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KritikenStaatsoper Stuttgart

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Juditha triumphans – Oratorium Antonio Vivaldi, IOCO Kritik, 22.01.2022

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Peter Schlang
23. January 2022
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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus
Oper Stuttgart © Matthias Baus

Juditha triumphans – Antonio Vivaldi

– Wie Frauen das Bewusstsein (und die Welt) verändern könn(t)en –

von Peter Schlang

Wie andere Opernhäuser und Kultureinrichtungen war auch die Stuttgarter Oper in den vergangenen zwei Jahren zweimal über jeweils mehrere Monate geschlossen und – wenigstens vor den Kulissen – zur scheinbaren Untätigkeit verdammt. Mit einer, wie es einer der Dramaturgen des Hauses, Miron Hakenbeck, formulierte „trotzigen Vitalität“ stürzt sich die größere der beiden baden-württembergischen Staatsopern daher in dieser Spielzeit in einen wahren Premierenrausch und brachte nach zwei Neu-Inszenierungen Anfang und Ende November am Sonntag, dem 16. Januar mit Antonio Vivaldis Oratorium Juditha triumphans bereits die dritte Neuproduktion dieser Opernsaison heraus.

Silvia Costa an der Staatsoper Stuttgart – Antonio Vivaldis Oratorium Juditha triumphans –  Eindrucksvolles Regie-Debüt und begeisternder Opernabend

Antonio Vivaldi - Denkmal in Wien © IOCO
Antonio Vivaldi – Denkmal in Wien © IOCO

Ursprünglich war die Stuttgarter Premiere dieses auf Deutsch in voller Länge „Die über die Barbarei des Holofernes triumphierende Judith“ titulierten, in lateinischer Sprache gefassten Werkes vor fast zwei Jahren vorgesehen, nämlich für den 22. März 2020. Unmittelbar nach der Klavier-Hauptprobe hatte die beginnende Corona-Pandemie damals alle weiteren Arbeiten an dieser szenischen Umsetzung des auf ein Libretto von Iacopo Cassetti  komponierten „Oratorio sacrum militare“ gestoppt, des einzig überlieferten Oratorium Vivaldis. Das hatte der „Prete Rosso“ für das von ihm musikalisch betreute Ospedale della Pietà in Venedig geschrieben, einem Mädchen-Waisenhaus mit angeschlossenem Conservatorio, einer Musikschule. Dort brachte er es auch im November 1716 mit dem schuleigenen Orchester und Chor, beide, wie auch die Rollen der Solistinnen, ausschließlich mit Mädchen und jungen Frauen besetzt, zur Aufführung.

Juditha triumphans – Trailer der Staatsoper Stuttgart
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Äußerer Anlass für Vivaldis Komposition war der Sieg der Republik Venedig über die türkischen Besatzer der heute griechischen Insel Korfu im selben Jahr,  für dessen musikalische Würdigung das im Alten Testament bzw. in dessen apokryphem Teil enthaltene Buch Judith der Auftrag gebenden Republik Venedig offensichtlich als angemessene Vorlage erschien. Immerhin bot die darin geschilderte Vertreibung der assyrischen Armee und die Ermordung ihres Generals Holofernes durch die junge jüdisch-bethulische Witwe Judith eine triumph- und jubelsatte Parallele zum Sieg über die Osmanen.

Die szenische und bildliche Umsetzung dieses aus mehreren Gründen nicht leicht auf die Opernbühne zu bringenden Opus lag in Stuttgart in Händen der jungen italienischen Regisseurin Silvia Costa, die nach zahlreichen Regiearbeiten für das Schauspiel mit der Juditha ihr durch und durch gelungenes Musiktheater-Debüt feierte.

Staatsoper Stuttgart / Oratorium Juditha triumphans hier Rachael Wilson (Juditha), Stine Marie Fischer (Holofernes), Chor © Martin Sigmund
Staatsoper Stuttgart / Oratorium Juditha triumphans hier Rachael Wilson (Juditha), Stine Marie Fischer (Holofernes), Chor © Martin Sigmund

Zur Vorbereitung auf die Stuttgarter Neu-Inszenierung hatten sich Costa und ihr Team an die 200 Gemälde zum Judith-und-Holofernes-Mythos  angesehen und auf für die szenische Umsetzung hilfreiche und passende Details untersucht. Das Ergebnis dieser Bilderreise, eine kaum enden wollende und nicht immer (leicht) zu entschlüsselnde Flut von Tableaus, Zitaten, Motiven, Anspielungen und Vergleichen war jetzt also erstmals am Haus am Eckensee zu erleben und entfacht im dafür offenen, aufmerksamen Zuschauer ein wahres Assoziationsgewitter. Dazu trägt von Anfang an auch das raffiniert-einfache und dramaturgisch äußerst hilfreiche Bühnenbild bei, das, wie schon angedeutet, ebenfalls in den Händen bzw. im Kopf Silvia Costas lag.

Dabei und bei allen szenischen wie bildlichen Details erliegen Costa und ihre sie unterstützenden Assistentinnen Rosabel Huguet Duenas (Regie) und Maroussia Vaes (Bühne) sowie die Kostümbildnerin  Laura Dondoli nie der Versuchung, diesen durchaus hollywood-geeigneten Stoff plakativ und sensationslüstern auszuschlachten und  zu überreizen. Vielmehr finden sie zwar häufig pralle, ja drastische Bilder, die aber so gut wie nie aus dem Lot geraten und fast immer eine zarte, behutsame Sicht auf die Personen und ihre Motive und Handlungen erkennen lassen. So bleibt den ganzen Abend über Costas Zielsetzung erkennbar, nicht einfach nur Judiths Bluttat, also die Ermordung des Holofernes,  nachzuerzählen und den generischen Rollenwechsel eins zu eins und damit unkommentiert zu übernehmen , sondern generell den Befreiungskampf von Frauen zu beleuchten und zu erfragen, welche Widerstandsenergie sie dabei freisetzen und woher sie diese nehmen.

Dazu wählt Costa zwei den ganzen Abend bzw. die Bühne dominierende „feminine Farben“, ein leuchtendes Weiß, siehe Foto oben, im ersten Teil und ein tiefes Rot, welches weitgehend den zweiten Teil nach der Pause prägt.  In beiden Hälften zeigen die Darstellerinnen auf der Bühne – im ersten Teil stellt der Frauenchor das assyrische Heer um seinen Führer Holofernes in deren Feldlager dar, im zweiten verkörpert er in eher städtischer Szenerie die bethulischen Jungfrauen um deren psychologische Stütze und Anführerin Judith – typische, positive weibliche Verhaltensmuster und üben Rituale aus, welche der Selbstvergewisserung  und Bewusstseinsstärkung von Frauen dienen. Im Vordergrund stehen dabei  – selbst bei den Soldatinnen in ihrer militärischen Umgebung  – lebensbejahende und lebenserhaltende Tätigkeiten und Handlungen, welche Solidarität, Achtsamkeit und Geschwisterlichkeit als existenzielle Werte ausdrücken. Dadurch bekommen die Figuren etwas sehr Berührendes, Behutsames, Weiches, was allerdings so gar nicht zu der von uns wahrgenommenen, noch immer männlich beherrschten Realität passen mag. Allerdings keimt beim aufmerksamen Betrachter beim Niederschreiben seiner Beobachtungen und Eindrücke eine berechtigte, zumindest gewisse Hoffnung auf – kleinere – Änderungen auf,  etwa wenn er an die gerade erfolgten Besuche unserer Außenministerin Annalena Baerbock, der ersten in der bundesdeutschen Realität, in Kiew und Moskau und  ihre von dort berichteten Auftritte sowie ihre dahinter stehende Einstellung und Haltung denkt. Kommt hier nicht eine andere, neue, achtsamere und behutsamere Sicht auf die Welt, ihre Konflikte und deren mögliche Lösungen zum Vorschein, wie sie auch die Frauen im Ospedale della Pietà  bzw. auf der Bühne der Stuttgarter  Oper an den Tag legen?

Staatsoper Stuttgart / Oratorium Juditha triumphans hier Auf dem Bild Gaia Petrone (Abra), Diana Haller (Vagaus), Rachael Wilson (Juditha), Linsey Coppens (Ozias), Mitte: Stine Marie Fischer (Holofernes) © Martin Sigmund
Staatsoper Stuttgart / Oratorium Juditha triumphans hier Auf dem Bild Gaia Petrone (Abra), Diana Haller (Vagaus), Rachael Wilson (Juditha), Linsey Coppens (Ozias), Mitte: Stine Marie Fischer (Holofernes) © Martin Sigmund

Mit diesem kurzen aktuellen Transfer soll deutlich werden, wie bildhaft-assoziativ diese Stuttgarter Juditha gestaltet ist und welche greifbaren, spannenden, wirkmächtigen und auch Hoffnung erzeugenden Bezüge diese fesselnde Inszenierung bereithält. Deren Zahl und Fülle ist so groß und deren Bildmacht so eindrücklich, erst recht, wenn man auch noch die Personenführung und Bewegungs-Choreografie einbezieht, dass der Rezensent mit Bedacht darauf verzichtet, einzelne, konkrete Beispiele zu nennen oder gar zu beschreiben. Diese geballte Phantasie und Lust an Darstellung und Spiel muss man selbst sehen und auf sich wirken lassen, wobei diese Wirkung natürlich bei jeder Besucherin und jedem Betrachter andere Assoziationen hervorrufen und entsprechende Wirkung hinterlassen dürfte.

Einen uneingeschränkt positiven, ja begeisternden Eindruck hinterlässt der Abend auch in musikalischer Hinsicht, und das, wenn man den häufig zu aufbrandenden Szenenapplaus und die Begeisterungsbekundungen am Ende gehört hat, offenbar nicht nur beim Ioco-Rezensenten. Dafür zeichnen zunächst die auf der Bühne agierenden Sängerinnen verantwortlich, die allesamt, egal ob in Person und Stimme  der fünf Solistinnen oder im ja schon sprichwörtlich phänomenalen Damenchor, von Bernhard Moncado fabelhaft vorbereitet, eine hin- und mitreißende, unter die Haut gehende Vorstellung abliefern. Mit diesem Substantiv soll ausgedrückt werden, dass die – bis auf eine Darstellerin alle dem Stamm-Ensemble der Stuttgarter Oper angehörenden – Sängerinnen sowohl stimmlich als auch darstellerisch Außergewöhnliches leisten und die Vorstellungen des Komponisten und der Regisseurin ohne jeden Abstrich kongenial umsetzen. Dies gilt zu allererst  für die Sängerinnen der beiden Hauptpartien, Rachael Wilson als darstellerisch ungeheuer präsente und stimmlich emotional berührende Juditha, der man ihre Zerrissenheit in jeder Sekunde abnimmt, und Stine Marie Fischer als scheinbar überlegen lenkender, aber auch innerlich verletzlicher Holofernes. Ihnen und ihrer Leistung stehen aber die wie gewohnt  völlig gelöst und sehr souverän agierende Diana Haller als des Holfernes Adlatus Vagaus, Gaia Petrone als Judiths Magd Abra und Linsey Coppens als der bethulische Hohepriester  Ozias in nichts nach. Zu diesem homogenen Quintett, aus dem man höchstens das so selten zu erlebende Trio von gleich drei herausragenden Altistinnen etwas hervorheben kann, kommen aus dem Chor noch die zwei Ensemble-Solistinnen Laura Corrales und Anna Matyuschenko.

Diese beispielhaften vokalen Leistungen wären sicherlich ohne die kongeniale Begleitung und Stütze aus dem Orchestergraben nicht  denkbar. Das an diesem Abend auf barocke Größe verkleinerte, aber in der Bassgruppe durch sage und schreibe vier Theorben und fünf Gamben sowie Cembalo und Orgelpositiv eindrucksvoll verstärkte Staatsorchester bietet einen sehr anpassungsfähigen, schlanken, durchhörbaren Ensembleklang, der an den entsprechenden Stellen aber auch zu martialischer Steigerung  fähig ist. Unter der jederzeit souveränen Leitung des Alte-Musik-Experten Benjamin Bayl gelingen aber auch die zahlreichen kammermusikalischen Momente wunderbar, bei denen etwa Soloinstrumente oder Instrumentengruppen die Arien der Protagonistinnen mitgestalten und begleiten.

Als kurzgefasstes Fazit dieses außergewöhnlichen Abends bleibt die Ohren, Augen und Seelen schmeichelnde, ja beglückende Erkenntnis,  welch ungeheuer sinnliche Kraft menschliche Kreativität, Gestaltungswille und Kunstbeflissenheit entfalten können. So etwas nennt man auch eine Sternstunde!

Juditha triumphans an der Staatsoper Szttgart; weitere  Aufführungen am 22.1. und 11.2. sowie am 2., 6., 10. 12. 3.2022

—| IOCO Kritik Staatsoper Stuttgart |—


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