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Stralsund, Theater Vorpommern, Jonny spielt auf – Ernst Krenek, IOCO Kritik, 30.09.2021

Ekkehard Ochs
29. September 2021
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Theater Vorpommern Stralsund Foto Peter van Heesen
Theater Vorpommern Stralsund Foto Peter van Heesen

Theater Vorpommern

 Jonny spielt auf  –  Ernst Krenek

Theater Vorpommern – erfolgreicher Start in die neue Spielzeit

von Ekkehard Ochs

Am Theater Vorpommern ist mit Beginn der Spielzeit 2021/2022 ziemlich viel ziemlich neu: etwa das gesamte Leitungsteam, das Logo und die Webseite, von den Innovationen der Spielplangestaltung ganz zu schweigen. Entscheidend – so der Ballettdirektor und nun auch neue Intendant Ralf Dörnen – sei der Wille, „mit Herz, Verstand und Fantasie Theater (zu) machen, das unsere Region und die Welt im Blick hat, das Stellung zu den Fragen der Zeit bezieht und dabei Spaß macht.“  Etwas abseits ausgetretener Pfade wohl auch deshalb der nun erfolgte Start im Bereich Musiktheater. Keine sichere Bank mit akustischer Wohlfühlgarantie, dafür ein Stück brisanter „Zeitoper“; schon historisch, aber noch immer mit inhaltlichem Zündstoff und jeder Menge Möglichkeiten theatralisch wirksamer Gestaltung. Die Rede ist von Ernst Kreneks Oper Jonny spielt auf: 1927 uraufgeführt und zunächst beispiellos erfolgreich, nicht selten aber auch verteufelt, von den Nazis als „entartet“ gebrandmarkt und nach 1945 immer mal wieder neu entdeckt. Nun hatte das Stück in der Inszenierung von Operndirektor Wolfgang Berthold am 17. September in Stralsunds Großem Haus Premiere.

Theater Vorpommern / Jonny spielt auf hier Katarzyna Rabczuk, Semjon Bulinsky, Pihla Terttunen, Elena Fink, Jovan Koš?ica (unten), Thomas Rettensteiner und Maxim Vinogradov (oben) © Peter van Heesen
Theater Vorpommern / Jonny spielt auf hier Katarzyna Rabczuk, Semjon Bulinsky, Pihla Terttunen, Elena Fink, Jovan Košcica (unten), Thomas Rettensteiner und Maxim Vinogradov (oben) © Peter van Heesen

Das Inszenierungsteam um Berthold hat sich einiges einfallen lassen, um dieses Stück, das mit einigem musikhistorischen wie gesellschaftlichen Anspruch daherkommt und durchaus provokativ nichts weniger denn das Ende eines musikalisch alten, verbrauchten Europas und den Sieg der neuen, also schwarzen amerikanischen Musikkultur beschwört, glaubwürdig auf der Bühne lebendig werden zu lassen. Das scheint so einfach nicht. Denn Krenek hat der Person des überaus selbstbewusst das Neue propagierenden Jonny die zwar deutlich konservativen, aber werkanteilig dominanten und ungemein eindrucksvollen, weil höchst emphatischen Bühnengestalten des Komponisten Max und der Sängerin Anita gegenübergestellt. Dass diese, vor allem aber der in Eigenisolation ziemlich festsitzende Komponist Max, dem „Gegenspieler“ Jonny dann doch ins neue Land, also nach Amerika folgen, kann da schon fast verwundern. Es scheint dies nicht nur dem schwarzen Protagonisten geschuldet, sondern vor allem auch der schon von Stückbeginn an deutlich realistischeren Sicht der Sängerin Anita auf die Kunst und die Welt. Zudem ist die Gefahr nicht zu unterschätzen, im allgemeinen Trubel der Ereignisse den (erst am Werkende deutlicheren) Schlüssel des Werkes zu überhören: Jonnys vom Komponisten in der Partitur als „den großen Moment, die Vision seiner Bestimmung“ bezeichnetes Bekenntnis zu Jehova, dem die Welt die Erschaffung einer Bevölkerung mit schwarzer Hautfarbe zu verdanken habe; inklusive die Überzeugung: „Da kommt die neue Welt übers Meer gefahren mit Glanz und erbt das alte Europa durch den Tanz“ (Jazz?!). Daraus leitet Jonny dann auch die schon etwas irritierende, weil doch durchaus kriminell intendiert Begründung dafür ab, dem alten Europa, sprich: dem Geiger Daniello, die systemisch wichtige Geige zu stehlen und sie in neuer Funktion und als Fazit der gesamten Oper wieder erklingen zu lassen: Jonny „spielt auf“, verleiht ihr neue Töne, verheißt eine neue musikalische Zukunft!

Ein solches Werkkonzept ist heute durchaus Herausforderung, realisierbar wohl eher als „Zeitstück“ und dann zu sehen im gesellschaftlichen wie künstlerischen Kontext des frühen 20. Jahrhunderts. Krenek selbst hat 1936 die Aufgabe des Illusionismus auf der Opernbühne als notwendig bezeichnet. „Die Aufhebung der Fiktionen, als Grundintention eines neuen Opernstils, macht die Oper zu einem besonders prägnanten Ausdruck des antagonistischen Weltbildes der Gegenwart…“ Das wäre ein Plädoyer dafür, Kreneks Absichten so, wie gemeint, zu realisieren. Wenn man das nicht tut, geht es kaum ohne diskussionswürdige Kompromisse. Etwa, wenn Berthold den schwarzen Bassisten Jonny als weiße Sopranistin präsentiert, damit die (zeitweilig) liierten  Jonny und das Stubenmädchen Yvonne als Lesben-Paar erscheinen lässt und an entscheidender Stelle – siehe oben – den Stolz des Jonny auf Jehovas Schöpfung der schwarzen Bevölkerung als nunmehr „bunt“ deklariert. Angst vor der ideologisierten Rassismus-Debatte unserer Tage? Denn überzeugend ist das nicht, historisch richtig schon gar nicht. Ist nicht der kulturhistorische Aufbruch der schwarzamerikanischen Bevölkerung jener Zeit, auch wenn zunächst vorrangig in der Musik, etwas sehr Progressives, Bleibendes, noch heute durchaus zu Würdigendes? Und im Deutschland der Vornazizeit auch etwas sehr Kühnes? Da reicht eine dem Komponisten angekreidete „gewisse Klischeehaftigkeit“ sowie die Feststellung, dass das Bühnengeschehen „stellenweise politisch inkorrekt“ (!) sei (Programmheft) eher nicht als überzeugende Begründung für eine Anpassung an heutige Sichten. Weitergehende Schlussfolgerungen – analog etwa der im Bereich Malerei gerade erfolgten Umbenennung von über einhundert Bildern in der Dresdner Gemäldegalerie – mag man sich da erst gar nicht vorstellen…

Sieht man von solchen konzeptionellen Überlegungen ab, kann das geschickt präsentierte und wechselvolle Bühnengeschehen dennoch für die Inszenierung einnehmen. Sie sorgt für starke, stimmig der Entstehungszeit verbundene Bilder wie Kostüme (Eva Humburg, Julia Klug), setzt auf den kontrastierenden Wechsel turbulenter Ensembles und emotional stark wirkender  großer Solo- und Duettszenen. Wenn man den eigentlichen „roten Faden“ nicht dauernd im Gedächtnis hätte, wäre da schon die Frage denkbar, warum das Stück eigentlich den Jonny im Titel hat. Das aber hätte der Komponist zu verantworten. Ebenso die Tatsache, dass der Anteil an der vielzitierten Jazzmusik – Krenek wehrte sich nicht ohne Grund gegen den Begriff der „Jazzoper“ –  lediglich in eher homöopathischen Dosierungen gemessen werden und mit heutigen Vorstellungen vom Jazz nicht verglichen werden kann.. Die Aufmerksamkeit des Opernfreundes ist also auch hier gefordert. Diese vorausgesetzt, sind dann allerdings lohnende musikalische Entdeckungen garantiert.

Theater Vorpommern / Jonny spielt auf hier Pihla Terttunen als Jonny und Seungsik Moon, Maxim Vinogradov, Yuji Natsume © Peter van Heesen
Theater Vorpommern / Jonny spielt auf hier Pihla Terttunen als Jonny und Seungsik Moon, Maxim Vinogradov, Yuji Natsume © Peter van Heesen

In Stralsund sorgte Alexander Mayer, 1. Kapellmeister des Hauses und Stellverteter des GMD, dafür, dass Kreneks schillernde Partitur in aller Farbenpracht glänzte. Der Versuch, seine vielfältige Stilmerkmale zwischen Belcanto, Pop (Jazz) und „linearer Atonalität“ (Manfred Gräter, Konzertführer Neue Musik, 1955, S. 119) mischende Musik irgendwie zu rubrizieren, gelang schon früher nur unvollkommen und ist heute nicht weniger schwierig. Und wenn Krenek selbst sagt, Musik solle sich den Bedürfnissen der Gemeinschaft anpassen und „sie sollte nützlich, unterhaltend und praktisch sein“ (bei Gräter, ebenda), dann hilft das stilistisch auch nicht weiter. Oder doch ? „In der Musik zu dieser Oper kehrte ich zum Idiom der Tonalität und zur Kantilene Puccinis [!] zurück. Das Ganze war gewürzt mit den Elementen des Jazz.“ (bei  Gräter, ebenda). Fakt ist, Kreneks Partitur – und dass machten die Vorpommerschen Philharmoniker deutlich – besitzt alle Qualitäten echter Bühnenmusik. Sie passt zielgenau auf die jeweilige Szene, schafft Atmosphäre und vermag sich zu hochemotionalisierter Wirkung zu steigern. Was auf Stralsunds Bühne nachdrücklich zu beweisen war! Mit einem Vokalensemble nämlich, das die wahrlich herausfordernden Partien mit schönster Selbstverständlichkeit meisterte. Allen voran und als Gast Roman Payer, der als Komponist Max seine Parforce-Partie stimmlich glanzvoll und mit leidenschftlicher, ja eruptiver Wucht präsentierte. Elena Fink (a. G.), agile Ehefrau und Sängerin Anita stand ihm in nichts nach: auch sie mit stimmlich bemerkenswerter Strahlkraft, Tonfülle und subtiler sängerischer Gestaltungsfähigkeit. Pihla Terttunen als Jazzband-Geigerin Jonny, Thomas Rettensteiners Violinvirtuose Daniello und Katarzyna Rabczuk als Stubenmädchen Yvonne – um nur weitere wichtige Personen zu nennen – ergänzten sowohl stimmlich wie im raschen Wechsel von Orten und Situationen ein in jeder Hinsicht überzeugendes Ensemble. Voraussetzung allerdings auch: mit Alexander Mayer ein Dirigent am Pult, der Chor, Orchester und Solistenensemble mit sichtlich inspirierender Ausstrahlung und musikantischer Verve zu leiten verstand.

Und das war den langanhaltenden Beifall zur Premiere von “Jonny spielt auf” allemal wert!

Jonny spielt auf im Theater Vortpommern; die nächsten Termine: 10.10. im Theater Stralsund;  15.10.; 24.10.; 14.11. im Theater Greifswald; 21.11. im Theater Stralsund

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