der phänomenalen Fähigkeiten Axel Ranischs und ein prägendes Kennzeichen dieser Stuttgarter Neuproduktion von Hänsel und Gretel.

In diesen märchen-konformen Kontext gehören auch das Taumännchen und seine ihm vom Regisseur zugedachte, über den bekannten Märchenstoff weit hinausgehende Rolle und Aufgabe. Die hier wie auch als Sandmännchen äußerst anrührend, ja fast verzaubernd singende Claudia Muschio entnimmt den neben dem
schlafenden Geschwisterpaar wachsenden Pilzen Sporen und entwickelt daraus eine eigene Pilzzucht. Deren Ergebnis präsentiert das Taumännchen im Schlussbild, wo es ein besonders prachtvolles Pilzexemplar wie einen Pokal oder – zum Text dieses Bildes „Wenn die Not aufs Höchste steigt, Gott der Herr die Hand uns reicht“ besser passend – wie eine Monstranz in die Höhe und über die Köpfe der befreiten Kinder hält. Um diesen Einfall des Regisseurs zu verstehen, der damit auch klar macht, dass er nicht auf göttliche Hilfe und eine überirdische Lösung der menschlichen Probleme vertraut, muss man allerdings das Programmheft zu Rate  ziehen.

In einem tief schürfenden Fachbeitrag zum Thema Pilze und in einem Interview mit Axel Ranisch werden dieses Pilzmotiv und seine Bedeutung für den Regisseur ausführlich beschrieben. Darüber hinaus wird hier nicht nur erklärt, dass und wie sich damit das jetzige und in Zukunft noch zunehmende Ernährungsproblem der Menschheit lösen lässt, sondern dass Pilze, die ältesten Lebewesen der Erde, sogar einen „Beitrag zur Sanierung vergifteter Ökosysteme, zur Säuberung der Umwelt“ leisten können.

Das alles erschließt sich in der Aufführung nicht so leicht, enthält aber mit Blick auf die ausführlich geschilderte, entmutigende, kaputte, ja lebensfeindliche Weltsituation immerhin einen Fingerzeig, in welch hoffnungsvollere, lebensbejahende Richtung es für die nachkommenden Generationen gehen könnte. Damit, so kann man Axel Ranischs Bilderwelt auch deuten, ließen sich zwar nicht unbedingt die Waldbrände, aber doch ein drohender Weltbrand abwenden, der durch die sich andeutende Klimakatastrophe und die durch sie heraufbeschworenen existenzbedrohenden Probleme und Konflikte durchaus möglich würde.

Neben dem bereits gepriesenen „hauseigenen“ Solisten-Sextett, das erneut das überdurchschnittlich hohe Niveau bestätigt, auf dem an der Stuttgarter Oper gesungen und gespielt wird, begeistert der von Bernhard Moncado bestens vorbereitete sing- und spielfreudige Kinderchor. Das von der russischen Dirigentin Alevtina Ioffe mit straffer Hand zügig durch den Abend geführte Staatsorchester macht jederzeit deutlich, dass Humperdincks Musik wenig mit verzärtelter Romantik zu tun hat, sondern durchweg katastrophen-tauglich und -konform ist. Am Premierenabend bietet die Leistung im Orchestergraben den Sängerinnen und Sängern ein sicheres, verlässliches Fundament, auch wenn dieses an manchen Stellen etwas zu klangmächtig wirkt und zu lautstark „aus dem Graben wächst“.

Staatsoper Suttgart / Hänsel und Gretel - hier - Schlafscene mit Taumännchen © Matthias Baus
Staatsoper Suttgart / Hänsel und Gretel – hier – Schlafscene mit Taumännchen © Matthias Baus

Dafür entschädigen viele sehr klangschöne, ungemein feinsinnig gelingende Passagen, insbesondere bei den Einsätzen der fabelhaften Bläser, aber auch generell immer dann, wenn die Dirigentin das Orchester den feinen Nuancen und ausgeprägten Farbschattierungen der Partitur nachspüren lässt.

Mit dieser erfreulichen Mischung aus szenischer Bildkraft und musikalischer Souveränität gibt diese Stuttgarter Hänsel-und Gretel Neuproduktion nicht nur interessante Denkanstöße und übt – berechtigte – Kritik an der aktuellen Lage von Gesellschaft und Umwelt, sondern gibt auch wenigstens ein bisschen der Hoffnung
Raum, dass es der Menschheit doch noch gelingen könnten, einige der sie bedrohenden Probleme zu lösen. Und das ist für eine Opernproduktion, die es ja immerhin auch fertigbringt, das Publikum zu begeistern und fast zwei Stunden lang zu fesseln, keine geringe Leistung und erst recht keine zu ignorierende Nebenwirkung!

Dieser Meinung war wohl auch das Premierenpublikum, das alle Mitwirkenden vor, auf und hinter der Bühne frenetisch beklatschte, ja bejubelte.

Hänsel und Gretel an der Staatsoper Stuttgart; weitere Vorstellungen: 20.2.; (Doppelvorstellung) 26.02.; 9.3.; 11.3.; 13.3.; 28. 03.; 03. 04.2022  – link HIER!

—| IOCO Kritik Staatsoper Stuttgart |—


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