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Ulm, Theater Ulm, Findungsverfahren zu neuem GMD – Status, IOCO Aktuell, 11.03.2021

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11. March 2021
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Theater Ulm

Theater Ulm © Carola Hölting
Theater Ulm © Carola Hölting

Generalmusikdirektor – Findungsverfahren am Theater Ulm

Felix Bender, Stefan Klingele, Leo Siberski, Andreas Wolf

Kai Metzger - Intendant - INTHEGA Ehrenpreisträger © Theater Ulm
Kai Metzger – Intendant – INTHEGA Ehrenpreisträger © Theater Ulm

Vorspann: Theaters und des Publikums plötzlich (wieder) schmerzlich bewusst. Der rote Stempel „Erledigt am 17. März 2020“ auf dem aktuellen Spielzeitheft sowie eine „Hätte hätte Fahrradkette“ Postkarte in signalrotem Pink verstärkten dieses Gefühl ungemein: Das Theater Ulm darf seit dem 13. März 2020 keine Vorstellungen und Konzerte spielen. Ein schrecklicher Zustand für Publikum und Theaterschaffende. Fast ein Jahr später, am 1. März 2021 um 18.00 Uhr, streifte man aber diese Gedanken weg und freute sich auf die vier Kandidaten.

Diese sind Stefan Klingele, der zurzeit als Musikdirektor und Chefdirigent an der Musikalischen Komödie in Leipzig tätig ist; Leo Siberski, der Generalmusikdirektor am Theater Plauen-Zwickau; Felix Bender, der u. a. als 1. Kapellmeister, stellvertretender GMD am Theater Chemnitz und ein als ein ständiger Gastdirigent der Oper Leipzig agiert und Andreas Wolf, der Erster Kapellmeister und kommissarischer GMD am Theater Lübeck tätig ist. Die Termine für das Auswahlverfahren wurden auf den 1., 2., 4. und 5. März 2021 angesetzt und man hofft auf eine rasche endgültige Entscheidung.

1. –  5. März 2021 –  Das  Findungsverfahren – Aktueller Stand

Von Oxana Arkaeva

 1. März 2021: Ein Jahr Kultur-Abstinenz deutschlandweit liegt hinter uns. Beim Spazieren durch die Straßen Ulms sieht man lange Schlangen vor den Friseurläden. Heute dürfen sie als eine der Weniger in Baden-Württemberg wieder öffnen. Das Theater Ulm und viele anderen Geschäfte, Institutionen aber immer noch nicht. Das ist schade, beginnt doch heute auch das endgültige Auswahlverfahren für die Position des Generalmusikdirektors am Theater Ulm.

Zum Sommer 2021 und nach insgesamt 10 Jahren erfolgreichen Wirkens verlässt der jetzige Generalmusikdirektor Timo Handschuh das Haus auf eigenen Wunsch. Laut der Pressemitteilung des Theater Ulm hat die Stellenausschreibung für den neuen GMD eine Welle der Bewerbungen ausgelöst. Nahezu 120 Bewerbungen gingen ein; davon  leider nur drei von  Dirigentinnen. Aus dieser Vielzahl wurden 11 Bewerber und eine Bewerberin in die engere Auswahl genommen. Im Februar 2020 stellten sich diese im Rahmen einer Orchesterprobe vor. Nach intensiven Beratungen zwischen der Theaterleitung und dem Orchestervorstand wurden vier Kandidaten für die nun festgelegte finale Runde ausgewählt, welche nun vom 1. bis 5. März 2021 stattfand.

Entsprießend dem Zitat aus dem Theatermagazin „Vorspiel 10“ – „Außergewöhnliche Umstände-Besonderes Theater“ ist auch dieses Auswahlverfahren besonders. Aufgrund der Corona-Pandmie musste es immer wieder verschoben werden. Nur, Corona hin, Corona her, der Posten muss besetzt werden. Und im Gegenteil zu den immer öfter stattfindenden online Auswahlverfahren, kann man einen Dirigent schlecht per ZOOM Schaltung vordirigieren lassen. Das Auswahlverfahren muss live, vor Ort stattfinden. So hat die Ulmer Theaterleitung zusammen mit den zuständigen städtischen Behörden ein modifiziertes Verfahren entwickelt, um dies zu ermöglichen. Während unter normalen Bedienungen die Kandidaten sich dem Publikum in einer regulären Vorstellung, live, vorstellen würden, musste es diesmal in einem nicht öffentlichen Konzert geschehen. Mit Auszügen aus Giuseppe Verdis Oper Rigoletto sowie der Suite aus Der Rosenkavalier vom Richard Strauß.

Die Vertreter der Presse wurden entsprechend Hygienemaßnahmen und im Abstand im dem Rang des Theater Ulm platziert. Unten im Zuschauerraum verteilten sich die Mitglieder des Hauschores und vereinzelt Mitarbeiter des Hauses. Die Musiker des Philharmonischen Orchester der Stadt Ulm kamen auf die Bühne durch getrennte Eingänge. Die Sitzanordnung fand gemäß Abstandsregeln statt und nahm die ganze Bühne in Anspruch bis hin zu hinterer Wand. Zwei Gesangssolisten traten auf den Seitenbühnen auf. Sichtlich bewegter Intendant Kay Metzger (Foto oben) begrüßte die Anwesenden. Er bat um Verständnis für die außergewöhnlichen Umstände und lud die Anwesenden ein, „endlich mal wieder ein schönes Orchester auf der Bühne zu erleben.“

Nicht nur der Intendant, alle Anwesenden waren vor dem Anblick der Bühne und des Orchesters gerührt. Es wurde einem auf einmal das Fehlen der Livemusik, des Theaters und des Publikums plötzlich wieder schmerzlich bewusst. Der rote Stempel „Erledigt am 17. März 2020“ auf dem aktuellen Spielzeitheft sowie eine „Hätte, hätte Fahrradkette“ Postkarte in signalrotem Pink verstärkten dieses Gefühl ungemein: Das Theater Ulm darf seit dem 13. März 2020 keine Vorstellungen und Konzerte spielen. Ein schrecklicher Zustand für Publikum und Theaterschaffende.

Nun, fast ein Jahr später, am 1. März 2021 um 18.00 Uhr, streifte man aber diese Gedanken weg und freute sich auf die vier Kandidaten

GMD Wahl:   Die Suche nach dem / der Besten!

In regelmäßigen Abständen von im Querschnitt von 6 bis 15 Jahren stehen Symphonie- und Theaterorchestern in Deutschland vor der Aufgabe, einen Nachfolger für die Stelle des GMDs oder Chefdirigenten/-tin zu finden. Dabei geht es immer wieder um Beantwortung einer wichtigen Frage: Wer ist der/die Beste für unser Haus, unser Orchester? Hans von Bülow, vor gut hundert Jahren Chefdirigent und Leiter des Berliner Philharmonischen Orchesters, hat angeblich behauptet: Es gäbe keine guten oder schlechten Orchester, sondern nur gute oder schlechte Dirigenten.

Was macht also eine/n gute/n  Dirigenten/in aus?

An der ersten Stelle stehen die Hard Skills: das handwerkliche Können, gefolgt von fundierter fachlicher Ausbildung, Repertoirekenntnisse und praktischen Erfahrung. Hierzu kommen die persönlichen Eigenschaften, sogenannten Soft Skills: die Fähigkeit zum Führen, managen, koordinieren, Zuhören, Kommunizieren, vermitteln, mit Fingerspitzengefühl agieren, den Takt vorgeben, um am Ende ein gemeinsames Tempo, ein gemeinsames ICH-Gefühl im Klangkörper zu erzielen. In Rahmen eines Vor-Dirigates und insbesondere unter gegebenen Umständen geht es vor allem um das Klanggefühl. Um die Fähigkeit des/der Dirigenten/-in seine/ihre Gedanken an das Orchester transportieren zu können. Um die individuelle Interpretation des Werkes, um zusammen mit den Orchestermusikern dem Stück eine persönliche, authentische Note zu verleihen. Gepaart mit einer authentischen Ausstrahlung, starken Persönlichkeit, die dem Publikum das Gefühl gibt, es zu lieben, dann ist das Paket vollständig.

Tamás Füsezi, Konzertmeister der Ulmer Philharmoniker, definierte seine persönlichen Auswahlkriterien, indem er „das einzige wesentliche“ in der Musik sieht. „Wenn ich keine Luft mehr bekomme und das Gefühl habe, ich ersticke vor Schönheit, dass mir der Hals zuschnürt, dann habe ich meinen Kandidaten gefunden. Und mit welchen Mitteln er es macht, ob er mit dem rechten Bein, mit seinen Augen oder mit kleinem Finger dirigiert, ist es mir egal.“ Er sieht vor allem und einzig die Musik als Produkt des Orchesters „und, wie es erreicht wurde zweitrangig.“ Eine starke Ansage und eine Herausforderung, die allen vier Kandidaten in diesen vier Tagen bevorstand.

Stefan Klingele © Stefan Klingele
Stefan Klingele © Stefan Klingele

Stefan Klingele, Kandidat 1, weist eine berufliche Laufbahn als u. a. Dirigent am Staatstheater am Gärtnerplatz und als 1. Kapellmeister am Theater Bremen auf, wo er auch als Chefdirigent tätig war. Aktuell als Musikdirektor und Chefdirigent an der Musikalischen Komödie in Leipzig tätig, weist Klingele ein umfangreiches Repertoire und fundierte Erfahrung auf. Leichtfüßig und mit Maske betrat Klingele die Bühne und es ging los mit der großen Szene aus dem 2. Akt vom Verdis Rigoletto. Klingele bewältigte diese Aufgabe souverän, war sehr konzentriert, etwas sparsam in Gestik und hat seine volle Aufmerksamkeit auf die Koordination, das Zusammenspiel aller Beteiligten gerichtet. Hier und da hat man sich über ein oder anderes Tempo gewundert. Dynamisch war es eher laut als ausbalanciert. Nach der kurzen Pause ging dann weiter mit der Suite aus dem Rosenkavalier. Hier hat man einen anderen Klingele erlebt. Jemand, der in seinem Element ist. Am Ende erklang enthusiastische Beifall und der sympathische Dirigent bedankte sich bei allen Beteiligten. Der erste insgesamt positive Eindruck machte neugierig auf die folgenden Kandidaten.

Leo Siberski © Leo Siberski
Leo Siberski © Leo Siberski

Leo Siberski, Kandidat 2, hat bereits beim Auftreten eine Menge an Energie auf die Bühne mitgebracht: man nahm einen erfahrenen Musiker, ein Bühnentier wahr. Seit 2017 als General Musikdirektor am Theater Plauen – Zwickau tätig, war Siberski als erste Kapellmeister an Theatern in Bielefeld und Kiel engagiert und gastierte an den Opernhäusern in Hannover, Düsseldorf, Innsbruck sowie Rumänien und Georgien. Seine Biografie weist ein beeindruckendes Netzwerk auf und er ist außerdem auch als Komponist und Produzent von elektronischer Musik tätig. Beim seinem Vordirigat am 4. März war es sofort klar, dass er ein erfahrener Operndirigent ist, der einen sicheren, klaren, souverän und bestimmenden Dirigat aufweist. Man hatte das Gefühl, er wolle die Anwesenden durch große Gesten, expressiven Gesichtsausdrücken von sich überzeugen. Es gab eine beeindruckende Szene aus Rigoletto, wo insbesondere die berühmte Arie von den Protagonisten „Cortigiani, vil Razza Dannata“ einen großen Eindruck hinterlassen hat. Seine Straußinterpretation hatte eine beeindruckende dynamische Ausdifferenzierung, die u. a. die emotionalen Dissonanzen solistisch erklingen ließ. Sein Dirigat ist durch eine Plastizität ausgezeichnet. Er lässt mal den Stock bei Seite und dirigiert mit den Händen. Mit seinem im Ganzen beeindruckenden Dirigat hat er die Planke deutlich nach oben verlegt und den übrigen Kandidaten eine starke Konkurrenz-Ansage erteilt.

Felix Bender © Felix Bender
Felix Bender © Felix Bender

Felix Bender, Kandidat 3, folgte am 4. März. Bender ist der jüngste Bewerber, weist aber bereits eine beachtliche Laufbahn als erster Kapellmeister und stellvertretender GMD in Weimar, Chemnitz sowie als ständige Gastdirigent an der Oper Leipzig. Er ist der Preisträger der Eliteförderung des Dirigentenforums und die Künstlerliste der „Maestros von morgen“.

Felix Bender ist ein sehr talentierter junger Dirigent, der das Orchester ruhig, aber bestimmend führt. Sein Dirigat ist extrem musikalisch und er hat dem Orchester einen beeindruckenden Klang entlockt. Seine Haltung ist eher bescheiden, nichtdestotrotz man ist nicht das Gefühl los, er hätte alles im Blick. Insbesondere haben seine Pianissimi beeindruckt. Große Achtung. Auch im Rosenkavalier spürt man Potenzial, welches sich in den nächsten Jahren noch entfalten wird. Vielleicht wird diese Entfaltung am Theater Ulm stattfinden? Nun, das werden wir bald erfahren.

Andreas Wolf © Olaf Malzahn
Andreas Wolf © Olaf Malzahn

Andreas Wolf, Kandidat 4,  folgte am 5. März, am letzten Tag dieses Auswahlverfahrens, Aktuell kommissarisch als GMD am Theater Lübeck tätig weist Wolf eine bewundernswerte Laufbahnentwicklung, vielfältiges Repertoire auf und hat einen Ruf als Spezialist für die Musik des 19. und 20. Jahrhunderts. Im in – und Ausland dirigierte er zahlreiche Orchester wie zum Beispiel das Osaka Simphony Orchestra, die Münchener und Hamburger Symphoniker und arbeitete mit Künstlern wie Arabella Steinbacher, Christiane Oelze oder Götz Alsmann. Auch die Regisseure wie Jochen Biganzoli, Immo Karaman und Tilman Knabe stehen auf der Liste seines beruflichen Netzwerkes. Sein Dirigat im ersten Teil kam sehr sängerisch mit unglaublich gut ausgewogener Dynamik rüber. Hier kommen die großen Affetti aus dem Inneren heraus ohne die große Gestik. Er atmet mit den Sängern, hört genauestens zu, ist aber stets am Führen und hat das Orchester gut im Griff. In der Rosenkavalier Suite zaubert er einen großen Strauss-Klang. Hat gleichzeitig keine Angst von der Stille, einer Atempause, dem dynamischen Rückzug, um danach um so größer herauszuholen.

Nach vier Tagen voll der wunderbaren Musik ist nun bis zur letztlichen GMD-Entscheidung Ab-Warten angesagt. Intendant Kay Metzger und die wenigen Anwesenden haben sich bei allen Beteiligten und insbesondere bei den Gesangssolisten bedankt. Sopranistin Maryna Zubko und Bariton Dae-Hee Shin haben diesen Marathon stimmlich exzellent mitgemacht.

Die Entscheidung zum neuen GMD am Theater Ulm sollte bald fallen: Ein genauer Termin wurde jedoch hierzu nicht genannt.

Ein  Dirigat ist eine Momentaufnahme, dessen Bewertung von vielen Umständen abhängig sind. Alle vier Kandidaten waren wiederum auf ihre eigene Art exzellent geeignet und ohne Ausnahme Sympathieträgern. Die Auswahlkommission aus Orchestervertretung und Leitung des Hauses steht somit vor einer verantwortungsvollen Aufgabe und Herausforderung, in dieser außergewöhnlichen Zeit ihrem Publikum einen neuen GMD zu präsentieren, der nicht nur technisch visiert ist, sondern und vor allem ein Orchester gestaltet. ist. Jemand, der uns unvergessliche musikalische Momente und Kultur beschert, bei welchen uns von der Schönheit wahrhaftig der Atem stehen bleibt: Das wichtigstes Kriterien für ein erfolgreiches Rückkehr des Live-Publikums und nicht nur am Theater Ulm.

 

AKTUELLE MELDUNG  — Siberski zieht Bewerbung zurück 10.03.2021

GMD-Findungsverfahren hat Leo Siberski seine Bewerbung kurzfristig zurückgezogen. Er teilte Intendant Kay Metzger am Dienstagabend mit, dass er sich »nach langer Überlegung«zu diesem Schritt entschlossen habe. Siberski ist momentan Generalmusikdirektor am Theater Plauen-Zwickau. »Ich habe das Gefühl, mein Haus in der jetzigen Situation nicht im Stich lassen zu wollen. Daneben bahnt sich auch, wie schon angedeutet, ein fruchtbarer Neustart nach Corona und mit neuer Leitung an.«So Siberski in seiner Mitteilung an das Theater Ulm. Siberski war einer der vier Finalisten im GMD-Findungsverfahren, und hatte bei seinem Dirigat in der vergangenen Woche gute Eindrücke hinterlassen. Intendant Metzger respektiert seinen Schritt und betont gleichzeitig, dass es ungeachtet dieser Entscheidung zu einer baldigen Wahl des Generalmusikdirektors für das Theater Ulm und das Philharmonische Orchester kommen werde.

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