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Paris, Hôtel de Soubise, 21. Festival Européen Jeunes Talents, IOCO Aktuell, 17.07.2021
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Peter Michael Peters
17. July 2021
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Hôtel de Soubise in Paris / 2021 Zentrum des Festival junger musikalischer Talente aus aller Welt © Wikimedia Commons
Hôtel de Soubise in Paris / 2021 Zentrum des Festival junger musikalischer Talente aus aller Welt © Wikimedia Commons

Festival Européen Jeunes Talents

21. FESTIVAL EUROPÉEN JEUNES TALENTS –  Paris

Musikalische Botschafter*innen großer Musikschulen vieler Länder  

von Peter Michael Peters

Le Marais. Viele halten das Marais für das schönste Viertel von Paris. Im 17. Jahrhundert vorwiegend aristokratischer Wohnsitz, wurde es während der Revolution von seinen adeligen Besitzern verlassen. Im 19. Jahrhundert an das Handwerk und dann an die Kleinindustrie ausgeliefert, blieb es fast vergessen und war in einem äußerst schlechten Zustand bis zum André Malraux (1901-1976)-Gesetz von 1962, das den Beginn seiner Restaurierung ermöglichte.

  4. – 24. Juli 2021 – Le Marais et l’Hôtel de Soubise

Seine schönsten Gebäude wurden saniert und restauriert; das Viertel ist wieder in Mode und Restaurants, Galerien und Mode-Designer haben sich dort angesiedelt. Mit steigenden Preisen mussten viele Werkstätten schließen und es gibt immer weniger Handwerker, kleine Cafés und Lebensmittelgeschäfte, außer in wenigen kleinen Straßen und Gassen, in denen jüdische, arabische und asiatische Händler fast kleinstädtisch tätig sind. Heute ist das Marais auch von der Gay-Gemeinde übernommen worden!

21. Festival Européen Jeunes Talents in Paris
Youtube Trailer Jeunes Talents
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Hôtel de Soubise: La maison du Connétable de Clisson. 1371 kaufte Olivier de Clisson (1336-1407), der spätere Konnetabel von Frankreich ein Grundstück in Paris, im Bezirk Le Temple, um dort sein Haus zu bauen. Von diesem mittelalterlichen befestigten Haus sind nur noch große Gewölbekeller und vor allem das von zwei Erkertürmchen begrenzte Eingangsportal erhalten geblieben. Dieses Portal bleibt das einzige Pariser Beispiel der feudalen Architektur des 14. Jahrhunderts.

L’Hôtel de Guise. Am 14. Juni 1553 wurde das Hôtel de Clisson von François de Lorraine, Duc de Guise (1519-1563) und seiner Frau Anne d’Este (1531-1407) erworben. Die mächtige Familie de Guise, betraute den berühmten italienischen Künstler, Gründer der ersten Malerschule von Fontainebleau, Francesco Primaticcio (1503-1570), mit einer umfangreichen Sanierung des sehr baufälligen Gebäudes. Von den berühmten Malereien der Hauskapelle von Niccolo dell’Abbate (1512-1571) ist nichts mehr erhalten.

Vom Gebäude aus dem 16. Jahrhundert sind die halbrunden Erker erhalten, die sich an der Nordseite der Kapelle öffnen, sowie die Wände des alten Wachzimmers, indem sich die Liga-Mitglieder der katholischen Partei während der Religionskriege trafen. Hier wurde wahrscheinlich das blutige Massaker der Nacht von Saint-Barthélemy gegen die Protestanten entschieden.

Le Palais des Soubise. Die letzte Erbin der Familie de Guise, Marie de Guise (1615-1688), starb ohne Erben. Das Palais wurde im März 1700 von François de Rohan-Soubise (1630-1712) und Anne de Rohan-Soubise (16481709) gekauft. Um ihre Residenz zu verschönern, wählten sie 1705 auf Anraten ihres Sohnes Armand Gaston de Rohan (1674-1749), zukünftiger Cardinal de Rohan, einen jungen Architekten, Pierre-Alexis Delamair (1675-1745).

Festival de jeunes Talents / Konzert im Hôtel de Soubise © Xavier Delfosse
Festival de jeunes Talents / Konzert im Hôtel de Soubise © Xavier Delfosse

Diese imposante Residenz, die von 1705 bis 1709 für die Princesse de Rohan renoviert wurde und die Überreste früherer Palais enthält, ist eines der beiden Hauptgebäude (das andere ist das Hôtel de Rohan), in dem sich die Archives Nationales befinden. Von 1735 bis 1740 arbeiteten einige der talentiertesten Künstler der Zeit: Charles André van Loo (1705-1765), Jean II Restout (1692-1768), Charles-Joseph Natoire (1700-1777) und François Boucher (1703-1770) unter der künstlerischen Leitung von Germain Boffrand (1667-1754) an den Restaurierungen der Salons und Appartements. Wir können den ovalen Salon, ein Wunder des Rokoko-Stils, das von Natoire dekoriert wurde noch immer bewundern, denn er ist Teil des Musée de l’Histoire de France und nimmt die Hälfte des Gebäudes ein. Unter den Exponaten: Das Testament von Napoléon Ier. (1769-1821).

21. Festival Européen Jeunes Talents

Ein prächtiges Stadtpalais für junge Musiker*innen aus Europa…

Das 21. Festival Européen Jeunes Talents soll ein Moment wiederentdeckter Hoffnung und Freude sein. Einige namhafte Persönlichkeiten fördern die jungen Künstler, allen voran Susan Manoff und Romain Leleu. Der zeitgenössischen Musik kommt ein besonderer Platz zu, da fast jedes Konzert ein neu geschriebenes Stück enthält. Wir können es kaum erwarten, die neuen aufstrebenden Musiker zu entdecken, die für das Festival ausgewählt wurden

Die besten musikalischen Botschafter aus den großen Musikhochschulen ihres Landes werden jedes Jahr ausgewählt und zu diesem sommerlichen Festival nach Paris eingeladen. In diesem Jahr wurden u.a. folgende Musiker*innen eingeladen:

Cécile Madelin, Marine Madelin, Qiaochu Li, Cyrielle Ndjiki Nya, Edwin Fardini, Susan Manoff, Gauthier Broutin, Agnès Boissonnot-Guilbault, Chloé Lucas, Nora Dargazanli, Misako Akama, Bogdan Sydorenko, Emmanuel Acurero, Fernando Palomeque, Quatuor Voce…

Eine kleine Anzahl der 17 Festival-Konzerte sind sogenannte Familienkonzerte und der freie Eintritt ist garantiert: Sie finden im Cour d’Honneur um 16.30 Uhr statt und das Publikum kann diskret unter den Arkaden bummeln…, geduldig stehen… oder aber auch bequem auf dem Boden sitzen und ungeniert der Musik lauschen…

Festival de jeunes Talents / Konzert im Hôtel de Soubise  - hier : vl. Cécile Madelin, Marine Madelin, Qiaochu Li am Klavier © Xavier Delfosse
Festival de jeunes Talents / Konzert im Hôtel de Soubise – hier : vl. Cécile Madelin, Marine Madelin, Qiaochu Li am Klavier © Xavier Delfosse

Am 4. Juli gaben die zwei deutsch-französischen Sängerinnen Marine Madelin, Sopran, Cécile Madelin, Mezzo-Sopran (Foto oben) und ihre reizende Klavierbegleiterin Qiaochu Li (Absolventin der École Normale de Musique de Paris) ein sehr anspruchsvolles Nachmittagskonzert unter dem interessanten Titel: Wir Schwestern mit Liedern, Duetten, Melodien und einem Klavierstück von Ravel. Die zwei Schwestern (auch im Leben!) haben ihre Ausbildung an der Hanns Eisler-Musikhochschule in Berlin und am Conservatoire National Supérieur de Musique de Paris absolviert. Sie interpretierten Werke von Johannes Brahms (1833-1897), Felix Mendelssohn (1809-1847), Robert Schumann (1810-1856), Clara Schumann-Wieck (1819-1896), Ernest Chausson (1855-1899), Maurice Ravel (1875-1937), Pauline Viardot (1821-1910) und Georges Aperghis (geboren 1945). Die Kammermusik ist das Herzstück des 19. Jahrhunderts und die Salons in ganz Europa blühten davon! Dieses Programm stellt in gewisser Weise einen Musiksalon wieder her, der französische und deutsche Komponisten verbindet und gleichzeitig ihre unterschiedlichen romantischen Inspirationen sowie auch ihre Nähe hervorhebt. In Freundschaft verbunden, traten Viardot und C. Schumann-Wieck am Klavier mit vier Händen auf und präsentierten Werke von R. Schumann, Brahms und Frédéric Chopin (1810-1849). Les Cavaliers VWV 4039 (1885) von Viardot ist eine Transkription eines Walzers von Brahms. Mit seinen Cinq Mélodies populaires grecques (1904-1906), einer von Ravel harmonisierten Sammlung traditioneller Lieder sowie dem Klavierstück Alborada del Gracioso aus Miroirs bringt Ravel einen europäischen Touch in den Salon. Da das Programm so vielfältig und reich ausgewählt war, wollen wir nur einige Stücke, die uns besonders am Herzen liegen, etwas näher betrachten:

Das Duett Wir Schwestern aus Vier Duette op. 61 (1874) für Sopran und Mezzo-Sopran von Brahms bringt uns zum Stil von Zyklus op. 20 desselben Brahms zurück und gleichzeitig wiegt es den Hörer sofort in eine Schwestern-Atmosphäre. Unzertrennlich und ununterscheidbar bis zu dem Tage, an dem sie ihre erste Liebe zu demselben Mann sie für immer trennen wird. Das Duett (Eduard Mörike / 1804-1875) ist im 2/4-Takt gemalt: Herzig und mit einzelligen Staccato-Stimmen streng zusammen in fünf identischen Strophen in G-Moll und die letzte in G-Dur interpretiert…

Aus den Sechs Duetten op. 63 (1845) von Mendelssohn sangen unsere Schwestern das Duett Abschiedslied der Zugvögel (A.H. Hoffmann von Fallersleben / 1798-1874). Die Komposition zeigt eine ABC-Struktur der gegensätzlichen Bilder des Gedichts, um sich auf seine Nostalgie und den Vogelgesang in gurrenden Sexten zu konzentrieren…

Hotel de Soubise / Festvial de jeunes Talents Festival Jeunes Talents Hotel de Soubise / Festvial de jeunes Talents © Festvial de jeunes Talents
Hotel de Soubise / Festvial de jeunes Talents Festival Jeunes Talents Hotel de Soubise / Festvial de jeunes Talents © Festvial de jeunes Talents

Réveil (Honoré de Balzac / 1799-1850) aus Trois Duos op. 11 (1924) von Chausson badet in einer sanft hymnischen Atmosphäre: Synkopiert wie das Echo eines fernen Glockenspiels, wird das melodisch-rhythmische Ostinato des Klaviers zeitweise in traumähnlicher Wiederholung fixiert und kehrt nach einem von Voluten in Triolen belebten Mittelteil in abwechslungsreichen da capo wieder. Wir werden die verschiedenen Töne der Anfangszelle (H-Cis-G) wahrnehmen, bis hin zu den hohen Höhen der pianistischen Coda, die dann in ihren breiten Akkorden heruntergeleiert werden…

Pub II (2000), Phonèmes parlés et chantés a capella, pour soprano solo von Aperghis. Der Komponist schrieb zwei Stücke mit dem Titel Pub; unser Sopran Marine Madelin hat Pub II gewählt. Das Werk zeigt in humoristischer und sarkastischer Weise unsere uns umgebene Welt: Werbung…, Nachrichten…, Fernseher…, Fake-News, usw…! Und das alles in einem zweideutigen Sprechgesang, dazu tanz-akrobatische Bewegungen, die mit lächerlichen brutalen gutturalen Sopranschreien an Samurai-Krieger erinnerten. Es war ein echter Hochgenuss dieser kleinen one-women-show beizuwohnen…

Alborada del Gracioso aus Miroirs für Klavier (1904-1905) von Ravel ist dem Musikwissenschaftler Michel D. Calvocoressi (1877-1944) gewidmet. Markante Kontraste erweckt diese Aubade du Bouffon aus dem spanischen Theater – eine Seite, die am bekanntesten geblieben ist und zwar vor allem in ihrer orchestralen Version. Auch die Kontraste durch die Gravierung der Linien, die Schärfe des Staccato und die kurzen gezupften Gitarrenakkorde machen das Werk zu einem einmaligen Erlebnis…

Für die Zugabe hatten unsere beiden Schwestern einen genialen Einfall: Sie sangen für uns Nous sommes deux sœurs jumelles aus Les Demoiselles de Rochefort (1967 / Film von Jacques Demy /1931-1990) mit der phantastischen Musik von Michel Legrand (1932-2019).

So ging ein nicht sehr sonniger und teilweise mit kleinen Regenschauern übersäter Sonntagnachmittag zu Ende. Aber Dank der drei charmanten jungen mutigen Künstlerinnen ist unser Tag doch noch relativ sonnig geworden! Hut ab vor dieser professionellen Leistung in einer sehr nassen und akustisch nicht gerade einwandfreien Umgebung! Brava!… Brava!     PMP/10.07.2021

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