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Die verbotene Musik – über Musiker als Opfer totalitärer Regime, IOCO, 04.11.2021

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Adelina Yefimenko
04. November 2021
 Lemberg Orgelhalle / Die verbotene Musik Konzert am 29.9.2021 © Roksolana Trusch
Lemberg Orgelhalle / Die verbotene Musik Konzert am 29.9.2021 © Roksolana Trusch

  Die verbotene Musik  –  musikhistorisches Projekt, Lemberg, Ukraine

– über ukrainische und deutsche Komponisten, die – mit ihrer Musik – Opfer totalitärer Regime wurden –

von Mark-Yefrem Novakovich, Vorsitzender der studentischen wissenschaftlich-kreativen Gesellschaft “Medianta” der Nationalen M.V. Lysenko Musikakademie Lviv; aus dem Ukrainischen ins Deutsche übersetzt von Kateryna Mahdysh – koordiniert von Adelina Yefimenko, IOCO Autorin und Professorin an der Nationalen M.-V.-Lysenko-Musikakademie Lviv (Lemberg) und der Ukrainischen Freie Universität München (UFU)

 

„Trotz allem findet die Musik den Weg zum Sieg“ – so beschrieb der Generaldirektor dieses wichtigen und aktuellen Kunstereignisses, Dirigent Daniel Hansson aus Schweden, das Projekt Die verbotene Musik. Am 26. September 2021 startete in der Lemberger Orgelhalle ein großes internationales musikhistorisches Projekt Die verbotene Musik, das die Musik ukrainischer und deutscher Komponisten – Opfer totalitärer Regime – repräsentiert. Mit Unterstützung der Ukrainischen Kulturstiftung zusammen mit der Württembergischen Philharmonie (Deutschland), der Universität Malmö (Schweden), der Lemberger Orgelhalle und der Galizischen Musikgesellschaft hat die öffentliche Organisation Collegium eine Reihe aus drei symphonischen Musikkonzerten realisiert.

Victor Ullmann Stolperstein in .... © IOCO
Victor Ullmann Stolperstein in …. © IOCO

Unter der Leitung von Ivan Ostapovich und Daniel Hansson spielte das Ukrainian Festival Orchestra Werke von Vasyl Barvinsky, Paul Hindemith, Vsevolod Zaderatsky, Borys Kudryk, Borys Lyatoshynsky, Karol Rathaus, Anton Schönberg und Viktor Ullmann, siehe “Stolperstein” links. Allesamt Komponisten, denen die sowjetischen und nazionalsozialistischen totalitäre Regime das Recht auf Anerkennung und historisches Gedächtnis zu entnehmen versuchten. Die Werke verfolgter und unterdrückter Meister auf die große Bühne zurückzubringen, die Rolle des Künstlers in einer totalitären Gesellschaft zu verstehen, die bittere historische Erfahrung zu überdenken – das sind die Hauptziele des Projekts Die verbotene Musik.

Wie einer der Initiatoren des Projekts, Dirigent Ivan Ostapovych, feststellte, bestand seine Idee darin, das tragische Schicksal des ukrainischen Künstlers unter der Herrschaft des totalitären Regimes zu erfassen, um sein kreatives Erbe vor dem Vergessen zu bewahren. Die Zusammenarbeit mit europäischen Musikern und Kunstkritikern hat jedoch das Konzept der Verbotenen Musik deutlich erweitert und den Fokus vom heimischen, engeren ukrainischen Format auf das internationale verlagert. Der Vergleich der gemeinsamen historischen Erfahrungen beider Länder, so Ivan Ostapovych, lässt noch einmal erkennen, dass es äußerst wichtig ist, die Diskussion über die Unzulässigkeit von jeglichen Manifestationen vom Totalitarismus in unserer Zeit zu führen und zu vertiefen, da die moderne Gesellschaft ihren eigenen Bedrohungen und Herausforderungen gegenübersteht.

Karol Rathaus: Serenade for orchestra op.35
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Gemeinsam mit Daniel Hansson, Staffan Storm und der Musikwissenschaftlerin Lyubov Morozova zog das Kreativteam von Der verbotenen Musik klare Parallelen zwischen zwei damaligen totalitären Regimen in Europa und zeichnete Gemeinsamkeiten auf, die uns feststellen lassen, dass die ukrainischen und deutschen Erfahrungen es ermöglichen, die ideologischen Existenzmuster der oben genannten Systeme zu verfolgen. Diese Muster bildeten drei Schlüsselthesen, die den Konzerten von Der verbotenen Musik, Gefährlicher Musik und Schädlicher Musik zu Grunde lagen.

Das erste Konzert des Projekts mit dem Titel Die verbotene Musik präsentierte Werke, die einst von politischen Regimen verboten wurden, weil ihre Autoren, sich der herrschenden Ideologie nicht unterwerfen wollten. Durch die Verweigerung, ihr Werk den Erfordernissen des damaligen Kulturkanons der Sowjetunion und Deutschlands anzupassen, spürten diese Komponisten ständig repressiven staatlichen Druck und erhielten in ihrer Heimat lange Zeit nicht die verdiente Anerkennung.

Am 24. September hatten die Zuhörer von Verbotener Musik Gelegenheit, das Klavierkonzert mit dem Orchester von Vasyl Barvinsky, “Funeral Concerto” für Violine und Streichinstrumente von Karl Hartmann, Serenade für Orchester Op. 35 von Karol Rathaus, ausgewählte Teile der Symphonie “Artist Matisse “ von Mattis Pait, zu hören. Die Solisten des Abends waren berühmte ukrainische Künstler, darunter die Pianistin Oksana Rapita und der Geiger Orest Smovzh.

Lemberg Orgelhalle / Die verbotene Musik hier Konzert am 3.10.2021 © Roksolana Trusch
Lemberg Orgelhalle / Die verbotene Musik hier Konzert am 3.10.2021 © Roksolana Trusch

Am 3. Oktober wurden beim Konzert von Illegaler Musik Werke aufgeführt, die von Komponisten während der erzwungenen politischen Emigration oder in Gefängnissen und Konzentrationslagern geschrieben wurden. Unermüdliche Schaffenskraft, Ungehorsam gegenüber dem herrschenden Regime und stetiger Widerstand des Künstlers im Kampf gegen Gewalt – das waren die Leitgedanken des Abendprogramms, das unter anderem die Symphonie von Boris Kudryk, die Kammersymphonie von Vsevolod Zaderatsky, der fünfte Teil von G2 Victor Ullmann,Nacht und Nebel” Hans Eisler, zweiter Teil von Arnold Schönbergs Kammersymphonie II beinhaltete.

Am 19. Oktober 2021 fand das Abschlusskonzert des Projekts Schädliche Musik statt, in dem die Symphonie G2 von Borys Lyatoshynsky, Fuge (Richerkata) von Johann Sebastian Bach – Anton Webern, Bunte Suite op.48 von Ernst Toch und Tanzspiel von Franz Schrecker aufgeführt wurden. Einst galten diese Werke wegen ihrer Unvereinbarkeit mit der vorherrschenden Ideologie als unangemessen, weil ihren Autoren “Formalismus” vorgeworfen wurde und die Werke selbst als “entartete Kunst” definiert wurden.

Es ist notwendig, näher auf das Programm dieses Konzerts einzugehen. Es ist bekannt, dass die Symphonie II von einem der bekanntesten ukrainischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, Borys Liatoshynskyi, 1935 geschrieben wurde. Ihre Uraufführung sollte am 21. Februar 1937 in Moskau bei einem Konzert ukrainischer Musik stattfinden. Nach der Generalprobe wurde das Konzert jedoch abgesagt, und fünf Tage später erschien in der Moskauer Zeitung Muzyka ein niederschmetternder Artikel des wenig bekannten sowjetischen Musikkritikers (ausgesprochener Gegner von B. Liatoshynskyi) Daniil Zhytomyrsky, in dem er das Werk als zu komplex, formalistisch und weit fadenscheinig beschrieb. Es ist auch bekannt, dass vor der Uraufführung ein Brief aus Kiew an die ukrainische Kunstabteilung geschickt wurde, mit der Empfehlung, Liatoshynskyi nicht als Vertreter der ukrainischen Symphoniebewegung zu betrachten, und die ständigen Diskussionen um die Symphonie in den Musikkreisen Kiews und Moskaus veranlassten die Leitung der staatlichen Kunstinstitutionen, das Werk überhaupt nicht aufzuführen. Die nächste Welle des Kampfes gegen den Formalismus 1948 verurteilte schließlich die Zweite Symphonie als „antinational“ und „formalistisch“, denn Liatoshynskyis Symphonismus zeichnet sich durch erhöhte Textur, Dramatik, modernistische Musiksprache sowie den maßgeblichen Einfluss der Musik von Richard Wagner und Gustav Mahler. Die Erstaufführung der Symphonie II fand erst 1964 durch das Luhansk Philharmonische Orchester statt.

Der Reichtum der Melodie, das Relief der polyphonen Textur, die klangliche Vielfalt der Farben – all dies konnte der aufmerksame Zuhörer bei der Aufführung der Zweiten Symphonie durch die Musiker des ukrainischen Festivalorchesters unter der Leitung von Daniel Hansson nachspüren. Besonders hervorzuheben ist die meisterhafte und einfühlsame Aufführung von Solostimmen durch eine Gruppe von Holzblasinstrumenten im zweiten Teil des Zyklus. Die extrem “feuchte” Akustik des Lemberger Orgelsaals (mehr als 6 Sekunden Faltungshall) wurde zu einer ernsthaften Herausforderung für den Dirigenten und das gesamte Orchester. In Liatoshynskys Zweiter Symphonie spielt eine Holz- und Blechbläsergruppe eine wichtige Rolle, deren Klang durch die günstige Raumakustik verstärkt wurde und dem Dirigenten eine deutliche Differenzierung der Dynamik der Orchestergruppen abverlangte.

Unter der im Konzert Schädliche Musik dargebotenen Musik klang, wie eine Art Requiem für die Not des Künstlers in Zeiten des Totalitarismus, die strenge und düstere Fuge (Richerkata) von Anton Webern, die der Komponist als modernistische Orchestrierung der sechsstimmigen Fuge von dem Musikalischen Opfer von Johann Sebastian Bach überdachte. Die Fuge wurde für ein großes Symphonieorchester geschrieben und konzentrierte sich auf die Intervall- und Klangfarbenverhältnisse ihrer Stimmen. Die innovative Interpretation der Fuge besteht darin, die rhythmisch und intonatorisch leuchtenden Motive der langen melodischen Phrasen Bachs in einzelne Fragmente zu zerlegen, die jeweils einem anderen Instrument des Orchesters anvertraut werden. Webern verwandelt so ein barockes Werk in eine pointillistisch-moderne Orchesterminiatur im Stil der “Klangfarbenmelodie”, in der die integrale Orchesterfuge tatsächlich von einer Gruppe ständig wechselnder Solisten aufgeführt wird.

Lemberg Orgelhalle – K A Hartmann: Concerto funebre for violin and string orchestra
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Mit der generellen Fragmentierung der Fugenfragmente zwischen den einzelnen Instrumenten des Orchesters gelang es Dirigent Ivan Ostapovich, die Klangfülle einzelner Orchestergruppen der Gesamtintegrität des Gesamtwerks unterzuordnen und die Fuge vom leichten Piano bis zum kraftvollen Forte „in einem Atemzug“ vorzutragen.

Die Bunte Suite op.48 von Ernst Toh und Tanzspiel von Franz Schrecker – zwei Tanzsuiten, die den hellen Stil und die Meisterschaft des Orchestersatzes ihrer Autoren – Künstler, deren Talent von den Nazis nicht anerkannt wurde – voll zum Ausdruck bringen – gewannen die besondere Sympathie des Publikums beim Konzert Schädliche Musik.

Ereignisse auf der politischen Weltkarte unserer Zeit, insbesondere das stabile Funktionieren starrer autoritärer und totalitärer Systeme weltweit, bestätigen die außergewöhnliche Relevanz der Ideen der Verbotene Musik. Nach Meinung vieler Zuhörer hat das Konzept dieses Projekts genügend Potenzial für die Erweiterung und Ergänzung des ukrainischen und europäischen Musikrepertoires. Konzerte der Verbotenen Musik wurden für das Lemberger Publikum zu einer Art Erinnerung daran, dass es von der Freiheit zur Nicht-Freiheit nur ein Schritt ist und das Schicksal unserer Gesellschaft morgen von uns und unseren richtigen Entscheidungen heute abhängen wird.

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