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Rostock, Volkstheater Rostock, Spur der Steine – Schauspiel nach Erik Neutsch, IOCO Kritik, 16.10.2016

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19. October 2016
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Volkstheater Rostock

Spur der Steine – Einführung: Die XI. Tagung des Zentralkomitees der SED im Dezember 1965, dem so genannten “Kahlschlag-Plenum”, war eine Zäsur in der Entwicklung der DDR. Das Volkstheater Rostock blickt auf die Geschichte um den Zimmermann Hannes Balla, welcher nicht viel von der Planwirtschaft hält, und den Parteisekretär Horrath, die Erik Neutsch im Roman SPUR DER STEINE aufgeschrieben hat. 1966 wurde der Roman mit Manfred Krug als Balla verfilmt. Ilsedore Reinsberg und Albert Lang, neuer Musiktheaterdirektor im Volkstheater, haben eine Schauspiel- / Textfassung von Spur der Steine erarbeitet und in Rostock auf die Bühne gebracht..

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen
Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Spur der Steine – nach dem Roman von Erik Neutsch

Premiere 9.10.2016, weitere Vorstellungen 4.11.2016, 6.11.2016, 3.12.2016

Von Thomas Kunzmann

„Das kann nicht gelingen. Jeder wird den Vergleich zum Film Spur der Steine ziehen, zu dem großartigen Manfred Krug“ sagte ein Theatermann zu mir vor wenigen Wochen, als ich von der ersten Premiere in Rostock erzähle. „Hahaaa!“ denke ich, „aber man greift zu einem Trick! Statt nachzuspielen oder neu zu erfinden inszeniert man es als Schauspiel mit viel Musik. Vielleicht funktioniert es ja so. Für sich stehend, unabhängig vom Film, vom Buch.“

Volkstheater Rostock / Spur der Steine - Färber, Meißner, Kuzio und Band © Frank Hormann / Agentur Nordlicht
Volkstheater Rostock / Spur der Steine – Färber, Meißner, Kuzio und Band © Frank Hormann / Agentur Nordlicht

Die Bühne ist karg: ein mit verschiedenen Politiker-Köpfen verzierter Bauzaun, davor ein liebloser Plastiktisch, dazu zwei Stapelstühle, wie sie aus einer Kleingärtner-Datsche stammen oder vor einer Würstchenbude stehen könnten. Beliebig, irgendwo oder überall. Trostlos. Die Baustelle ist damit hinreichend umrissen.

Kurze musikalische Einleitungen, dann quetschen die Schauspieler, nacheinander – meist einzeln auftretend – die Textausschnitte mehr oder weniger erfolgreich auf den vorgegebenen Rhythmus. Sprechgesang, die Melodien bleiben nicht haften. Und so soll das Publikum Stück für Stück Einblick in das Seelenleben der Akteure erhalten, die aus verfahrenen politischen und persönlichen Rahmenbedingungen den Ausweg suchen. Doch die Charaktere entwickeln kein Profil. Auch eine musikalische Skizzierung der Handelnden bleibt aus.

Lediglich die Zeile „Das muss aufhören!“ bleibt bei mir hängen und ich denke umgehend spöttisch: „Tat es auch, vor circa 27 Jahren.“ – Wirklich?

Volkstheater Rostock / Spur der Steine - Ensemble © Frank Hormann / Agentur Nordlicht
Volkstheater Rostock / Spur der Steine – Ensemble © Frank Hormann / Agentur Nordlicht

„Damals hat man viel gedacht, durfte aber wenig sagen. Heute wird viel gesagt, aber zu wenig gedacht“ schießt es mir durch den Kopf und wie mutig es wohl von Erik Neutsch und Frank Beyer war, dieses Schema zu durchbrechen. Dazu lese ich von der Schauspielerin Sonja HilbergerSo ein Experiment zum Auftakt, das einem nichts aufdrückt oder zwingt sondern Denkräume öffnet, Platz lässt für die eigene Phantasie – es ist gewagt, so einen Weg zu gehen, den ich als neuen erlebe.“ Aber das sind zwei völlig verschiedene Arten „Mut“.

Ja, zum Denken regt es an, dieses Stück, dieses Schauspiel ohne Spiel, diese szenische Lesung ohne Szenen – oder ist es ein musikalisches Hör-Spiel? Nur sind die sich ergebenden Fragen weniger inhaltlicher Natur: Was sagt uns das Stück heute? Und wenn es uns etwas sagt – könnte das nicht auch ein Anderes? Relevanteres? Ist der Verzicht auf das Szenische dem Umstand geschuldet, dass die Planungs- und Probenzeit zu knapp bemessen war? Und machte man dann aus der Not eine Tugend und übertrug die Reduktion der Mittel auch gleich auf Beleuchtung, Ausstattung, Kostüme? Oder ist das das Rostocker Volkstheater der Zukunft? Immerhin ist es die erste Schauspielpremiere der Saison?! Und das Introduktionsstück des neuen Musiktheaterdirektors Prof. Albert Lang. Wäre die kulturhistorische Ahnenforschung auf der Basis der DDR nicht durchaus schon abgeschlossen gewesen mit „Ingrid Babendererde“, Teilen der „Liebeslieder“ aus dem 2. Stapellauf, „Feuerherz“ und „(No) Satisfaction“? Ist spartenübergreifende Arbeit gegeben, wenn man statt der eigenen Musiker auf durchaus stadtbekannte Protagonisten zurückgreift? Oder wollte man gar an den ähnlichen Ansatz von „Feuerherz“ anknüpfen? Neues Publikum gewinnen über die Namen derer, die bisher noch nicht mit dem Theater in Verbindung standen? Letzteres verneint das Theater, aber es funktioniert zumindest bei der Premiere: viele neue, junge Gesichter. Studenten der hmt sind allerdings die Ersten, die den Zuschauersaal verlassen, noch vor der Pause.

Volkstheater Rostock / Spur der Steine - Christian Kuzio und Band © Frank Hormann / Agentur Nordlicht
Volkstheater Rostock / Spur der Steine – Christian Kuzio und Band © Frank Hormann / Agentur Nordlicht

Er wolle durchaus provozieren, sagt Albert Lang, Professor für Dramaturgie und Szenischen Raum an der TU Berlin. Aber spalten sich die Geister an dem Stück? Ich führte viele Gespräche mit den Besuchern und Mitarbeitern, einige davon glühende Verehrer des Volkstheaters, Kämpfer um dessen Erhalt. In den Gesprächen spüre ich ein Ringen um die Suche nach dem Positiven. Das bringt dann wohl Gunnar Decker im Neuen Deutschland noch am originellsten hervor: „Was man nicht sagen kann, muss man singen? So scheint es. Was hier passiert, ist halb ein Moritatenabend, halb Rap-Gesang, ein Hauch von jazzigem Singspiel auch. […] und keine Minute dieses Balla-Horrath-Klee-Trutmann-Jochmann-Jansen-Szenarios ist langweilig!“ und da gehe ich sogar ein Stück weit mit: Es ist halb … halb dies und halb das. Und für Diejenigen, die wie ich nicht nur hilflos, sondern auch ziemlich genervt vor diesem „Werk“ stehen, hat er vorausschauenderweise auch passende Worte: „Wer die Handlung im Detail nicht versteht, hat Pech gehabt, der muss hinterher eben noch mal lesen.“ – Nein, Herr Decker, diese Meinung teile ich nicht und ich ergreife hier einmal Partei für Jene, die unvoreingenommen in die Vorstellung gingen und dieselbe mit Unverständnis verlassen haben: Das ist ein Volkstheater in einer Stadt, die ihre kulturelle Identität wieder neu entwickeln muss und kein intellektueller Wettbewerb zwischen Hochschulanspruch und Kritikergefasel. Und das Letzte, was das willige, aber enttäuschte Publikum verdient hat, ist der Tritt in die Kniekehle mit dem Wink, dass es einfach zu fantasielos oder schlichtweg zu blöd ist. Keiner erwartet im Theater ein Menü, mit der Moral als Sahnehäubchen, hübsch zum Abschluss serviert. Das gab es noch im Nathan, das haben wir in der Entführung.

Ein Stück soll Fragen aufwerfen, die man dann diskutieren kann. Und da darf mir ein Regisseur auch eine Tendenz liefern, eine Idee. Tut er das mit der Inszenierung nicht, erleben wir auf der Bühne das gleiche laue Theater, was wir (und da gehe ich mit Ihnen wieder konform) in der Landespolitik so bemängeln.

Das Stück selbst fordert nicht, aber es zwingt dazu, sich mit den Menschen dahinter, mit den Machern auseinanderzusetzen statt mit den dargebrachten Themen. Und das kann für mich nicht das Ziel der Kunst sein.  IOCO / Thomas Kunzmann / 16.10.2016

Premiere 30.10.2016, weitere Vorstellungen 4.11.2016, 6.11.2016, 3.12.2016

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