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Hamburg, Kulturfabrik Kampnagel, Tanztheater Pina Bausch – VIKTOR, IOCO Kritik, 01.02.2017

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Patrik Klein
02. February 2017
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Kampnagel

 Kulturfabrik Kampnagel Hamburg © Frederik Röh
Kulturfabrik Kampnagel Hamburg © Frederik Röh

 

Kampnagel in Hamburg ist Deutschlands größte freie Spiel- und Produktionsstätte und zählt zu den international bedeutendsten Bühnen für darstellende Künste. Die ehemalige Kranfabrik wurde 1984 in einen multifunktionalen Bühnenkomplex umgebaut. Hier wird an neuartigen Formaten gearbeitet die nach zeitgemäßen Formen von Öffentlichkeit, Kommunikation, Interaktion, Partizipation und Wissensvermittlung suchen.


Pina Bausch:  “Tanzt, Tanzt, sonst sind wir verloren”

Von Patrik Klein

Nach der Uraufführung am 14. Mai 1986 in Wuppertal ist die Tanzkompanie der Pina Bausch nun mit dem Stück VIKTOR für 4 restlos ausverkaufte Vorstellungen in der Kulturfabrik Kampnagel in Hamburg zu erleben

Pina Bausch – noch bis zu den frühen 80-er Jahren wurde ihre Art des Tanzes ausgebuht, bepöbelt und belächelt. Die verstörten Abonnenten im Schauspiel- und Opernhaus Wuppertal verließen oft türschlagend und wutentbrannt die Vorstellungen, die sich im Laufe der oft langen Abende um mehr als die Hälfte leerten. Das Publikum konnte damals mit der neuen Form dieses Ausdrucks- und Tanztheater Pina Bausch wenig bis nichts anfangen.

 Tanztheater Pina Bausch Collage aus 1986 © Patrik Klein
Tanztheater Pina Bausch Collage aus 1986 © Patrik Klein

Auch als junger Student und aufgeschlossener Theatergänger in Wuppertal brauchte ich einige Zeit, um mich an die Tanzabende von Pina Bausch zu gewöhnen und diesen Genuss und Freude abzugewinnen. Mit dem zu meiner Zeit damals aktuellen Stück “Cafe Müller” konfrontiert, erlebte man ungewöhnlichste Formen, Bewegungen, schauspielerische Elemente und Musik vom Band. Die Frage nach dem, “Was machen die da? Wo ist der Handlungsfaden? Worum geht es hier eigentlich?” stellte sich gewiss jeder Erstbesucher eindringlich. Stühle flogen krachend durch die Gegend. Ein Tänzer versuchte die blind durch den Raum des Cafes tanzende Protagonistin (oftmals Pina Bausch selbst) vor den drohenden Kollisionen mit den Tischen und Stühlen zu schützen. Ratlosigkeit bei vielen Betrachtern, auch bei mir zunächst.

Erst nach der Pause ein Lichtblick: Auf 10 cm tiefem Torf, die komplette Bühne bedeckend, spielte und tanzte man das Frühlingsopfer, Le Sacre du Printemps von Strawinsky in der umwerfenden Choreografie der Pina Bausch. Hier zeigte die gesamte Truppe, wie moderner Tanz mit großartigen, neuen, unter die Haut gehenden Elementen dargestellt werden kann und wie sich das ausgesuchte Frühlingsopfer regelrecht zu Tode tanzte. Als junger Student war ich tief betroffen.

Schnell war klar, dass es im klassischen Sinne keine Handlung gibt. Die Stücke der 1940 geborenen Pina Bausch aus Solingen drehen sich oft um Elemente des Lebens, der Sehnsucht, der gesellschaftlichen Probleme im Miteinander und speziell um das Verhältnis der Geschlechter untereinander. Pinas Werke sind fragmentarische Sammlungen von vielen Einzelszenen, die von den Tänzerinnen und Tänzern mit sehr viel persönlicher Preisgabe ihrer Individualität dargestellt werden. Es sind nicht nur moderne Tanzensembleszenen, sondern auch viele schauspielerische Einlagen, die in der Heimatsprache der Ensemblemitglieder gesprochen oder gesungen werden. Die internationale Truppe von Pina Bauschs Tänzern erklingt in Deutsch, Englisch, Spanisch und Französisch. Die Musik dazu kommt häufig nicht aus dem Orchestergraben, sonder aus einer Lautsprecheranlage. Somit ist der Graben überbaut und die Distanz zum Publikum auf ein Minimum reduziert. Wer schon mal in einer der ersten Reihen eines Tanztheaterstücks von Pina Bausch gesessen hat wird bestätigen können, dass das Erleben mit hautnahem Kontakt der oft bis an die physische Grenze gehenden Tänzer ein unvergessliches Erlebnis sein kann, an dem die Gedanken noch lange hängen.

Kampnagel Hamburg / Tanztheater Pina Bausch - VIKTOR © Jochen Viehoff
Kampnagel Hamburg / Tanztheater Pina Bausch – VIKTOR © Jochen Viehoff

Das Stück VIKTOR entstand 1986 in Rom. Die Tänzerinnen und Tänzer hatten genügend Zeit, sich von der Stadt, von den Menschen und den Erlebnissen treiben und inspirieren zu lassen. In der Uraufführung am 14. Mai 1986 sah man dann im ausverkauften Schauspielhaus in Wuppertal das Ergebnis vor einem nach drei Seiten abschließenden, fast wandhohen Erdwall, auf dem ein Tänzer während der ganzen Vorstellung, die immerhin dreieinhalb Stunden dauerte, mit einer Schaufel Erde herunter auf den Bühnenboden rieseln lies. Ein Klavier und eine Leiter, die auf den Wall führte, waren die einzigen Ausstattungsmittel, die man zu Anfang sah. “Ein Tanz bis ins Grab” mit vielen Einzel- und Gruppenszenen, sowie großartigen Choreografien mit rund 30 Tänzerinnen, Tänzern und Statisten kennzeichnete den Abend. Mit diesem und auch vielen anderen Stücken der 2009 viel zu früh verstorbenen Choreografin Pina Bausch tourte man durch die ganze Welt, nahm man teil an den größten Tanzfestivals der Szene und erntete Beifallsstürme und überragende Kritiken.

Kampnagel Hamburg / VIKTOR - Andrey Berezin und Nazareth Panadero © Oliver Look
Kampnagel Hamburg / VIKTOR – Andrey Berezin und Nazareth Panadero © Oliver Look

31 Jahre später kommt VIKTOR nun nach langjähriger Abstinenz des Tanztheaters Wuppertal wieder einmal nach Hamburg und wird in der Kulturfabrik Kampnagel für vier restlos ausverkaufte Vorstellungen noch einmal gezeigt. Das begeisterte Publikum kann sogar noch einige Tänzerinnen und Tänzer der Uraufführung bewundern, die im gereiften Alter entweder vor oder hinter der Bühne mitspielen und dafür sorgen, dass das Erbe der Pina Bausch lebendig gehalten wird.
Eine junge, hübsche Dame in rotem Kleid tritt von hinten nach vorne auf die Bühne. Sie hat keine Arme und lächelt die Zuschauer an. Man starrt verwundert auf die Ärmelstutzen an den Schultern, aus denen noch die Arme wachsen müssten. Mit dieser Szene beginnt der Reigen von insgesamt rund einhundert Kurzszenen des langen Abends auf Kampnagel. Aus den Lautsprechern vor der Bühne ertönt Volksmusik aus der Lombardei, Toskana, Süditalien, Sardinien sowie klassische Musik von Tschaikowskij, Buxtehude und Dvorák. Auf dem Boden liegt ein Paar (Aida Vainieri und Eddie Martinez). Hinter ihnen sind Teppiche ausgelegt. Vor den Beiden steht ein Standesbeamter und spricht die bei der Eheschließung obligatorischen Worte. Keine Reaktion des Brautpaares. Geduldig beugt sich der Trauhelfer über die beiden Liegenden, bewegt den Kopf der Dame zu einem Nicken, dann den des Herren, schiebt die Hände der Beiden zusammen, um die Ringe aufzustecken und legt die Köpfe zusammen zu einem Kuss. Dann fallen sie wieder zurück in eine Art Leichenstarre.

Kampnagel Hamburg / VIKTOR - Julie Shanahan © Laszlo Szito
Kampnagel Hamburg / VIKTOR – Julie Shanahan © Laszlo Szito

Eine Tänzerin erscheint neben einem der ausgelegten Teppiche sitzend auf dem Boden, die Beine in Richtung Publikum ausgestreckt. Sie beginnt mit dem Oberkörper zu tanzen. Ihre Haare wehen um sie, wie vom Wind geblasen. Während des mehrminütigen Oberkörpertanzes rutscht sie langsam und kaum merklich nach Vorne an die Bühnenfront, hautnah bis ans Publikum. So füllt sich die Bühne mehr und mehr mit immer weiter dazukommenden Darstellern und VIKTOR nimmt langsam “Fahrt auf”. Heiter, traurig und melancholisch stellt das Stück viele Fragen, mehr als es beantwortet, wenn zum Beispiel eine Tänzerin zwei Kalbfleischsteaks in ihre Ballettschuhe steckt und danach anfängt klassisch zu tanzen.
Schwungvolle Ensembleszenen mit den Tänzerinnen, Tänzern und einigen Tanzkomparsen, bestehend aus älteren Herren Hamburgs, sind zu Swingmusik aus knisternden Lautsprechern zu vernehmen. Sie zeigen, dass Pina Bausch nicht nur für verstörende Kleinszenen steht, sondern dass sie auch die “große Choreografie” mit ihren eigenen, unverwechselbaren Mitteln beherrscht. In allen diesen Szenen gibt es eine ganz wichtige, das Stück auch charakterisierende Rolle, die einer der ersten Tänzer der Tanztruppe inne hat und der auch 1986 bei der Uraufführung dieses Part “tanzte”. Dominique Mercy wirkt in seinem schwarzen Kleid wie eine Witwe im neapolitanischen Italien. Mit Stock und gebeugtem Oberkörper fegt er permanent durch die Szenen der übrigen Tänzer, immer dabei sein Gesicht unter einem schwarzen Cape verbergend. Die Szenen erinnern an die Erscheinung der alten Burja aus Janaceks Jenufa.

Kampnagel Hamburg / Pina Bausch - VIKTOR - Ensemble © Patrik Klein
Kampnagel Hamburg / Pina Bausch – VIKTOR – Ensemble © Patrik Klein

Als nach dreieinhalb Stunden intensivstem Tanztheater die anfänglich beschriebenen ersten Einzelszenen erneut aufkommen, wird langsam klar, dass man sich dem “Ende” des Stückes nähert. VIKTOR als ein unendlicher Kreislauf des Lebens und Sterbens, der Sehnsüchte, dem Hass und der Liebe. Nach einem kurzen Moment der Betroffenheit, entladen sich die aufgestauten Emotionen beim Publikum in einem lange andauernden, dankenswerten und begeisterten Jubel für Pina Bauschs Tanztheater auf Kampnagel Hamburg.

Es ist schön zu wissen, dass nach nunmehr 8 Jahren nach ihrem Tod, in denen einige ehemalige Tänzer die Leitung der Tanzkompanie als Interimslösung übernahmen, um das Erbe der Choreografin zu bewahren, die Zukunft des Tanztheaters endgültig gesichert ist. Ab Mai 2017 wird Adolphe Binder (Leiterin des Tanzensembles in Göteborg) die Intendanz und Künstlerische Leitung übernehmen. Das seit 2013 geschlossene Schauspielhaus in Wuppertal soll dann auch in wenigen Jahren (frühestens ab 2019) nach einer Sanierung in ein Pina Bausch Zentrum umgewandelt werden. Dort können dann wieder an alter, bekannter Stelle die Stücke von Pina Bausch aufgeführt werden.  Von Patrik Klein

 


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