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Berlin, Deutsche Oper Berlin, Hänsel und Gretel – Engelbert Humperdinck, IOCO Kritik, 25.01.2022

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Karin Hasenstein
25. January 2022
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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)
Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Hänsel und Gretel  –  Engelbert Humperdinck

– Tradition in zeitgemäßem Kleid –

von Karin Hasenstein

“Es war einmal…”         …ein kleines Haus am Rande eines großen Waldes. Darin wohnte ein Besenbinder mit seiner Frau und seinen zwei Kindern. Das Mädchen hieß Gretel, der Junge Hans. Aber alle nannten ihn Hänsel. Die Familie war sehr arm. Manchmal, wenn die Geschäfte nicht so gut gingen und die Leute keine Besen kaufen wollten, wusste der Vater nicht, wie er seine Familie ernähren sollte. Und hier nimmt die Geschichte, die wir euch erzählen wollen, ihren Anfang.” (entnommen aus dem Programm der Deutschen Oper Berlin)

An vielen Opernhäusern ist es Tradition, in der Weihnachtszeit die Märchenoper Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck aufzuführen. So auch an der Deutschen Oper Berlin, wo die Oper seit 24 Jahren fast hundert Mal aufgeführt wurde. Sie wird gerade in der Weihnachtszeit in vielen Kindervorstellungen gezeigt, dabei ist das Stück weder eine ausdrückliche Kinderoper, noch spielt es zur Weihnachtszeit (Die Kinder werden von der Mutter zum Erdbeeren suchen in den Wald geschickt und schlafen draußen). Aber Hänsel und Gretel ist eine Märchenoper, die viele märchenhafte Elemente enthält. Damit müssen Regie und Ausstattung umgehen und das ist dem Regieteam in dieser Inszenierung auch gelungen.

Hänsel und Gretel – Trailer – Deutsche Oper Berlin
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Der Inszenierung von Andreas Homoki, seit Beginn der Spielzeit 2012/13  Intendant des Opernhaus Zürich, merkt man ihr Alter überhaupt nicht an, und wenn, dann bestenfalls im positiven Sinne. Dabei ist sie jedoch auch keineswegs altbacken oder traditionell sondern auf angenehme Art zeitlos.

Der Text von Adelheid Wette geht auf das Märchen der Brüder Grimm zurück. Thema sind die Urängste der Kinder und deren Sieg über diese. Das Verlassenwerden von den Eltern, der dunkle Wald, die böse Hexe und schließlich der Triumph über diese Ängste.

Erstes Bild

Das Vorspiel erklingt bei geschlossenem Vorhang, so dass die Konzentration ganz auf den Klang gelenkt werden kann. Wieder einmal begeistern die Hörner des Orchesters der Deutschen Oper Berlin, ebenso die Holzbläser. Ein großer Bogen leitet über zum Einsatz der Trompeten, die bekannten Themen der romantischen Oper werden vorgestellt.  Der Vorhang öffnet sich und wir sehen die Kinder in der Küche, mit ihren Aufgaben beschäftigt. Gretel strickt einen Strumpf und Hänsel soll einen Besen binden. Das erste Lied erklingt, “Suse, liebe Suse, was raschelt im Stroh?”

Das Haus des Besenbinders ist nur durch zwei Wände angedeutet, dahinter sind hohe dunkle Tannen. Beide Kinder tragen weiße Pullover, Gretel einen kurzen hellgrauen Rock, Hänsel eine kurze hellgraue Hose, beide mit Trägern, dazu derbe graue Socken und einfache Schuhe. Die Kinder armer Leute. (Bühne und Kostüme: Wolfgang Gussmann).

Immer nur arbeiten macht aber keinen Spaß und so fangen sie schon bald an zu spielen und zu toben. Gretel erzählt ihrem Bruder, dass die Mutter von der Nachbarin einen Topf Milch bekommen hat und heute Abend sicher einen leckeren Milchreis kochen wird. Die Mutter überrascht die Beiden, stellt fest, dass sie ihre Arbeit nicht erledigt haben und zerbricht in ihrem Ärger den Krug Milch. Was soll sie nun kochen? Zur Strafe schickt sie die Kinder in den Wald, um Erdbeeren zu sammeln.

Als der Vater nach Hause kommt, hat er überraschenderweise eine ganze Kiepe voller Würste, Eier, Butter und anderer guter Sachen dabei und alle Sorgen scheinen vergessen. Aber wo bleiben nur die Kinder? Als die Mutter erzählt, dass sie sie in den Wald geschickt hat, ist der Vater entsetzt, denn dort wohnt doch die Böse, die Knusperhexe!

Die Eltern tragen sehr ähnliche Kleidung wie die Kinder, nur in der erwachsenen Version, also lange Hosen für den Vater und eine lange Schürze über dem Rock für die Mutter. Als der Vater der Mutter die Geschichte von der Knusperhexe erzählt (“Eine Hex, steinalt, haust tief im Wald, vom Teufel selber hat sie Gewalt.

Um Mitternacht, wenn niemand wacht, dann reitet sie zur Hexenjagd!”)  fahren die hinter dem Haus bisher nur angedeutete Bäume zu einem dichten Wald zusammen, hier wird mit ganz einfachen Theatermitteln ein toller märchenhafter Effekt erzielt. Der Wald verdichtet sich und das Haus des Besenbinders verschwindet.

Deutsche Oper Berlin / Hänsel und Gretel © Bettina Stoess
Deutsche Oper Berlin / Hänsel und Gretel © Bettina Stoess

Zweites Bild

Als die Kinder im Wald auftauchen, tragen sie plötzlich andere Kleidung. Das Grau aus dem armen Zuhause ist verschwunden. Nun tragen sie rote Pullover und gelben Rock bzw. Hose und gelbe Strümpfe. Auch haben sie auf einmal rote Haare anstatt blonde.

Das Elend und die Armut ihrer Welt haben sie hinter sich gelassen. Hier im Wald geht es ihnen gut, schon bald haben sie ihr Körbchen mit Erdbeeren gefüllt. Gretel pflückt Blumen und windet, Foto oben, einen Kranz aus Hagebutten “Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm; es hat aus lauter Purpur ein Mänt’lein um.”

Die Kinder naschen von den köstlichen Erdbeeren und plötzlich ist das Körbchen leer. Gretel fürchtet, dass die Mutter schimpfen wird. Inzwischen ist es auch noch dunkel geworden, die Tannen werfen lange Schatten. Da merken die Kinder, dass sie sich verirrt haben. Aus der Ferne kommt ein schwaches Leuchten immer näher, die Nebelfrauen oder der Mond? Zwischen den Bäumen, die auseinander- und zusammenfahren, taucht immer wieder die Knusperhexe auf, von den Kindern unbemerkt.

Als Gretel überzeugt ist, dass da aus dem Wald weiße Nebelfrauen kommen, taucht von oben der Sandmann auf. Er sitzt auf einer roten Kugel und kommt herunter zu den Kindern. Er trägt eine Art Clowns-Kostüm ganz in Sonnengelb und einen spitzen Hut. Er singt sein Auftrittslied “Der kleine Sandmann bin ich” und streut dazu reichlich Glitzer. Die Kinder sind ängstlich und müde und legen sich zum Schlafen auf den Waldboden. Hänsel will mit seiner Schwester den Abendsegen beten.

Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie Regisseure den Abendsegen und die Traumpantomime gestalten. Natürlich müssen irgendwie die 14 Englein auftauchen. Man hat sie schon als kleine dicke Putten gesehen, als graue Männer aus Momo oder als Dick und Doof-Parodien.

Andreas Homoki bringt sie als 14 verspielte gelbe Clowns auf die Bühne. Zunächst einmal sind Clowns für Kinder positiv besetzt, sorgen sie doch im Zirkus für Spaß und Unterhaltung. Spätestens seit Stephen Kings “Es” weiß man aber auch, dass es auch böse Clowns gibt, die Kinder entführen und erschrecken. Die vierzehn Englein in Humperdincks Abendsegen sind natürlich einzig und allein als Schutzengel zu betrachten, die den ruhigen und sicheren Schlaf der Kinder im dunklen Wald bewachen. So ist auch ihr Auftritt lustig und unterhaltsam anzusehen, bis sich schließlich alle 14 um die schlafenden Kinder herum positioniert haben.

Das Tempo des Orchesters im Abendsegen ist ruhig, die Dynamik pianissimo. Die Streicher gestalten dieses pp sehr einfühlsam, das tiefe Blech zeigt sich einmal mehr von seiner besten Seite.

Das Sandmännchen zieht an einem Seil die freundlich lächelnde übergroße Mondsichel herab, es ist ein richtiger Kindermond, wie es sie als Spieluhr gibt, mit einer dicken Knubbelnase. Während der Musik der Traumpantomime lassen die Clowns die Kinder aufstehen und schlafwandeln. Sie führen sie zu einem üppig gedeckten Tisch, die Mutter und der Vater erscheinen den Kindern im Traum, es gibt keine Not und keinen Hunger in dieser heilen Traumwelt.

Die Musik der Traumpantomime gehört für die Rezensentin mit zum Schönsten, was die Spätromantische Oper hervorgebracht hat. Wenn diese zu Ende geht, mag man kaum wieder in der Realität des Abends ankommen. Am Ende dieser Sequenz ist der gedeckte Tisch verschwunden. Die Kinder schlafen, es war alles nur ein Traum… mit den Kindern schlafen auch die Clowns ein. Der Vorhang fällt zur Pause.

Deutsche Oper Berlin / Hänsel und Gretel © Bettina Stoess
Deutsche Oper Berlin / Hänsel und Gretel © Bettina Stoess

Drittes Bild

Die Pause teilt praktisch dasselbe Bild in Traum und Wachphase. Die Clowns, die die schlafenden Kinder beschützt haben, erwachen nach und nach. Der abgesenkte Mond fährt wieder hoch und das Taumännchen verkündet den Tagesanbruch: “Der kleine Taumann heiß’ ich, mit Mutter Sonne reis’ ich! (…) Drum auf, ihr Schläfer, erwachet!” Gretel erwacht und weckt ihren Bruder. Sie erzählt Hänsel von ihrem Traum und die Kinder stellen fest, dass sie den gleichen Traum hatten. Noch halb im Schlaf stellen sie fest, dass sich über Nacht der Wald verändert hat! Ein großes rotes Haus klappt auf, eigentlich sind es nur zwei angedeutete Wände in Lebkuchen-Optik, mit Mandeln verziert. Vor und in dem Haus befinden sich zahlreiche rote Kartons. Kuchen, Süßigkeiten und andere Leckereien sucht man zunächst vergeblich – die sind jedoch in den roten Kartons. Die Stimme der Knusperhexe erklingt aus dem Off, “Knusper, knusper, Knäuschen, wer knuspert mir am Häuschen?”. Die Kinder sind übermütig geworden und antworten “Der Wind, der Wind, das himmlische Kind!”. Sie sind neugierig geworden, wer in dem seltsamen Häuschen wohl wohnt und wollen hineingehen. Immer wenn sie einen weiteren Karton öffnen und neue Leckereien entdecken, erklingt das “knusper, knusper”– Motiv. Als sie einen besonders großen Karton öffnen, kommt darin die Hexe zum Vorschein! Kostüm und Maske der Hexe (Thomas Blondelle) sind ganz zauberhaft. Es ist immer besonders schön, wenn ein Tenor die Hexe singt und wenn man auch sieht, dass es ein verkleideter Mann ist. Blondelle trägt ein schwarzes langes Kleid mit rotem Saum an den Rändern und eine sehr hohe giftgrüne hoch aufgetürmte Perücke. Dazu lange krallenartige Fingernägel und eine große krumme Nase sowie ein langes ausgeprägtes Kinn. Hier hat die Maske wirklich tolle Arbeit geleistet. Sehr überzeugend gerät das “Kommt, kleine Mäuslein, kommt in mein Häuslein! Ihr sollt’s gut bei mir haben, will drinnen köstlich euch laben!” So umschmeichelnd, manipulativ und rattenfängerisch muss das gesungen werden! Die Kinder haben keine Chance, sich der Zauberkraft der Hexe zu entziehen. Neben der stimmlichen überzeugt Thomas Blondelle auch mit der darstellerischen Präsenz und schauspielerischen Wandlungsfähigkeit.

Um die Kinder gefügig zu machen, wendet die Hexe einen Zauberspruch an, der sie am Weglaufen hindert. Von oben kommt ein großer Vogelkäfig herab, in den die Hexe Hänsel sperrt, um ihn dick und rund zu füttern, da er viel zu mager ist um ihr als Mahl zu dienen.

Bei diesen Auftritten der Hexe fällt auf, wie aufmerksam die Kinder im Publikum dem Bühnengeschehen folgen. Wie gebannt beobachten sie, was mit Hänsel und Gretelpassiert und folgen dem Gesang der Hexe sehr still und aufmerksam. Blondelle macht es ihnen auch leicht, mit exzellenter Textverständlichkeit und übertrieben gerolltem “R”, fast hysterischer Interpretation gibt er eine phantastische Knusperhexe ab.

Auch der Ofen wird mit einfachen Mitteln dargestellt, eigentlich ist es nur eine Klappe im Bühnenboden und ein Feuerschein. Offenbar fällt den Kindern aber die Abstraktion nicht schwer.

Gretel muss der Hexe bei den Vorbereitungen für ihr Festessen helfen und wird ins Haus geschickt. Während das Feuer im Ofen lustig brennt reitet die Hexe ihren neuen Besen ein. Während des Hexenritts fahren die scherenschnittartigen Tannen aus der Kulisse heraus und wieder zurück, ein netter 3D-Effekt, der in der Kombination mit rotem Licht und Nebel seine Wirkung nicht verfehlt. Am Ende des Hexenritts fliegt der Besen in hohem Bogen weg, die Bäume fahren zurück, als wäre nichts gewesen.

Schließlich gelingt es Gretel, der Hexe den Zauberstab  zu stibitzen. Die Hexe weist Gretel an, zu schauen, ob der Ofen schon bereit ist, aber Gretel stellt sich dumm, die Hexe soll ihr zeigen, wie das geht. Mit dem Zauberstab hat sie Hänsel aus dem Käfig befreit und gemeinsam stoßen sie die Knusperhexe in den Ofen.

Mit den Worten “Juchhei! Nun ist die Hexe tot, mausetot, und aus die Not!” fallen sich die Geschwister in die Arme, als plötzlich noch mehr Kinder auftauchen. Es sind die Lebkuchenkinder, die ebenfalls alle von der Hexe verzaubert worden waren und deren Bann nun gelöst ist. Schließlich kommen auch die Eltern und gemeinsam feiern und tanzen alle und sind glücklich über die wieder gewonnene Freiheit. Die Kinderchorstelle “Erlöst, befreit, für alle Zeit” in Kombination mit Hänsel und Gretel “Rühr du sie doch an, ich trau mir’s nicht” mit dem Aufwecken der Lebkuchenkinder ist immer ein sehr berührende Szene, so auch hier. Der Ofen steht auf, der Käfig fliegt nach oben weg, das Haus verschwindet. Die Kinder sammeln die Kartons ein und reihen sie an der Rampe auf. Schließlich kommt die Hexe selbst als Lebkuchen aus dem Ofen.

Hänsel und Gretel, die Eltern und die Lebkuchenkinder formieren sich zum kurzen aber unendlich schönen Schlusschor, eigentlich nur eine Phrase, “Wenn die Not aufs Höchste steigt, Gott der Herr die Hand uns reicht!” Trotzdem reicht dieser kurze Moment, um das eine oder andere Auge im Zuschauerraum feucht werden zu lassen.

Die Inszenierung von Hänsel und Gretel von Andreas Homoki besticht durch ihre Einfachheit und Direktheit. Die Geschichte wird im wesentlichen so erzählt, wie wir sie alle seit Kindertagen kennen. Da wird nichts hineininterpretiert, was nicht hineingehört und abstrus gedeutet. Die Kinder spielen und streiten sich, die Eltern sind arm und leben in einem kleinen Häuschen, die Hexe ist eine Hexe und am Ende wird alles gut. Lediglich die vierzehn Englein sind lustige Clowns, aber ein bisschen abstrahieren bekommen auch schon die Kinder hin.

Die Bühne und Kostüme (Wolfgang Gussmann) sind farbenfroh und plakativ aber nicht aufdringlich. Im ersten Bild sind die Kleider der Kinder in tristen Farben gehalten, weiß bis grau, im zweiten Bild, als sie aus dem ärmlichen Zuhause heraus sind, plötzlich sehr farbenfroh, gelb und rot. Die Knusperhexe mit ihrem phantastischen dunkelgrün bis schwarz gehaltenem Kleid und den giftgrünen Haarturm ist im Wald eigentlich ziemlich gut getarnt. Das Knusperhaus ist wie das Haus der Eltern im Grunde nur angedeutet und denkbar knapp gehalten, ein paar Mandeln auf der Wand lassen die Lebkuchen erahnen, aber es gibt keine üppigen Verzierungen. Süßigkeiten und Kuchen gibt es nur in Kartons verpackt.

Einfach und gleichzeitig raffiniert wird der Wald und der Umbau zur Traumpantomime gelöst. Die riesigen Tannen sind alle nur zweidimensional. Sie lösen sich scherenschnittartig aus der Kulisse heraus und lassen so ein plastisches Bild und den Eindruck von räumlicher Tiefe entstehen. Dieser Effekt wird mehrfach eingesetzt und verfehlt im Zusammenspiel mit der klugen Lichtregie seine Wirkung nicht.

Licht und Nebel spielen auch eine wichtige Rolle bei der Inszenierung der “Nebelfrauen”, die nur im Text erwähnt werden. Viele liebevolle kleine Details setzen sich zu einem stimmigen harmonischen Bild zusammen. Wie bereits erwähnt wird der Ofen nur durch eine Klappe im Bühnenboden angedeutet, der Käfig für Hänsels Mästung ist ein schlichter großer Vogelkäfig, aber das sind alles Bilder, die man versteht, die vor allem auch Kinder verstehen. Und auch, wenn es eine Märchenoper und keine ausdrückliche Kinderoper ist, so wird sie doch traditionell von vielen Kindern besucht. Wohltuend selbsterklärend, gut verständlich und nicht symbolisch überfrachtet tut diese Inszenierung vor allem eins, sie gefällt, und das schon seit 99 Vorstellungen. Sie ist somit absolut zeitlos und für ein Repertoirehaus wie die Deutsche Oper Berlin bestens geeignet. Der Vergleich mit der Hänsel und Gretel – Inszenierung von Achim Freyer an der Staatsoper Unter den Linden von 2018 (IOCO Rezension dazu HIER!) drängt sich auf  die den Solisten überdimensionale Köpfe aus Pappmachée zugemutet hat, die den Solisten das Singen und Spielen unnötig erschwert haben und zudem dem Klang nicht eben zuträglich waren.

Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Dominic Limburg. Der junge Schweizer Kapellmeister war zuvor am Badischen Staatstheater Karlsruhe engagiert und ist seit Sommer 2021 an der Deutschen Oper Berlin beschäftigt. Er leitete Vorstellungen von La Traviata, Carmen, Die Zauberflöte und Hänsel und Gretel und assistierte Generalmusikdirektor Donald Runnicles bei Götterdämmerung und Die Meistersinger von Nürnberg. Limburg führt das Orchester der Deutschen Oper Berlin souverän durch den Abend und spürt insbesondere in den Vorspielen und der Traumpantomime dem hochromantischen Charakter der Musik nach. Besonders hervorzuheben ist das Blech, vor allem die Hörner, die sauber und durchsichtig die bekannten Themen zuverlässig dargeboten haben. Limburg hat durchweg stimmige Tempi gewählt und den Solisten die sichere Basis aber auch die nötige Freiheit zur eigenen Interpretation gelassen.

Auch die Solisten des Abends überzeugen samt und sonders.  Die amerikanische Mezzosopranistin Irene Roberts (Hänsel) verfügt über eine sehr obertonreiche, leicht metallische und angenehm timbrierte Stimme. An ihrer Seite beeindruckte die junge puertoricanische Sopranistin Meechot Marrero (Gretel). Mit leichtem lyrischen Sopran und besonderem Timbre gibt sie stimmlich wie darstellerisch eine bezaubernde Gretel. Beide Sängerinnen harmonieren gesanglich und schauspielerisch als Geschwisterpaar vor allem auch beim Abendsegen.

Deutsche Oper Berlin / Hänsel und Gretel © Bettina Stoess
Deutsche Oper Berlin / Hänsel und Gretel © Bettina Stoess

Die Mutter (Gertrud) wird von der amerikanischen Sopranistin Heidi Melton gesungen.  Sie beeindruckt mit klaren Spitzentönen bei “hau ich euch!”, ist aber ebenso überzeugend klagend und innig an ruhigen Stellen, zum Beispiel als sie die Kinder Erdbeeren suchen schickt.

Der australische Bariton Samuel Dale Johnson (Peter, Besenbinder) vermag das Publikum gleich mit seinem ersten Auftritt “Ralalala, Hoppsassa” aus dem Off für sich einzunehmen. Mit seinem kräftigen Bariton und seinem warmen Timbre sowie sehr guter Textverständlichkeit verkörpert er den Peter Besenbinder glaubhaft.  Die Stelle “Kauft Besen!” erinnert musikalisch stark an Humperdincks andere Märchenoper Königskinder. Eine Hex, steinalt, haust tief im Wald, vom Teufel selber hat sie Gewalt. Um Mitternacht, wenn niemand wacht, dann reitet sie zur Hexenjagd!” Die Parallelität bei der Figur des Besenbinders und in der Musik fällt auf.

Für die Knusperhexe gibt es verschiedene Möglichkeiten. Man kann die Hexe mit einem Mezzosopran oder einem Tenor besetzen. Die Rezensentin bevorzugt die Tenorlösung, weil dadurch der Charakter einer Phantasiefigur und die Abstraktion besser getroffen wird. Auch die Deutsche Oper Berlin setzt auf einen Tenor, ihr Ensemblemitglied Thomas Blondelle. Der belgische Tenor debütierte 2009 an der Deutschen Oper und gehört seitdem dort zum Ensemble. Er begeisterte bereits als Boris in Katja Kabanova oder Loge im Rheingold. Als Knusperhexe beweist er einmal mehr seine stimmliche Wandlungsfähigkeit sowie auch seine außergewöhnliche Bühnenpräsenz und Spielfreude. Seine große Textverständlichkeit und das übertrieben gerollte “R” macht seine Rolleninterpretation zum Erlebnis und ihn zum “Abräumer” beim Schlussapplaus.

Die russische Sopranistin Valeriia Savinskaia singt die Rolle des Sandmännchen/ Taumännchen, das die Kinder in den Schlaf singt und wieder aufweckt sehr charmant mit leichtem lyrischen Sopran.

Der Kinderchor der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung von Christian Lindhorst gibt den Lebkuchenkindern Gestalt und Stimme. Die Kinder meistern ihre Chorpartie musikalisch und textlich absolut sicher und selbst in der heiklen Stelle mit den Nebelfrauen gelingt das musikalisch nicht ganz einfache Echo “Wer da? – Er da!” präzise auf den Punkt. Dass der Kinderchor mit der Feststellung “Wenn die Not auf’s Höchste steigt, Gott der Herr die Hand uns reicht!” die Oper beschließt, sorgt immer für einen Moment der Rührung, in dem sich auch das Orchester noch einmal einen kurzen hochromantischen Moment lang austoben darf. Dieser Schluss verfehlt natürlich seine Wirkung nicht und so ernten alle Mitwirkenden tosenden Applaus des ganz jungen wie auch des älteren Publikums.

Da die Deutsche Oper Berlin eine Repertoireoper ist, wird diese Inszenierung von Andreas Homoki auch weiterhin gespielt, wofür die Rezensentin eine ganz klare Empfehlung aussprechen möchte.

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—


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