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Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Das Rheingold – Richard Wagner, IOCO Kritik, 29.11.2021

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Peter Schlang
29. November 2021
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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus
Oper Stuttgart © Matthias Baus

Das Rheingold  –  Richard Wagner

– „Lasst alle Feigheit fahren“ – Stephan Kimmich macht Wagners Rheingold zum teils bösen, teils Hoffnung stiftenden Lehrstück über unsere Wirtschafts- und Lebensweise –

von Peter Schlang

Gerade mal drei Wochen ist es her, dass die Staatsoper Stuttgart mit Paul Dessaus Lukullus die erste Premiere dieser Saison auf die Bühne gebracht hat, und schon folgte am Sonntag, dem 21. November mit Richard Wagners Rheingold die zweite Neuinszenierung der Spielzeit. Allein diese dichte Abfolge von zwei ein Opernhausextrem herausfordernden Produktionen macht Staunen und verlangt höchsten Respekt. Dass diese große zeitliche Nähe aber nicht sportlichem Ehrgeiz oder dem Aufholen von durch Corona verursachten Ausfällen und Rückständen geschuldet ist, sondern vor allem inhaltliche und thematische Parallelen der beiden Werke hervorheben möchte, macht dieser aufblregende Auftakt zu Wagners Tetralogie in jedem Augenick sicht- und hörbar. Auch verdeutlicht er glaubhaft ein weiteres Ziel der Stuttgarter Oper, nämlich jenes im Programmbuch zu Rheingold formulierte „Türen für das Bewusstsein zu öffnen“ und zeitgeschichtlich relevante Thesen zur Diskussion zu stellen.

Das Rheingold – Richard Wagner 
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In welche Richtung der für diesen “Vorabend“ als Regisseur engagierte Stephan Kimmich Das Rheingold untersuchen würde, kann man schon beim Betreten des Zuschauerraums erahnen, wo auf der Projektionswand der weit offenen Bühne ein Zitat Richard Wagners aus dem Jahre 1848 zu lesen ist: „Zerstören will ich diebestehende Ordnung der Dinge, welche die einige Menschheit in feindliche Völker, in Mächtige und Schwache, in Berechtigte und Rechtlose, in Reiche und Arme teilt,denn sie macht aus allem nur Unglückliche.“ Die Folgen der hier beschriebenen, heute wie damals absolut zutreffenden Wirklichkeitsbeschreibung können nicht nur zu Beginn dieses packenden Opernabends besichtigt werden, sondern ziehen sich wie ein Roter Faden durch die Handlung – vor allem aber durch deren Interpretation durch das Regieteam.

Dieses wählt als Ort und Hintergrund des Geschehens ein von der Bühnenbildnerin Katja Haß entworfenes und gestaltetes Fragment eines Zirkuszelts, das seine besten Zeiten hinter sich hat und dem Abriss nahe scheint. Ihm fehlen nicht nur seine Wände und die Zirkuskuppel, sondern da brennen auch nur noch wenige der vielen Glühlampen; und von der ehemals glänzenden Zirkus-Ausstattung sind nur noch ärmliche Reste geblieben. Kein Wunder, dass sich die Zirkusdirektor Wotan und seine göttliche Artisten-Großfamilie nach der Fertigstellung des Neubaus Walhall sehnen, den ihnen die beiden Riesen Fafner und Fasolt gegen das Versprechen einer guten Bezahlung erstellt haben. Doch dass diese den Auftraggebern nach dem bisherigen Stand praktisch unmöglich ist, macht nicht nur der triste Handlungsort klar, dies erkennt man auch am äußeren Zustand der Götterschar, deren bunt zusammengewürfelte, nicht mehr modeschautaugliche Klamotten (Kostüme Anja Rabes) durchaus zur angeschlagenen psychischen Verfassung ihrer Träger passen.

Immerhin scheint man die Hoffnung auf eine Fortsetzung der Zirkustradition nicht ganz aufgegeben zu haben, denn im rechten hinteren Bereich der Bühne trainieren unaufhaltsam zwei Artistinnen an Klettertüchern ihre Kunststücke. Dabei wird dem aufmerksamen Betrachter bald klar, dass diese Übungen vom Regisseur als deutlichen Hinweis auf die halsbrecherischen, einem Hochseilakt ähnelnden Finanzierungsmethoden Wotans und seiner Sippe zu lesen sind: Wie an der Börse geht es auch hier genauso steil und schnell bergab wie zuvor in die Höhe, und wehe dem, dessen Immobilien-Finanzierung auf wackligen Beinen steht. Ja, in Stephan Kimmichs Stuttgarter Rheingold steht der Zirkus als Metapher für die ganze Welt, eine Welt der Träume und Illusionen, die hier jedoch gebrochen, ein Stück weit sogar zerbrochen ist und die, wie dieser Zirkus, bessere Tage gesehen hat.

Staatsoper Stuttgart / Das Rheingold hier Matthias Klink (Loge), Rachael Wilson (Fricka), Moritz Kallenberg (Froh), Pawel Konik (Donner), Goran Juric (Wotan) © Matthias Baus
Staatsoper Stuttgart / Das Rheingold hier Matthias Klink (Loge), Rachael Wilson (Fricka), Moritz Kallenberg (Froh), Pawel Konik (Donner), Goran Juric (Wotan) © Matthias Baus

Allerdings scheinen dies die zwei „Junggötter“ Donner (Pawel Konik) und Froh (Moritz Kallenberg) noch nicht ganz realisiert zu haben. Wie die verwöhnten Sprosse reicher Eltern brettern sie auf zwei schnittig-protzigen Go-Karts, die eindeutig realen Modellen der zwei Stuttgarter Nobelmarken nachempfunden sind, auf die Szene.

Dies ist nicht nur ein Beleg für die Realitätsferne mancher (ehemals) Gutbetuchter, sondern auch Teil der deutlichen, stellenweise böses Kritik an einer durch und durch kapitalistisch und egoistisch denkenden Gesellschaft und Wirtschaft, die sich – fein gesponnen – durch die gesamte Inszenierung zieht. So erschreckt es den mitdenkenden, aufmerksamen Opernbesucher auch kaum, dass Wotan und sein zynisch-skrupelloser Stichwortgeber und Chefberater Loge den Nibelungenboss Alberich auf ein noch im Fundus des Wotan-Zirkus befindliches großes Wurfrad spannen und auf diesem so „weich drehen“, dass er am Ende den beiden Peinigern seinen ganzen, ja nicht durch eigenen Fleiß erworbenen, Goldschatz überlässt. Vielmehr hat Alberich (Über die Leistung des famosen Leigh Melrose wird später mehr zu lesen sein!) diesen ja zu einem Teil den arglosen Rheintöchtern abgeluchst, zu einem anderen von den Jung-Nibelungen in qualvoller Kinderarbeit weiter mehren lassen.

Den hoffnungsvollen, aber – wenigstens fürs Erste – eher erfolglosen Gegenentwurf dieser auf Betrug, Täuschung, Hinterlist, ja Mord gebauten Finanz- und Immobilienwelt bilden die drei Rheintöchter. In deren Auftreten als Oberstufenschülerinnen oder College-Studentinnen in der Auftaktszene (Als solche machen sie mit Alberich auch vergnügt Selfies.) und später als Laborantinnen oder Forscherinnen kann man unschwer die aktuell jüngere, um ihre ökologische und menschliche Zukunft bangende Generation erkennen, der auch die „Fridays for Future-Bewegung“ zu verdanken ist. Als deren Angehörige fordern sie den sie und ihren Anspruch auf das geraubte Gold ignorierenden Götterclan, aber auch uns als Angehörige der für die Zukunft der Erde und ihrer Jugend Verantwortlichen, mit ihrem Schluss-Transparent auf, „alle Feigheit fahren“ zu lassen. In die gleiche Richtung hat zuvor Stine Marie Fischer als ängstlich-warnende, auf einem grünen (!) Fahrrad auf die Szene strampelnde Erdmutter Erda argumentiert und gemahnt. Im Sinne der jugendlichen Klimaschutzbewegung aktualisiert sie bzw. die Regie ihre Rolle um die Dimension einer Anwältin für die bedrohte Natur.

Diese und zahlreiche weitere Zitate und Anspielungen sind weder Klamauk noch Selbstzweck, sondern ergeben ein packendes, schlüssiges und widerspruchsfreies Ganzes, zu dem auch die jederzeit stringente und klare Personenzeichnung und -führung ihren dankenswerten Teil beiträgt.

Staatsoper Stuttgart / Das Rheingold hier Vorne: Elmar Gilbertsson (Mime), hinten: Ida Ränzlöv (Wellgunde), Aytaj Shikhalizade (Floßhilde), Tamara Banješevic (Woglinde), hinten Kinderstatisterie © Matthias Baus
Staatsoper Stuttgart / Das Rheingold hier Vorne: Elmar Gilbertsson (Mime), hinten: Ida Ränzlöv (Wellgunde), Aytaj Shikhalizade (Floßhilde), Tamara Banješevic (Woglinde), hinten Kinderstatisterie © Matthias Baus

Auch musikalisch gerät dieses neue Stuttgarter Rheingold zum Triumph. Für diesen sorgen zunächst die vierzehn Sängerinnen und Sänger, von denen sage und schreibe elf zum festen Stuttgarter Solisten-Ensemble gehören. Egal ob die drei jugendlich verspielt-hippen Rheintöchter – die wegen eines Probenunfalls im Rollstuhl spielende und häufig mit diesem tatsächlich tanzende (!) Tamara Banjesevic als Woglinde, Ida Ränzlöv als Wellgunde und Aytaj Shikhalizade als Floßhilde, das Riesen-Brüderpaar – David Steffens als der eher auf Freia schielende Fasolt und Adam Palka als der goldgierige und mordende Fafner – mit seinen gelben Gabelstaplern, der Mime Elmar Gilbertssons (wie teilweise auch sein Bruder Alberich im Kostüm eines recht traurigen, gescheiterten Clowns) und die zwei Götterschwestern – die alle Gefühle durchleidende Freia Esther Dierkes‘ und die kühl-berechnende, noch nach ihrer neuen Rolle suchende Fricka Rachael Wilsons:

Sie sind allesamt charaktervolle Wagnerdarsteller und verfügen erst recht über wunderbare Wagnerstimmen, wie man sie vermutlich so schnell an keinem anderen deutschen Opernhaus in dieser Güte, Homogenität und Dichte finden dürfte.

Aus diesem bewundernswerten Ensemble ragen indessen drei Sängerdarsteller hervor. Da ist zum Ersten – allein schon wegen seiner gewaltigen Rolle und fast ununterbrochenen Bühnenpräsenz – Goran Juric als Wotan zu nennen, der die Herausforderung dieser Mammutrolle stimmlich wie darstellerisch ohne Probleme und Ermüdungserscheinung durchsteht. Sein samtiger, rund und geschmeidig geführter Bass wirkt vielleicht in den großen Orchester-Tuttis etwas zu leise, ansonsten verleiht er dem Göttervater die richtige Mischung aus emotionaler Verunsicherung und protziger Männlichkeit. Diese lebt er vor allem im Zusammenspiel mit Loge in der erwähnten Erpressungsszene aus, die hier zur regelrechten Folter gerät und ein klarer Fall für die Staatsanwaltschaft wäre.
Matthias Klink verleiht dem Halbgott eine fiese Mixtur aus Verschlagenheit, Unterwürfigkeit, Zweifel und Zynismus und macht ihn nicht nur zum großen Antreiber und Einflüsterer Wotans, sondern mit seiner phänomenalen vokalen wie schauspielerischen Leistung zu einem großen Ereignis.

Getoppt wird dieses tatsächlich noch von einem der drei Gäste dieser NeuInszenierung, Leigh Melrose als abgründig-hämischem und höhnisch-dämonischem Nibelungenboss Alberich. Es grenzt an ein Wunder, mindestens an eine Sensation, wie dieser Sänger die Gefühls- und Stimmungswallungen des Nibelheim-Herrschers auf die Bühne stellt und in die Ohren der Premierenbesucher peitscht. Zu Recht wird der sympathische Engländer, wie das gesamte Ensemble, für diese Leistung am Ende mit Ovationen gefeiert.

Diese darf aber auch der Stuttgarter Generalmusikdirektor Cornelius Meister entgegennehmen, dem natürlicherweise die musikalische Leitung des neuen „Stuttgarter Rings“ übertragen wurde. Er entpuppt sich an diesem Abend einmal mehr als fabelhafter Orchestererzieher und -Inspirator, der sich den Wagner‘schen Klangfluten und den Ausführenden aber eher als Klang-Magier denn als Dompteur zur Seite stellt. Mit großer Einfühlsamkeit und klug berechneter Dynamik und Phrasierung führt Meister die Mitwirkenden wie die Zuhörerschaft durch Wagners Leitmotiv-Geflecht und ist mit seinem glänzend disponierten Orchester den vierzehn Sängerinnen und Sängern ein feinfühliger Begleiter und häufig auch ein kammermusikalisch denkender Klang-Ermöglicher.

Mit diesem Vorspiel zum Ring des Nibelungen gelingt der Stuttgart Staatsoper und ihrer für diesen Abend Verantwortlichen ein Tetralogie-Auftakt nach Maß, der einen zudem neugierig macht, wie die nachfolgenden Produktionsteams – nach der bisherigen Ankündigung werden es allein bei der Walküre drei verschiedene sein –
mit dieser Steilvorlage umgehen werden. Ein klein wenig ist der IOCO-Rezensent, wie vielleicht auch andere Besucher der Premiere und der noch folgenden Vorstellungen, traurig, dass man nicht erfährt, wie Stephan Kimmich die Handlung weiter entwickelt hätte…..

Das Rheingold an der Staatsoper Stuttgart; weitere Vorstellungen am 27. November, 12., 17. und 19. Dezember 2021

—| IOCO Kritik Staatsoper Stuttgart |—


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