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Duisburg, Deutsche Oper am Rhein, Tristan und Isolde – Richard Wagner, IOCO Kritik, 09.11.2021

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Karin Hasenstein
09. November 2021
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Deutsche Oper am Rhein

Theater Duisburg © IOCO
Theater Duisburg © IOCO

Tristan und Isolde – Richard Wagner

– ihre Liebe sei zu groß für diese Welt –

von Karin Hasenstein

Richard Wagner Büste © IOCO
Richard Wagner Büste © IOCO

Die Deutsche Oper am Rhein ist ein Betrieb mit zwei Spielstätten. Mit vollständigem Namen Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf – Duisburg verfügt sie über zwei Spielstätten, das Opernhaus Düsseldorf und das Theater Duisburg. Produktionen werden zunächst meist im Opernhaus Düsseldorf gezeigt und wandern dann, manchmal in veränderter Besetzung, ins Theater Duisburg.

Die Neuinszenierung von Tristan und Isolde der Deutschen Oper am Rhein wurde Corona bedingt zunächst verteilt auf drei Abende (ein Aufzug je Abend) am 18., 19. und 20. Juni 2021 im Opernhaus Düsseldorf gezeigt. In der Spielzeit 2021/ 22 hat die Bearbeitung von Eberhard Kloke für kleinere Theater ihre Premiere am 31. Oktober 2021 im Theater Duisburg.

Der Komponist, Dirigent und Arrangeur Eberhard Kloke hat auf Bitten von GMD Axel Kober eine Bearbeitung für kleines Orchester geschrieben. Dabei handelt es sich aber nicht einfach und eine reduzierte Fassung. Vielmehr hat der Arrangeur eine neue Fassung geschaffen, in der die innere Handlung von der äußeren abgesetzt wird.
Im Tristan wird die Handlung aus der Vorgeschichte heraus erzählt. Um das Stück verstehen zu können, muss man diese Vorgeschichte zwingend kennen. Aus ihr kommt die innere Spannung von Isolde: steht sie doch einerseits dem Mörder ihres Verlobten Morold gegenüber, andererseits kann sie sich aber an Tristan nicht rächen. Aus diesem Spannungsverhältnis entwickelt sich das Stück in Dialog und Musik.

Tristan und Isolde – Rheinoper –  eine Einführung mit Dorian Dreher

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Kloke hat in seiner Fassung eine räumlich abgesetzte Klangebene geschaffen, die mit der Vorgeschichte verbunden wird. Diese erzählt die innere Handlung, das Unausgesprochene. Umgesetzt wird das von einem fünfköpfigen Ensemble, bestehend aus einem Streichquartett und einem Englischhorn. Das Streichquartett wird dabei mit Isolde assoziiert und das Englischhorn mit Tristan. Das Hauptorchester im Graben erzählt die äußere Handlung, die erzählte Gegenwart. Kloke benutzt dafür das Streichquartett als kleinste orchestrale Basis. Das Englischhorn zieht sich auch schon bei Wagner durch den ganzen Tristan. Zum zentralen musikalischen Element jedoch wird es im dritten Aufzug, wo es Tristans Leben widerspiegelt.

Im ersten Aufzug sind beide Ebenen der inneren und äußeren Handlung noch getrennt. Das Ensemble spielt häufig noch Passagen allein und das Hauptorchester ist der dominierende Part im Graben. Es gibt wenig Berührungspunkte, was sich jedoch im zweiten Aufzug komplett ändert. Beide Bereiche laufen nun klanglich ineinander und verschmelzen schließlich im Liebesduett miteinander. Der Klang wird so aus dem Graben kommend über die Verbindung mit dem Ensemble auf der Bühne in den Zuschauerraum getragen.

Durchbrochen werden diese Klänge an einigen Stellen durch die Bläser-Einsätze als Bühnenmusik, zum Beispiel der Auftritt der Jagdgesellschaft oder am deutlichsten in Isoldes Schlussmonolog im dritten Aufzug, wenn sie von den Orchestermusikern umgeben und so in ein Klangband eingebunden wird. Hiermit erzielt Musik und Regie einen der stärksten musikalischen und emotionalen Momente der Vorstellung. Durch seine Bearbeitung erreicht der Arrangeur, dass es einen ständigen Wechselbezug zwischen Vorgeschichte und gegenwärtiger erzählter Handlung gibt. Zwischenmenschliche Bezüge werden so noch deutlicher.

Eine weitere Besonderheit dieser Fassung ist, dass jeweils vor dem ersten und dem zweiten Aufzug ein Entrée erklingt. Es ist die Verbindung der Musik des Vorspiels zum dritten Aufzug mit einem Text, der von einer Stimme aus dem Off gesprochen wird. Beim ersten Aufzug handelt es sich um einen Auszug aus Orestie von Aischylos, beim zweiten Aufzug ist es Das Fragment Cambridge von Thomas von Britannien. Vor dem Hintergrund, dass die Oper in Düsseldorf zuvor an drei Abenden aktweise aufgeführt wurde, macht das Sinn. Somit wird eine Klammer hergestellt. Für Wagner-Puristen mag das etwas irritierend gewesen sein, Motive des dritten Aufzuges herausgelöst zu Beginn zu hören.

Deutsche Oper am Rhein / Tristan und Isolde hier aniel Frank (Tristan), Alexandra Petersamer (Isolde), Duisburger Philharmoniker. © Hans Jörg Michel
Deutsche Oper am Rhein / Tristan und Isolde hier aniel Frank (Tristan), Alexandra Petersamer (Isolde), Duisburger Philharmoniker. © Hans Jörg Michel

Zwei Säulen der Inszenierung von Dorian Dreher sind die Begriffe Mythos und Drama. Mythos ist die Vorgeschichte, die man kennen muss, um die Handlung der Oper zu verstehen.

Die Vorgeschichte besteht darin, dass Tristan, Neffe von Kornwalls König Marke, in den Kampf gegen Irland zieht und den Verlobten der irischen Prinzessin Isolde, Morold, tötet. Zum Hohn schickt man Isolde Morolds Kopf. Isolde wiederum verfügt über besondere Heilkünste und versorgt Tristans Wunden, die er sich im Kampf mit Morold zugezogen hat. Schließlich erkennt sie Tristan als den Mörder Morolds. Sie greift zum Schwert, lässt jedoch von ihm ab, als er ihr in die Augen blickt und sein Blick ihren Hass in Liebe umwandelt. Tristan kehrt geheilt und unerkannt nach Kornwall zurück. Später kommt Tristan nach Irland zurück, um Isolde als Braut für König Marke zu werben.  Das Drama beginnt mit dem ersten Aufzug und damit die erzählte Handlungs-Gegenwart.

Isolde und Brangäne sind auf der Überfahrt nach Kornwall. Isolde erzählt ihrer Vertrauten die Vorgeschichte mit Tristan. Sie fühlt sich gedemütigt, weil Tristan den Kontakt mit ihr meidet und Botschaften nur durch seinen Diener Kurwenal ausrichten lässt. Das deutet sie als Verrat und sinnt auf Rache. Dafür hat sie einen von ihrer Mutter gebrauten Todestrank auserkoren. Sie droht, nicht mit an Land zu gehen und schließlich lässt Tristan sich zu einem Gespräch bewegen. Gemeinsam leeren sie den vermeintlichen Sühnebecher mit dem Gift. Brangäne hat es jedoch nicht über sich gebracht, dass ihre Herrin sterben soll und heimlich den Todestrank gegen einen Liebestrank ausgetauscht. Im Angesicht des nahenden Todes lassen Tristan und Isolde ihren Gefühlen freien Lauf. In dem Moment erreicht das Schiff die Küste Kornwalls.

Im zweiten Aufzug kommt es zu heimlichen Treffen zwischen Tristan und Isolde. Ihre Liebe bleibt zunächst unbemerkt, doch das Drama nimmt seinen Lauf. Brangäne warnt Isolde vor einem Hinterhalt durch Melot, ein vermeintlicher Freund Tristans. Tristan erscheint und beide versichern sich ihrer Liebe, die ihnen zu groß für diese Welt erscheint. Erneut fassen sie den Wunsch, gemeinsam zu sterben. In diesem Moment treffen König Marke und sein Gefolge ein und werden Zeugen des Betruges. Der tief verletzte Marke stellt Tristan zur Rede. Tristan kann sich jedoch nicht erklären und fordert stattdessen Isolde auf, ihm zu folgen. Tristan fordert Melot zum Zweikampf auf, der ihn mit dem Schwert schwer verwundet. Tristan bleibt alleine zurück.

Im dritten Aufzug spitzt sich das Drama zu. Kurwenal hat seinen Herrn Tristan in dessen Heimat Kareol gebracht. Dieser leidet sehr unter der Trennung von seiner Geliebten. Phantasierend vor Fieber wartet er auf die Ankunft eines Schiffes, das Isolde bringen soll. Er erkennt, dass er ohne sie nicht leben und nicht sterben kann. In seinen Erinnerungen denkt er an seine Kindheit und den frühen Tod seiner Eltern. Sein Vater starb kurz nach seiner Zeugung und seine Mutter bei seiner Geburt. Als schließlich die Ankunft des Schiffes angekündigt wird, stirbt Tristan. Isolde trauert an seinem Sarg und folgt dem Geliebten in den Tod.

Tristan und Isolde – Rheinoper – Einführung mit  Eberhard Kloke

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Tristan und Isolde  –  Die Duisburger Fassung

Zu Beginn ist der Vorhang offen. Auf der ansonsten leeren Bühne lesen wir weiß auf schwarz in riesigen Lettern das Wort “MYTHOS”, davor steht Tristan in einem schwarzen Anzug und streckt die Hand nach den Buchstaben aus. Rechts von ihm ein kurzer abgesägter Baumstamm. Die Bühne ist in zwei Ebenen geteilt. Ein weißer Vorhang fällt und der Text zum ersten Entrée wird gesprochen, aus Orestie von Aischylos.
Er beginnt mit den Worten “Der Zorn… das heilige Recht… Schlund der Vernichtung… Mit Macht herrscht die Verführung, göttliches Kind der Arglist. Heilung ist nur ein Fieberwahn, ein grelles Licht flammt auf – die Schuld! (…)”

Zunächst sind nur Streicher zu hören. Ein Streichquartett plus Englischhorn wird auf die Bühne gefahren und spielt Motive aus dem dritten Aufzug. Nach einigen Takten setzt das volle Orchester ein. Das Tempo ist sehr ruhig und getragen, unaufgeregt. Durch die kleine Besetzung und die Teilung des Orchesters klingt alles sehr durchsichtig und wirkt kammermusikartig. Beide Instrumentengruppen treten in ein Frage- und Antwortspiel ein. Das Blech kommt hinzu, die Dynamik steigert sich, das Tempo zieht an. Meer und Sturm sind nicht auf der Bühne zu sehen, sie sind bereits in die Partitur hineinkomponiert.

Das Streichquartett fährt hoch, es entstehen zwei Ebenen, unten sehen wir Isolde und Brangänge in einer Kabine des Schiffes, wenige Requisiten wie ein Bett und ein Paravent deuten ihr Schlafzimmer an, oben steht Tristan an einer Reeling mit Rettungsring.

Isolde (Alexandra Petersamer) besingt den Sturm. Sofort nimmt Alexandra Petersamer die Zuhörer gefangen. Brangäne (Katarzyna Kuncio) ist ihr eine ebenbürtige Partnerin. Sie sitzt am Bett von Isolde, hinter den Beiden hängen Sträuße getrockneter Kräuter an der Wand. Aus dem Off erklingt die Stimme des Seemanns (“Westwärts schweift der Blick”/ Andrés Sulbarán). Die tiefen Streicher klingen drohend leise.

Isoldes Worte weisen schon jetzt auf ihr Schicksal hin: “Mit erkoren, mir verloren, hehr und heil, kühn und feig! Todgeweihtes Haupt! Todgeweihtes Herz.” Alexandra Petersamer interpretiert diese Worte mit großer Intensität.
Isolde schickt Brangäne zu Tristan, die Bühne fährt runter. Tristan (Daniel Frank) erhält Isoldes Botschaft. Die Stimme zeichnet sich durch ein sehr tenorales Timbre und guten Sitz aus. Man hat nicht den Eindruck, dass er sich für späteres schonen muss.

Die Kostüme (Ronja Reinhardt) sind relativ schlicht und zeitlos. Die Herrn tragen schwarze Anzüge, sie entstammen der guten Gesellschaft. Isolde und Brangäne tragen lange, wallende weiße Kleider, später ergänzt durch farbige Mäntel.

Richard Sveda beeindruckt als Kurwenal schon bei seinem ersten Auftritt. “Ein Herr der Welt! Tristan, der Held! Ich ruf’s: du sag’s , und grollten mir tausend Frau Isolden!” präsentiert er mit angenehm kraftvollem Bariton und starker Bühnenpräsenz, die sich durch den ganzen Abend zieht.

Deutsche Oper am Rhein / Tristan und Isolde hier Alexandra Petersamer (Isolde), Daniel Frank (Tristan). © Hans Jörg Michel
Deutsche Oper am Rhein / Tristan und Isolde hier Alexandra Petersamer (Isolde), Daniel Frank (Tristan). © Hans Jörg Michel

Der Herrenchor wird auf der oberen Bühnenebene hinter einem Vorhang positioniert. Immer wieder beeindruckt das Blech, z.B. an Stellen wie “Mir lacht das Abenteuer!” oder “Der hehrste Trank, ich halt ihn hier. Der Todestrank!” Isolde verabschiedet sich in dieser Szene von Brangäne “Brangäne, grüß mir die Welt, grüß mir Vater und Mutter!”, weil sie vermeintlich den Todestrank mit Tristan trinkt. Brangäne jedoch hat ihn zuvor ausgegossen, auf der oberen Bühne leert sie den goldenen Pokal und füllt ihn mit dem Liebestrank, den sie anschließend an Bändern auf die untere Bühnenebene herablässt.

Tristan legt sein Schwert vor Isoldes Füße mit den Worten “War Morold dir so wert, nun wieder nimm das Schwert!” Der Kelch ist mittlerweile unten angekommen und beide trinken daraus “Nun lass uns Sühne trinken”. Der Vorhang schließt sich und Isolde fragt Tristan, gewinn ich Sühne?” Immer wieder tritt an zentralen Stellen das Streichquartett in Erscheinung. Es steht für die innere Welt Isoldes, während das Englischhorn Tristan verkörpert.

Mit den Worten “Dich trink ich sonder Wanken” leert Isolde den Pokal, nachdem sie ihn Tristan entzogen hat “Betrug auch hier?”  Im Cello erklingt das Liebestrank-Motiv, in den Harfen baut sich der Tristan-Akkord auf, beide sehen sich in die Augen und erkennen einander.

Der Herrenchor stimmt den Ruf “Heil, König Marke, Heil!” an und die Bühne fährt wieder auf eine Ebene herunten. Beide Welten haben nun zusammengefunden oder werden zusammengeführt. Beide besingen gemeinsam ihre Liebe, auch wenn es hier kein Duett im eigentlichen Sinne ist.Tristan! – Isolde! Welt-entronnen, du mir gewonnen, du mir einzig bewusst, höchste Liebeslust!” An dieser zentralen Stelle sind wieder drei Posaunen und drei Trompeten als Bühnenmusik mit beim Herrenchor auf der Bühne. Doch die Freude währt nicht lange “Oh, Wonne voller Tücke! Oh, truggeweihtes Glücke!” lässt ahnen, dass die Ankunft von König Marke die Wende bringt.

Der zweite Aufzug beginnt wie der erste mit dem Entrée des Streichquartetts und einem dazu gesprochenen Text. An dieser Stelle ist es eine Passage aus Das Fragment Cambridge von Thomas von Britannien.
“… in seinen Armen die Königin Isolde. Sie glaubten, völlig sicher zu sein, da erscheint aufgrund eines merkwürdigen Missgeschicks der König, herbeigeführt vom Zwerg. Er dachte, sie auf frischer Tat zu überführen (…)”

Das Motiv des Englischhorns verweist wieder auf den dritten Aufzug, auf Tristans Schicksal. Tristan sehen wir im hinteren Bereich der Bühne, vorne fährt die Ebene hoch, während das Vorspiel zum zweiten Aufzug erklingt. Wir sehen eine lange Tafel, an der König Marke und die Frauen sitzen. Hinter dem Tisch sind vier Türen angedeutet, die mit Vorhängen verschlossen werden können, dahinter sitzen die Hörner. Unten sind das Streichquartett und das Englischhorn platziert, wodurch wieder die Trennung der beiden Welten dargestellt wird.

Sehr eindringlich und berührend singt Alexandra Petersamer Der meiner harrt in schweigender Nacht, als ob Hörner noch nah dir schallten, willst du ihn fern mir halten?” Hier beeindruckt sie mit einer guten Tiefe und warmem Timbre, die Stimme klingt klar und kraftvoll. Mit den Worten “Lachend sie zu löschen zag’ ich nicht” löscht sie die Kugellampe auf dem Tisch. Das folgende Zwischenspiel weist ein deutlich angezogenes Tempo auf.
In den nun folgenden Dialog, das Liebesduett, legen Alexandra Petersamer und Daniel Frank alles hinein. Der weiße Vorhang geht zu, beiden gehen ab und erscheinen eine Ebene tiefer vor einem roten Vorhang. “O sink hernieder, Nacht der Liebe” singen sie fast ohne Spiel an der Rampe über dem Orchester. Diese zentrale Stelle ist sehr innig und kommt tatsächlich ohne große Requisite aus, da sich alles auf die Musik konzentriert, in der eigentlich alles enthalten ist. So strahlt die Szene eine große Ruhe aus, die sich bis ins Publikum überträgt. In gutem Tempo und piano singen die beiden, einander nur an den Händen haltend.

Oben wird der weiße Vorhang aufgezogen, Brangäne und die Männer sind am Tisch zu sehen. Brangäne singt “Einsam wachend in der Nacht” und endet mit den Worten “Habet acht! Habet acht! Bald entweicht die Nacht!” Immer wieder unterstreicht das Streichquartett die mahnenden Worte.

Bedeutsam ist ein kleiner Unterschied im Text. Tristan singt “So starben wir, um ungetrennt, ewig einig ohne End’, ohn’ Erwachen, ohn’ Erbangen, namenlos in Lieb’ umfangen, ganz uns selbst gegeben, der Liebe nur zu leben!” Er benutzt die Vergangenheitsform, für ihn sind sie schon gestorben. Isolde hingegen singt “So stürben wir, um ungetrennt…“. Sie formuliert den Tod im Konjunktiv.

Nach Brangänes zweitem Ruf kommt Bewegung auf. Der Vorhang öffnet sich, und während das Streichquartett abgeht tritt die Bühnenmusik (drei Trompeten, drei Posaunen) mit König Marke wieder auf. Tristan stellt fest, dass das Ende nah ist “Der öde Tag zum letztenmal!”  Melot klagt Tristan an; Marke ist erschüttert “Tatest du’s wirklich?” (...) Sieh ihn dort, den Treusten aller Treuen; (…) Trog mich Tristan…” Hans-Peter König präsentiert hier einen beeindruckenden König Marke mit wunderbar schwarzem Bass-Timbre und ausgezeichneter Textverständlichkeit.

Tristan tritt an die Reling, das Quartett lässt eindringlich den Tristan-Akkord erklingen.  Tristan singt die Worte “O König, das kann ich dir nicht sagen und was du frägst, das kannst du nie erfahren.” Dann wendet er sich Isolde zu und fährt fort “Wohin nun Tristan scheidet, willst du, Isold, ihm folgen? Dem Land, das Tristan meint, der Sonne Licht nicht scheint (…)”

Melot zieht sein Schwert und bedroht Tristan, dieser wendet sich Melot zu mit den Worten “Wehr dich, Melot!” – die Szene endet im Freeze, für alle außer Tristan. Die Bühne fährt herunter, die untere Ebene ist leer, nur Tristan und die Englischhorn-Spielerin bleiben zurück, das Licht verlöscht.

Der dritte Aufzug verzichtet auf ein Entrée. Die Szene knüpft da an, wo der zweite Aufzug endete. Tristan ist alleine auf der Bühne vor dem geschlossenen Vorhang; er sitzt an einer langen Bar, auf dem äußersten linken Barhocker. Einen Barkeeper gibt es nicht, nur die Englischhorn-Spielerin leistet ihm Gesellschaft. Das Szenario erinnert an das bekannte Gemälde von Edward Hopper, “Nighthawks”, nur dass es hier nur einen Gast in der Bar gibt, Tristan.  Ein Pärchen, das eben noch im Freeze an der Bar saß, geht ab.

Es folgt das Englischhorn-Solo zu Beginn des dritten Aufzuges. Eine besondere Anerkennung gebührt Kirsten Kadereit-Weschta, die fast während der gesamten Aufführungsdauer auf der Bühne ist. Entweder als Ergänzung des Streichquartetts, als Teil der Bühnenmusik, hier ganz zentral solistisch im dritten Aufzug und als Verkörperung von Tristan. Das ohnehin anspruchsvolle Solo muss sie hier inszenierungsbedingt auswendig spielen. Die lange Präsenz auf der Bühne anstatt im Graben dürfte für jeden Orchestermusiker eine besondere Herausforderung sein. Frau Kadereit-Weschta meistert sie bravourös.

Die Bühne hinten fährt hoch und bildet wieder die zweite Ebene. Oben sehen wir ein Krankenhausbett mit Nachttisch und Infusionsständer (bitte nicht schon wieder, möchte man stöhnen), jedoch bleibt das Bett leer, an dem Kurwenal treu wacht. Ab und zu erscheint ein Arzt, der den imaginären Patienten untersucht oder eine neue Infusion anschließt und etwas in die Krankenakte einträgt.

Deutsche Oper am Rhein / Tristan und Isolde hier Alexandra Petersamer (Isolde), Duisburger Philharmoniker. © Hans Jörg Michel
Deutsche Oper am Rhein / Tristan und Isolde hier Alexandra Petersamer (Isolde), Duisburger Philharmoniker. © Hans Jörg Michel

Währenddessen befindet sich Tristan weiter unten an der Bar, das Englischhorn leistet ihm Gesellschaft. Tristan kippt auf dem Barhocker nach hinten, es folgt der Fieberwahn des schwer verwundeten Tristan. Oben singt Kurwenal das leere Bett an. Daniel Frank legt hier nach dem zweiten Aufzug noch einmal alles in die Gestaltung der langen Passagen. Scheinbar ohne Ermüdung mit unendlichen Kraftreserven gestaltet er die lange Erzählung. “Noch losch das Licht nicht aus, noch ward’s nicht Nacht im Haus. Isolden lebt und wacht, sie ruft mich aus der Nacht”.

In seinem Fieberwahn sieht Tristan Szenen aus der Vergangenheit, die auf der oberen Bühne dargestellt werden. So sehen wir auch die Geschichte seiner Eltern, und dass seine Mutter bei seiner Geburt starb. Es folgt “Sterbend lag ich stumm im Kahn”, während Isolde auf der oberen Bühne ist. Die Bühne spielt in diesen Szenen viel mit Höhe und Tiefe und den verschiedenen Ebenen. Tristan wartet in seinem Fieber auf das Schiff, das Isolde bringen soll, damit sie ihn heilen kann. Das Streichquartett plus Englischhorn kommt wieder auf die Bühne. Isolde geht an Land, die Bar fährt herunter, auf der Bühne bleiben das Quartett und das Englischhorn.

Isolde tritt an den schwarzen Sarg. Sie singt “Isolde ruft, Isolde kam, mit Tristan treu zu sterben.” Auch im folgenden Monolog “Bleibst du mir stumm? Nur eine Stunde, nur eine Stunde bleibe mir wach!” beeindruckt Alexandra Petersamer durch innige Gestaltung und hohe Textverständlichkeit, ihre strahlende Höhe sowie das intensive Spiel am Sarg. Marke und Melot kommen herbei. Kurwenal erkennt “Hier wütet der Tod.” Und Marke ergänzt “Tot denn alles, alles tot.”

Vier Männer tragen Tristans Sarg links von der Bühne. Brangäne bringt Isolde einen Mantel, den sie nicht annimmt. Es sind nur noch Brangäne und Isolde auf der Bühne, bis auch Brangäne abgeht. Es folgt Isoldes Liebestod. Mit den ersten Worten “Mild und leise, wie er lächelt…” kommen einige Streicher auf die Bühne. Es ist jedoch nicht nur das Streichquartett, nein, nach und nach kommen spielend immer mehr Orchestermusiker aus dem Graben auf die Bühne. Isolde steht vorne an der Rampe im Licht und aus den Gassen treten Harfe, Posauen und immer weitere Musiker auf die Bühne. Die Bühne fährt nun in einzelnen Stufen hoch, so dass die Musiker auf mehreren Ebenen positioniert sind.

 Riccardo Wagner _ hier eine Gedenktafel in Venedig © IOCO
Riccardo Wagner _ eine Gedenktafel in Venedig © IOCO

“In dem wogenden Schwall, in dem tönenden Schall, in des Welt-Atems wehendem All – ertrinken, versinken – unbewusst – höchste Lust!” Alexandra Petersamer endet auf “Lust” in einem zarten Piano, eingehüllt in das Klangband der Musiker auf der Bühne und im Graben. Ein wirklich magischer Moment. Wagner hätte das gefallen.

Das Publikum ist so von diesem Eindruck gefesselt, dass es einen Moment dauert, bis es seiner Begeisterung mit lang anhaltendem Applaus und zahlreichen Bravi Ausdruck verleiht

Der Duisburger Tristan in der Bearbeitung von Eberhard Kloke beeindruckt durch die Gegenüberstellung von Streichquartett / Englischhorn und Orchester im Graben als einer neuen Idee. So wird die Verbindung der zwei Welten Tristan und Isolde musikalisch noch stärker hervorgehoben. Die relativ sparsam aber symbolisch möblierte Bühne (Heike Scheele) unterstreicht die Handlung, ohne sich aufzudrängen. Bei Tristan und Isolde passiert so viel in der Musik und in den Dialogen, dass es fast nicht mehr braucht. Der Regisseur Dorian Dreher führt die starken Personen klar durch die Handlung.

Die Hauptrollen sind durchweg sehr gut besetzt. Alexandra Petersamer und Daniel Frank ergänzen sich wunderbar und sind jeder für sich ein Erlebnis. Alexandra Petersamer durfte zurecht überschwänglichen Applaus für ihr Rollendebüt entgegennehmen. Bereits vor zwei Jahren hat sie als Brünnhilde in der Götterdämmerung im “Ring am Rhein” das Publikum begeistert.

Der schwedische Tenor Daniel Frank meistert die riesige Partie des Tristan ohne die geringsten Ermüdungserscheinungen. Er versteht es, sich die Kräfte so einzuteilen, dass er vom ersten bis zum letzten Auftritt souverän auf gleichbleibend hohem Niveau die schwere Rolle ausfüllt. Eine große Freude ist auch wieder Richard Sveda. Der slowakische Bariton begeisterte 2019 als Gunther in der Götterdämmerung und verkörperte den treuen Freund Kurwenal mit großer Hingabe und kraftvollem warmem Bariton sowie starker Bühnenpräsenz.
Hans-Peter König gibt einen fast schon zu sympathischen König Marke. Sein sonorer Bass strömt kraftvoll und wahrhaft königlich. Gepaart mit seiner darstellerischen Leistung lässt er die Rolle zu einem Highlight werden.

Katarzyna Kuncio als Brangäne ist Isolde eine treue Partnerin und fügt sich stimmlich perfekt in die Reihe der Vorgenannten ein. Ihr warmer Mezzosopran verfügt über eine schöne Höhe und große Bandbreite an Farben.
Ergänzt werden die Hauptrollen von Dmitri Vargin (Melot), Johannes Preißinger (Ein Hirt), Luvuyu Mbundu (Ein Steuermann), Andrés Sulbarán (Ein junger Seemann) und Cennet Rüya Voß (Stimme im Entrée). Das komplette Ensemble sang auf gleichbleibend hohem Niveau.

Die sichere Basis unter dem Solistenensemble bildeten die Duisburger Symphoniker unter ihrem GMD Axel Kober. Kober gelang es, die von Kloke vorgenommene Aufteilung des Orchesters auszubalancieren und die Splittung in innere und äußere Handlung musikalisch zu unterstreichen. Souverän führte der erfahrene Wagner-Dirigent das Orchester durch das umfangreiche Werk und arbeitete dabei Stimmen und Stimmungen fein dosiert heraus. Vom zartesten Pianissimo bis zum aufbrausenden Fortissimo spielte er mit der Bandbreite der Dynamik und unterstrich die Dramatik der Musik. Christian Thielemann hat einmal gesagt, dass der Tristan das für den Dirigenten anstrengendste Werk Richard Wagners sei, weil es aufgrund der schieren Länge essentiell ist, sich die Kräfte gut einzuteilen. Axel Kober hat seine Kräfte und die seiner Duisburger Symphoniker an diesem Abend perfekt eingeteilt.

Das Publikum dankte allen Beteiligten mit lang anhaltendem Applaus, Bravi und stehenden Ovationen

Tristan und Isolde im Theater Duisburg; der nächste Termin 14.11.2021

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