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Hannover, Staatsoper Hannover, Otello – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 19.11.2021

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Christian Biskup
19. November 2021

Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski
Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

 Otello  –  Giuseppe Verdi

– die Tragik des Otello –  Täter und Opfer zugleich –  

von Christian Biskup

Es gibt Szenen, da geht die Erschütterung durch Mark und Knochen. Welch dramatische Wucht gab Giuseppe Verdi doch diesem alten Shakespeare-Klassiker. Regisseur Immo Karaman legt die Figur des Otello als kriegstraumatisierten Heimkehrer an – ein Konzept, das in allen Facetten aufgeht!

Das Drama um den venezianischen Feldherrn Otello ist ein richtiger Bühnenklassiker. 1604 von Shakespeare geschrieben, erlebte es in der Opernfassung von Arrigo Boito mit der Musik Verdis 1887 an der Mailänder Scala einen großen Triumph. Es ist ja auch ein Stoff, der die Gemüter bewegt. Der so gefeierte Otello kehrt siegreich von einem Feldzug in seine Stadt zurück und wird vom Jubel des Volkes empfangen. Nur Jago, der Otello die Beförderung Cassios zum Hauptmann statt seiner übelnimmt, plant Übles mit dem Volkshelden. Er füllt Cassio ab, der in einem Streit den Edelmann Roderigo verletzt und daraufhin von Otello degradiert wird. Jago versucht auf verschiedene Weise die Eifersucht in Otello zu wecken und steckt ihm, dass dessen Ehefrau Desdemona etwas mit Cassio hätte. Dass ausgerechnet sie für

Otello – zwischen Trostlosikeit und Wahnsinn
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Cassios Begnadigung einsteht, ist Otello schon Beweis genug. Jagos Plan gelingt – Otello wird ein Opfer des Wahns, demütigt seine Frau vor dem Volk und erwürgt sie später auf Anraten Jagos im Bett. Erst danach löst sich unter den Anwesenden alles auf – Otello erkennt das Wirken Jagos, die Unschuld seiner Frau und begeht Selbstmord.

Die Inszenierung an der Staatsoper Hannover spielt entgegen der Vorlage nicht im 15. Jahrhundert, sondern in der Jetzt-Zeit. Otello wird als heimkehrenden Krieger gezeichnet, der seit den verstörenden Kampferfahrungen traumatisiert ist und an Wahnvorstellungen leidet. Dies ist es, was ihn als Außenseiter in der Heimat kennzeichnet. In Hannover ist Otello kein “Mohr”, sondern durch seine psychische Konstitution aus der Menge herausstechend. Wie sich spätestens am Schluss herausstellt, gestaltet Immo Karaman die Handlung als eine große Szene des Wahnsinns, in der Rückblenden und  “Live-Handlung” ineinander verschwimmen, weshalb auch das Publikum nicht immer weiß, was von der Darstellung in Otellos Augen überhaupt Wirklichkeit ist und was nicht. Da wird der festliche Chor durch raffinierte Lichtregie (Susanne Reinhardt) zu einem schemenhaften Schattengespenst, zwischen dem Otello in angsterfüllter Ohnmacht verharrt; da überblenden flirrende, irisierende Flächen (Videokunst von Philipp Contag-Lada) das anwesende Volk. Desdemona tritt nach ihrer Ermordung (hier Erdrosseln und ein kaltblütiger Schuss) während der letzten Atemzüge Otellos erneut auf. Die sehr stringent und temporeich inszenierte Handlung wird folglich etwas umgedeutet, was dem Werk allerdings keinen Schaden tut, sondern vielmehr zu neuen Einsichten in das Werk führt.

Staatsoper Hannover / Otello hier Daniel Miroslaw,  Sunnyboy Dladl, Chor, Statisterie © Sandra Then
Staatsoper Hannover / Otello hier Daniel Miroslaw,  Sunnyboy Dladl, Chor, Statisterie © Sandra Then

Das Bühnenbild von Etienne Pluss unterstützt die zwischen Trostlosigkeit und Wahnsinn changierende Bühnenhandlung bestens. Der Einheitsbühnenraum zeigt zahlreiche nach hinten verschwindende identische Räume, ähnlich einem unendlichen Spiegel, die das Gefangensein Otellos in seinem Trauma optisch verstärken. Zwischenwände öffnen und verschließen die Räume, was besonders spannend ist, wenn “Off-Stage” gesungen wird. Auch hier ist wieder die Frage offen geblieben. Sind dies nur Stimmen in Otellos Kopf oder Realität? Die Inszenierung ist spannend und muss eigentlich mehrfach besucht werden, um die zahlreichen Details der Aufführung würdigend wahrnehmen zu können. Doch auch die musikalische Seite allein verlangt schon nach einem erneuten Besuch:

Die Hauptpartie des Otello wurde von Martin Muehle mit Bravour bewältigt. Sein strahlender Tenor zeigt auch nach drei Akten keine Müdigkeitserscheinungen und kann sowohl in starken Forte, als auch mit leisen lyrischen Tönen überzeugen. Sein Spiel als Wahnopfer in gnadenloser Eifersucht war eindrucksvoll mitreißend. Wenig anderes lässt sich über Pavel Yankovskys Rollengestaltung des Jago sagen. Das berühmte Credo war zwar nicht so kraftstrotzend, wie man es manchmal zu hören bekommt, jedoch der unheimlichen Zwischenwelt angepasst, ausgesungen und ins dämonische interpretiert. Sein Bariton zeigt sich flexibel und höhensicher. Kiandra Howarth gab die Desdemona und sprang für die erkrankte Barno Ismatullaeva ein. Auch wenn es nach ihrer fulminanten Darstellung der Rachel in Halevy’s La Juive in der vergangenen Spielzeit ein willkommenes Wiedersehen gewesen wäre, war Kiandra Howarth ein mehr als adäquater Ersatz. Äußerst feinfühlig und subtil gestaltet sie ihre Rolle und findet zu wunderbaren pianissimo-Tönen. Schauspielerisch gelingt ihr ein stimmiges Rollenporträt zwischen liebender Gattin und Mutter und einer zu Unrecht beschuldigten, der Ehre beraubten Frau. Die Besetzung der Staatsoper ist stimmlich und darstellerisch insgesamt schon als Luxus zu bezeichnen. Dazu tragen auch die durchweg gut besetzten Nebenrollen bei, von denen der wie immer souveräne Sunnyboy Dladla (NB: so der offizielle Name) als Cassio und Nina van Essen als Emilia erwähnt seien.

Mittlerweile in seiner zweiten Spielzeit kann man Hannover nur zu seinem feurigen GMD Stephan Zilias beglückwünschen. Im Orchestergraben entfesselt er Stürme, lässt die dramatischen Facetten der Partitur mitreißen ausspielen, die rezitativischen Stellen sind akzentuiert ausmusiziert und doch werden die Sängerinnen und Sänger nie zugedeckt. Im Gegenteil – wie leise und intim lässt er das Orchester begleiten, wenn nötig. Hier stimmte einfach alles, die Kommunikation mit der Bühne funktionierte einwandfrei. Die Chöre, einstudiert von Lorenzo Da Rio waren klangstark und auch in den schwierigeren Stellen rhythmisch prägnant zusammen. Wie herrlich, mal wieder eine solche Stimmgewalt nach der Corona-Chor-Pause zu hören.

Nach dem Verhallen der letzten ruhigen Streichertöne brach ein Applausgewitter aus dem Zuschauerraum hervor. Sehr viel Beifall und Bravos, besonders für Martin Muehle, Kiandra Howarth und das Staatsorchester unter Leitung von Stephan Zilias.       

Otello : Ein wunderbarer Opernabend – erlebt in der Staatsoper Hannover

Otello an der Staatsoper Hannover, die weiteren Termine 21.11.; 28.11.; 4.12.; 9.12.; 16.12.; 21.12.2021

—| IOCO Kritik Staatsoper Hannover |—


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