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Nizza, Opéra Nice Côte d´Azur, AKHNATEN – Echnaton – Philip Glass, IOCO Kritik, 29.11.2021

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Peter Michael Peters
29. November 2021
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Opera Nice Côte d’Azur

Opéra Nice © Wikimedia Commons
Opéra Nice © Wikimedia Commons

AKHNATENECHNATON -Philip Glass

– EUROPAS ERSTE BEGEGNUNG MIT ALT-ÄGYPTEN… –

von Peter Michael Peters

Ägyptomanie, Nil-Style, Pharaonismus, Egytian Revival, „style retour d’Égypte“ sind Begriffe, die zu unterschiedlichen Zeiten für die Klassifizierung eines kulturgeschichtlichen Phänomens erfunden wurden. Gemeint ist immer die Übernahme typischer Symbole altägyptischer Vergangenheit – wie Sphinx, Obelisk und Pyramide – in das Dekorum von Kaminen, Möbeln, Uhren, Porzellanen, Gartenzierrat und Architektur. Gebaut werden: Museen bzw. deren Einrichtungen, Bibliotheken, Friedhöfe, einzelne Grabmäler, Fabriken, Brücken, Bahnhöfe, Gefängnisse, Schulen, Kirchen oder ein Torhaus im Antwerpener Zoo. Die Glaspyramide als Eingangslösung zu den Ausstellungen des Louvre oder die ägyptisierenden Profanbauten in Las Vegas dürfen als letzte Ausläufer einer Mode gelten, deren Wurzeln weit vor der Neuzeit in der Begegnung Alt-Ägyptens mit Griechen und Römern liegen.

Das unermesslich reiche uralte Königreich am Nil war Ziel griechischer Reisender, die mit dem inneren Abstand journalistischer Neugier Recherchen über Land und Leute anstellten. Mitgeteilt wurde das gänzlich Fremde: Die Existenz gottgleicher Pharaonen, die Kulte seltsamer Tiergottheiten. Der bekannteste dieser Berichterstatter war zweifellos Herodot (um 480 – 425 v. J.C.). Die Eroberung Ägyptens durch Alexander den Großen (356 – 323 v. J.C.) um 332 v. J.C. und damit das Übergreifen des Hellenismus auf Ägypten führte zum Versuch einer Synthese der beiden unterschiedlichen Kulturkreise Hellas und Ägypten. In der neugegründeten griechischen Deltastadt Alexandria schufen Philosophenschulen ein synkretistisch-neoplatonisches Denksystem mit Elementen der altägyptischen Religion. Als bedeutendstes Werk hat der CORPUS HERMETICUM, eine Kompilation theologisch-philosophischer Erbauungsschriften, die als Offenbarungen des ägyptischen Weisheitsgottes Thoth (griechisch Hermes) definiert wurden, die Zeiten überdauert. Er wurde im 15. Jahrhundert wiederentdeckt und von theosophischen Denkern benutzt.

AKHNATEN – Echnaton – an der Opéra Nice Côte d’Azur
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Mit der Einverleibung Ägyptens in das Imperium Romanum nach der verlorenen Schlacht von Actium (31 v. J.C.) erhielt Rom einen gewaltigen materiellen und geistigen Zugewinn. Geradezu zwangsläufig kam es in Rom zu einer Ägypten-Mode. Obelisken als Symbol kaiserlicher Macht wurden nach Rom gebracht. Die erste dieser Siegestrophäen wurde 10 v. J.C. von Augustus Caius Octavius (63 v. J.C. – 14 n. J.C.) im Circus Maximus als Symbol des unterworfenen Landes aufgestellt. Diese Art von Beutekunst fand Nachahmung wie auch die Pyramidenform. Bekannt ist die spitze, marmorverkleidete Pyramide (12  v. J.C.), die der Magistratsbeamte Caius Cestius Gallus (2 – 67  n. J.C.) sich als Grabstätte in Rom bauen ließ. Wandmalereien, Mosaiken, Skulpturen wurden von Ägypten beeinflusst und schmückten Gärten und Häuser der römischen Oberschicht. Das bekannteste Beispiel hierfür lieferte die Villa suburban des Kaisers Hadrian (76-138  n. J.C.) im Tivoli. Statuen ägyptischer Götter und die Skulptur seines im Nil ertrunkenen Geliebten Antinous (111-130  n. J.C.) mit ägyptischem Königskopftuch und Schurz, gestaltet in einem ägyptisierenden Stil. Diese Werke wurden viel später entdeckt, als im Mittelalter und der Renaissance die römische Erde ihre alte Vergangenheit freigab und gezielte Ausgrabungen stattfanden, die zum Maßstab früher Ägypten-Rezeption in Europa wurden.

Ein sehr intensives Forschen nach altägyptischer Weisheit und Vergangenheit begann und nahm geradezu wunderliche Formen an. So führte die Familie des Papstes Alexander VI. Borgia (1431-1503) die Wurzeln ihrer Familie bis auf den altägyptischen Gott Osiris zurück, die Familie der Colonna wählte den Stiergott Apis zu ihren Ahnherren. Auch Alchimisten und Astrologen der Zeit beriefen sich auf Altägypten als Ursprung geheimen Wissens, wozu die wiederaufgefundenen hermetischen Schriften sicher das ihre beigetragen haben. Protagonist dieser Richtung wurde um 1614 der Graf Michael Maier (1568-1622), Begründer des Rosenkreuzordens und Arzt am Hofe Kaiser Rudolfs II. (1552-1612). Dem Protestanten erwuchs in dem Jesuiten Athanasius Kircher (1602-1680) ein ernstzunehmender wissenschaftlicher Kontrahent. Mit Unterstützung der Päpste und seines Ordens publizierte er eine beachtliche Zahl von reichillustrierten Folianten zur ägyptischen Sprache und Religion, deren bedeutendstes der OEDIPUS AEGYPTIACUS (1652/54) darstellt. Für die Geschichtswissenschaft als auch für die in Rokoko und Klassik nahezu überbordende Ägyptenmode wurde das 10-bändige Werk L’ANTIQUITÉ EXPLIQUÉE des Benediktiners Bernard de Montfaucon (1655-1741), erschienen in den Jahren 1719-1724, sehr ernstgenommen. Montfaucon bot eine Zusammenfassung aller damals bekannten ägyptischen Objekte, wie auch ihre für ägyptische gehaltenen römischen Kopien, in eindrucksvollen Stichen bebildert und mit Kommentaren versehen. Kircher und Montfaucon wurden zu geistigen Wegbereitern der frühen Ägyptenreisenden, wie dem Engländer Richard Pokocke (1704-1741) oder dem Dänen Fréderic Louis Norden (1708-1742).

Opera Nice / Akhnaten von Philip Glass hier Patrizia Ciofi (Tye) Fabrice Di Falco (Akhnaten) © Dominique Jaussein
Opera Nice / Akhnaten von Philip Glass hier Patrizia Ciofi (Tye) Fabrice Di Falco (Akhnaten) © Dominique Jaussein

Die Publikationen der heimgekehrten Reisenden bringen ein neues Ferment in die europäische Ägyptenrezeption. Nun tritt neben das in Rom ausgegrabene, vor Jahrtausenden aus seinem Ursprungland verschleppte Original oder seine römische Adaption eine Form realistischer Wiedergabe in Wort und Bild durch Anschauung vor Ort am Nil. Die neuen Seherfahrungen, wie auch die Beschäftigung mit den bekannten Werken von Kircher und Montfaucon werden von Künstlern und Kunsthandwerkern umgesetzt und führen zu einer beachtlichen Ägypten-Mode des späten Rokoko. So schuf der Goldschmied Johann Melchior Dinglinger (1664-1731) im Auftrage des sächsischen Königs den berühmten Apis-Altar. Johann Bernhard Fischer von Erlach (1656-1723) stellte 1721 den ENTWURFF EINER HISTORISCHEN ARCHITEKTUR mit einer Pyramidenlandschaft und ägyptisierenden Elementen an Bauten vor. Das Werk reflektierte Zeitgeist. Matthäus Daniel Pöppelmann (1662-1736) stattete die Elbtreppe des Wasserpalais zu Pillnitz um 1720 mit Sphingen aus. Diese Skulpturen werden von nun an gern als dekorative Elemente in Parkanlagen verwendet, so in Großsedlitz, Joachimstein oder im Belvedere in Wien, wo allein 20 Sphingen Platz fanden. Ebenfalls im Park von Sanssouci mit Obelisk, Sphinx und Pyramide, wie in den Gartenarchitekturen des Fürsten Hermann von Pückler-Muskau (1785-1871) in Muskau stand die Ägypten-Mode, wenn auch 50 Jahre später, Pate.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts begann eine Neubesinnung auf die ästhetischen Ideale der griechischen Antike. Die unter dem Begriff Klassizismus bekannte Epoche brachte einerseits eine totale Ablehnung alles Ägyptischen und jeglicher Ägypten-Mode, als auch eine geradezu wollüstige Entfaltung der Ägyptomanie. Die versöhnende Mitte aller Auseinandersetzung um das alte Ägypten bildete das literarische Schaffen des Comte Anne Claude de Caylus (1692-1765), der dem französischen Hochadel angehöhrte. Er vertrat den Standpunkt, dass die Wiege aller Kulturen des Altertums Ägypten gewesen sei. Caylus Stimme war ernst zu nehmen, sowohl für Künstler wie auch für Auftraggeber von Kunstwerken in einem ägyptisierenden Stil. So konnte sich der spektakulärste Vertreter der Ägyptomanie in Italien, Giambattista Piranesi (1720-1778), ungehemmt in ägyptisierenden Kaminentwürfen und in der Innendekoration des Caffè degli Inglesi in Rom profilieren, das der Treffpunkt der englischen Künstler in Rom war.

Piranesi traf mit seinen ins Bizarre gesteigerten Entwürfen, die sich weniger am Original, denn an den ägyptisierenden römischen Adaptionen orientierten, den extravaganten Geschmack eines extravaganten Publikums. Seine künstlerischen Ideen wurden ihrerseits von vielen zeitgenössischen Künstlern in ganz Europa übernommen. Die Malereien im Caffè degli Inglesi regten zur Installation ägyptischer Zimmer an. Das erste Exemplar entstand im Palazzo Massimo mit einer Kurzfassung der Piranesischen Kaffeehausmalereien. Piranesi kopierte selten das ägyptische Original, auch nicht die römische Kopie. Dafür aber wurden die Motive durch neue Teile verändert zu einer Art Gegenstand mit ägyptischem Flair. Die stützenden, inschriftentragenden Rückenpfeiler der originalen Plastik wurden zu Obelisken verwandelt, die die Figuren vor sich halten. Das entsprach dem luxuriösen Geschmack der italienischen und nun auch der französischen Oberschicht. Königin Marie-Antoinette (1755-1793) favorisierte die Sphinx als eines ihrer persönlichen Symbole, entsprach sie doch dem Löwen als Bild der königlichen macht ihres Mannes König Louis XVI (1754-1793) Ägyptische Motive fanden sich zunehmend im Mobiliar ihrer privaten Gemächer. Auch das übrige Kunstgewerbe, vor allem die Porzellanmanufakturen trugen der Luxusmode Ägyptomanie Rechnung.

Mit der französischen Revolution änderte sich nur die Schicht der Nutzer. Das Ägyptenbild des Ancien Régime wurde nun zum Symbol der Schöpferkraft der Natur. So wurde für das Fest der Einheit und Unteilbarkeit am 10. August 1793 eine ägyptische Brunnenfigur als Symbol des sich erneuenden Lebens gerade auf dem Platz errichtet, auf dem vorher die Bastille gestanden hat. Für die Architekturentwürfe der Zeit wurden ebenfalls Anleihen aus Altägyptens monumentalen Tempeln und Pyramiden entnommen.

 Opera Nice / Akhnaten _ Echnaton von Philip Glass hier eine Tanzscene © Dominique Jaussein
Opera Nice / Akhnaten _ Echnaton von Philip Glass hier eine Tanzscene ©  Dominique Jaussein

Eine revolutionäre Reformation im alten Ägypten…

Die erste bedeutende Revolution und Reformation ist vor vielen Jahrtausenden im mystischen Pharaonenreich entstanden. Ja! Es ist kaum zu glauben, aber die erste monotheistische Religion hat das (Sonnen)-Licht der Welt im alten Ägypten erblickt und nicht wie die Hebräer behaupten: Ihr Jahwe wäre der Erste und Einzige! Dazu noch von einem sehr jungen Herrscher: Amenhotep IV (um 1371-1335  v. J.C.) war damals erst etwa zehn Jahre alt und seine Mutter Tiyi/Tye (1398-1338  v. J.C.) hatte die Regentschaft übernommen, als er um 1355  v. J.C. der 10. Pharao der XVIII. Dynastie des Neuen Reiches wurde. Sehr schnell wird er in seinem Land eine extraordinäre Revolution auslösen, indem er die Kulte der alten Götter unterdrückt, um den Kult eines einzigen Gottes, des Sonnengottes Aton, zu etablieren. Diese neue Religion wird heute oft als der allererste exklusive Monotheismus der Geschichte angesehen. Bei dieser Gelegenheit beschloss er seinen Namen Amenhotep IV zu ändern, er wurde: Echnaton / Akhnaten: „Derjenige, der Aton angenehm ist“!

Er beraubt Amon seiner Eigenschaft als dynastischer Gott und lässt seine Bilder und seinen Namen im ganzen Lande ausmeißeln. Er beschlagnahmt die Güter aller Kulte, unterdrückt die korrupte Priesterklasse und erkennt nur die Göttlichkeit des einzigen Aton (die Sonne in ihrer Scheibenform) an. Er ernennt sich selbst zum einzigen Hohenpriester, der Kult wird jetzt von den königlichen Offizieren verwaltet. Den Bruch mit der historischen Tradition verfolgend, verließ er Theben und baute eine neue Hauptstadt (heute Tell-Al-Amarna, etwa 325 km nördlich von Theben), die er Akhetaton nannte.

Mit einem ganz besonderen Körperbau (dünne Knochen, schmale Brust, vorspringender Bauch, langgestrecktes Gesicht mit sinnlichem Mund, voluminösen und schweren Schädel, hydrozephalen Hals), der einen ungewöhnlichen Teint (wahrscheinlich eine genetische Krankheit!) verriet, war der junge König von leidenschaftlichen, mystischen und kompromisslosen Temperament. Er baute sich eine Doktrin auf, aus der er sich mit seiner königlichen Gemahlin Nofretete / Nefertiti (etwa 1370-1334  v. J.C.): „Schönheit von Aton“ oder „Die Schönheit ist gekommen“, zum eifersüchtigen Propheten und überzeugten Verteidiger gemacht hatte! Wie wir uns vorstellen können, verlief diese Revolution nicht ohne Zusammenstöße vor sich: Der junge Pharao musste sowohl gegen die meisten Priester kämpfen als auch gegen sein Volk, das sich von einer dem Klerus untergeordneten Verwaltung weigerte, seine alten Gottheiten aufzugeben. Im Innern, so groß die weltliche Macht des Pharao geworden ist und zum Teil deshalb – jeder Sieg brachte Amon neue Reichtümer – droht eine andere Macht, sowohl kapitalistisch als auch geistig, die Bedrohung durch den Klerus von Amon. Ein Konflikt wird latent, der die nach und nach wieder offiziell gewährte Gunst der alten heliopolitanischen Sonnen-Dogmen und die häufigere Erwähnung (seit Amenhotep I.) des Gottes Aton, der leuchtenden Scheibe, des privilegierten Lebensraumes, des gemeinsamen Ortes: Die Macht der Sonnengottheit.

Ein großer Innovator wird Akhanaten auch für die Kunst sein: Tatsächlich verändert sich die Ästhetik der ägyptischen Bildhauerkunst unter seiner Herrschaft radikal. Hier entwickelt sich die sogenannte amarnische Kunst, die sowohl einen gewissen Naturalismus (wir finden viele zarte Darstellungen von Pflanzen, Blumen, Vögeln…) und eine fast barocke Stilisierung der menschlichen Repräsentation: Der Körper wird androgyn, wenn nicht asexuell… Die Architektur wird freier und sonnendurchflutet in seiner neuen Hauptstadt sein. Als Reaktion auf die unter Amenhotep III. vorherrschende Tendenz zu Anmut und reiner Schönheit, ist die künstlerische Lehre von der Besorgnis um Natürlichkeit und Wahrheit inspiriert, die zum totalen Realismus führte und die bis zur Karikatur einer aufrichtigen Liebe zur Natur und einer Einfachheit des Lebensstils ohne jegliches Hofprotokolls getrieben wurde. Wir können dies auf wiedergefundenen Flachreliefs und Wandmalereien sehen! Die intimsten Szenen der königlichen Familie werden ohne Scheu der Öffentlichkeit gezeigt: Der König, die Königin und die sechs Prinzessinnen umarmen sich zärtlich, umgeben von den Strahlen der göttlichen Sonne Aton.

Der junge Herrscher war auch ein großer Mystiker und ein talentierter Poet: „Du hast die Erde nach Deinem Wunsch erschaffen, während Du allein warst. Du bist schön, groß, strahlend über der Erde, O große Sonnenscheibe des Lebens. Du bist es, der das Kind im Mutterleib füttert, Du beruhigst es, damit es nicht weint. Du hauchst dem Küken im Ei Leben ein. Wenn Du am östlichen Horizont erscheinst, löst sich die Dunkelheit auf und beide Länder feiern Dich. Die Menschen wachen auf, springen herum… Und die ganze Erde macht sich an die Arbeit. Die Bäume und die Pflanzen wachsen, die Vögel fliegen Dich mit geschlossenen Flügeln an, die Fische der Flüsse springen Dir entgegen. Alles was läuft, alles was fliegt, alles was kriecht, alles was schwimmt… Lebt für Dich. Du bringst jedem Menschen an seinen Platz und erschaffst das Nötigste für ihn, alle mit ihrem Eigentum, ihren Sprachen, ihrem Aussehen und ihrer Hautfarbe sind unterschiedlich, weil Du die Völker differenziert hast… Und Du erschaffst das Leben für alle“. (Auszüge aus der Großen Hymne an Aton)

Ein Ideal der Brüderlichkeit, Gleichheit, Demut und der freudigen Liebe aller Geschöpfe gegenüber dem Schöpfer. Es ist ein populärer, demokratischer Kult, der ohne Mysterien im Beisein einer großen Menge gefeiert wird, eben am helllichten Tag inmitten der strahlenden Sonne.

Leider wird das einzigartige armarnische Abenteuer schnell vergessen sein: Nur Vierzehn Jahre in einer sehr langen ägyptischen Kulturgeschichte! Tatsächlich hatte Akhnaten, ein unbewusster Fanatiker in der Außenpolitik eine opportunistische und plumpe Haltung, er erlebt ohne einzugreifen, den politischen Zusammenbruch von Mitanni, eines verbündeten Reiches. Ägypten schweigt, Akhnaten, der friedliche Prophet verliert jedes Ansehen in internationalen Angelegenheiten. Das große Reich bricht zusammen! Im Innern des Staates verschlechtert sich die Lage: Die Steuern wiegen schwer und die religiöse Reform ist nicht populär: Es ist eine zu große Umwälzung für das Gewissen der Bevölkerung und auch ihre beruhigende Magie des Amon-Kult wurde ihnen entrissen. Auch führten natürlich die verfolgten Amon-Priester einen stillschweigenden verbissenen Kampf gegen den Pharao.

Vorstellung am 14. November 2021 in der Opéra Nice Côte d’Azur / Nizza

Akhnaten (Echnaton) Musik von Philip Glass (*1937),  Oper in drei Akten mit Prolog und Epilog. Libretto von Philip Glass, Shalom Goldman (*1949), Robert Israel (*1963) und Richard Riddell (*1961) und Jerome Robbins (1918-1998) interpretiert in Altägyptisch, Akkadisch, Hebräisch und Englisch.

Opera Nice / Akhnaten von Philip Glass hier Joan Martin-Royo (Horemhab), Vincent le Texier (Aye), Julie Robard-Gendre (Néfertiti), Lucinda Childs (Scribe/Regie/Choregraphie), Patrizia Ciofi (Tye) Leo Warinsky (Musikalische Direktion)  © Dominique Jaussein
Opera Nice / Akhnaten von Philip Glass hier Joan Martin-Royo (Horemhab), Vincent le Texier (Aye), Julie Robard-Gendre (Néfertiti), Lucinda Childs (Scribe/Regie/Choregraphie), Patrizia Ciofi (Tye), Leo Warinsky (Musikalische Direktion) ©  Dominique Jaussein

Akhnaten oder die totale Oper…

Philip Glass ist nicht nur einer der ganz großen Namen in der Musik des 20. Jahrhunderts, er ist auch ein neugieriger Geist, der in seiner Jugend sowohl in Mathematik als auch in Philosophie an der University of Chicago ausgebildet wurde. Gleichzeitig studierte er Musik und vertiefte sich besonders in den Serialismus von Anton Webern (1883-1945), aber auch die großen Klassiker formten ihn zu seiner heutigen Ausdruckskraft sowie zur formaler Klarheit… Es ist eine repetitive Musik: Wir wärmen ein Motiv auf! Allmählich verwandelt sich dieses Motiv unmerklich durch den Rhythmus, durch eine sehr langsame harmonische Modifikation oder durch Wechsel von Pulsation und Tempo. Es ist dieser hypnotische Effekt, der sofort eintritt! Es liegt auch auf einer Form harmonischer Einfachheit, daher der Name des Minimalismus an anderer Stelle. Es ist keine Musik, die wie romantische Musik funktioniert auf Ideen von Modulationen und Chromatik. Nein! Hinter dieser scheinbaren Einfachheit verbirgt sich eine echte rhythmische Komplexität: Eine Komplexität wie ein Schweizer Uhrwerk! Das Werk kann wie ein musikalischer Comics-Band gelesen werden, indem jede Szene ein Moment im Leben Akhanatens wäre. Dieses Werk hat mehr mit einem Oratorium in seiner sakralen und mythischen Dimension zu tun als einer der Oper. Es gibt keine kurze Handlung oder Wendung, sondern jedes Mal wird eine Szene, die ein Klima und eine musikalische Idee erschafft, einen Zustand von Akhnaten, eine neue Facette seines Charakters zeigen.

Lucinda Childs oder die Quintessenz der Geste

Seit Ende der 1970er Jahre hat sich die amerikanische Tänzerin und Choreografin Lucinda Childs (*1940) als wesentliche Ikone der minimalistischen Bewegung etabliert. Immer auf der Suche nach der reinsten Geste, fand sie bei Künstlern wie Robert Wilson (*1941) und Glass ein alter ego zu ihrem Genie. Für die Oper Akhnaten ist sie auch für die Regie verantwortlich: So zeigt sie uns eine außergewöhnliche Gestensprache, die sich aus Regie und Tanz entwickelt zu einer überirdischen und unvergänglichen sakralen Szene. Musik und Geste wird zu einer hypnotisierenden Geschichte verwandelt, eben die ungewöhnliche Geschichte einer mystischen und religiösen Figur aus dem alten Ägypten. Der Prophet Akhnaten ist wieder geboren! Die Arbeit von Childs lässt uns den nötigen Raum für Reflexionen und Spekulationen frei! Außerdem hat sie die einzige Sprechrolle übernommen: Mit ihrer unvergleichlichen Stimme – teilweise wird ihr faszinierendes Gesicht groß auf die Bühne projektiert und so wird sie mit ihren Tänzern vereint – erzählt sie uns als altägyptischer Schreiber die Geschichte dieser einmaligen großen Vergangenheit.

Der junge französische Dirigent Léo Warynski hat schon relative viele Erfahrungen mit der zeitgenössischen Musik. Unserer Meinung hatte er den nötigen langen Atem um diese non-stop Musik sehr fesseln zu interpretieren. Mit dem Orchestre Philharmonique de Nice spielte er nie mechanisch und steif, sondern bleibt immer organisch und bricht niemals den Bann der Musik. Auch der Chœur de l’Opéra Nice Côte d’Azur sang mit der nötigen Flüssigkeit und Flexibilität. Die Musiker hatten Glass gewissermaßen unter der Haut!

Mit dem Bühnenbild und den Kostümen schuf Bruno De Lavenère wunderbare Bilder, die auf der doppelten Ebene von historischen Referenzen (altes Ägypten) und zeitgenössischer minimalistischer Ästhetik ausgezeichnet funktionierten. Die Sonnenscheibe wurde versinnlicht durch eine große eindrucksvolle in sich bewegende Plattform, die praktisch die gesamte Bühne einnahm und darauf spielte sich alles ab: Die Solisten, der Chor und die Tänzer unter Mithilfe einer nuancenreichen farbigen Beleuchtung von David Debrinay und einer phänomenalen einmaligen Videoprojektion von Étienne Guiol bewegten sich in gleicher Weise rasant schnell und doch auch in einer Art statischen Bewegungslosigkeit. Durch diese Vermischung von Musik, Tanz, Gesang umgeben von wirklichen Videophantasien wurden wir völlig hypnotisiert: Wir empfanden es wie eine torpedohafte Heimkehr durch einen sternenübersäten tiefen Zeittunnel in unsere viele Jahrtausendalte Menschheitsgeschichte, die wir kannten und doch nicht kannten! Wir könnten uns vorstellen, dass so im Rom der Päpste – als die Oper von der Kirche verboten war – die sakralen halbszenischen Aufführungen von religiösen Spielen angeboten wurden. Ja, es war ein wunderbares modernes Mysterienspiel, das die humanistischen Dogmen eines jungen Gottkönigs aus dem kosmischen Weltraum wieder entdeckt hat. Aton, die Sonne kommt mit großem Schritt näher und näher, aber diesmal nicht für das Wohl der Menschheit!

Der aus Martinique stammende französische Countertenor Fabrice di Falco hatte die Titelrolle übernommen. Natürlicherweise mit seiner Stimmgattung fing er seine Karriere mit alter Musik an, jedoch mehr und mehr übernahm er Rollen in zeitgenössischen Musikwerken. Auch haben namhafte Komponisten von Heute für ihn speziell komponiert. In dieser Aufführung fanden wir seine Stimme etwas matt und farblos, ja müde, es fehlte ihm die nötige triumphierende virile Bravour. Vielleicht war er indisponiert oder hatte familiäre Probleme. Das kommt in der besten Familie vor und auch bei Sängern!

Die französische Mezzosopranistin Julie Robard-Gendre interpretierte mit einem angenehmen Timbre und glasklaren sicheren Höhen die Rolle der Nefertiti. Auch ihre leicht tänzelnden statischen Bewegungen und Gesten, erinnerte uns an altägyptischen Fresken.

Die italienische Sopranistin Patrizia Ciofi brauchen wir wohl nicht weiter vorzustellen, sie sang auf allen Kontinenten, in allen wichtigen Opernhäusern mit den größten Dirigenten die wichtigsten Rollen ihres Fachs. Hier singt sie die Königinmutter Tye mit einer noch völlig ungewöhnlichen gesunden Stimme, das berühmte Timbre hat nichts an Schönheit verloren und ihre Technik ist umwerfend. Sie war wohl für uns der eigentliche Star der Aufführung! General Horemhab wurde mit einem ausgeglichenen schönen Timbre von dem spanischen Bariton Joan Martin-Royo interpretiert.  Der französische Tenor Fréderic Diquero übernahm den Amon und sang mit viel Sicherheit und Gelassenheit diese nicht sehr attraktive Rolle.

Hier schlüpft der französische Bariton-Bass Vincent Le Texier in der bösen Verräterrolle des Aye. Der sympathische Sänger, der im Laufe seiner großen Karriere die vielfältigsten Rollen vom Barock bis zur Moderne gesungen hatte, übernimmt hier mit viel Intensität und Neugierde einen anderen für ihn neuen Musikstil. Er macht es mit viel Einsatz und beruflichem Können und auch seine Stimme erzeugt noch viele schöne Momente.

Aviva Manenti, Mathilde Lemaire, Rachel Ducket, Vassiliki Koltouki, Laeticia Goepfert und Mathilde Le Petit sangen und spielten mit viel familiären Charme die sechs Töchter von Akhnaten.     PMP/25.11.2021

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