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Frankfurt, Oper Frankfurt, DIE NACHT VOR WEIHNACHTEN – Nikolai Rimski-Korsakow, IOCO Kritik, 18.12.2021

Ljerka Orekovic Herrmann
18. December 2021
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO
Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

DIE NACHT VOR WEIHNACHTEN – Nikolai A. Rimski-Korsakow nach Nikolai Gogol

Die Nacht vor Weihnachten: Wünsche und Sehnsüchte der Bewohner des ukrainischen Dorfes Dikanka treffen sich, doch  dann stiehlt der Teufel den  Mond …..

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Es ist die Oper der Stunde Die Nacht vor Weihnachten von Nikolai A. Rimski-Korsakow (1844-1908). Nicht nur, dass sie aufgrund der Namensgebung in die Advents- und Weihnachtszeit idealtypisch zu passen scheint, sondern gerade in unsere graue Corona-Zeit. Denn sie befördert festliche Stimmung, die ansonsten so gar nicht aufkommen will und entführt das Publikum für drei Stunden in eine Welt voller naturmystischer, heidnischer und auch orthodox-christlicher Anmutung mit ukrainischen Koljadkas, die in der Weihnachtszeit erklingen, und einen verzaubert das Opernhaus verlassen lassen. Es gab mehrfach „Premieren“: erstmals wird Rimski-Korsakows Werk, das auf der gleichnamigen Erzählung Nikolai Gogols beruht, an der Oper Frankfurt gegeben, gleichzeitig fand mit der Generalprobe auch die Premiere statt. Da Corona-Regeln einen vollbesetzten Zuschauerraum nicht zulassen, versuchte das Haus etliche Premieren-Abonnenten für die Generalprobe (mit Erfolg) zu gewinnen. Intendant Bernd Loebe betonte in seiner einleitenden Rede, dass sich so etwas tatsächlich noch nie ereignet hatte: Generalprobe und Premiere an einem Abend.

Die Nacht vor Weihnachten – Nikolai Rimski-Korsakow
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Und sie trägt eine etwas andere, als die gewohnte und vertraute Handschrift von Christof Loy an der Oper Frankfurt. Hatten seine früheren Inszenierungen weniger im jeweils historisch geprägten Rahmen gespielt, was nicht bedeutet, dieser Zugang wäre unzulässig oder gar falsch, belässt er Rimski-Korsakows Oper in ihrem historischen Kontext: in Russland. Die Kostüme von Ursula Renzenbrink sind russischer Folklore entlehnt, ohne sich ins Kitschige zu verlieren oder zu karikieren. Im Gegenteil! Die Anlehnungen bezeugen die genaue Auseinandersetzung des gesamten Regie-Teams, dazu gehört auch das Bühnenbild von Johannes Leiacker, dessen Schleier eine Märchenlandschaft evozieren und zugleich die Winterlandschaft Russlands symbolisieren, ohne unnötige klischeehafte Anspielungen. Ein Stück russischer Operngeschichte, das im europäischen Westen selten präsentiert wird. Völlig zu Unrecht. Rimski-Korsakow ist ein herausragender Komponist, der die russische Sprache – das Libretto hat er ebenfalls verfasst – mit der Musik zur vollkommenen Einheit verschmilzt und so das Zauberhafte zum Leuchten bringt. Dafür – und diese Entscheidung kann nicht genug herausgehoben werden! – hat die Oper Frankfurt ein mehrheitlich muttersprachliches Solistenensemble verpflichtet. Diese Sängerinnen und Sänger besitzen nicht nur eine kulturelle Vertrautheit mit dem Sujet (bis hin zum richtigen Bekreuzigen), sondern verleihen der Aufführung das nötige sprachliche „Timbre“ – wobei auch die Nichtmuttersprachler ausdrücklich mitgemeint sind. Zudem zeigen alle Mitwirkenden einen außerordentlichen Spielwitz.

Es ist die Nacht vor Weihnachten, in der Wünsche und Sehnsüchte der irdischen Bewohner des ukrainischen Dorfes Dikanka im Mittelpunkt stehen, der Teufel aber den (übergroßen) Mond stiehlt, da es seine letzte Nacht auf Erden ist, um sein böses Handwerk auszuüben und sich am Dorfschmied und Maler Wakula zu rächen; dieser hat den Kirchenvorraum mit der Vertreibung des Leibhaftigen ausgemalt. Den Besuch bei Wakulas angebeteter Oksana will er mit dem gestohlenen Mond, und der sich ausbreitenden Dunkelheit verhindern, da Tschub, ihr Vater, bei der Dunkelheit und dem Schneesturm zu Hause bleiben wird. Und so trifft er sich auf dem Dach mit Solocha, Wakulas Mutter und Hexe, die auf dem Kamin sitzend auf ihn wartet und ihrerseits Pläne schmiedet. Sie möchte mit Hilfe des Teufels den reichen Tschub heiraten, um an sein Vermögen zu kommen. Beide finden sich nicht nur in einer Zweckgemeinschaft wieder, sie verbindet mehr. Nur wenig später wird sich das erweisen, zuvor „fliegen“ sie – der Teufel dank seiner Kräfte ohne weitere Hilfsmittel, Oksana hexengerecht auf einem Besen – davon. Ein schönes Bild, das für die erste bewundernde Reaktion aus dem Publikum sorgt, der technischen Abteilung, wie auch allen anderen Beteiligten, einiges an Aufwand abverlangt und Anerkennung verdient. Einzig Panas, von Anthony Robin Schneider als hellwacher Kumpane von Tschub gespielt, wundert sich über den verschwundenen Mond und möchte mit diesem lieber dem einsetzenden Schneesturm entfliehen.

Trotz der Teufeleien und Solochas Hexenkunst begeben sich alle in die Dunkelheit und so finden sich ihre Liebhaber einer nach dem anderen ein: der durchaus sympathische Teufel, mit dem sie in ihr Zimmer geflogen kam, der Diakon, der Bürgermeister und Tschub. Enkelejda Shkoza gibt eine gewiefte, stimmlich und spielerisch beeindruckende Solocha, die ihre „gehörnten“ Liebhaber betört, doch der Reihe nach nonchalant im jeweils bereitliegenden Kohlensack verschwinden lässt, die später ihr Sohn nichtsahnend über den Inhalt in die Schmiede tragen wird; eine musikalisch wie darstellerisch irrwitzige Situation, bei dem die Lacher nicht ausbleiben. Das (ungewollte) Liebhaber-Ensemble besteht aus den nicht minder stimmlich und darstellerisch überragenden Solisten: Andrei Popov, Peter Marsh, Sebastian Geyer und Alexej Tikhomirov.

Gleiches gilt für das zukünftige Liebespaar Wakula und OksanaGeorgy Vasiliev und Julia Muzychenko betören mit lyrischem Tenor bzw. zartem und wohlklingenden Sopran. Er wirbt verzweifelt um sie, sie ist hingegen von ihrem Äußeren so sehr eingenommen, als dass sie Wakulas Ansinnen ernsthaft in Erwähnung ziehen würde. Rimski-Korsakow hat ihr als einzige zwei große Arien geschrieben, in denen sie ihre eigene Schönheit, aber auch die Liebe Wakulas besingt. Dennoch fordert sie von ihm Schuhe wie sie die Zarin trägt, als Bedingung für die Heirat. Angesichts dieser frivolen Laune, vom Chor munter unterstützt, bittet Wakula den Zauberer Pazjuk – Thomas Faulkner gibt einen wunderbar verfressenen, aber wenig hilfreichen Quacksalber – um „Fürsprache“ beim Teufel; Pazjuk verweist nur auf den Sack, den der Schmied auf seinem Rücken trägt. Endlich sieht der Teufel seine Stunde gekommen, Wakulas Seele für sich zu gewinnen. Natürlich wird es ihm nicht gelingen – Wakulas Kreuz verhindert es –, doch zuvor fliegen sie gemeinsam zur Zarin. Am Zarenhof, in dem der Chor nicht nur stimmlich brilliert, sondern auch kontrastreich zur Dorfbevölkerung in farbenfrohe und prächtige Kostüme gekleidet ist, gewinnt Wakula die Gunst der Zarin – Bianca Andrew gibt sie wohlklingend – und ihre schönsten, goldenen, Schuhe. Überhaupt ist der Chor unter der Leitung von Tilman Michael ein weiterer wesentlicher Akteur, der ebenso mit beeindruckender stimmlicher Präsenz und Spielfreude aufwartet.

Die Nacht weicht allmählich dem Tag, die dunklen Geister müssen abziehen. Koljada, Ayelet Polne als anmutige Ballerina mit Schwanensee-Anleihen, und Gorka Culebras vertreiben als (tanzende) Sonnengottheiten die bösen Geister. Sie zeugen von der Neugeburt der Sonne, vom „Licht im Osten“; dafür findet Rimski-Korsakow eine einmalige und berückende musikalische Ausdrucksweise: Auf den engelhaften Frauenchor stimmt ein Männerchor ein, das Orchester unterstreicht mit sattem Klang und Kirchenglocken den erhabenen Augenblick. Über Wakulas vermeintliche Todesart streiten sich herrlich überzeichnet zwei Frauen – Doppelrolle für Enkelejda Shkoza (Frau mit violetter Nase) und Barbara Zechmeister (Frau mit gewöhnlicher Nase) –, Oksana davon bedrückt hat unterdessen begriffen, dass sie den Schmied liebt und die Schuhe nicht mehr braucht. Seine Rückkehr ist ein großes Fest. Der Teufel und die Hexe gehen leer aus. Aber war er wirklich bei der Zarin? Wakula überlässt die Antwort dem großen Dichter, der die passende Erzählung mit „goldener Feder“ verfertigen wird: Die Musik verneigt sich im großen Finale vor Nikolai Gogol, dessen Portrait vom Chor hochgehalten wird.

Zum nicht weniger spielfreudigen Tanzensemble gehören des weiteren: Pascu Ortí (Bär), Clara Cozzolino (Odarka), Haizam Fathy (Swerbigus), Paola Ghidini (Pazjuks Sklavin), Guillaume Rabain (Monsieur Flic-Flac), Nicky van Cleef (Kammerdiener der Zarin) und Mário Branco (Der Portugiese).

Die musikalische Leitung von Sebastian Weigle ist beherzt, mitgehend, alle Facetten der Partitur auslotend und funkensprühend, dem Orchester bereitete es sichtlich Freude, was auch das Publikum mit großem Applaus belohnte – natürlich auch die anderen Mitwirkenden. Für die himmlisch-sphärenhafte Szenerie sorgte in bewährter Weise das Licht von Olaf Winter, für die Choreographie des gut geführten Tanzensembles Klevis Elmazaj und für die superbe Flugchoreographie zeichnete Ran Arthur Braun verantwortlich.

Die Gruppe der Fünf bestimmte maßgeblich die russische Musik in der Nachfolge Michail Glinkas, die auch auf das Volksliedgut Russlands und der Ukraine zurückgriff und sich bewusst von den westeuropäischen Vorbildern löste. Zu diesem „mächtigen Häuflein“ gehörten Mili Balakirew, Alexander Borodin, César Cui, Modest Mussorgski und Rimski-Korsakow. Auch wenn er eine überragende Versiertheit besaß, opulente Klanggemälde kreierte und eine differenzierte Tonsprache entwickelte, stand er (im Westen) doch etwas im Schatten der anderen Komponistenkollegen. In diesem Sinne ist auch Oskar Bies Feststellung, Rimski-Korsakow sei zuerst Mitglied der Marine gewesen und habe die Welt umsegelt, ehe er als Musiker in Erscheinung trat, zu deuten, hätte er nicht einen weiteren Satz angefügt: “Aber auch als Musiker umsegelt er die Welt und findet für jedes Sujet eine andere Sprache und einen anderen Stil.“ Dies gilt zweifellos für Die Nacht vor Weihnachten, „diese Nacht“ lebt von einer Fülle an Sprachen, Stilen und Klangfarben – nicht zu vergessen: Humor! –, die sich auf grandiose Weise zu einem Ganzen verbinden und in dieser Frankfurter Inszenierung von Christof Loy kongenial übersetzt werden. Ein herausragender und unvergesslicher Abend.

DIE NACHT VOR WEIHNACHTEN an der Oper Frankfurt; die weiteren Ternime 17.12.; 19.12.; 23.12.; 25.12.2022; 1.1.; 2.1.; 8.1.2022

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